Tag 1321: Warum einfach, wenns auch umständlich geht?

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Tag 1321: Warum einfach, wenns auch umständlich geht?

Tag 1321: Warum einfach, wenns auch umständlich geht?

30.07.2017

Der Vormittag wirkte zunächst einmal sehr versöhnlich und für ein paar Stunden hatten wir das Gefühl, uns mit Irland vielleicht doch noch anfreunden zu können. Wir wanderten über kleine Sträßchen, waren nahezu für und alleine und das Wetter hielt einigermaßen stand. Alle Viertelstunde regnete es einmal ein paar Tropfen, aber das konnte man hier ja bereits als Trocken tag durchgehen lassen. So ganz verstanden wir noch immer nicht, warum so viele Menschen von der Schönheit Irlands geschwärmt haben, denn was wir bislang erkennen konnten war nichts besonderes. Rein vom Landschaftsbild waren wir wieder in England. Es gab Hügel, Felder, Wiesen, Schafe, Kühe und vor allem Zäune soweit das Auge reichte. Dabei war England jedoch bedeutend sinnvoller aufgebaut gewesen, was die Besiedlung anbelangt. Diese Region hier glich vor allem den Bereichen in der Ukraine und in Polen, die uns das Leben so schwer gemacht hatten. Es gab keine echten Dörfer mehr, sondern nur noch willkürlich über das Lang verstreute Häuser.

Einsames Haus in Irland

Einsames Haus in Irland

Dadurch gab es keinen Fleck mehr, an dem man wirklich für sich war und keine Straße, die wirklich unbefahren war. Jeder, der auch nur eine winzige Kleinigkeit brauchte, musste dafür mit dem Auto irgendwo in die nächste Stadt fahren. Selbst wenn man seinen Nachbarn besuchen wollte, nahm man hier meist das Auto. Dadurch verbrachten die Menschen natürlich einen Großteil Ihres Lebens auf der Straße, was diese für alle anderen Verkehrsteilnehmer nahezu unerträglich machte. Wie gesagt, heute Vormittag war es noch in Ordnung, weil die Straßen wirklich klein und waren und weil Sonntag war, wo noch jeder im Bett lag. Ab Mittag allerdings wendete sich das Blatt bereits. Nun kam plötzlich ein Stoßverkehr auf, den wir uns kaum erklären konnten. Entweder war gerade irgendwo eine Messe vorbei, oder jeder fuhr irgendwo zum Essen zu seinen Eltern oder in ein Restaurant. Ein relativ großer Teil des Verkehrs kam aber auch durch ein Kinder-Fußballspiel zustande, da am Nachmittag in dem Dorf stattfinden sollte, das wir gerade durchquerten. Jedes zweite Auto, das an uns vorbei rauschte war mit einem Elternteil und einem einzelnen Kind besetzt. Einige der Fahrzeuge hatten wir dabei kurz zuvor nur wenige Hundert Meter von hier entfernt in den Einfahrten der Häuser gesehen. Man brachte hier sein Kind also überall mit dem Auto hin, selbst wenn das Ein- und Aussteigen länger dauert als die Zeit die man zu Fuß gebraucht hätte. So etwas wie Fahrgemeinschaften gab es aber überhaupt nicht. Jeder fuhr nur sein eigenes Kind, auch wenn alle Nachbarskinder in die gleiche Richtung wollten.

Einsame Straße mit Triumpfbögen

So leer sind die Straßen hier selten.

Der zweite Teil der Reise wurde daher wiederum weit weniger schön und unser anfängliches Wohlwollen verschwand binnen Minuten. Wie wollte man hier in Ruhe und Entspannung durch dieses Land kommen, wenn allein eine zehn Zentimeter breitete Straße ausreichte, um einen zu Tode zu nerven? Auch der Regen wurde nun wieder stärker und bevor wir unser Etappenziel erreichten, wurden wir noch zwei Mal von oben bis unten durchnässt. Es war ein eiskalter Regen, der nichts sommerliches an sich hatte und der einem sofort jedes Wohlgefühl aus dem Körper trieb. Warum unter diesen Wetterbedingungen nicht jede eine Sauna und eine XXL-Badewanne zu hause hatte, war uns ein Rätsel.

Dunkle Regenwolken türmen sich auf.

