Tag 145: Warten auf den Pfarrer

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Tag 145: Warten auf den Pfarrer

Tag 145: Warten auf den Pfarrer

Der gestrige Abend bot uns zwei Highlights, die ihn auf ihre Art zu etwas besonderem machten. Das erste von beiden war eine Dönerbude. Das klingt jetzt vielleicht noch nicht so grandios, doch nach wochenlanger Bocadillo- und Tortilla-Diät kam uns ein anständiger Döner mit guten Pommes Frites vor wie ein Festmahl auf einem Traumschiff. Wie leicht es doch war, Essen mit Geschmack herzustellen und wie selten es hier jemandem gelang. Was uns jedoch am meisten verblüffte war, dass wir die einzigen Gäste des türkischen Schnellrestaurants waren. Es war vollkommen leer während sich die Menschen in den immer gleichen Bars mit den immer gleichen Bocadillos tummelten. Hätte man uns raten lassen, hätten wir vermutet, dass die Schlange vor der Dönerbude mindestens bis hinunter zum Hafen reichen müsste.

Das zweite Highlight waren ein Beamer und eine große Leinwand, die sich in unserem Schlafraum befanden. Damit konnten wir uns selbst einen richtigen Kinoabend gestalten. Wer hätte gedacht, dass wir so etwas auf unserer Reise geboten bekommen?

In der Früh verabschiedeten wir uns dann von unserem Pfarrer und bedankten uns für die entertainmentreiche Schlafstätte. Er fragte, ob wir bereit wären, ein Interview für die Kirchenzeitung zu geben, die ein Kollege von ihm herausbringt. Dieser wohne rund 15km von hier entfernt auf dem Jakobsweg und könnte uns dann auch gleich wieder einen Schlafplatz anbieten. Das klang nach einem guten Angebot.

Unser erstes Etappenziel für den heutigen Tag war der Fahrradladen von Navia, in dem wir für Heiko neue Mäntel kaufen wollten. Radmäntel natürlich, denn eine neue Jacke hatte er ja bereits. Wie sich herausstellte, hatte der Laden am Montag jedoch Ruhetag, so dass wir vor verschlossenen Türen standen. In einer so dünnbesiedelten Gegend wie dieser hier, war das kein gutes Zeichen. Doch wir hatten Glück! Bereits vier Kilometer weiter gab es einen weiteren Fahrradladen mit integrierter Werkstadt, in dem wir neue Mäntel erstehen und uns auch gleich aufziehen lassen konnten. Es waren jedoch nicht einfach nur Fahrradmäntel. Es waren die stylischsten und coolsten Offroadreifen, die je an einen Pilgerwagen montiert wurden. Sie waren nämlich schwarz und weiß!

Damit hat der Wagen nun ein richtiges Sportwagendesign.

Im Fahrradladen machten wir noch eine weitere spannende Entdeckung. Der Laden verkaufte neben Fahrradartikel nämlich auch Gartengeräte wie Rasenmäher, Freischneider, Laubbläser und Kettensägen. All diese Geräte hatten Plaketten, auf denen ihre Lautstärke in Dezibel angegeben wurde. Nur als Vergleich: Ein Düsenjet hat eine Lautstärke von 130 db, wenn man direkt hinter der Turbine steht. Eine handelsübliche Kettensäge bringt es immerhin auf 114 db. Die Freischneider, die hierzulande so beliebt sind stehen dem mit einer Lautstärke von 111db in nichts nach, während es ein Laubbläser sogar auf 112 db schafft. Der Laden führte dabei sogar einige Geräte die etwas leiser gewesen wären, doch auf der Straße haben wir diese noch nie gesehen. Es machte also den Anschein, als wäre eine möglichst hohe Lautstärkeangabe hier gleichbedeutend mit einem Qualitätssigel.

