Tag 575: Geisterstunde

Tag 575: Geisterstunde

Tag 575: Geisterstunde

Am Abend beim Essen ging es dann noch einmal konkret um die Angst vor dem Wald bei Nacht. Das Kochen hatte sich wieder etwas hinausgezögert, da unser Kocher zurzeit nicht so wirklich brennen möchte und so aßen wir wieder einmal im Dunkeln. Zum ersten Mal auf der Reise konnte ich dadurch sogar einen Sitzplatz machen. Klasse für was man alles Zeit hat, wenn man sich die Arbeit ein bisschen aufteilen kann. Doch zurück zum Thema.

Tagsüber fühlte sich Paulina im Wald genauso wohl wie wir. Es war ein Ort, der Ruhe, der Nähe zur Natur und des Schutzes. In der Nacht änderte sich dieses Gefühl jedoch schlagartig. Nun wurde der Wald unheimlich. Er war die Heimat des Unbekannten. Hier lebten wilde Tiere, Räuber, Monster und Geister. Es ist echt erstaunlich, wie viele Menschen Angst vor Wäldern haben, wenn man bedenkt, dass sie die geschütztesten und lebensfreundlichsten Orte überhaupt sind. Zumindest an Land. Andererseits ist es kein Wunder, denn wir haben ja auch über Jahrhunderte hinweg die Gefährlichkeit des freien Lebensraums propagiert. Das fing bereits mit Gruselgeschichten und Märchen wie die vom bösen Wolf an und setzt sich bis heute über Filme von der bösen und gefährlichen Wildnis fort. Das ist auch wichtig, denn wie könnte man Menschen sonst dazu bewegen, freiwillig in so unwirtlichen und grausamen Orten wie Städten zu leben, wenn man ihnen nicht Angst vor dem machen würde, was dort draußen ist. Vor unserem wahren Lebensraum.

Aber zurück zu Paulina. Nach dem Essen wurde ihre Angst so groß, dass sie sich nicht in der Lage fühlte, die zwei Meter zu ihrem eigenen Zelt zu gehen und sich dort alleine zum Schlafen zu legen. Grund genug also, um der Angst einmal auf den Grund zu gehen.

Bereits als kleines Kind hatte Paulina hin und wieder Präsenzen gespürt, die kein anderer wahrnehmen konnte und die deshalb von ihren Eltern und anderen Bezugspersonen ihrer Phantasie zugeschrieben wurden. Es gibt keine Geister, also brauchst du auch keine Angst haben. Dennoch blieb das Gefühl dass sie immer wieder von einer männlichen Präsenz besucht oder begleitet wurde, die ihr irgendwie Angst machte.

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Als sie etwa 15 Jahre alt war, kam es aufgrund einer defekten Heizdecke zu einem Brand im Schlafzimmer ihrer Eltern. Zunächst war es nur ein Schwelbrand, der zu einer enormen Rauchentwicklung führte und schließlich das ganze Schlafzimmer entflammte. Während ihre Mutter die Haustiere in Sicherheit brachte, versuchte Paulina den Brand mit einem Feuerlöscher zu löschen, was jedoch in erster Linie dazu führte, dass ihre eigene Panik aufloderte. Schließlich wurde sie von der Feuerwehr nach draußen gebracht und in einen Krankenwagen gesteckt.

In den kommenden Wochen traute sie sich nicht mehr alleine in ihrem Zimmer zu schlafen, da sie sich sicher war, hier einem Geist zu begegnen, der sie einfach nicht in Ruhe ließ. Sie packte also ihre Sachen und zog aufs Sofa ins Wohnzimmer. Auch der Spott ihrer Eltern konnte sie nicht davon abbringen. Später verdrängte sie die ganze Situation weitgehend, doch die Angst vor dem Geist blieb.

Einige Jahre später verstarb ihr Opa und von da an hatte sie hin und wieder das Gefühl, dass er bei ihr war um ihr in schwierigen Situationen beizustehen. Auch auf der Reise hatte sie seine Präsenz einige Male gespürt.

Warum aber war er da?

Seit wir in Medjugorje mit dem Leiter der Malteserstation über Besetzungen gesprochen haben, haben wir uns eingehender mit dem Thema befasst und auch schon einiges darüber geschrieben. Wenn in der nächsten Zeit etwas Luft ist, dann stellen wir den Bericht dazu einmal ein, damit die ganze Thematik etwas klarer wird. Jetzt kann ich leider nicht alles beschreiben, sondern nur kurz auf das Nötigste eingehen.