Dunkle Regenwolken türmen sich auf.

Den letzten Kilometer in den Ort konnten wir auf einem kleinen Waldsträßchen abseits der normalen Straße gehen. Auch diese war jedoch wieder typisch für dieses Land hier. Sobald etwas klein und angenehm wurde, war es privat oder sollte zumindest so wirken. Fast schon wären wir an dem Waldweg einfach vorüber gegangen, da sein Beginn aussah wie eine Hofeinfahrt und sogar mit den üblichen Hoftoren verschlossen werden konnte. „Ich wette, mitten in diesem Wald liegt wieder ein Golfplatz und deswegen sperren sie alles ab, damit die Reichen unter sich bleiben können!“ vermutete Heiko und sprach damit aus, was ich mir auch schon gedacht hatte. Wenige hundert Meter weiter hörten wir den ersten Abschlag.

britischer Golfplatz

Noch nie haben wir so viele Golfplätze gesehen wie auf den britischen Inseln

Ein Jeep hielt neben uns an und der Fahrer fragte uns, ob wir uns verlaufen hätten. Auch das war geradezu bezeichnend für die Menschen hier. Man lief 6km an einer grauenhaften Straße entlang, an der alle zwanzig Minuten ein Auto an einem vorüber rauschte und es war für alle in Ordnung. Man spazierte für fünf Minuten an einem schönen, harmonischen Weg entlang und sofort wurde man gefragt, ob man hier falsch war.

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Der Ort selbst war aufgebaut wie alle Orte, die wir in Irland bislang gesehen hatten. Es gab eine Hauptverbindungsstraße, die gewissermaßen das Zentrum darstellte und an der sich alle Läden, Bars, Cafés und was es sonst noch gab befand. Das Schloss leider auch die Kirchen mit ein. Dadurch, dass die Straßen den Mittelpunkt darstellten, gab es natürlich keinen echten Mittelpunkt. Es gab keinen Platz, an dem man sich wirklich aufhalten konnte und die Orte selbst wurden zu dünnen, langgezogenen Schläuchen.

Ein kleiner Shop in einem kleinen Dorf

Ein kleiner Shop in einem kleinen Dorf

In diesem Ort gab es drei Kirchen, obwohl er wiederum nur rund 1000 Einwohner hatte. Dies war wohl das größte Paradox, dass dieses Land für uns zu bieten hatte. Es gab hier mehr Infrastruktur an Gebäuden die man zum Übernachten nutzen konnte, als in irgendeinem anderen Land in Europa und doch war es hier schwerer, an einen Schlafplatz zu kommen, als je zuvor. Der Grund dafür war, dass es hier eine Systemstruktur gab, die an Spießigkeit und Bürokratismus alles übertraf, was man sich vorstellen konnte. In Deutschland, Österreich und der Schweiz hatte es ausgereicht irgendjemanden von der Kirche zu treffen, um einen Platz zu bekommen. Das Konnte der Pfarrer sein, jemand aus dem Gemeinderat, der Köster oder wer auch immer. In Italien wusste man, man muss sich an den Pfarrer wenden. In Frankreich war klar, dass man den Bürgermeister braucht. In England und Wales brauchte man entweder den Pfarrer oder den Gebäudeverwalter. Schottland war schon komplexer gewesen, mit seinem Ältestenrad der einem hineinpfuschen konnte. Doch wenn man den Pfarrer oder den Köster erreichte, war in der Regel alles soweit geritzt. Hier jedoch gab es niemanden, der etwas entscheiden durfte. Dass wir bislang überhaupt einen Platz bekommen hatten, verdankten wir dem Umstand, dass sich die Pfarrer nicht darum scherten, wie die Dinge hier eigentlich zu laufen hatten. Denn an sich hatte auch der Pfarrer hier nichts zu sagen.

