Tag 756: Ein besonderer Mönch

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Tag 756: Ein besonderer Mönch

Tag 756: Ein besonderer Mönch

Um kurz nach sechs kam die Erlösung. Wir hatten uns bereits in mehrere Decken gewickelt, Wärmflaschen gemacht und uns eine heiße Suppe gekocht, doch in der Herberge war es so kalt, dass wir schon Eiszapfen an der Nase hatten. Wenn man auf die Toilette ging, musste man aufpassen, dass man nicht mit dem Hintern an der Schüssel festfror und unterm Schreiben wurden die Finger so lahm, dass sie kaum noch die richtigen Buchstaben trafen.

Tobia!“ rief dann plötzlich eine Stimme von unten, „Ich habe den Heizer mitgebracht!“

Ich sprang so schnell auf, dass ich mir sofort die eiskalten und komplett verspannten Schultermuskeln verzerrte und humpelte dann zur Treppe. Don Maurizio kam mit bereits mit dem Heizlüfter entgegen, den wir sofort in unsere kleine Kammer stellten. Da das Fenster kaputt war, hatten wir eine der Decken davor gehängt, damit die Wärme nicht entweichen konnte. Bislang hatte das wenig Unterschied gemacht, da es ja keine Wärme gegeben hatte, die hätte entkommen können. Doch jetzt wurde es langsam Warm im Raum. Wir ließen den Heißer die ganze Nacht lang brennen und so konnten wir dann wirklich eine konstante Temperatur halten, bei der es möglich war, mit Schlafsack und langer Unterhose zu schlafen.

Genauso kalt wie die Nacht wurde auch der Vormittag. Die Sonne schien zwar, doch ein eiskalter Wind wehte zwischen den Bergen hindurch, der uns in Minutenschnelle auskühlte.

Von Torre di Ruggiero mussten wir den Weg zunächst einmal zurück auf unsere geplante Route finden. Nachdem wir dies geschafft hatten waren es nur noch wenige hundert Meter, bis zu dem Ort, der gestern eigentlich unser Ziel hätte sein sollen. Doch einen Schlafplatz konnten wir hier nicht finden. Der Pfarrer war vor Monaten von hier weggezogen und der Bürgermeister hatte zwar eine liebe Familie, die uns gerne geholfen hätte, stellte sich selbst jedoch Quer. Die Enttäuschung, die seiner Frau und seiner Tochter ins Gesicht geschrieben stand, als ich ihnen das Telefon zurückgab und ihnen mitteilte, dass uns ihr Mann, bzw. Vater abgelehnt hatte, übertraft meine eigene bei weitem.

Ohh!“ sagte die Mutter traurig, „Ich hätte wirklich gedacht, er würde euch helfen!“

Als Trost stellte sie uns eine Tüte mit Obst zusammen und hätte uns gerne auch noch auf einen Kaffee und einen Kuchen eingeladen. Die Tochter hatte uns bereits beim Betreten des Ortes durch das Fenster gesehen und hatte uns begeistert zugewinkt. Sie staunte nicht schlecht als ich plötzlich vor ihrer Tür stand und empfing mich mit einer sympathischen Mischung aus Begeisterung, Willkommensfreude und Schüchternheit. Ich glaube, dass sie am Ende sogar noch enttäuschter war als ihre Mutter und dass sie sich sogar für ihren Vater schämte.

