Tag 723: Was halten Pfarrer vom Zölibat?

von Heiko Gärtner
27.12.2015 23:02 Uhr

Das Land wurde nun zunehmend hügeliger, gleichzeitig aber auch schöner. Nur der Regen hatte noch immer seine Spuren hinterlassen und sorgte dafür dass auch jetzt noch, Tage später, alle Feldwege matschig und aufgeweicht waren. Dafür boten die Bäume und die seichten Berge ein großartiges Panorama, durch das wir gerne und zufrieden wandern konnten. Ich weiß nicht mehr genau warum, aber irgendwie kamen wir dabei auf die Idee, dass es cool wäre, wenn wir zwei winzig kleine Püppchen von uns selbst hätten, etwa so in Fingerpuppengröße, die wir immer wieder irgendwo in die Welt setzen und fotografieren konnten. Das müsste recht lustige Fotos ergeben, die unserem Blog sicher gut tun würden. Nur so für den Fall, dass jemand unter euch ist, der gerne kleine Puppen bastelt und Lust hätte, eine von mir und Heiko zu erstellen, wir würden uns riesig darüber freuen. Unser Zielort lag ebenfalls etwas erhöht. Die Berge waren an dieser stelle wirklich noch nicht hoch, aber die Straßen waren teilweise schon so steil, dass man sich wirklich anstrengen musste, um überhaupt noch hinauf zu kommen. Als wir an der Kirche eintrafen stand sie offen und auch die Tür zur Sakristei war unverschlossen. Wer immer diese Kirche auch leitete, musste ein vertrauensvoller Mensch sein. Neben der Kirche sollte sich angeblich das Pfarrhaus befinden, doch auch hier rührte sich nichts, obwohl alles unverschlossen war. Nach kurzer Wartezeit mit Picknick in der Sonne kam eine junge Frau, die uns erzählte, dass der Pfarrer irgendwo in der Nähe beim Mittagessen war. Sie beschrieb mir das Haus und ich machte mich auf die Suche. Als ich eintraf war er gerade mit dem Essen fertig und begleitete mich zurück zur Kirche. Dort gab er uns gleich eine ganze Wohnung mit mehreren Sofas und sogar einer Badewanne.

[AFG_gallery id='230'] Für heute stand mal wieder Haareschneiden auf dem Programm, denn langsam konnten wir uns schon Zöpfe flechten und so wirklich gepflegt sahen wir mit der Mähne nicht mehr aus. Außerdem wollten wir ja unseren neuen Langhaarschneider testen, den Heikos Eltern uns besorgt hatten. Da der Pfarrer nichts weiter zu tun hatte, wohnte er unserem privaten Friseurtermin bei und gab zu jedem Schnitt seine fachmännische Meinung ab. Er war ein wirklich netter und auch recht humorvoller Kerl, der leider keine Ahnung hatte, was er mit seiner Zeit anfangen sollte. Wenn nicht gerade zwei Pilger aus dem Ausland vorbei kamen, dann war ihm stinklangweilig. Wir waren also nicht nur seine Gäste, sondern auch seine Nachmittagsattraktion. Dafür sammelte er unsere dreckigen Klamotten ein und übergab sie seiner Haushälterin zum Wachen. Immer wieder verschwand er um uns Zeit zum Ausruhen und Arbeiten zu lassen, tauchte dann jedoch kurz darauf wieder auf und hatte irgendetwas, mit dem er uns eine Freude machen wollte. Dabei nutzte er jedes Mal die Möglichkeit, eine neue Unterhaltung mit uns zu beginnen. Wir erzählten von verschiedenen Klöstern, die wir bereist hatten und auch davon, wie wir uns ein eigenes Kloster mit integriertem Heilungszentrum vorstellten. Er war von der Idee ziemlich begeistert, abgesehen von dem Punkt, an dem es um das Mitspracherecht der einzelnen Gemeinschaftsmitglieder ging. Wir waren der Meinung, dass man eine funktionierende Gemeinschaft, bei der es um Heilung und Spiritualität ging, genauso aufbauen müsste, wie einen Naturclan. Es gab ein Oberhaupt, das die Gemeinschaft anführte und dafür sorgte, das alles seinen natürlichen Lauf nahm. Er war dafür zuständig, die Regeln der Gemeinschaft durchzusetzen und den Mitgliedern als Mentor und Berater zur Seite zu stehen. Doch er war nicht der alleinige Entscheidungsträger, denn dafür gab es die Redekreise in denen jedes einzelne Mitglied seinen Beitrag leisten konnte und in dem Entscheidungen nach dem Einigkeitsprinzip getroffen wurden. Der Redekreis blieb also so lange bestehen, bis alle Anwesenden mit dem Ergebnis einverstanden waren. Es gab keine Kompromisse, kein Mehrheitsprinzip, sondern wirkliche Einigkeit. Solange diese nicht erreicht war, durfte der Redekreis nicht verlassen werden und es wurde weder gegessen noch getrunken noch geschlafen. Dies war das wichtigste am Redekreis, denn durch die strengen Regeln wurde garantiert, dass die einzelnen Teilnehmer nicht aufgrund ihres Egos an einem Standpunkt festhielten, sondern nur aufgrund ihres Herzens. Wenn einem etwas wirklich wichtig war, dann war es einem wichtig, egal was für äußere Umstände herrschten. Wollte man hingegen nur aus Trotz, Neid, Habgier oder anderen Egowünschen heraus einen Standpunkt vertreten, dann schrumpften diese Wünsche mit steigendem Hunger, Durst und Schlafbedürfnis in sich zusammen und man wurde offen für eine konstruktive Lösung.

