Tag 879: Formkäse

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Tag 879: Formkäse

Tag 879: Formkäse

09.05.2016
Die Natur ist ein wahrer Traum hier! Es gibt weite, unberührte Wälder, grüne, saftige Wiesen, ein wildes Hügelland und im Hintergrund ragen noch immer schneebedeckte Bergspitzen empor. Das Land selbst ist jedoch schwer zu beschreiben. Es ist nicht arm in dem sinne, wie wir uns Armut vorstellen, sondern auf einer ganz anderen Ebene. Noch einmal wird uns bewusst, dass jegliche Form der Armut ein rein künstliches Konzept ist, dass wir Menschen bewusst erschaffen haben. Es gibt keinen erkennbaren Grund, warum die Menschen hier weniger Geld zur Verfügung haben sollten, als im benachbarten Griechenland oder bei uns in Deutschland. Im Gegenteil! Das Land selbst bietet unendlichen Reichtum an Tieren, Pflanzen, Sonne, Wasser und allem, was man zum Leben braucht. Rein objektiv betrachtet müssten die Menschen hier weitaus reicher sein als in Deutschland oder Großbritannien. Aus 6kg Zwiebeln kann man sich 60 bis 180kg nachziehen, ohne dass es ein großer Aufwand ist.

Mit Kartoffeln ist es ähnlich. Ein kleiner Garten reicht also aus, um alles an Nahrung zu bekommen, was man benötigt. Das Klima erlaubt hier, anders als bei uns, dass man zwei oder mehr Fruchtfolgen in einem Jahr anbauen kann. Aus jedem Felsen hier plätschert reines, klares Trinkwasser hervor, für das man bei uns extra einen Kurort errichten würde, um es zu feiern. Er gibt weite Wälder voller Wildtiere und voll von natürlichem, hochwärtigen Baumaterial. Die Berge bieten genug Gestein, um ganze Städte damit zu errichten. Es gibt Staudämme und ausreichens Sonnenstunden für die Energiegewinnung und das Land ist so schön und ursprünglich, dass es keinen Grund gibt, warum es hier vor Abenteuer-, Wander- und Ökotourismus nicht nur so wimmelt. Warum ist dieses Land also arm? Warum kann man in den Supermärkten nur abgepacktes Chemiebrot mit industrieller Plastikwurst kaufen? Warum gibt es Cola, Energy-Drinks, Kaffee und Süßigkeiten wie Sand am Meer, aber fast kein frisches Obst oder Gemüse? Warum hausen die Menschen in Blech oder Lehrmhütten, mit teilweise eingeschlagenen Fenstern?

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Es ist eine Entscheidung. Ein kultureller Traum, der ganz bewusst geträumt wird. Die Armut hat nichts mit einem realen Mangel zu tun. Sie befindet sich in den Köpfen der Menschen. Und dies spürt man auch, wenn man ihnen begegnet. Sie sind nicht unfreundlich oder mies gelaunt. Ganz im Gegenteil, wir werden oft gegrüßt und teilweise sogar angelächelt. Und doch merkt man, dass kaum noch Leben in ihnen steckt. Die alten Frauen sind krumm wie Hufeisen von der Feldarbeit, die sie Tag für Tag in gebückter Haltung ausüben. Sie müssten docht nicht so gebückt stehen, es hat nichts mit den körperlichen Bedingungen zu tun. Sie stehen so dar, weil sie sich vom Leben gebeugt fühlen. Ihr Körper spiegelt ihr seelisches Empfinden nach außen. Die Augen vieler Menschen sind leer und wieder einmal fühlen wir uns, als gingen wir durch ein Land voller Zombies. Nette Zombies, aber Zombies. Stalking Wolf, der Apachenscout, der das Wissen aller Naturvölker Nordamerikas zusammengetragen und so die Entstehung der Wildnispädadogit ermöglicht hat, beschrieb uns Zivilisationsmenschen einmal auf die gleiche Weise. Wir befinden uns in einem Zustand permanenter Unaufmerksamkeit, wir sind nicht präsent, weil wir immer in unseren Gedanken, Ängsten und Sorgen verstrickt sind. Durch unsere Scheinwelt, die wir uns durch die Zivilisation aufgebaut haben, haben wir so eine Angst vor dem echten Leben bekommen, dass wir einfach damit aufgehört haben. Er nannte es: „Das Land der lebenden Toten“, weil jeder zwar einen Herzschlag hatte, aber doch nicht wirklich am Leben war. Ich hätte nicht gedacht, dass wir das einmal selbst so stark empfinden würden. Und das nun schon in so vielen verschiedenen Ländern. Vor allem in Ländern, in denen die Naturverbundenheit auf den ersten Blick viel größer und stärker wirkte als bei uns. Doch nur weil es hier mehr Natur gab, hieß das offenbar nicht, dass die Menschen auch einen stärkeren Bezug zu ihr hatten.