Wir verließen den Ort wieder und folgten einer stillgelegten Straße, die sich durch das langgezogene Tal schlängelte. Vor einigen Jahren musste es eine Hauptstraße gewesen sein, doch aufgrund eines Erdrutsches hatte man beschlossen, dass es einfacher war, sie zu schließen, als sie zu reparieren. Seither wurde sie nicht mehr gewartet oder repariert und nur wenige Autos setzten sich über das Durchfahrtsverbot hinweg. So war die Straße im Laufe der Zeit immer mehr von der Natur zurückerobert worden. Brombeersträucher ragten teilweise so weit über den Asphalt hinaus, dass nur noch ein schmaler Durchgang in der Mitte blieb. Verschiedenste Pioniergewächse gruben sich durch die Asphaltschicht und brachen sie immer weiter auf. Hitze, Nässe und Kälte taten ihr übriges. Es würde vielleicht noch zehn Jahre dauern, dann würde man nicht einmal mehr erkennen können, dass hier überhaupt je eine Straße gewesen war. So oft wir auch das Gefühl haben, dass wir Menschen die Erde zerstören und mit unseren Bauwerken all die lebhafte Natur abtöteten, eindämmten und zukleisterten, so sehr machten Straßen wie diese hier deutlich, dass unser Auftritt nicht von langer Dauer war. Eine Stahlbetonbrücke die neu errichtet wird, sieht auf den ersten Blick aus, als sei sie für die Ewigkeit gebaut. Doch schon nach kurzer Zeit beginnen Rost, Wetter, Pflanzen und andere Naturphänomene an ihr zu nagen. Der Beton wird brüchig, der Asphalt löchrig und der unzerstörbar wirkende Stahl zerfällt zu einem rotbraunen Staub. Die Natur holt sich alles wieder zurück. Egal für wie mächtig wir uns auch halten, wir haben nur ein kurzes Gastspiel auf der ewigen Bühne des Lebens und wenn unser Auftritt vorbei ist, dauert es nur Augenblicke, bis auch unser Bühnenbild wieder abgebaut und durch ein neues ersetzt wurde.

Die Stadt, die wir nach weiteren 15km lag auf einem Berghang, direkt neben einem Wasserfall, der sich mehrere hundert Meter in die Tiefe stürzte. Unten im Tal lag ein weiterer Ort und genau dazwischen befand sich ein altes Dominikanerkloster aus dem 15. Jahrhundert. Heute lebten hier nur noch fünf Mönche, doch vor vielen Jahren musste es einmal ein bedeutendes Machtzentrum der Kirche gewesen sein. Die Ruinen erstrecken sich noch immer über ein riesiges Areal und man kann bis heute erahnen, dass früher einmal hunderte von Mönchen hier Platz gefunden haben. Es gab mehrere Kirchen und so wie es aussah gehörte einst einmal ein ganzes landwirtschaftliches Anwesen mit mehreren Wassermühlen zum Kloster. Genaueres erfuhren wir leider nicht, denn unser Gastgeber war eher ein schweigsamer Mensch. Das einzige, was wir später noch herausfanden war, dass hier wirklich einmal Hundert Mönche gelebt hatten.

Am Abend lernten wir dann noch drei weitere Bewohner des Klosters kennen. Einer von ihnen war eigentlich nur ein Stammgast, der hin und wieder für das Kloster arbeitete und dafür hier Essen und gelegentlich auch schlafen durfte. Er war ein schüchterner Mann mit einem Alkoholproblem, der sogar recht gut Deutsch sprach, wenn er überhaupt etwas sagte. Der zweite war ein winziger Mönch mit einer Körperhöhe von nicht einmal eineinhalb Metern. Als wir in die Küche kamen war er gerade dabei, den anderen beiden Essen zu machen. Auch wir bekamen ein Abendessen, das jedoch streng überwacht wurde. Der Klostervater hatte uns am Mittag etwas von einem Reisauflauf angeboten, sein kleiner Bruder achtete nun sorgfältig darauf, dass wir nicht noch mehr davon aßen. Nicht weil er es uns nicht gönnte, sondern viel mehr weil er Angst hatte, morgen hungern zu müssen. Sonntags kam die Köchin nicht und da die Mönche selbst nicht kochen konnten, mussten sie genau haushalten mit dem, was ihre Küchenfee ihnen vorbereitet hatte.

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Der dritte Mann war ein außergewöhnlicher Kerl namens Luigi. Er war Autist und sprach seine eigene Sprache, die man als Außenstehender nur schwer verstehen konnte. Der kleine Mönch jedoch verstand sie jedoch perfekt und er konnte sich ohne Probleme mit dem Mann unterhalten.

Er ist unser Schützling!“ erklärte uns der Mönch. Als er vor vierzig Jahren ins Kloster kam, war Luigi bereits hier. Damals war er neun Jahre alt und hielt die Mönche schon genauso in Trab wie heute.

So still wie der andere Mann in seiner Ecke am Tisch saß, so sehr liebte Luigi das reden. Er kommentierte alles was er sah oder hörte und es gab kaum eine Minute, in der er keine Worte aus seinem Mund rieseln ließ. Leider war auch ruhiges Sprechen nicht gerade seine Stärke, denn alles was er sagte schrie er in einem lauten Tonfall.

