Tag 652: Grenzerfahrungen – Teil 4

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Tag 652: Grenzerfahrungen – Teil 4

Tag 652: Grenzerfahrungen – Teil 4

Fortsetzung von Tag 651:

Jetzt waren wir vollkommen fassungslos. Wie konnte sie das sagen? Wie konnte sie so viel verstanden haben und sich dann trotzdem gegen ihr eigenes Herz entscheiden. Wenn das ihr Wunsch war, dann mussten wir das natürlich akzeptieren, aber begreifen konnten wir es nicht. Ich kam mir vor, als hätte ich seit einem Monat mit einer Wand geredet, ohne zu merken, dass es eine Wand war, die überhaupt nichts von mir hören wollte. In Heiko brach eine ganze Welt zusammen. Ein Jahr lang hatte er sich gemeinsam mit Paulina auf das Leben als Weltreisepaar vorbereitet und nun, wo alles soweit war, dass es wirklich funktionieren konnte, scheiterte es daran, dass Paulina nicht ja dazu sagen konnte. Er war enttäuscht, traurig und fühlte sich so verletzt, dass er nicht anders konnte, als vor Wut überzukochen. Es gab ein riesiges Geschrei zwischen ihm und Paulina und auch wenn ich gerade nicht mehr ganz sicher bin, glaube ich, dass ich auch einiges dazu geschrien habe.

„Tobi, wir packen zusammen und gehen!“ sagte Heiko schließlich mit verbitterter, trauriger Stimme. „Ich kann das nicht! Ich werde nicht zuschauen, wie sie sich selbst umbringt und ich will damit einfach nichts mehr zu tun haben. Paulina, geh deinen Weg, wenn du meinst dass das richtig für dich ist, aber ohne uns. Wir sind weg. Ich werde mich die Nacht hier nicht überfallen lassen, nur weil du nicht zu dir stehen kannst!“

Paulinas Gesicht zeigte vollkommene Verzweiflung und Panik.

„Das könnt ihr nicht machen!“ schrie sie, „Ihr könnt mich hier nicht einfach zurücklassen! Nicht mit diesem Psychopathen im Wald!“

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„Doch!“ sagte Heiko ernst, „das können wir! Wir sind nicht deine Eltern. Wir sind nicht für dich verantwortlich und wir sind nicht dafür da, deinen Hals aus der Schlinge zu ziehen, in die du ihn selbst hinein steckst. Es ist noch hell und du kannst einfach zurück in die Stadt gehen um dir dort ein Hotel zu suchen, wenn du hier nicht bleiben willst. Das ist deine Sache! Aber ich werde mir nicht mit anschauen, wie du dein Leben weg wirfst und laut nach einem Vergewaltiger schreist. Es kotzt mich an, dass du nur an dich denkst und dass wir dir vollkommen scheißegal sind. Du kannst nicht zu dir stehen, willst als Opfer einen Täter nach dem nächsten anziehen und wir sollen dafür Verständnis haben. Aber dass du uns damit ebenso in Gefahr bringst, dass ist dir egal. Wir sollen nicht hier bleiben, weil du uns da haben willst, sondern weil wir für dich den Kopf hinhalten sollen, wenn es schief geht. Tut mir leid, aber da mache ich nicht mit. Wenn du gehen willst, dann geh, aber dann geh jetzt gleich!“

Wieder kam es zu wildem, verzweifelten Geschrei, erst von Seiten Paulinas, dann wieder von Heiko, dem der Geduldsfaden riss. Am Ende rannte Paulina einfach weg, mitten in den Wald hinein, in genau die Richtung in die auch unser leicht psychopathischer Freund verschwunden war.

„Was macht sie denn jetzt?“ fragte Heiko vollkommen verwirrt an mich gewandt. Ich konnte jedoch nicht mehr tun, als mit den Schultern zu zucken. Glaubte sie ernsthaft, dass sie das Problem lösen konnte, wenn sie alleine in den Wald rannte? Was sollte das verbessern? Langsam wünschte ich mir doch die Zeiten zurück, in denen ich Sonderschulklassen mit 30 verhaltensgestörten Kindern betreuen musste. Das erschien mir plötzlich bei weitem nicht mehr so anstrengend gewesen zu sein, wie das, was wir jetzt gerade versuchten.

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Da eine Lösung her musste machten wir uns auf die Suche nach Paulina, in der Hoffnung, sie wieder zu Vernunft bringen zu können. Doch sie war wie vom Erdboden verschluckt. Es dauerte gut eine halbe Stunde, bis sie wieder aufgetaucht war. Die Zeit hatte gereicht um uns alle wieder etwas zu beruhigen, doch als wir anschließend erneut gemeinsam zwischen den Zelten standen, dauerte es keine fünf Minuten, bis die Gemüter wieder so hoch gekocht waren, dass es zu einem erneuten Ausbricht von Tränen, Schreien, Wut, Angst und Verzweiflung kam. Die ganze Aktion war für das Vorhaben, eine ruhige Nacht hier zu verbringen, natürlich nicht besonders förderlich gewesen. Im Umkreis von 10 Meilen wusste nun jeder dass wir hier waren und dass wir nicht gerade an einem Strang zogen. Der Sonderling oben im Wald lachte sich sicher schon ins Fäustchen.

