Tag 1037: Heimurlaub – Teil 1

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Tag 1037: Heimurlaub – Teil 1

Tag 1037: Heimurlaub – Teil 1

19.-25.10.2016

Die Nacht in dem Bett zu verbringen, in dem ich vor knapp drei Jahren geschlafen hatte, bevor wir zu unserer Reise aufgebrochen waren, war ein seltsames Gefühl. Für Heiko war es natürlich noch einmal um ein Vielfaches seltsamer, denn er schlief nun wieder in seinem alten Kinderzimmer. Für rund eine Woche war dieses Zimmer und dieses Haus nun wieder unser Zuhause. An den ersten Tagen waren wir für uns alleine, was ganz gut war, um erst einmal wirklich anzukommen. Eigentlich wollten wir gleich am ersten Tag so richtig ausschlafen, um uns von unserem 70km Marathon und von den letzten Tagen, die ja auch nicht ganz unanstrengend waren, zu erholen. Aber unsere innere Uhr war noch immer auf 8:15Uhr eingestellt und so wachten wir zeitgleich auch ohne Wecker um diese Uhrzeit auf. In den folgenden Tagen wurde es dann immer etwas später, bis es sich schließlich auf 10:00 Uhr einpendelte. Das Wandern wollten wir auch zuhause nicht ganz aufgeben und so starteten wir unsere Tage regelmäßig mit einem Spaziergang durch Postbauer-Heng. Auch hier war es ein eigenartiges Gefühl, die alten, vertrauten Straßen entlangzuschlendern. Vieles war neu, angefangen von einer neuen Fassade für die Schule bis hin zu einer neuen Sporthalle, und doch hatte sich im Grunde nichts verändert. Auf dem Bauhof trafen wir einen von Heikos ältesten Freunden wieder, der bereits vor unserer Abreise hier gearbeitet hatte und der uns begrüßte, als wären wir gestern das letzte Mal da gewesen. Trotz der langen Zeit fühlte es sich mit ihm noch immer vertraut an und es war genauso locker und lustig wie immer. Es gab nicht viele Menschen, bei denen das so war.

Um auch von unseren Alltagsroutinen her nicht aus der Übung zu kommen, fragten wir beim heimischen Schlachter nach einer Leberkässemmel und waren fast erstaunt, dass wir hier genauso begeistert unterstütz wurden, wie überall sonst. Es spielte letztlich keine Rolle, ob man 18.000km von zuhause entfernt war oder 18 Meter. Wenn einen jemand unterstützen wollte, dann tat er es, wenn nicht, dann eben nicht. Auch das hatten wir am Anfang unserer Reise vollkommen anders eingeschätzt.

Die Nachmittage verbrachten wir damit, die ellenlange To-Do-Liste abzuarbeiten, die wir uns mitgebracht hatten. Es gab einiges an Aufgaben, das sich angestaut hatte und vieles davon konnten wir nur hier erledigen. Hinzu kamen noch einige Termine, wie beispielsweise mit Ingrid Maschek, der Journalistin von inTV, die uns bereits bei all unseren Projekten begleitet hatte und die auch bei unserer Abreise vor drei Jahren mit dabei war. Die beiden Berichte, die sie mit uns gemacht hat, könnt ihr euch hier anschauen:

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Gleich nachdem die Küche von Heikos Eltern zu einem Fernsehstudio geworden war, wurde sie zu einem Konferenzraum, in dem über die Zukunft der Wildnisschule entschieden wurde. Diese hat nun ab dem 01.01.2017 einen neuen Besitzer. Er heißt Axel Winter, ist ein erfahrener Wildnislehrer und Hunde-Tracking-Guide und wird die Schule in der alten Tradition weiterleben lassen. Wenn ihr also Survivaltrainings, Ausbildungen zum Wildnispädagogen, zum Waldkindergärtner oder zum Lebensberater im Bereich Naturmedizin machen wollt, könnt ihr diese und viele weitere Kurse nun wieder unter www.wildnisschule.net buchen.

