Tag 359: Weihnachtsgans und Stopfleber (Teil 1)

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Tag 359: Weihnachtsgans und Stopfleber (Teil 1)

Tag 359: Weihnachtsgans und Stopfleber (Teil 1)

Aus gegebenem Anlass möchten wir euch heute einmal über ein trauriges Thema schreiben, das in direktem Zusammenhang mit Weihnachten steht. Es ist sozusagen die dunkle Wahrheit hinter unserem Weihnachtsfestessen. Nicht bei allen, aber doch zumindest bei einem großen Teil der Bevölkerung.

Es ist schon ein paar Tage her, als wir in Frankreich bei einer Schlachterei nach etwas zu essen fragten. Es war einer dieser Tage an denen es schweinekalt war und so hatte sich Heiko ausnahmsweise dafür entschieden mit rein zu kommen. Vor uns in der Schlange standen bereits einige Leute und wir hatten daher genug Zeit uns ein wenig umzusehen. Immerhin war es seit unserem Schweinefleischverzicht nicht ganz so einfach etwas für uns Essbares in einer Schlachterei zu finden.

„Was ist das denn da?“ fragte ich Heiko und deutete dabei auf einen hellbraunen, fast weißlichen schleimigen Haufen, den ich einfach nicht einordnen konnte.

„Das ist eine Stopfleber!“ antwortete er.

„Eine was?“ fragte ich verwirrt und hatte keine Ahnung, worauf er hinaus wollte.

„Kennst du nicht?“ fragte er zurück, „Das ist eine Spezialität zu Weihnachten. Ich weiß nicht genau wie es gemacht wird, aber irgendwie werden die Lebern der Gänse so vollgestopft, dass sie auf diese Größe anschwellen.“

Ich schaute mir die Masse noch einmal genauer an. Nach Leber sah es eigentlich nicht aus, jedenfalls nicht nach einer gesunden. Es reichte ein einziger Blick um sicher zu sein. Hätten wir auf einem Wildniskurs oder bei einer Survivalaktion jemals ein Tier gefangen, das eine solche Leber gehabt hätte, dann hätten wir es nicht angerührt. Das Tier war eindeutig krank und wenn man sich nicht mit seinem Abendessen umbringen wollte, dann ließ man die Finger davon.

Als wir die Schlachterei verließen hatten wir ein bisschen Hühnerfleisch dabei und zum Glück keine Stopfleber. Auch das Hühnerfleisch hat natürlich eine dunkle Geschichte, doch zu der kommen wir ein anderes Mal. Wir waren jedenfalls von dem Thema angetickt und wollten nun unbedingt mehr darüber in Erfahrung bringen. Vor allem jetzt, da es ja wirklich auf Weihnachten zuging. Nach den offiziellen Statistiken über den Lebensmittelverbrauch landen in Deutschland allein in der Adventszeit rund 7 Millionen Gänse und Enten auf dem Tisch. Ein Großteil von ihnen als Braten, doch fast ebenso viele als Stopfleber. Grund genug also, sich mit dem Thema einmal genauer zu befassen.

Doch was ist eine Stopfleber jetzt eigentlich genau?

 

So lecker und festlich unsere Weihnachtsfestessen auch sind, sie sind leider oft das Produkt einer brutalen und mehr als nur perversen Tierquälerei. Klar, das ist die Fleischaufzucht das ganze übrige Jahr auch, doch mit der Produktion von Stopflebern wird das ganze noch einmal auf eine abartige Spitze getrieben, für die es eigentlich fast keine Worte mehr gibt. Denn Stopfleber ist genau das wonach es sich anhört. Es ist die Leber eine Gans oder einer Ente, die so dermaßen mit Essen vollgestopft wurde, dass ihre Leber damit nicht mehr zurecht kam und deshalb auf das zehnfache angeschwollen ist. Es ist eine Fressfolter, die schließlich dazu führt, dass die Vögel fast an ihrer Überernährung krepieren.

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Doch beginnen wir lieber von Anfang an, damit ihr euch das Leben einer Gans wirklich vorstellen könnt, die schließlich als Delikatesse auf unserem Teller landet.