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Und wieder waren wir beim gleichen Muster angelangt, das wir schon so oft durchgespielt hatten. In dem Moment in dem Paulina ihre Entscheidung getroffen hatte, nicht länger Teil der Gruppe sein zu wollen, war es früh genug gewesen um sicher ins nächste Hotel zu gelangen. Natürlich musste sie dabei wieder an den komischen Typen vorbei, die bereits auf dem Hinweg versucht hatten, sie anzumachen. Es war also nicht ganz ungefährlich, aber es war hell und der Weg war nicht besonders weit. Durch das ganze Rumgeschreie, die Weglaufaktion und das ewige Hin und Her war inzwischen jedoch so viel Zeit vergangen, dass es bereits dunkel wurde. Nun war es eindeutig zu spät für alles. Es war zu spät für Paulina um in die Stadt zu gehen und es war zu spät für uns, um uns einen neuen Schlafplatz zu suchen. Gleichzeitig hatten wir alle drei laut „Hier!“ geschrien und unsere Tarnung damit vollkommen zerstört. Oben am Weg zeichneten sich bereits mehrere Schatten von Schaulustigen ab, die uns permanent anstarrten um herauszufinden, was hier wohl los sei.

Irgendwie fingen wir uns wieder und da wir keine andere Wahl hatten, trafen Heiko und ich eine neue Entscheidung. Wir würden die Nacht über hier bleiben und Paulina bekam Zeit um sich zu überlegen ob sie die Entscheidung wirklich so treffen wollte, wie sie es beim Abendessen gesagt hatte. Wenn ja, sollte sie in die Stadt zurück gehen, noch ehe wir am Morgen aufstanden. Wenn nein, dann sollte sie sich ganzen Herzens und in jeder Konsequenz für ihr Nomadensein entscheiden und weiter mit uns mitgehen. Eine andere Möglichkeit sollte es nicht geben. Erst jetzt, wo ich das schreibe wird mir bewusst, dass sie es auch an dieser Stelle wieder einmal schaffte, der Entscheidung aus dem Weg zu gehen, ohne dass wir es merkten. Doch dazu später mehr.

Nach dem der Trubel vorbei war, fiel Paulina auf, dass ihre Stirnlampe verschwunden war. Wir suchten den Zeltplatz ab, konnten sie aber nirgends finden. Sie musste sie verloren haben, als sie davon gelaufen war. In einer Nacht wie dieser, war das natürlich besonders ärgerlich.

Schließlich setzten wir uns noch einmal in unserem Zelt zusammen und sprachen in Ruhe über die Dinge. Nun wurden Paulina einige Dinge klar, zumindest für diesen Moment. Ihr größtes Problem war, dass sie das Gefühl hatte, dass sie jeder, der mit ihr zu tun hatte ständig verunsicherte. Dies war ebenfalls ein Grund, warum sie keine Entscheidung treffen konnte. Es gab zu viele Meinungen und Ansichten, die es zu berücksichtigen galt. Doch genau hier lag der Denkfehler. Nicht die Fremdmeinungen und Verunsicherungen machten die Entscheidung schwer, sondern die fehlende Entscheidung verursachte die Verunsicherungen. Wenn man beispielsweise ein Haus kauft und man sich bereits zu 100% dazu entschieden hat, dann gibt es nichts mehr, was einen noch verunsichern kann. Andere Menschen können ihre Meinung dazu sagen, doch es bleibt ihre Meinung, weiter nichts. Ist man sich jedoch unsicher, ob man sich ein Haus kaufen sollte oder nicht, dann lädt man mit dieser Unsicherheit jeden Menschen in seiner Umgebung ein, einen zu „beraten“. Jeder gibt seinen Senf dazu, redet dafür oder dagegen und am Ende weiß man gar nichts mehr. All diese Meinungen und Ratschläge haben jedoch nichts mit dem potentiellen Hauskäfer zu tun, sondern nur mit dem Leben der Ratgeber. Jemand der lieber in der Stadt lebt, wird zu einer Wohnung in der Innenstadt raten, jemand der für sein Leben gern Gemüse anbaut wird ein Haus mit einem großen Garten empfehlen und so weiter. Nichts davon ist hilfreich für den Käufer, es sei denn, er ist sich sicher, dass er den Rat von bestimmten Leuten einholen möchte, denen er in diesem Bereich vertraut. Alles andere ist nur eine Projektion seiner eigenen Unsicherheit und kann niemals zur Klarheit führen. Nichts anderes war es bei Paulina. Jeder erzählte ihr von seinen eigenen Ängsten, Bedenken und Träumen, weil sie jeden dazu einlud. Sobald sie sich selbst jedoch sicher war, konnte es diese Verunsicherungen nicht mehr geben. Es konnte sein, dass Menschen ihrer Meinung waren und ihre Entscheidung unterstützten und es konnte sein, dass andere sie für verrückt hielten. Doch beides war in Ordnung und hatte nichts mehr mit Paulina zu tun.