Unsere Abende verbrachten wir dann entspannt in der heißen Badewanne, mit gutem Essen und mit Fernsehschauen. Wenn man schon mal zuhause war, musste man die Vorzüge ja schließlich auch genießen. Allerdings stellten wir fest, dass wir das Fernsehprogramm nicht mochten und dass uns die Serien auf dem Computer lieber waren. Wir saßen also im Wohnzimmer vor dem Fernseher, schauten aber letztlich doch wieder auf den kleinen Computerbildschirm. Man war eben ein Gewohnheitstier. Außerdem, ob ihrs glaubt oder nicht, war hier die Tonqualität bedeutend besser.

Der dritte Tag sah dann noch einmal etwas anders aus. Wir wollten Heidi, bzw. Tolinka besuchen und zuvor einen Abstecher nach Neumarkt machen. Bei dem vollen Programm war es unmöglich, alles zu Fuß zu erledigen und so stiegen wir auf ein Verkehrsmittel um, das Heiko schon seit Jahren nicht mehr und ich noch nie verwendet hatte. Wir fuhren mit einem Tandem. Prinzipiell ist sowas schon eine recht coole Sache, doch unser Tandem war leider ungefähr drei Nummern zu klein für uns. Die Tatsache, dass es mein erster Versuch war, mit einer Robe Fahrrad zu fahen, machte es auch nicht unbedingt leichter. Heiko setzte sich nach vorne, ich mich hinter ihn. Dabei versuchte ich, meine Beine irgendwie um die Griffstange herumzuschlingen, so dass ich nicht jedes Mal darin hängen blieb. Denn das schwierige bei einem Tandem ist, dass die beiden Pedalpaare zusammengeschaltet sind. Man kann also immer nur dann treten, wenn der andere auch tritt. Jedes Mal, wenn sich mein Knie also an der Griffstange verfing konnte auch Heiko seine Beine nicht mehr bewegen, was unserem Fahrtempo nicht sonderlich zu gute kam. Seine eigenen Beine passten natürlich ebenfalls nicht richtig unter die Lenkstange und er konnte nur dann treten, wenn er sich ganz hinten auf den letzten Rand des Sattels setzte. Auf dem Weg in die Neumarkter Innenstadt wurden wir dann zur internationalen Touristenattraktion. Wir sahen auch wirklich zum Schießen aus, wie wir da in Winterjacke und Mönchsrobe auf einem Minitandem herumschlingerten und bei jedem noch so kleinen Hügel kapitulieren mussten. Am Anfang ging es sogar ziemlich gut, doch dann begannen erst die Hintern- und Oberschenkelmuskeln später auch die Waden- und Unterschenkelmuskeln zu schmerzen. Immerhin hatten wir es bis dahin schon ans Ende der Frankenstraße geschafft. Jetzt fehlten nur noch die letzten 9,9 von 10 Kilometern.

Als wir Neumarkt erreichten fuhren wir nur noch mit reiner Willenskraft. Wer hätte gedacht, dass 70km wandern nicht so anstrengend ist, wie 10km Fahrrad fahren? Man brauchte dafür eben doch noch einmal vollkommen andere Muskeln.

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Jetzt aber fing die Herausforderung erst richtig an! Denn genau in dem Moment, in dem wir die Stadt erreichten, klingelte es zum Schulschluss und binnen weniger Sekunden wurden die Straßen mit Schulkindern geflutet. Dass Schüler in der Regel nicht die aufmerksamsten Vertreter des menschlichen Spezies sind ist allgemein bekannt, aber dass sie so unaufmerksam sind, hätten wir nun auch wieder nicht erwartet. Wir klingelten, riefen und begannen schließlich sogar zu schreien, aber von den meisten kam nicht einmal ein Zucken zurück. Was ungünstig war, da wir inzwischen zwar einigermaßen Fahren, aber noch immer nicht besonders gut bremsen konnten. Das bedeutete, dass wir nun eine Challenge im Slalomfahren mit bewegten hindernissen und ziemlich hohem Einsatz fahren mussten. Zum Glück kamen nur wenig Schüler dabei zu schaden und wir selbst überstanden die Angelegenheit unversehrt.

