Tag 746: Kleine, freche Biester

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Tag 746: Kleine, freche Biester

Tag 746: Kleine, freche Biester

Wenn unser Badezimmer die perfekte Kulisse für einen Horrorfilm war, dann hatten wir nun auch noch das perfekte Szenario. Denn als wir am Morgen aufbrechen wollten, stellten wir fest, dass wir wieder einmal eingeschlossen waren. Alle Fenster waren vergittert, die Tür war verriegelt und vom Dach aus war es wieder viel zu tief, um auf den Boden zu gelangen. Anders als beim letzten Mal befand sich dieses Haus aber nicht im Ort, sondern ein gutes Stück außerhalb. An einer Stelle also, wo kein Passant je vorbeikommen würde. Wenn uns der Pfarrer wirklich vergessen hatte, dann saßen wir hier in der Falle. Bis uns zufällig jemand fand, konnten Tage vergehen und dann wären wir wahrscheinlich selbst die perfekte Besetzung für unseren Horrorfilm gewesen. Ob uns auch irgendwann die Unterlippe in den Kniekehlen hing, wenn wir mehrere Tage ohne Essen und nur mit bleihaltigem Wasser in diesem Loch verbrachten?

„Neun Uhr!“ hatten wir dem Pfarrer geantwortet, als er uns gestern nach unserer Aufbruchszeit gefragt hatte. Nun war es bereits kurz vor 10:00 Uhr und wir hatten noch immer nichts von ihm gehört. Langsam überlegten wir wirklich, ob es nicht doch eine Möglichkeit gab, vom Dach herunter in den Hof zu klettern. Doch bevor wir auf richtig dumme Ideen kamen, sahen wir den Mann mit dem schwarzen Mantel und dem großen Schlüsselbund in der Hand, wie er die Straße herunter auf unser Gefängnis zuschritt.

Er befreite uns und ließ uns hinaus an die frische Luft. 23km voller traumhafter Herbstwälder, himmlischer Stille, und sanftem Vogelgezwitscher lagen nun vor uns. Menschen und Autos trafen wir so gut wie keine und über weite Strecken war das sanfte Rauschen der Blätter und das leise knistern unserer Räder auf dem Asphalt das einzige, was unsere Ohren zu hören bekamen. Dann plötzlich erklang ein wildes Gebimmel, das sich zunächst wieder nach einem aggressiven Kirchturm anhörte. Es kam jedoch auf uns zu und schon bald zeigte sich, dass es sich um eine Kuhherde handelte, die von ein paar Hirten hinunter ins Tal getrieben wurde. Im Balkan war dies ein so gewohnter Anblick gewesen, dass wir die Kühe am Ende kaum mehr wahrgenommen hatten. Doch dies war nicht der Balkan. Dies war Italien und wie üblich konnte man hier aus allem ein Problem machen.

Wir wanderten auf einer Hauptstraße, also einer Straße, die in erster Linie für Autos, Radfahrer und Fußgänger gedacht war. Kühe waren hier eher die Ausnahme und doch taten die Hirten so, als gehörte ihnen die Straße alleine und als wir in ihren Privatbereich eingedrungen. Einer nur zwei der Hirten waren zu Fuß. Einer saß auf einem Pferd und zwei begleiteten die Herde mit dem Auto. Alle aber schrien ihre Kühe an und trieben sie vor allem dadurch, dass sie mit langen Stecken nach ihnen schlugen. Als sie uns sahen schrien sie auch uns entgegen und befahlen uns, die Straße sofort zu verlassen und mitsamt unseren Wagen in den Straßengraben zu springen. Wir hielten dies jedoch aus mehrerlei Gründen für keine gute Idee. Erstens hatte man uns nicht höflich darum gebeten sondern angeschrien und das war nicht die Art und Weise, die uns motivierte, einer Bitte folge zu leisten. Zweitens waren wir es vom Balkan her gewohnt, dass Kuhherden einfach um uns herumliefen, so dass wir auch keine Notwendigkeit sahen, die Straße zu räumen. Drittens war neben der Straße überhaupt kein Platz und wir konnten ja nicht wirklich einfach mit den Wagen irgendwo in eine Schlucht springen. Und viertens wusste jedes Kind, dass man vor einer Herde mit nervösen Rindern nicht unnötig hin und her lief. Die Kühe hatten uns bereits auf der rechten Straßenseite gesehen und konnten uns daher einschätzen. Jetzt die Straßenseite zu wechseln hätte sie eher verwirrt als beruhigt.