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„Moment!“ sagte sie mit einem Leuchten in den Augen, „Dass bedeutet ja, ich muss mich gar nicht mit jedem streiten, der mit meinem Weg nicht einverstanden ist. Ich kann einfach sagen, dass ich jeden Einlade, sich mit mir zu freuen und in Gedanken bei mir zu sein, dass es für mich aber auch in Ordnung ist, wenn die anderen es nicht können. Ich gehe meinen Weg und wer mitgehen kann, ist willkommen und wer nicht, bei dem ist es auch gut?“

„Genau!“ sagte Heiko, „dass ist es, worauf wir die ganze Zeit hinaus wollen. Du sagst immer, dass dich jeder verstehen muss und dass jeder es gut finden muss, was du machst. Erst dann kannst du es durchziehen. Aber damit schreibst du allen anderen vor, wie sie zu denken haben. Überlass ihnen doch ihre eigene Meinung. Sie ist ja vollkommen in Ordnung, egal wie sie ausfällt. Aber deine Meinung ist genauso in Ordnung und du bist frei, dein Leben so zu gestalten wie du es willst. Genauso, wie es jedem anderen frei steht, deine Entscheidung für bescheuert, wahnsinnig oder dämlich zu halten. Du kannst und musst sie nicht davon abhalten und sie können dich nicht von deinem Weg abhalten. Der einzige, der das kann und der es auch die ganze Zeit tut, bist du, weil du der Meinung bist, dass dich jeder toll finden muss.“

„Ok!“, sagte Paulina, „ich glaube das verstehe ich langsam!“

Damit machten wir Schluss für diesen Abend. Paulina ging in ihr Zelt hinüber um die Erkenntnisse des Abends in ihrem Tagebuch festzuhalten und Heiko und ich schauten uns noch eine Serie an um etwas abzuschalten. Doch gerade als es spannend wurde, hörten wir einen lauten Schrei aus Paulinas Zelt: „Heiko! Tobi! Er ist da!“

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Sofort rissen wir die Zelttür auf und sprangen nach draußen. Heiko war innerhalb von Sekunden bei Paulina, hatte dabei jedoch keine Zeit gehabt, sie die Schuhe anzuziehen, was bei den dornigen Bodenbewuchs eher suboptimal war. Paulina stand nun ebenfalls vor ihrem Zelt. Aufgeregt erzählte sie uns, dass sie gespürt hatte, wie jemand die Heringe aus ihrem Zelt gezogen hatte. Bei ihrem Aufschrei war der Unbekannte dann jedoch sofort weggelaufen. In die gleiche Richtung, in der auch der Sonderling verschwunden war.

„Hast du meine Schuhe mitgebracht?“ fragte Heiko an mich gewandt.

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„Nein, aber du kannst meine haben!“ sagte ich und gab sie ihm, woraufhin er mit einer Wasserflasche bewaffnet die Verfolgung des Übeltäters aufnahm. Ich lief zu unserem Zelt zurück und holte mir neue Schuhe, um mich vor dem piecksigen Untergrund zu schützen. Dabei schnappte ich gleich auch das Pfefferspray, das wir für Notfälle immer im Rucksack aufbewahrten. Eine Stirnlampe wäre jetzt natürlich hilfreich gewesen, doch die lag irgendwo im Wald. Heiko kehrte zurück und wir suchten gemeinsam den Zeltplatz und die nähere Umgebung nach einem Menschen ab. Ohne Erfolg. Dann trennten wir uns. Heiko lief mit der Handylampe und der Wasserflasche die Straße hinauf und Paulina und Ich blieben mit den Pfeffersprays am Camp. Als Heiko oben im Wald ankam, sah er gerade noch, wie der kauzige Knilch sein Auto erreichte und damit weg fuhr. Ein kleines Stück rannte er hinter dem Wagen her um deutlich zu machen, dass er es wirklich ernst meinte. Dann kehrte er um und kam zu uns zurück.

Den Rest der Nacht blieb es ruhig, doch zum zweiten Mal hintereinander brachte Paulina kaum ein Auge zu vor lauter Angst. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass es einen Unterschied gibt, zwischen einer irrationalen Angst und einer realen Gefahr. So sehr, wie sie sich zuvor noch vor den einsamen, dunklen Wäldern gefürchtet hatte, so sehr sehnte sie sich diese nun herbei. Klar gab es dort unheimliche Geräusche, seltsame Tiere und vielleicht sogar Geister. Doch verglichen mit volltrunkenen oder psychopathischen Menschen, waren sie Harmlos und ihr wurde klar, dass die Angst vor der Dunkelheit nichts im Vergleich war zu der Angst vor einem möglichen Vergewaltiger, der draußen vor der Tür oder vor ihrem Zelt auf sie lauerte.

Spruch des Tages: Es gibt einen Unterschied zwischen realer Gefahr und irrationaler Angst.

Höhenmeter: 290 m

Tagesetappe: 18 km

Gesamtstrecke: 11.620,27 km

Wetter: bewölkt und neblig, später hin und wieder sonnig

Etappenziel: Zeltplatz auf einem Feld, 44017 Vrosína, Griechenland

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