Wie sich herausstellte hatten die meisten Schüler das gleiche Ziel wie wir. Alles stömte in den sogenannten „Neuen Markt“ von Neumarkt, ein großes Einkaufszentrum, das man gegenüber dem „alten Markt“ in der Altstadt gebaut hatte. Als ich 2011 das erste Mal nach Neumarkt kam, war hier eine riesige Baustelle gewesen, die noch einmal fast genauso groß war, wie die Neumarkter Altstadt. Bei unserer Abreise 2014 hatte diese Baustelle noch immer unverändert gleich ausgesehen, mit Ausnahme des Unkrauts, das inzwischen deutlich höher gewachsen war. Jetzt stand hier ein Kollos von Gebäude, der definitiv wusste, wie man einen Platz beherrscht. Besonders schön war es nicht und ich begann mich zu fragen, ob mir die Baustelle nicht doch lieber gewesen war. Wir ketteten unser Tandem neben die anderen Dratesel und durchschritten das Eingangsportal des Shoppingcenters. Als erstes fiel uns die laute Belüftungsanlage auf, die die kalte Luft draußen und die warme drinnen halten sollte und von der wir wieder einmal geglaubt hätten, dass man so etwas in Deutschland nicht verbauen würde. Wir achteten auf solche Details wie Raumakustik und angenehme Atmosphäre, damit sich die Leute wohlfühlen konnten! Auch das war wohl wieder ein Irrtum. Als zweites fiel uns auf, dass es hier ansonsten genauso aussah, wie in jedem anderen Shoppingcenter dieser Welt auch. Mir kamen diese Dinger immer etwas wie Dimensionsschleusen vor, die einen aus der Stadt in der man sich befand direkt in ein Paralleluniversum führten. Sobald man im inneren war, konnte man praktisch überall sein, da es keinen Bezug mehr zu der Stadt gab, die vor der Tür auf einen wartete. Ging man in Neumakrt in eine Shoppingmall und kam beim herausgehen plötzlich in Berlin wieder heraus, würde man sich darüber wahrscheinlich nicht einmal großartig wundern.

Das dritte was uns auffiel war das erstaunliche Fehlen von Flüchtlingen. Wir hatten in den letzten Tagen bereits mehrfahr gehört, dass sich seit dem Flüchtlingsboom besonders viele Syrer im neuen Markt aufhielten, da es hier warm und trocken war und man sich deshalb gut treffen konnte. Auffällig sei nur, dass diese Flüchtlinge alle überhaupt nicht aussahen, als wären sie arm. Die meisten waren gut gekleidet und spielten in ihren Smartphones, wie jeder vernünftige junge Mensch heutzutage. Orientalisch oder südländisch angehauchte Mitbürger, die mit Handys spielten konnten wir tatsächlich einige ausmachen, doch es waren ganz sicher keine syrischen Flüchtlinge, sondern hauptsächlich Türken und Albaner, die größtenteils schon immer hier gelebt hatten. Einige von ihnen kannten wir sogar noch von den Berufsförderprogrammen, die wir vor Jahren einmal mit der Volkshochschule angeboten hatten. Es war schon irgendwie verrückt, was so eine Propaganda mit uns Menschen machte. Überall wurde in den Medien von der Flüchtlingsproblematik gesprochen und schon sahen die Menschen überall Flüchtlinge. In Griechenland hatte man ja sogar uns für arabische Terroristen gehalten, weil wir Halstücher trugen und Ausländer waren. Hier war es nicht anders. Ein Grieche, der mit einer Reisetasche herumlief, brauchte diese garantiert nicht irgendwo stehen lassen, um kurz einmal aufs Klo zu gehen, wenn er nicht als Terrorist verhaftet werden wollte.

Nach dem Besuch in der Mall drehten wir noch eine Runde durch die Innenstadt. Als besonders schön empfanden wir es nicht und der einzige Grund, warum wir die Stadt nicht als vollkommen laut und grausam wahrnahmen war, dass wir hier jeden Schleichweg kannten, mit dem man die Hauptverkehrswege umgehen konnte. Und doch war uns die Stadt fremd geworden, genauso sehr, wie wir ihr. Es gab nur wenige vertraute Gesichter und viele der Passanten schauten uns noch weitaus komischer an, als wir es von anderen Orten gewohnt waren. Am meisten aber traf uns, dass unser Lieblingsdöner in der Bahnhofsstraße nicht mehr existierte. In den letzten Monaten vor unserem Aufbruch war diese Dönerbude zu unserem Stammlokal geworden und die Besitzer hatten uns bereits mit Namen und Essenswünschen gekannt. Am Ende mussten wir nicht einmal mehr bestellen, sondern bekamen unsere Dönerbox sobald wir nur durch die Tür traten. Seit unserer Abreise hatten wir uns darauf gefreut, eines Tages wieder hier vorbeizuschauen und uns den Bauch vollzuschlagen. Und jetzt, da wir diese Gelegenheit wirklich hatten, war der Dönerstand nicht mehr da. Stattdessen gab es nun ein türkisches Restaurant am anderen Ende des Parkplatzes, das jedoch nicht mehr vom Dönermann unseres Vertrauens geführt wurde.