Kirche mit großem Parkplatz

So viele Kirchen und doch kein Schlafplatz

Er war zwar der Oberste in der Hierarchiekette, musste sich aber für jeden Pups die Zustimmung seines Kirchenrates einholen. Wenn aus diesem Rat nur ein einziger gegen etwas stimmte, dann wurde es nicht gemacht. Wen immer man also traf, man konnte sich stets sicher sein, dass er keine sinnvolle aussage treffen konnte, ohne nicht wenigstens mit fünf Leuten telefoniert zu haben. Erschwerend kam hinzu, dass die meisten Pfarrer gerade im Urlaub waren und man daher die meiste Zeit überhaupt niemanden erreichte. So war es auch in diesem Fall. Das einzig hilfreiche, das ich an Kirche und Pfarrhaus finden konnte, war eine Bekanntgabe der Pfadfinder, auf der die Nummer des Gruppenleiters verzeichnet war. Er hieß Roy und war ein freundlicher, aber vorsichtiger Mann und an seinem Beispiel konnte man noch einmal die Verkapptheit der Leute hier erkennen. Die irische Kirche hatte nicht nur eine, sondern gleich zwei Veranstaltungshallen, von denen die kleinere, ältere an die Pfadfinder vermietet worden war. Roy leitete die Pfadfindergruppe des Ortes nun bereits seit 15 Jahren und seit dieser Zeit hatte er auch die Halle gemietet.

Oldtimer vor einem Irish Pub

Oldtimer vor einem Irish Pub

Sie war also rein für Pfadfinder-Veranstaltungen reserviert und da die Halle bereits vor 15 Jahren in einem erbärmlichen Zustand war, hatte Roy sie von Grund auf renovieren lassen. Das meiste hatte er in Eigenleistung mit Unterstützung einiger anderer Pfadfinderleiter erschaffen. Und trotzdem konnte er noch immer nicht entscheiden, ob er uns in die Halle lassen durfte oder nicht. Der Eigentümer des Gebäudes war die Kirche und auch wenn die Halle nur noch von den Pfadfindern genutzt wurde, brauchten diese für all ihre Aktivitäten noch immer die Erlaubnis des Pfarrers und des Rates. Wäre der Pfarrer zu hause gewesen und hätte genau wie Roy nichts dagegen gehabt, dann hätte man den Rat vielleicht übergehen können. So aber machte sich Roy um sicher zu gehen auf eine Rundreise durch den Ort und suchte die Einzelnen Ratsmitglieder auf. Er war sich sicher, dass dies eine rein formelle Sache sei, da er sich nicht vorstellen konnte, warum irgendjemand irgendetwas dagegen haben sollte. Immerhin übernachteten die Pfadfinder ja auch regelmäßig in dem Saal. Doch er wurde enttäuscht. Vier von fünf Ratsmitgliedern stimmten dagegen. Eine solche Halle sei einfach nicht zum Schlafen gedacht, war ihre Aussage. Außerdem wisse man ja gar nicht, wie das von versicherungstechnischer Seite zu betrachten sei.

Mittelalterkirche

Mittelalterkirche

Als Roy zu uns zurückkehrte war er so geknickt, dass wir ihn erst einmal wieder aufbauen und ihm versichern mussten, dass wir auch anderweitig einen Schlafplatz finden würden. In Bezug auf seine Kirche konnten wir ihm aber dennoch kein gutes Gefühl geben. Die Church of Ireland hatte uns tatsächlich noch kein einziges Mal weitergeholfen.

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Sofort suchte er nach Erklärungen dafür, die ihm wieder ein besseres Gefühl gaben. Vielleicht lag es ja daran, dass Irland noch immer zweigeteilt war, durch den Krieg und dass die Menschen daher ängstlicher und skeptischer waren als andernorts. Eine direkte Verbindung konnten wir hier nicht erkennen, denn es war hier ja nun bereits seit langer Zeit friedlich und es gab auch keinen Grund, sich vor Pilgern zu fürchten, weil man Streit mit seinem Nachbarn hatte. Doch in gewisser Hinsicht mochte der Mann auch ein bisschen Recht haben. Irgendetwas hatte diese Länderspaltung mit den Menschen hier gemacht und es war nichts positives gewesen. Allein der Umstand dass in der Sommerzeit vor nahezu jedem Haut eine Flagge von Nordirland und oder von Großbritannien hing zeigte, dass man hier einen seltsamen Umgang mit dem eigenen Nationalstolz hegte.

Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Warum einfach, wenn es auch umständlich geht?

Höhenmeter: 20m

Tagesetappe: 9 km

Gesamtstrecke: 24.939,27 km

Wetter: sonnig, warm

Etappenziel: Gemeindesaal, Saint-Sauveur-de-Pierrepont, Frankreich

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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