In unserer Kultur gehen wir im Allgemeinen davon aus, dass es nichts gibt, das wir nicht mit den bloßen Augen sehen können. Abgesehen von Elektrizität und atomarer Strahlung natürlich. Geister, Spirits, energetische Wesenheiten und dergleichen sortieren wir hingegen ins Reich der Phantasie, obwohl fast jeder als Kind derartige Präsenzen gespürt hat. Da wir von unseren Eltern jedoch lernen, dass das Quatsch ist, legen wir die Fähigkeit sie wahrzunehmen ab und sind dann schnell bereit auch unseren Kindern einzureden, sie würden sich all diese Dinge nur einbilden. Dennoch erhalten sich einige Menschen die Fähigkeit und in vielen anderen Kulturen ist es vollkommen normal mit Geistern und anderen energetischen Wesen zu kommunizieren. Auf bei uns gibt es seit Jahrhunderten Geschichten darüber die uns immer wieder faszinieren, auch wenn wir behaupten, sie entstammen nichts weiter als bloßer Fantasie. Vergessen wir jedoch einmal für einen Moment, dass wir Meister der Verleugnung sind und gehen wir davon aus, dass es neben der sichtbaren, physischen Welt auch weitere Welten gibt, die unseren Sinnen zumeist verborgen bleiben. Wie ja bereits unsere Wissenschaftler festgestellt haben, besteht auch Materie lediglich aus Energie, die auf eine bestimmte Art und Weise schwingt. Nichts hält uns also davon ab zu glauben, dass es andere Wesen gibt, die auf eine andere Art schwingen, so dass wir sie nicht sehen können. Ähnlich, wie wir ja auch kein Ultraschall hören und keine Mikrowellen sehen können, obwohl sie zweifelsfrei existieren.

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Was aber ist nun ein Geist?

Anders als Hüter, Spirits, Engel und andere Helferwesen, sind Geister keine rein energetischen Geschöpfe. Es sind Seelen von physischen Wesen, die nach ihrem Tod aus irgendeinem Grund nicht bereit oder in der Lage waren, den Weg zurück zur Quelle zu gehen. Vielleicht hatten sie noch unerledigte Aufgaben und konnten deshalb ihr Leben nicht loslassen. Oder aber sie starben auf eine für sie selbst so unerwartete Weise, dass sie den Tod nicht akzeptieren können.

Soweit wir es herausfinden konnten, war bei Paulinas Opa das erstere der Fall. Er war ein Mensch, der sich selbst stets für andere aufgeopfert hat, so dass er sein eigenes Sein nicht wirklich annehmen konnte. Viele seiner Themen sind denen von Paulina sehr ähnlich und so beschloss seine Seele nach seinem Tod, Paulina bei der Auflösung ihrer Themen zu helfen, so dass sich beide gegenseitig befreien können.

Mitten in der Nacht wachte Paulina plötzlich auf und spürte deutlich, dass sie nicht alleine war. Jemand war bei ihr, sie konnte nur nicht genau sagen, wer es war. Oder waren es vielleicht mehrere? Immerhin waren beide Großväter nicht mehr am Leben und vielleicht war es ja auch der andere?

„Wer bist du?“ fragte Paulina in die Nacht hinein. „Bist du der Vater meiner Mutter oder der Vater meines Vaters?“

Plötzlich spürte Paulina, wie sich ihre Hände verkrampften. Ohne dass sie es wollte, zogen ihre Muskeln an beiden Händen die Daumen nach innen, wie es oft bei Menschen mit spastischen Lähmungen der Fall ist.

Auch der Großvater, dessen Präsenz sie bereits einige Male gespürt hatte, hatte zu Lebzeiten eine solche Lähmung der Daumen gehabt. Paulina wusste nicht warum, doch ihr war klar, dass diese Verkrampfung ein eindeutiges Zeichen für die Identität des Geistes war. Zum ersten Mal ließ sie ihre Angst zu und versuchte mit dem Geist in eine Verbindung zu kommen. „Warum bist du hier? Weißt du dass du mir Angst machst? Was möchtest du mir mitteilen?“

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Eine klare Antwort bekam sie nicht, aber die Angst ließ nach und schließlich konnte sie sogar wieder einschlafen.

Bei einer Pause am nächsten Tag testeten wir noch einmal Paulinas Muskeln aus um genaueres herauszufinden. Dabei stellte sich heraus, dass es außer ihrem Großvater noch einen weiteren Geist gab, der stets präsent war und der in ihr wie eine Art Besetzung steckte. Keine Angst, ihr braucht jetzt nicht gleich an den Exorzisten denken, das ist keine große Sache. Wie gesagt, wir gehen demnächst noch einmal genauer darauf ein.

Dieser zweite Geist hatte jedoch anders als der erste keine direkte Verbindung zu Paulina. Er war weder ein Ahne noch ein anderer Verwandter oder Bekannter oder in irgendeiner Weise mit der Familiensystematik von Paulina verbandelt. Es war einfach ein Geist, der die gleichen Ängste hatte wie Paulina und der zufällig in einem Moment der Schwäche zugegen war um eine Spiegelpartnerschaft einzugehen. Ein bisschen so, wie wenn man auf einer Reise jemanden trifft, der ähnliche Vorstellungen vom Leben hat und mit dem man von nun an gemeinsam reist, um sich gegenseitig zu unterstützen.

Spruch des Tages: Wir glauben doch an kleine grüne Geister (Die Schlümpfe)

 

Höhenmeter: 20 m

Tagesetappe: 11 km

Gesamtstrecke: 10.212,77 km

Wetter: sonnig und heiß

Etappenziel: Zeltplatz neben dem Grenzfluss, Vrhpolje, Serbien

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