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Enttäuscht und hungrig kehrten wir zu unserem Tandem zurück und fuhren weiter nach Döllwang um Heidi zu besuchen. Der erste Streckenabschnitt führte uns nun wieder am selben Kanal entlang, an dem wir auch nach Neumarkt hineingewandert waren. Jetzt, da der Fahrtwind lauter und unsere Aufenthaltsdauer kürzer war, nahmen wir den Verkehr nicht mehr so deutlich und so störend war. Vielleicht lag es aber auch daran, dass wir viel zu sehr damit beschäftigt waren, nicht ins Wasser zu fallen. Die zweite Hälfte der Strecke führte uns an einer Straße entlang konstant den Berg hinauf. Unsere Muskeln brannten bereits nach einigen Metern und Heiko schaltete in den ersten Gang hinunter, damit wir uns überhaupt noch auf den Beinen halten konten. Die letzten zwei Kilometer vor Döllwang, kapitulierten wir vollständig, stiegen ab und schoben das Rad den Berg hinauf. Das Gefühl mag trügen, aber es kam mir sogar ein bisschen so vor, als wären wir dadurch schneller geworden.

Der Rest des Nachmittages und auch der Abend wurde hingegen deutlich entspannter. Wir fachten den Kamin in Heidis Wohnung an, kochten uns gemeinsam ein Gericht aus Blaukraut und Bratwürstchen und ließen den lieben Gott einen guten Mann sein, wie man so schön sagt. Das Highlight (abgesehen vom Wiedersehen mit Heidi natürlich) war ein Besuch in der hauseigenen Sauna. Sie befand sich im Garten und zwischen den Saunagängen konnte man sich im Freien in dicke Militärschlafsäcke kuscheln. Rings um uns herum prasselte der Regen hernieder und doch fühlten wir uns warm und geborgen. Kan man sich etwas schöneres vorstellen?

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Als wir schließlich die Heimfahrt anbrachen war es bereits nach Mitternacht. Der Regen hatte glücklicherweise etwas aufgehört, so dass es uns nicht vollkommen durchnässte. Aus dieser Richtung freuten wir uns nun auch darüber, dass Döllwang oben auf einem Berg lag, denn nun konnten wir fast die gesamte Strecke bis zum Kanal herunterrollen. Bergab ist radfahren bedeutend weniger anstrengend, dass muss man wirklich sagen! Dummerweise landeten wir unten zunächst auf der falschen Seite des Kanals. Theoretisch war das nicht schlimm, denn beide Seiten führten ja in die richtige Richtung, aber praktisch endete der Weg hier nach einigen Metern und wurde zu einer Offroadpiste mit lauter Wurzeln, Schlaglöchern und Maulwurfshügeln. Wir waren selbst überrascht, dass wir es schafften, hier nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Gerade als wir glaubten, das Schlimmste überstanden zu haben, endete jedoch auch der Offroadbereich und ein Steilhang trat direkt an den Kanal heran. Uns blieb also nichts anderes übrig, als kehrt zu machen und uns den Weg auf der anderen Kanalseite zu suchen.

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie froh wir waren, als wir schließlich das Haus von Heikos Eltern erreichten. Es war, als hätten sich die Sattel für immer in unsere Hintern gebrannt und auch am nächsten Tag spürte ich bei jedem Hinsetzen noch genau den Abdruck.

Spruch des Tages: Wer hätte gedacht, das Radfahren so anstrengend ist?

Höhenmeter: 410 m

Tagesetappe: 23 km

Gesamtstrecke: 18.956,27 km

Wetter: kalt, trübe und regnerisch

Etappenziel: Privates Gästezimmer über der freiwilligen Feuerwehr, Neresheim, Deutschland

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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2019-06-29T09:36:07+00:00 Deutschland, Tagesberichte|

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