Auf der einen Seite fühlten wir uns oft wie ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Die Menschen standen mit Sicheln auf ihren Feldern, fuhren mit Pferdekutschen oder Eselkarren und der Anblick einer Schafs- oder Kuhherde mitten in einer Stadt war keine Seltenheit. Auf der anderen Seite besaß aber jeder sein Smartphone und wir sahen hier mehr dicke, teure Autos auf den Straßen, als überall sonst in Europa. Teilweise standen zwei oder drei teure Mercedez, BMWs oder Audis vor einer kleinen, halb verfallenen Lehmhütte, die kaum mehr eine Tür besaß. Wie passte das zusammen? Später entdeckten wir eine mögliche Antwort auf diese Frage. Überall in den Ortschaften hingen Schilder mit der Werbebotschaft: „EasyCredit!“ und einer Telefonnummer darunter. Neben den Apotheken, die ja in jedem Land die einzig gut gepflegten und noblen Gebäude sind, gibt es hier auch überall chicke Banken, die ebenfalls mit günstiger Kreditvergabe warben. Die Rumänen hatten hier also wohl noch einmal eine andere Mentalität als die Bewohner des Balkans, die sich niemals auf die Versklavung eines Kredites einlassen würden. Das erklärte natürlich auch, warum sich die Menschen hier auf den Feldern totackerten, obwohl sie fast nichts verdienten und mit dem gleichen Land und der gleichen Zeit sorgenlose Selbstversorger hätten sein können. Wer einen Kredit aufgenommen hat, der muss ihn auch zurückzahlen und das geht nicht mit einem defitgen Kartoffeleintopf. Dafür muss man Dinge anbauen, die man selbst nicht braucht und die einem andere abkaufen.

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So wie es aussah waren die Autos die größte Leidenschaft der Menschen. Wir stellten fest, dass der viele Verkehr auf den Straßen wieder von immer den gleichen Autos ausgelöst wurde. Anscheinend empfanden viele ihr Auto als den einzig lebenswerten Ort und versuchten daher so viel Zeit wie möglich darin zu verbringen. Dass die meisten Autos regelrechte Sprittschleudern waren, schien dabei aber keine Rolle zu spielen.
Essenstechnisch kamen wir auch heute wieder ziemlich gut durch. Die Besitzer der kleinen Minimärkte waren spendabel und hilfsbereit. Das einzige Problem war nur, dass sie eben kein Angebot hatten und so gab es schon wieder Reis mit Tomaten und Gurken, wie bereits an den letzten Tagen. Dazu bekamen wir in Plastik verpacktes, gnietschiges Weißbrot, das kaum noch an Brot erinnerte, sowie einen knallgelben Formkäse. Es gibt wirklich viele Dinge, die ich an unserer Gesellschaft nicht verstehe, aber Formkäse gehört dabei zu meinen Favoriten. Wieso um alles in der Welt erfindet man eine geschmacksneutrale Chemiepampe, die keine Milch enthält um damit Käse nachzuempfinden? Wenn Käse nun aus einem Rohstoff gewonnen werden würde, der sehr selten und kostbar ist, dann könnte man das nachvollziehen, aber Milch gibt es in so rauen Mengen, dass man sie zu Milchpulver verarbeitet und in nahezu jedes Lebensmittel mischt, einfach nur um sie loszuwerden!

Das macht doch keinen Sinn! Es gibt bei uns kaum etwas günstigeres als Milch und trotzdem produziert man einen Billigkäse auch Chemie, damit man sie einsparen kann!. Wahrscheinlich sind die Chemikalien und Geschmacksverstärker im Formkäse sogar teurer als die Milch, die man zur Produktion eines richtigen Käses benötigt. Oder haben wir uns angewöhnt, so viel Milch in Milchpulver zu verarbeiten und in Dinge zu Streuen, die keine Milch brauchen, dass nun für Milchprodukte nichts mehr übrig ist. Wir konnten den Text auf unserer Brottüte leider nicht lesen, doch ich hätte wetten können, dass Milchpulver unter den Zutaten aufgelistet wurde. Dafür war Weizen wahrscheinlich einer der Basisstoffe aus denen unser Formkäse gemacht wurde. Wenn man also das Brot auf den Käse legt, war man am Ende ja irgendwie wieder beim Alten.

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Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Die spinnen, die Lebensmittelhersteller

Höhenmeter: 160 m
Tagesetappe: 23 km
Gesamtstrecke: 15.460,27 km
Wetter: Regen von Morgends bis Abends und die ganze Nacht durch mit wenigen Unterbrechungen
Etappenziel: Zeltplatz auf einer Wiese, kurz hinter 5048 Pchelishte, Bulgarien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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