Tag 516: Nobelmönche

Tag 516: Nobelmönche

Tag 516: Nobelmönche

Kaum kamen wir wieder zurück in besiedeltes Gebiet, war es mit der Harmonie der Natur auch schon wieder vorbei. Es ist wirklich verrückt, wie wenig Zivilisation notwendig ist, um alles auf den Kopf zu stellen. Bislang ist uns das einfach noch nicht aufgefallen, weil der Kontrast nie so deutlich wurde wie hier. Doch so schön die menschenleere Natur auch war, ganz ohne Zivilisation kamen wir zur Zeit nicht aus. Wir brauchten Wasser, Nahrung und Strom, wenn wir auf die Weise weiterreisen wollten, wie wir es wollten. Und so wie es aussah, brauchten wir nun auch noch dringend Internet, denn wir näherten uns der Kroatischen Grenze und damit auch der Mittelmeerküste. Doch wie es dort weitergehen sollte, das wussten wir noch nicht. Konnten wir dort überhaupt entlangwandern? Oder gab es durch die Steilküste ähnlich wie in Italien nur grässliche Hauptstraßen, die einem jeden Schritt zur Qual machten? Wir wussten es nicht, doch wir sollten es besser herausfinden, bevor wir keine Wahl mehr hatten, welchen Weg wir einschlagen sollten. Abgesehen davon hatten wir bereits seit Tagen nicht mehr geduscht und auch unsere Kleidung brauchte dringend eine Wäsche.

Doch gestern Abend wurde es damit noch nichts. Wir erreichten zwar zwei kleine, aneinandergekettete Dörfer mit den Namen Lug und Kuk, in denen es sogar eine Kirche gab, doch der Pfarrer wollte uns keinen Platz geben. Das heißt, so genau wissen wir das eigentlich gar nicht, denn er wollte uns nicht einmal zuhören. Also zogen wir wieder raus aufs Feld und bauten dort unser Nachlager auf. Anschließend kehrte ich noch einmal ins Dorf zurück um nach Wasser und einem Abendessen zu fragen. Dabei profitierten wir von einem Abschlussgrillen. Ein Mann, der seit vier Jahren in München arbeitete und gerade für eine Woche seine Familie besucht hatte, fuhr nun wieder nach Hause. Heute war der letzte Tag und da hatte seine Familie noch einmal ordentlich aufgetischt. Alles, was dabei übrig geblieben war, bekamen wir nun geschenkt. Später kamen dann noch einmal seine Freunde bei uns am Zelt vorbei und brachten uns Würstchen und Tomaten. Es war wirklich unglaublich, wenn man einmal als guter Mensch eingestuft wurde, dann bekam man hier jede Unterstützung, die man sich vorstellen kann. Sofern sie sich die Einheimischen vorstellen können, versteht sich.

Heute waren es dann nur noch gut 6km bist in die Stadt. Tomislavgrad hatte ebenfalls nur etwa 5000 Einwohner und war für eine Stadt recht angenehm. Gleich beim Betreten kamen wir an ein Franziskanerkloster. Als wir vor der Kirche standen fuhr ein 7ener BMW an uns vorbei. Er hielt an und die Scheibe wurde heruntergekurbelt. Dahinter kam der Superior des Klosters zum Vorschein. Mit dem Armutsgelübde nahm man es hier also offensichtlich nicht so eng. Er fragte, ob er uns helfen könne, hatte es dann aber plötzlich sehr eilig. Schließlich speiste er uns mit einem unverbindlichen: „Wir reden später darüber!“ ab.

Im Klostergarten trafen wir dann jedoch auf einen anderen Mönch, der wesentlich zuvorkommender war. Er durfte zwar nicht entscheiden, ob wir hier bleiben konnten oder nicht, lud uns aber erst einmal auf ein Getränk und später auf eine Mittagessen in einem Restaurant ein. Es gab die bosnische Spezialität, wie wir zuvor schon einmal zum Frühstück bekommen hatten: In Fladenbrot eingepackte Mettröllchen mit Majonäse, Zwiebeln und sehr viel Öl. Wirklich viel Öl. Es schmeckte nicht schlecht, lag jedoch im Bauch wie ein Stein. Gut, das wir heute nicht mehr viel laufen mussten. Der Superior, sagte dann schließlich doch zu und überließ uns einen schmutzigen Bastelraum, der von den Kindern des Kommunionsunterrichtes genutzt wurde. Dem Bruder, der uns zuvor zum Essen eingeladen hatte, war es sichtlich peinlich, dass sein Vorgesetzter uns nicht mehr anbot. Dass es in diesem Kloster jede Menge freie Räume gab, hatte er zuvor bereits angedeutet und er selbst war sicher gewesen, dass wir einen davon beziehen durften. Mit Duschen war es dann also nichts, aber wir konnten uns und unsere Kleider immerhin mit kaltem Wasser waschen. Der Bruder kam an diesem Nachmittag bestimmt noch sieben Mal um nach uns zu schauen und brachte uns Handtücher, Wasser und Essen. Er war ein wirklich lieber Kerl und so besorgt um uns, dass er uns am liebsten adoptiert hätte.

Außerdem hatten wir hier den lang ersehnten Internetzugang. Einen langsamen, aber einen funktionierenden. Es dauerte bis spät in die Nacht hinein, aber wir haben nun wieder einen Plan, wohin die Reise gehen soll.

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Spruch des Tages: Seit ich die heilige Armut als meine Gemahlin, meine Freude und als meinen geistigen und körperlichen Schatz gewählt habe, fühle ich die größte Scham, wenn ich jemanden finde, der noch ärmer ist als ich. (Franz von Assisi)

 

Höhenmeter: 40m

Tagesetappe: 6km

Gesamtstrecke: 9337,77 km

Wetter: sonnig und heiß

Etappenziel: Franziskanerkloster, Tomislavgrad, Bosnien und Herzegowina

Bewertungen:

 

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

2 Comments

  1. SB 3. Juni 2015 at 12:18 - Reply

    Interessant wie du meine Heimatstadt beschreibst. 🙂
    Wäre noch cool gewesen, wenn die Ortschaften hingeschrieben hättest wo du durchgelaufen bist.
    Weiterhin viel Spass in der grossen weiten Welt.

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