Im weiteren Verlauf des Weges fiel uns auf, dass die Gegend in den letzten Tagen ständig ärmer und ausgestorbener wurde. Häuser, die nicht zum Verkauf standen musste man fast suchen und selbst die bewohnten wirkten zu großen Teilen baufällig. Dass der Jakobsweg hier eine so wichtige Rolle spielte, leuchtete daher ein. Ohne ihn wäre das Land wahrscheinlich ausgestorben. Normalen Tourismus gibt es kaum noch und das ist auch verständlich. Das Klima ist rau und unbeständig, die Küste ist mit Autobahnen und Schnellstraßen verbaut und es gibt weder schöne Städte noch andere kulturelle Highlights. Ohne den Pilgerweg gäbe es keinen Grund für einen Ausländer oder einen Spanier aus einer anderen Region hier herzureisen. Heiko erinnerte sich daran, dass es auf dem Camino Frances am Ende sogar noch schlimmer war. Dort gab es wirklich nichts mehr. Nicht einmal mehr leerstehende Häuser. Zum Teil war er durch Dörfer gekommen, in denen es zehn Häuser gab, von denen drei intakte Fenster hatten. Doch alle zehn waren bewohnt gewesen. Die Pilger und ihre Bedürfnisse nach Nahrung und Schlafplätzen waren das einzige gewesen, das den Menschen hier noch ein Einkommen gebracht hatte.

Am Nachmittag erreichten wir dann die Kirche in Valdepares, in der wir Pfarrer Jose Maria für das Interview treffen wollten. Er war jedoch noch nicht zu hause und keiner seiner Nachbarn wusste wo er war. Also setzten wir uns an die Kirche und warteten. Heiko nutzte die Zeit um die letzten Fixierungen an der Achse seines Wagens zu beenden und ich begann mit dem Tagesbericht. Es wurde ein kurzer Bericht, denn bis jetzt war noch nicht viel passiert. Anschließend machten wir ein Picknick, dass leider ohne jedes Highlight blieb und auf pappige Bocadillos hinauslief. Schließlich wurde es kalt, windig und ungemütlich und wir warteten noch immer.

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Dann aber nahm der Tag eine erstaunliche Wendung. Ein Mann, der bereits einige Male an uns vorübergelaufen war, lud uns auf einen Tee ein, um die Wartezeit zu überbrücken. Später erfuhren wir, dass er Alberto hieß. Er war 77 Jahre alt und lebte hier seit er ein Kind war. Vor dreißig Jahren hatte er sich dann ein altes heruntergekommenes Haus gekauft, dass er zu seinem jetzigen Wohnhaus um- und ausgebaut hatte. Der Kaufpreis damals hatte bei umgerechnet 180€ gelegen. Die Renovierung seiner jetzigen Wohnung hatte natürlich etwas mehr gekostet und lag bei rund 18.000€. Der Rest des Hauses wurde dann nach und nach renoviert.

Beim Teetrinken erzählte uns Alberto eine ganze Reihe äußerst spannender Dinge, die vieles von dem bestätigten, was wir selbst auch schon erfahren haben.

Er selbst lebte seit der Trennung von seiner Frau und dem Tod seiner Eltern allein. Im Sommer vermietete er einen Teil seines Hauses an Touristen und wann immer er konnte, lud er sich Gäste ein. Doch das kam nicht besonders oft vor, denn nur selten verirrte sich jemand in den Randbereich von Valdepares. Vor einiger Zeit hatte er einmal ein französisches Pärchen aufgegabelt, die er zum Essen und anschließend auch zum übernachten eingeladen hatte. Ein anderes Mal hatte er einen Portugiesen getroffen, der sich ebenfalls über eine Essenseinladung gefreut hatte. Alle drei hatten erzählt, wie viel schwieriger es in Spanien war, in einen herzlichen Kontakt mit den Menschen zu kommen, als in ihren Heimatländern. Das Pärchen war ein einziges Mal zuvor von jemandem eingeladen worden, der Portugiese noch nie. „Er sah ein bisschen wild aus und seine Kleider waren lange nicht gewaschen worden, doch er war ein herzensguter Mensch, mit dem man viel lachen konnte“, sagte Alberto. Er konnte nicht verstehen, warum niemand ihn einladen oder auch nur mit ihm sprechen wollte. Es ging also nicht nur uns so, dass wir das Gefühl hatten, mit den Einheimischen hier nicht warm werden zu können.

Im Laufe des Gesprächs wurde die Tee-Einladung zu einer Essenseinladung und später sogar zu einer Übernachtungseinladung ausgedehnt. Zu diesem Zweck zeigte und Alberto den Rest seines Hauses, in dem sie die Gästezimmer befanden. Zunächst zeigte er uns unser Schlafquartier. Es war eine eigene kleine Wohnung mit Küche, Bad, einem Schlafzimmer und einem Wohnraum mit Schlafcouch. Wir hatten also zum ersten Mal seit Wochen wieder jeder ein Schlafzimmer für sich. Dann jedoch führte er uns noch in weitere Teile seines Anwesens. Es gab noch eine weitere Ferienwohnung, drei weitere Gästezimmer und ein separates, kleines Gästehaus. Hier konnte man locker eine ganze Fußballmannschaft unterbringen. Auch waren die Gästeräume komfortabler eingerichtet als seine eigene Wohnung. Doch Alberto machte sich nichts aus all dem modernen Schnick Schnack. Er lebte einfach und simpel.