[AFG_gallery id='231'] Unser Pfarrer sah hierbei jedoch die Gefahr, dass derartige Redekreise die Autorität untergraben könnten. Er war der Überzeugung, dass sie mit der Zeit die Regeln aufweichen würden, so dass am Ende nichts weiter übrig blieb als ein Haufen verwahrloster Menschen, die machten was ihnen gerade in den Sinn kam. Seine größte Sorge war, dass es zu Ungehorsam kommen würde. Der Klostervorsteher musste ein Mensch sein, dessen Befehle man um jeden Preis befolgte, was immer es auch war. Wir sahen das anders. Wenn der Leiter einer Gruppe ein Depp war, der irgendwelchen Sinnlosen Regeln aufstellte und dafür Gehorsam verlangte, dann gab es keinen Grund, warum irgendjemand sie befolgen sollte. War er jedoch ein Mensch, dem das Wohl seiner Gemeinde am Herzen lag und von dem jeder Wusste, dass er keinen Befehl aussprechen würde, der keinen tiefen und wichtigen Sinn hatte, dann würde es keinen ungehorsam geben. Doch das war es genau, was auch wir oft in den unterschiedlichsten Klöstern beobachtet hatten. Es gab dort keine Aufgaben mehr, keine Ziele, keine Missionen, keinen Sinn. Man lebte gemeinsam, veranstaltete Messen, vor denen sich sogar die eigenen Brüder und Schwestern drückten, wenn es möglich war und man betete gemeinsam vor dem Essen, wenn man wusste, dass man dabei beobachtet wurde. Ansonsten lebte man einfach vor sich hin. Der Superior war meist einer der Mönche, der aus irgendwelchen Gründen in diesen Posten berufen wurde. Er war nicht weiser, klüger oder erfahrener als die anderen und hatte oft genauso wenig Ahnung vom Leben, wie alle anderen auch. Wie also sollte er seine Gemeinschaft so anführen, dass sie das Gefühl hatte, dabei einen guten und sinnvollen Weg zu beschreiten? Viele der jungen Menschen, die in ein Kloster gingen, versprachen sich davon einen Weg zur Erleuchtung oder zu einem zufriedeneren und harmonischeren Leben. Doch dafür brauchten die Klöster eine Struktur, die das bieten konnte. Ohne sie war es kaum ein Wunder, dass die Klöster immer leerer wurden und bald ganz und gar leer standen. Das zweite spannende Thema über das wir uns unterhielten war Medjugorje. Wir kamen darauf, weil wir in dem Priesterseminar, das wir kurz zuvor besucht hatten, einige Zeit in der Bibliothek verbracht hatten. Dort gab es Regale mit unterschiedlichsten Themen rund um das Christentum und die christliche Spiritualität. Eines davon beschäftigte sich mit Pilgerreisen, doch als einziges Ziel waren dort Bücher von Medjugorje zu finden. Es gab nichts über Santiago, nichts über Fátima, Lourdes, Rom, Assisi oder sonstige heilige Orte. Warum ausgerechnet Medjugorje? Wir waren darüber gestolpert, weil der bosnische Pilgerort vom Vatikan ja eigentlich gar nicht richtig anerkannt wurde. Die Vision der Kinder von Medjugorje waren nie richtig verifiziert worden und die Meinungen der katholischen Kirche darüber gingen noch immer weit auseinander. Wieso also wurden die Schüler in einer Priesterschule dann so ausgiebig mit Material darüber versorgt?