Der Aufzuchtbetrieb beginnt dabei erst einmal wie in der typischen Massentierhaltung für Hühner, Gänse, Truthähne und anderes Geflügel. Die Tiere kommen als Küken in massenhaft überfüllte hallen und werden hier genauso gemästet, wie es in der industriellen Tierhaltung nun einmal gemacht wird. Anders als in der Hühnermast werden bei der Stopfleberproduktion jedoch nur die männlichen Küken ausgewählt.

Warum? Aus dem gleichen Grund, warum man nur weiblichen Hühnern das Leben in der Massenzucht erlaubt: Zeit und Geld.

Weibliche Hühner wachsen schneller und sind daher billiger zu produzieren. Männliche Gänse hingegen haben ein deutlich höheres Leberwachstum als ihre weiblichen Artgenossen und so rentiert sich das Halten von Gänsefrauen einfach nicht. Aus diesem Grund werden die kleinen, gelben, flauschigen Küken direkt nach der Geburt von Fließbandarbeiterinnen und -arbeitern aussortiert. Das meine ich wirklich genauso, wie ich es schreibe. Die Küken fahren auf einem Fließband an den Arbeitern vorbei, werden geschnappt, man kontrolliert ihr Geschlecht und anschließend kommen sie in zwei getrennte Bereiche. Die Männchen bleiben auf dem Fließband und werden weitergefahren, die Weibchen werden in einen Trichter in der Mitte geworfen. Hier rutschen sie an dem glatten, blanken Metall nach unten, wo bereits sie schnell laufenden Klingen einer Häckselmaschine auf sie warten, die sie bei lebendigem Leibe in Millionen kleiner Stücke zerschneiden. Das bedeutet, dass allein in der Adventszeit mindestens 7 Millionen weiblicher Gänseküken brutal zerstückelt werden, noch ehe sie einen Tag alt sind. Ihr Leben ist damit nichts weiter als die kurze Rutschpartie in einen grausamen Tod.

Die Arbeiter, die in der Mehrheit wirklich Frauen sind, werden dabei wie Sortiermaschinen. Es sind in der Regel Billiglohnkräfte, die kaum eine andere Wahl haben, als einen solchen Job anzunehmen. Es geht ihnen also nicht viel besser, als den Vögeln, die sie misshandeln.

Auf eine perverse Art und Weise haben die weiblichen Küken, die im Häcksler landen, sogar noch Glück gehabt, verglichen mit dem Schicksal, dass die Männchen erwartet. Denn ihr Leben ist von nun an eine Dauerqual, gegen die der schnelle Tod nach der Geburt wie eine Erlösung wirkt. Ihre Fahrt auf dem Fließband führt sie zunächst in eine Maststation, in der sie neun Wochen lang auf „normale“ Weise gemästet werden. Auch dies ist bereits schlimm und traumatisierend für die Tiere. Je nach Mastbetrieb halten sie sich entweder in kleinen Käfigen oder in komplett überfüllten Massenhallen auf. Damit sie ruhiger werden und nicht so viel umherflattern, sind die Hallen dabei meist dunkel. Nichts aber auch gar nichts kann eine Gans hier machen, was ihrer Natur entspricht. Sie kann nicht baden, nicht schwimmen und auch nicht tauchen. Sie kann nicht fliegen, kann sich keinen Partner suchen kann sich nicht auf natürliche Weise ernähren und sie kann nicht einmal flüchten oder sich verstecken.

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Doch dies ist noch immer der schönste Teil ihres Lebens. Nach neun Wochen beginnt die Stopfmast und damit die Hölle auf Erden für die Tiere. Nun werden sie in winzige Käfige eingepfercht, die ihrer Körperform angepasst sind, so dass sie sich nicht drehen und wenden können. Sie sind dazu verdammt, in einer Position gerade stehen zu bleiben. Ihre Hälse ragen dabei durch eine größere Öffnung aus den Käfigen heraus. Oftmals haben die Käfige keinen richtigen Boden, sondern nur ein Gitter, auf dem die Gänse stehen müssen. Mit der Zeit zerstört dies ganz unweigerlich die Füße der Vögel. Es schneidet ein, gibt Druckstellen und sie reiben sich die Haut wund und blutig. Stellt euch einfach mal für eine kurze Zeit barfuß auf einen metallenen Fußabtreter, dann könnt ihr euch vorstellen, wie schmerzhaft es sein muss, sein ganzes Leben in dieser Position zu verbringen. Doch diejenigen, die einen festen Boden unter den Füßen haben, haben es deswegen auch nicht viel besser. Sie stehen dafür ihr ganzes Leben lang in ihrer eigenen Scheiße und bekommen Entzündungen an den Füßen. Gänse sind Fluchttiere, das heißt sie haben den natürlichen Impuls wegzulaufen, wenn eine Gefahr droht. Doch das können sie nicht. Allein die Käfighaltung setzt sie also schon in einen permanenten Angstzustand. Sie sind völlig panisch und versuchen sich komplett durch die Halsöffnung zu zwängen um zu fliehen. Dabei verletzen sie sich zum Teil selbst. Viele von ihnen verenden jämmerlich in den Käfigen. Nicht selten bleiben sie einfach liegen, bis es Zeit zur Schlachtung ist und damit alle Käfige geleert werden.