Nach der Hausbesichtigung unternahmen wir einen gemeinsamen Spaziergang zur Küste. Auf dem Weg dorthin erzählte er einige Witze und lustige Anekdoten, kam jedoch auch immer wieder auf ernste und tiefe Themen zu sprechen. So erfuhren wir von ihm, dass mehr als 10% der spanischen Männer unfruchtbar sind. Viele weitere können nur noch mit Hilfe und viel Glück Kinder zeugen. Die Tendenz ist steigend. Er hatte sich viel mit dem Thema auseinandergesetzt und einige Studien dazu verfolgt. Am schlimmsten war es in Katalonien und im Baskenland, den Gebieten Spaniens, in denen sich fast die gesamte Industrie konzentrierte. Auch der Fischfang war hier am stärksten. Das zeugungsfähigste Sperma hingegen hatten die Männer in Galizien, der Region, in die wir als nächstes kommen würden. Alberto stimmte mit den Wissenschaftlern überein, dass die Ursache für die Unfruchtbarkeit in der hohen toxischen Belastung der Nahrung und des Wassers lag. Dies war auch exakt das Ergebnis der dänischen Studien über die stetig steigende Sterilität der Männer. Es ist also nicht länger nur ein Verdacht, dass es sich bei diesem Problem um ein Globales handelt. Es wird eine Gewissheit. Die Hochrechnung der dänischen Forscher lag bei rund zwanzig Jahren, bis es kaum mehr einen fruchtbaren Mann auf der Welt geben wird. Die spanischen Studien gehen in die gleiche Richtung. Alberto nahm diese beängstigende Erkenntnis jedoch mit Humor: „Wenn es nur eine fruchtbare Frau unter tausend Männern geben würde, wäre das ein Problem. Aber ein fruchtbarer Mann auf 1000 Frauen kann ich mir sogar recht spaßig vorstellen!“

Über das Thema mit der Fruchtbarkeit kamen wir schließlich auch auf das Thema des Zölibats in der katholischen Kirche. Wie genau wir die Verbindung schafften weiß ich nicht mehr, doch es hatte irgendetwas mit unseren Erzählungen über unser mönchsgleiches Leben zu tun. Alberte war als junger Mann sehr religiös gewesen, hatte seinen Glauben an die Kirche aber inzwischen vollkommen verloren. Unter anderem deshalb, weil er der Ansicht war, dass viele kirchliche Gesetze und Regeln vollkommen gegen die Natur des Menschen sind. Dazu gehört auch der Verzicht auf körperliche Intimität und auf Sex. Denn warum hätte Gott uns mit all den Organen ausstatten sollen, die wir dafür brauchen, wenn wir sie dann nicht nutzen sollen? Kein Tier auf diesem Planeten lebt im Zölibat, warum sollte es der Mensch dann also anders machen? Auch den Gedanken über die jungfräuliche Schwangerschaft von Maria sah Alberto äußerst kritisch. „In meinen Augen steckt darin eine üble Abwertung gegenüber jeder Mutter auf dieser Erde!“ sagte er. „Denn es sagt aus, dass jede normale Geburt unrein ist und damit weniger wert als die von Jesus. Doch warum sollte das so sein? Sind wir nicht alle Kinder Gottes, gerade weil wir auf die Art zur Welt gekommen sind, die das leben für uns vorgesehen hat?“

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Vor einigen Jahren hatte Alberto selbst einmal in einer Mission gearbeitet, bei der es um die Verbreitung des christlichen Glaubens ging. Die Erfahrungen dort hatten ihn noch weiter von der Kirche weggebracht, als alles andere. „Ich habe das Gefühl,“ sagte er, „dass Gott einen bestimmten Weg geht und dass die Kirche einen vollkommen anderen eingeschlagen hat.“ Er erzählte uns auch davon, dass die humanitäre Hilfe, die die Kirche den Menschen anbot, immer an strikte Bedingungen gebunden war. ‚Wir helfen euch nur, wenn ihr welche von uns seit, ansonsten könnt ihr sehen wo ihr bleibt!’ Wir berichteten von unseren Erfahrungen mit den Pfarrern, die seine Aussage nur allzu oft wiedergespiegelt hatten. Mehrere Male hatte man uns die Hilfe verweigert, weil wir kein offizielles Schreiben eines Klosters hatten, dass uns als Mönche auszeichnete.