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Doch die Hirten ließen nicht locker. Sie Fluchten uns an und wurden langsam richtig wütend. Gleichzeitig trieben sie ihre Rinder mit Schreien und Schlägen immer weiter an, so dass sie zunehmend hektischer, nervöser und unruhiger wurden. Der Mann auf dem Pferd achtete außerdem darauf, dass er sie genau auf unsere Straßenseite trieb, so dass uns am Ende doch nichts anderes übrig blieb, als direkt vor den Tieren zu kreuzen. Diese gerieten nun endgültig in Panik, scheuten wichen zurück und sprangen teilweise sogar über die Leitplanke um sich im Wald zu verstecken.

Wütend keiften uns die Hirten an und gaben uns die Schuld daran, dass sie die Kontrolle über ihre Kühe verloren. Wir sahen das jedoch etwas anders. Man musste kein Profi sein um zu erkennen, dass wütendes Geschrei, hektisches auf und ab Gerenne und wildes Schlagen mit Stöcken nicht die besten Methoden sind, um ängstliche Fluchttiere zu beruhigen. Was machten sie wohl, wenn ihnen wirklich mal ein Auto entgegen kam? Drängten sie es dann auch von der Straße?

Unser Zieldorf lag wieder einmal hoch oben in den Bergen. Als wir dort eintrafen wurden wir von zwei Jugendlichen angemacht, die mit ihrem Auto an uns vorbei fuhren. Erst glaubten wir, dass sie uns aus langer weile ärgern wollten, doch dann erwiesen sie sich sogar als äußerst hilfreich. Einer von beiden begleitete mich auf der Suche nach dem Pfarrer und half mir sogar dabei, die ängstlichen, alte Damen zu beruhigen, die uns schon wieder für Terroristen hielten. Irgendetwas musste zur Zeit los sein, das die Menschen in dieser Gegend noch mehr in Angst und Schrecken versetzte als normal. Denn die Alten waren ja nicht die ersten, die eine Heidenangst vor allem hatten, was nicht aus ihrem Dorf entstammte. Nach einigen Erklärungen und Gesprächen mit verschiedensten Leuten war die Sache soweit klar, dass sich irgendjemand um irgendetwas kümmern würde und dass wir am Ende irgendwo einen Schlafplatz hätten. Ich verstand zwar nicht um wen oder was es ging und worin das aktuelle Problem lag, das gelöst werden musste, aber das war ja letztlich auch egal. Am Ende hatten wir einen Raum unter der Kirche, in dem es sogar einen kleinen aber effektiven Heizstrahler gab. Eine der alten, ängstlichen Damen gab uns sogar noch eine Pizza in einem Restaurant.