Doch noch ist es nicht soweit. Denn die Einzelhaft ist nur der äußere Rahmen der grausamen Prozedur, die nun folgt.

In einem riesigen Kübel wird ein Nahrungsbrei aus Mais und/oder Soja angemischt. Beide Futterpflanzen stammen meist von den riesigen Massenfarmen in Brasilien oder Argentinien. Es ist also Genmais und Gensoja und darüber hinaus in der Regel auch noch stark pestizidverseucht. Für die Gänse, die sich normalerweise nicht von Mais oder Soja ernähren ist es also artfremde Nahrung, die unweigerlich Krankheiten hervorruft. Über ihre Leber und über ihr Fleisch gelangt dieser giftige Nahrungsbrei dann auch wieder in unseren eigenen Organismus, wenn wir die Tiere später essen. So hat dann jeder etwas davon.

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Doch zurück zur Stopfmast.

Der Nahrungsbrei landet in einem riesigen, beweglichen Kübel, an den lange Schläuche angeschlossen sind. An ihren Enden befinden sich ca. 50cm lange und rund 2-3cm dicke Stahlrohre. Vielleicht ahnt ihr schon, worauf es hinauslaufen wird und ich muss euch leider sagen, dass ihr Recht behalten werdet. Die Arbeiter halten das Stahlrohr in der einen Hand und packen die Köpfe der Gänse mit der zweiten. Die Hälse werden langgezogen und mit Daumen und Zeigefinger wird seitlich auf die Kiefergelenke gedrückt, so dass sich der Schnabel öffnet. In Sekundenschnelle wird den Vögeln dann das Stahlrohr in den Schlund gesteckt, bis zum Anschlag, bis direkt in den Magen. Fast gleichzeitig drückt der Arbeiter einen Hebel am Ende des Rohres und in nur 2 Sekunden wird ein Kilo giftiger Nahrungsbrei unmittelbar in den Magen gepumpt. Innerhalb dieser wenigen Sekunden dehnt sich der Bauch der sprunghaft aus, um die Nahrung aufzunehmen, was mit ungeheuren Schmerzen verbunden ist. Es ist nicht nur ein Begriff, die Gänse werden wirklich im wahrsten Sinne des Wortes gestopft. `Sie werden Druckbetankt mit Nahrungsmengen, die sie selbst niemals fressen könnten. Je größer die Gänse werden, desto größer wird auch die Menge an Nahrung, die man in sie hineinstopft. Am Ende dauert die Prozedur bis zu 15 Sekunden. Noch während eine Gans befüllt wird, packt der Arbeiter bereits den Kopf der nächsten. Dann wird das Rohr aus einem Hals herausgezogen und gleich in den nächsten wieder hineingesteckt. Es ist eine Massenabfertigung, die in kürzester Zeit vonstatten geht. Nicht selten kommt es vor, dass den Gänsen mit dem Stahlrohr die Speiseröhre aufgerissen wird. Dann ist das Rohr voller Blut. Doch auch das gehört zum Alltag im Stopfmastbetrieb. Die Angestellten sind bereits so abgestumpft, dass sie sich deswegen keine Gedanken mehr machen. Es ist nicht gut, aber auch nicht so schlimm. Es passiert eben hin und wieder. Niemand, der einen solchen Job ausübt, kann noch ein Gespür für Leid haben. Sonst würde er wahnsinnig werden.

Fortsetzung folgt!

 

Spruch des Tages: Nur weil etwas eine Tradition ist, muss es trotzdem nichts Positives sein.

 

Höhenmeter: 320 m

Tagesetappe: 15 km

Gesamtstrecke: 6672,37 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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