[AFG_gallery id='232'] Wir fragten den Pfarrer, was er davon halte und wären von seiner Reaktion beinahe vom Stuhl gefegt worden. „Medjugorje?“ fragte er mit Entsetzen in den Augen, „fangt mir bloß nicht damit an! Medjugorje ist ein düsterer Ort! Ein Ort des Teufels! Er hat nichts mit einer göttlichen Vision zu tun! Er ist verflucht und das was dort vor sich geht ist nichts anderes als Teufelswerk!“ „Wie kommst du darauf?“ fragte Heiko interessiert. „Warum?“ begann er, „Ganz einfach, da gibt es viele verschiedene Anzeichen, die keinen Zweifel zulassen. Medjugorje war vollkommen anders als Fátima und Lourdes und diese Unterschiede zeigen, dass Medjugorje unmöglich etwas mit Maria oder Gott zu tun haben kann. In Fátima und Lourdes erschien die Mutter Maria den Kindern und sagte ihnen als allererstes, sie sollen zum Bischof oder zum Pfarrer gehen und diesem von ihrer Vision erzählen. In Medjugorje sagte Maria das nicht. Maria aber respektiert die Kirche und wenn die Erscheinung die Vertreter der Kirche übergeht, dann kann es sich bei ihr nicht um Maria gehandelt haben. Doch es geht noch weiter. In Lourdes und Fátima sprachen die Kinder danach wirklich mit dem Pfarrer, bzw. Bischof und zwar nur mit ihm. Alles was sie gesehen haben, teilten sie ihrer kirchlichen Autorität mit. Anschließend sprachen sie nie wieder über die Vision. Zu niemandem. In Medjugorje jedoch gingen sie damit hausieren, erzählten es überall herum und ernteten damit Ruhm und Applaus, so als seien sie Künstler oder Schauspieler. Der Bischof, der für Medjugorje zuständig war, verbot den ansässigen Franziskanern sogar, Messen in Medjugorje abzuhalten, weil er überzeugt war, dass es sich um Scharlatanerie handelte. Heute wird es dennoch gemacht aber nur, weil all die alten Werte verloren gehen und nicht, weil sich an den Fakten etwas geändert hat. Und noch ein Beweis: Die Kinder von Lourdes und Fátima wurden arm geboren und starben auch genauso arm. Sie haben auf ihrer Vision keinen persönlichen Nutzen gezogen und haben sich dadurch nicht bereichert. Vollkommen anders sieht es mit den Kindern von Medjugorje aus. Diese sind heute steinreich und das nur wegen der Vision und ihrer Vermarktung!“ Was die Vermarktung von Medjugorje anbelangte, mussten wir dem Pfarrer Recht geben. Das kleine Nest hatte sich wirklich zu einer Touristenhochburg entwickelt in der es längst schon nicht mehr um Glauben sondern viel mehr um Profit ging. Doch lag das wirklich daran, dass die Vision das Werk des Teufels gewesen war? Oder lag der Gedanke, mit so einer Sichtung ordentlich Kohle zu machen vielleicht eher in der Mentalität der Bosnier? Abgesehen davon musste man einwenden, dass in Fátima zwar die Kinder selbst nicht reich geworden waren, dass das Geschäft mit dem Pilgertourismus dort aber kein bisschen geringer war als in Medjugorje.