Der einzige Haken, den unser Raum hatte, war die gläserne Eingangstür. Man konnte keinen Sichtschutz davor klappen, so dass jeder Mensch, der außen vorbeiging sehen konnte, dass wir uns im Innenraum befanden. Zunächst animierte dies nur ein paar alte, gelangweilte Herren, hin und wieder mal durch das Fenster zu starren. Das war nicht besonders angenehm, aber auch nicht ungewöhnlich und es störte nicht weiter. Später versammelten sich jedoch alle Kinder und Jugendlichen des Ortes auf dem Platz vor der Kirche und langweilten sich dort noch mehr als ihre Großväter. Anders als in Deutschland kann man in Italien schon lange vor Weihnachten die ersten Silvesterböller kaufen. Die Kinder nutzten diese Möglichkeit so gut es nur ging und es war schon oft vorgekommen, dass wir Abends die ersten Böller und Kanonenschläge vor unserer Tür hörten. Hier aber war es etwas anderes, denn in den Augen der Kids gab unsere Tür ein hervorragendes Ziel für die Böller ab. Sie machten sich einen Spaß daraus, ihre Feuerwerkskörper gegen unsere Scheibe zu werfen, so dass sie direkt davor explodierten. Diejenigen, die keine Böller hatten, warfen stattdessen mit kleinen Steinen oder sie kamen angerannt und klopften mit der Hand gegen die Scheibe. Ein paar Mal versuchten wir es im Guten, doch die Kinder kannten keine Grenze. Sie trieben es immer weiter und weiter und sie bettelten förmlich danach, dass ihnen jemand Einhalt gebot. Es dauerte nicht lange und Heiko war bereit dafür, ihnen diesen Einhalt auch zu gebieten. Die Wut über die mutwilligen Angriffe kochte bereits in ihm Hoch und er schäumte förmlich über, als er auf die Straße sprintete und die Kinder in die Flucht schlug. Sie strömten in alle Richtungen davon, kehrten aber bereits nach wenigen Minuten wieder zurück. Wie war das möglich? Hatten diese Kinder wirklich vor niemandem mehr Respekt? Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich selbst mit Feuerwerkskörpern herumexperimentierte. Hinter unserem Dorf gab es einige Felder und davor lagen mehrere Baugrundstücke mit halbfertigen Häusern, die wir oft zum Spielen nutzten. Dort erprobten wir auch unsere Fähigkeiten als Pyromanen. Wir achteten jedoch stets darauf, dass wir dabei nicht erwischt wurden, denn uns war klar, dass uns dies einen Heidenärger einbringen würde. Wenn auch nur eine alte Frau mit erhobenem Zeigefinger an ihren Gartenzaun trat, trollten wir uns über alle Berge. Auf die Idee, ein Feuerwerk mitten in der Stadt zu veranstalten, wo wir jeden Anwohner gegen uns aufbringen würden, wären wir nie gekommen. Uns selbst wenn, dann wäre es uns nur ein einziges Mal passiert. Denn gegen das drohende Donnerwetter hätten unsere Silvesterknaller mal ganz übel abgestunken.

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Hier jedoch gab es keine Instanz, die den Kindern Einhalt gebot. Sie konnten machen was sie wollten und niemand schien sich jemals deswegen zu beschweren. Nach Heikos gescheitertem Versuch, die Kids zur Ruhe zu bringen, war ich an der Reihe. Beim ersten Mal erging es mir nicht anders als meinem Reisegefährten. Beim zweiten Mal jedoch verfolgte ich die Kinder bis nach unten auf den Hauptplatz. Vor einer Bar standen mehrere Erwachsene und einige der Kinder versteckten sich hinter deren Rücken.

„Sind das ihre Kinder?“ fragte ich einen der Männer.

„Ja!“ antwortete er.

Damit hatte er mir genug Anstoß gegeben um die Schleusen meines Ärgers zu öffnen. „Es kann doch nicht sein, dass Ihre Kinder hier das ganze Dorf terrorisieren, dass sie Böller und Steine an die Tür der Kirchenräume werfen, wildfremde Menschen belästigen und einen Lärm veranstalten, der noch bis ins Tal hinunter hallt. Das geht einfach nicht! Sie müssen endlich dafür sorgen, dass sich Ihre Kinder soweit anständig benehmen, dass sie keinem anderen Schaden zufügen und dass sie keine Gebäude zerstören!“

Der Mann nahm einen Schluck von seinem Bier und gab mir dann eine Antwort die mich noch mehr umhaute, als alles was sich die Kinder zuvor geleistet hatten.