Er war ein liebenswerter und sehr höflicher und zuvorkommender Mensch, der trotz seiner Besonderheit alles um sich genau mitbekam. Zwischendurch verschwand er und kam kurz darauf mit einem Teller voll Nüssen zurück, den er uns anbot. Der Mönch, der uns das Essen serviert hatte, hatte selbst nicht daran gedacht.

Luigis Lieblingswort war „bella!“ also „schön!“. Alles was er sah kommentierte er mit diesem Wort: „Bella Olive!“ „Bella Brot!“, „Bella Gäste!“ „Bella Kloster!“

Obwohl er das Wort so oft benutzte, hatte man trotzdem immer den Eindruck, dass er es auch meinte. Es schien ihm wirklich alles zu gefallen. Schönheit war seine Grundeinstellung der Welt gegenüber, ganz gleich, worin sie sich gerade ausdrückte. Das hieß aber keinesfalls, dass er sich alles gefallen ließ oder dass ihm alles, was er als schön wahrnahm auch selbst gefallen musste. Als er die Schale mit Oliven als „Bella Olive!“ bezeichnete, bot ich ihm ein paar davon an.

Bääh! No, no, no!“ rief er sofort und machte damit unmissverständlich klar, dass er sie zwar schön aber auch eklig fand.

Trotz der teilweise unangenehmen Lautstärke, die Luigi erzeugte und die durch die hohen, hallenden Räume noch einmal ungünstig verstärkt wurde, hatte er etwas liebenswertes und faszinierendes. Ich war tief beeindruckt von seiner grundpositiven Haltung dem Leben gegenüber und von der großen Klarheit, die er trotz seines oft unverständlichen Gebrabbels zum Ausdruck brachte.

Der kleine Mönch schien fast wie ein Vater für ihn zu sein. Die beiden neckten und foppten sich immer wieder auf eine Art, die deutlich zeigte, dass sie schon seit Ewigkeiten die engsten Vertrauten waren. Leider spricht man hier in der Gegend auch noch einen besonders fiesen Akzent im Italienischen und gemeinsam mit den ständigen Einwürfen von Luigi war es fast unmöglich, seinen Ziehvater zu verstehen. Es war also stets mehr ein Raten denn ein Zuhören und ich bin nicht zu einhundert Prozent sicher, dass der kleine Mann die folgende Geschichte auch wirklich so erzählt hat. Vielleicht hat er etwas ganz anderes gemeint, doch was bei uns ankam, war in etwa dieses:

Vor längerer Zeit wurde der Mönch einmal zu einer anderen Pfarrei eingeladen und er nahm Luigi mit. Als er eintraf konnte er jedoch niemanden finden und so bedeutete er Luigi, vor der Kirche zu warten, während er sich auf die Suche machte. In seiner Abwesenheit kamen die Leute, mit denen er sich treffen wollte. Sie trafen nur Luigi, den sie nicht verstanden und dessen Worte sie so interpretierten, dass der Mönch offensichtlich verhindert sei. Also kehrten sie um und gingen. Später kam der Mönch zurück und erfuhr von Luigi, dass er seine Freunde verpasst hatte.

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Für den nächsten Tag verabredeten sie sich erneut und dieses Mal kam das Treffen wirklich zustande. Als Luigi die anderen Männer sah, begann er in seiner eigenen Sprache lauter Dinge zu erzählen, die nur der Mönch verstand. Es waren keine bösen Beschimpfungen aber doch Worte, die sich für einen Kirchenmenschen nicht unbedingt ziemen. Die anderen fragten, was der Schützling da brabbele und er übersetzte die Worte ins Italienische.

Oha“, sagten die Freunde, „dein kleiner Schützling ist aber ein ganz schöner Lausbub!“

Nein!“ widersprach der Mönch, „denn er hat mir gerade nur erzählt, was ihr gestern in meiner Abwesenheit über mich gesagt habt, als ihr dachtet, er könne euch nicht verstehen!“

Spruch des Tages: Oh! Bella! Ne?

Höhenmeter: 50 m

Tagesetappe: 10 km

Gesamtstrecke: 13.454,27 km

Wetter: kalt aber sonnig

Etappenziel: Ferienpension, 84036 Sala Consiliana, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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