[AFG_gallery id='233'] Uns kam viel mehr eine andere Theorie in den Sinn. Wenn in Fátima und Lourdes die Kirchenvertreter die einzigen waren, die den Inhalt der Vision kannten, dann stand es ihnen und den Autoritäten des Vatikans frei, die Botschaft so zu zensieren, umzuformen und zu verfälschen, wie es ihnen beliebte. In Medjugorje hatten sie diese Möglichkeit nicht, denn da hatte bereits jeder davon gehört, bevor sie sich einmischen konnten. Ehe also etwas unvorteilhaftes in Umlauf gebracht wurde, das angeblich aus dem Mund der Gottesmutter Maria stammte und damit unanfechtbar wurde, war es sicherer, die ganze Situation dem Teufel zuzuschreiben. Den Rest des Nachmittages verbrachten wir dann mit einer improvisierten Therapiesitzung für unseren Gastgeber. Seit seinem 18. Lebensjahr litt er unter chronischen Rückenschmerzen, die einfach nicht besser werden wollten. Einige Ursachen dafür waren leicht zu erkennen, andere zeigten sich erst etwas später. Dazu zählte unter anderem, dass er als Pfarrer dazu neigte, sämtliche Probleme seiner Gemeinde auf seine eigenen Schultern zu laden, so dass er dort einiges an seelischem Ballast angesammelte hatte. Darüber hinaus stellten wir ihm ein neues Essensprogramm zusammen und zeigten ihm einige Methoden auf, mit denen er seinen Körper von Giftstoffen befreien konnte. Dann begann Heiko damit seine Hüfte einzurichten und die Wirbel in seinem Rücken wieder an die Position zu bugsieren, an die sie gehörten. Irgendwie sah es schon etwas lustig aus, wie der Geistliche da in seiner festlichen Pfarrersmontur auf dem Bett lag und Heiko seine Beine in alle Himmelsrichtungen drehte. Zum Abendessen lud uns der Pfarrer in eines der nahegelegenen Restaurants ein. Uns wäre es lieber gewesen, wenn wir uns eine Pizza bestellt und es uns damit im Pfarrhaus gemütlich gemacht hätten. Doch er bestand darauf, dass er uns noch etwas exquisiteres bieten wollte. „Mögt ihr Fisch?“ fragte er, was verwirrend war, denn den ganzen Abend sahen wir nicht einmal den Hauch eines Fisches. Fisch bezeichnete hier wohl alles, das einen Großteil seines Lebens im Wasser verbrachte. In diesem Fall waren damit verschiedene Meeresfrüchte gemeint, vor allem rote, krabbenartige Tiere, die man unmöglich aus ihren Panzern befreien konnte. „Was hältst du eigentlich von Papa Francesco?“ fragte Heiko beim Essen. Die Antwort des Pfarrers war ebenso kurz wie abwertend: „Es gibt einen Papst namens Francesco? Fragt mich lieber etwas anderes, denn dieser Papst existiert für mich nicht!“ Offensichtlich gab es auch über das aktuelle Kirchenoberhaupt äußerst geteilte Meinungen unter den Vertretern des katholischen Christentums. „Ok“, lenkte Heiko ein, „dann habe ich eine andere Frage an dich: Wie hältst du es eigentlich mit dem Zölibat?“ Sobald der Mann das Wort „Zölibat“ hörte, war es mit seiner Entspannung vorbei. Sicher hätte er nun doch lieber über Papa Francesco gesprochen, aber dafür war es nun zu spät. Nervös spielte er mit seinen Fingern und wusste plötzlich nicht mehr, wo er sie hintun sollte. Dann begann er zögernd mit einer Antwort: „Das Zölibat bedeutet ja eigentlich nicht, dass man keinen Sex haben darf. Es bedeutet nur, dass man sich verpflichtet, keine Familie zu gründen. Was das anbelangt, stehe ich voll dahinter.“ „Gegen Sex ist also nichts einzuwenden?“ fragte Heiko, „Auch nicht von Seiten der Kirche?“ Trotz der kühle im Raum begann er ein wenig zu schwitzen. Man spürte deutlich, dass er nichts falsches sagen aber auch nicht lügen wollte. „Ganz so, kann man es jetzt auch nicht sagen“, meinte er dann und ergänzte: „Möchtet ihr noch einen Nachtisch?“

Spruch des Tages: So richtig ernst nimmt das hier wohl keiner Höhenmeter: 590 m Tagesetappe: 33 km Gesamtstrecke: 12.955,27 km Wetter: sonnig Etappenziel: Agritourismo, 89028 Paparone, Italien
Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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