„Ich verstehe ja ihren Ärger“, sagte er, „aber es sind eben Kinder! Sie wollen ja nur spielen und meinen es nicht böse. Kinder sind eben so!“

Es dauerte einen Moment, bis ich die Fassung zurück erlangte. Hatte der Mann gerade wirklich gesagt, dass die Kinder hier alles zerstören durften, was sie wollten, dass sie jede Grenze überschreiten und jedem schaden konnten, allein weil sie Kinder waren? Wenn sie die Kirche in Brand steckten oder einem Passanten aus lauter Langeweile ein Messer in den Bauch rammten, war das dann ebenfalls in Ordnung? Hieß es dann immer noch „Es tut mir wirklich leid, dass Sie da gerade im Sterben liegen, aber sie müssen verstehen, mein Sohn ist noch ein Kind und er hat es nicht Böse gemeint. Sagen sie ihrer Niere einfach, sie soll das Messer ignorieren und weiterarbeiten als wäre nichts passiert!“ Wo zog man da die Grenze? Denn weit waren diese Kinder nicht mehr von echter körperlicher Gewalt entfernt. Die Böller an unserer Glastür waren kein einfacher, harmloser Kinderstreich gewesen. Sie waren ein aggressiver Schrei nach Aufmerksamkeit, der Wunsch, endlich einmal gefasst und bestraft zu werden, nur um irgendeine Art von Reaktion zu bekommen, die den Kindern zeigte, dass sie überhaupt noch am Leben waren. Denn das leslyfaire Verhalten der Eltern war ja kein Ausdruck der Liebe ihren Kindern gegenüber. Es war ein Ausdruck von Faulheit und Unwillen, sich mit den kleinen Wesen zu beschäftigen. Den Kindern einen Weg aufzuzeigen, mit ihnen in Interaktion zu gehen, ihnen Grenzen, Ziele und Anhaltspunkte zu setzen, an denen sie sich orientieren konnten, wäre weitaus anstrengender gewesen, als ihnen mit einem Bier in der Hand bei der Zerstörung der Stadt zuzuschauen. Es lag nicht in der Natur der Kinder, kleine, nervende und brutale Zerstörer zu werden, sondern konstruktive, freie und liebende Mitglieder der Erdengemeinschaft. Doch sie sehnten sich nach Liebe und Anerkennung, von denen sie Süchtig geworden waren wie ein Junkie von Heroin. Diese Anerkennung forderten sie nun ununterbrochen ein und wenn sie sie nicht erhielten, dann suchten sie sich immer neue Wege, um sie sich zu erzwingen. Je mehr sie das taten, desto stärker stumpften die Eltern ab und zogen sich immer weiter zurück, weil ihnen der Widerstand gegen die kleinen Rebellen zu anstrengend wurde. Doch je mehr sie die Zügel fallen ließen, desto mehr mussten die Kinder anstellen, um doch noch das Gefühl eines Kontaktes zu bekommen. Sie waren nun bereits bei Sachbeschädigung und Psychoterror angelangt. Wie lange würde es wohl noch dauern, bis ihnen auch dies nicht mehr ausreichte und sie zu noch härteren Methoden greifen mussten?

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Einige dieser Fragen fielen mir leider erst im Nachhinein ein. Auf andere kam ich sofort und ich stellte sie dem Vater, der seine Lethargie am Ende zumindest ein bisschen abstreifte.

„Ok“, sagte er, „Ich rede mit ihnen!“

Er alleine hätte wohl nur wenig Erfolg gehabt, doch wie es der Zufall wollte bekam der Pfarrer Wind von der Sache. Er war die einzige Instanz, die hier noch eine Macht hatte. Die Kinder wussten, dass sie ihm im Kommunionsunterricht und in den Messen nicht entkommen konnten und wer wusste schon, ob ihnen nicht wirklich die Hölle drohte, wenn sie den Pfarrer verärgerten. Ein einziges Machtwort von ihm genügte und auf dem Platz herrschte Ruhe für den Rest des Abends.

Spruch des Tages: Kinder brauchen Freiheit, aber auch Grenzen

Höhenmeter: 220 m

Tagesetappe: 14 km

Gesamtstrecke: 13.262,27 km

Wetter: Regen und kalter Wind

Etappenziel: Privathaus des Pfarrers, 87017 Roggiano Gravina, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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2019-07-08T13:15:36+00:00 Italien, Sizilien, Tagesberichte|

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