Alberto bestätigte, dass die Kirche in Spanien nur sehr wenig mit dem Gedanken der Nächstenliebe und der gegenseitigen Unterstützung zu tun hat. Es geht hier vor allem um Macht und Einfluss. Das hat eine lange Tradition, denn die spanische Kirche war bereits im Mittelalter führend im Bereich der Inquisition und der Ketzereiverfolgung.

Als wir die Küste erreicht hatten, unterbrachen wir unser Gespräch kurzzeitig, da uns der Anblick buchstäblich die Sprache verschlagen hatte. Wir standen oben auf einer Steilküste, die weit ins Meer hineinragte und deren Felsen malerisch in den Wellen lagen. Es war ein absolut magischer Ort, der einen sofort in seinen Bann zog. Von hier aus konnte man den nördlichsten Punkt der Iberischen Halbinsel sehen, der nur einige Kilometer westliche weit ins offene Meer hinausragte.

Wir wanderten noch ein gutes Stück an den Klippen entlang und kamen an weiteren mystischen Plätzen vorbei. Mitten in einer Bucht stand ein kleines Häuschen, direkt neben einem Bachlauf, der ins Meer mündete. Früher war es einmal eine Mühle gewesen. Aus dem Schornstein stieg rauch auf und in seinem inneren brannte Licht. Dies war genau die Art von Haus an genau der Art von Platz, wie wir es uns als Schriftstellerresidenz vorgestellt hatten. Hier konnte man die Ruhe und die Inspiration finden, um gute Bücher schreiben zu können.

Auf dem Heimweg griffen wir das alte Gespräch wieder auf. Dabei kamen wir diesmal auf das Thema Paarbeziehungen. Alberto war der Meinung, dass die Art, wie wir Beziehungen in der Gesellschaft gestalten ebenfalls so unnatürlich ist, dass sie kaum funktionieren kann. Rund 14% aller Kinder in Spanien sind Kuckuckskinder. Laut offiziellen Studien. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich noch bei weitem höher. In Navia zum Beispiel gab es vor kurzem eine Studie, bei der herauskam, dass 28% aller Kinder nicht von dem Mann gezeugt wurden, den sie für ihren Vater hielten. „In Spanien war es bis vor kurzem Pflicht,“ erzählte er mit einem Lachen, „dass bei einem Doppelnamen immer erst der Name des Mannes genannt werden musste. Auch die Kinder mussten den Nachnahmen des Vaters annehmen. In Amerika ist es andersherum. Dort kommt der Name der Frau zuerst und die Kinder bekommen auch den Namen der Mutter. Meines Erachtens ist das deutlich sicherer, denn bei der Mutter kann man ohne Gefahr davon ausgehen, dass sie wirklich die richtige Mutter ist. Oft glauben die Leute hier, dass Männer ihre Frauen weitaus öfter betrügen, als Frauen ihre Männer. Das stimmt aber nicht. Es ist sogar sehr ausgeglichen. Obwohl man sagen muss, dass Männer von ihrer Natur aus mehr Probleme mit der Monogamie haben als Frauen. Wir sind einfach nicht dafür ausgelegt, nur einen Partner zu haben. Wenn eine Beziehung wirklich funktionieren soll, ohne dass sich die Partner bewusst einschränken müssen, dann muss sie offen sein und auf Freiheit basieren. Es gibt viele Tierarten, bei denen die Männchen mehrere Frauen haben und ich glaube, dass der Mensch eigentlich auch dazu gehört. Ich weiß, so etwas will immer keiner hören und wenn man es sagt, dann ist man sofort sexistisch, aber meiner Erfahrung nach träumen Männer deutlich öfter von polygamen Beziehungen, während Frauen eher nach einem starken Versorger suchen. Das mag komisch klingen, aber es ist bei Löwen, Hühnern, Rindern und vielen anderen Tieren genauso. Niemand kommt auf die Idee, dass Löwinnen benachteiligt sind, weil sie sich einen Partner mit anderen Löwinnen teilen. Ich finde es in diesem Zusammenhang auch auffällig, dass eine sexuelle Offenheit unter schwulen Pärchen deutlich weiter verbreitet ist, als unter Heterosexuellen, während lesbische Pärchen in den meisten Fällen sogar noch mehr Wert auf eine monogame Bindung legen. Das größte Problem ist aber meiner Meinung nach, dass wir das alles so fest definieren und in eine Form pressen wollen. Ich glaube, dass wir es uns mit unseren Beziehungskonzepten wirklich schwer machen, glücklich zu sein. Was mir auch auffällt ist, dass in unserer Gesellschaft die Bi-Sexualität äußerst verpönt ist. Man kann entweder hetero- oder homosexuell sein, aber nicht beides. Irgendwie muss man sich entscheiden. Im antiken Griechenland war das beispielsweise ganz anders. Da war es vollkommen normal, auch intimen Kontakt zu gleichgeschlechtlichen Menschen zu haben, ohne deswegen gegengeschlechtliche Partner auszuschließen. Einer Studie zufolge sind 90% aller Homosexuellen in Wirklichkeit bi-sexuell. Viele hatten zunächst gegengeschlechtliche Partner und haben sich dann erst später umorientiert. Wahrscheinlich gilt bei Heterosexuellen das gleiche, nur dass sie es sich niemals eingestehen. Es ist also mehr den Lebenserfahrungen und den äußeren Umständen zuzuschreiben, für welche Ausrichtung man sich entscheidet, als einer inneren, persönlichen Vorliebe.“

Vor uns tauchte ein Auto mit laufendem Motor auf, dessen Besitzer im Gebüsch hockte und einen Eimer mit Grünabfällen ausleerte.

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„Pssst!“ machte Alberto und schlich sich an den Mann an, um ihn zu erschrecken. Dieser bekam fast einen Herzinfarkt und war kurz davor das Gleichgewicht zu verlieren. Anschließend verfluchte er Alberto und beide Männer begannen zu lachen und sich gegenseitig zu necken. Sie waren gute Freunde und kannten sich seit Ewigkeiten. Zum Abschluss sagte der Mann an uns gewandt: „Wenn euch der Alte nichts anständiges zum Essen macht, dann werft ihn einfach eine der Steilklippen hinunter! Das merkt hier kein Mensch!“

Eine solche Maßnahme war jedoch nicht nötig. Alberto machte Putenfleisch und Pommes Frites mit Paprika. Es war tatsächlich das beste Essen, dass wir in Spanien bisher bekommen hatten und anschließend waren wir satt und glücklich.

Beim Essen kamen wir auf die Wahlen zu sprechen, die gestern in Spanien stattgefunden hatten. Der neue spanische Präsident wurde mit nur einigen Tausend Stimmen Vorsprung vor seiner Konkurrentin gewählt. Er gehörte der konservativen Partei an, während die Frau für eine Partei kandidiert hatte, die mit unserer SPD vergleichbar war. Die Wahlbeteiligung hatte bei knapp 30% gelegen und wie in Deutschland waren es auch hier hauptsächliche bildungsferne Schichten, die wählen gingen. „Es gibt kaum noch jemanden, der glaubt, dass die Politiker irgendetwas verändern können oder auch nur eine Entscheidungsgewalt haben“, bestätigte Alberto. „Aber das ist nicht einmal das schlimme. Schlimm ist, dass noch immer behauptet wird, diese Annahme der Menschen sei eine Lüge!“

Wie different die politische Stimmung im Land ist, konnte man aber vor allem an einer neuen, stark links orientierten Partei erkennen. Diese war erst vor ca. 5 Monaten gegründet worden und war nun bereits die viertstärkste Partei in Spanien. In Asturien lag sie sogar auf Platz drei. Die Menschen sehnten sich nach einem Erlöser, jemanden der endlich neuen Schwung ins Land brachte, die Armut und die Arbeitslosigkeit besiegte und dem Volk wieder zu einem glücklichen Leben verhalf. Ein gefährlicher Wunsch, denn meistens bringen solche Erlöser statt des Paradieses am Ende nichts als die Hölle auf Erden.

A Pros Pros Himmel und Hölle: Unseren Pfarrer Jose Maria, der uns eigentlich interviewen wollte, haben wir letztlich nicht mehr gesehen. Jetzt ist es bereits nach 00:00 Uhr und damit ist es sicher, dass sich das auch nicht mehr ändern wird.

Spruch des Tages: Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war. (Bertolt Brecht)

Höhenmeter: 320 m

Tagesetappe 15 km

Gesamtstrecke: 2942,07 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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