Tag 698: Mazedonien

Tag 698: Mazedonien

Tag 698: Mazedonien

In der Nacht träumte ich immer wieder von meinem kaputten Wagen und davon, dass ich irgendwo in der Walachei damit liegen blieb. Es war, als würde der Wagen, der draußen noch immer unfertig auf dem Kopf lag, in meine Träume kriechen um mir ein schlechtes Gewissen zu machen, weil ich mich nicht bis zum Schluss um ihn gekümmert hatte.

Gleich am nächsten Morgen holte ich dieses Versäumnis nach. Das Problem war nur, dass ich nun neue Scheiben brauchte, mit denen ich die Räder fixieren konnte. Wir hatten zwar eigentlich alles an Material dabei, was wir zum reparieren brauchten, doch aus irgendeinem Grund schienen gerade die nötigen Beilagscheiben zu fehlen. Die einzigen, die ich finden konnte, hatten ein Loch, das zu klein für meine Achse war. Also machte ich mich auf in die nächste Ortschaft und suchte nach einem Anwohner mit einer Bohrmaschine, der bereit war, mir zu helfen. Gleich beim zweiten Haus wurde ich fündig. Der Mann sprach sogar deutsch, weil er lange Zeit in der Schweiz gelebt hatte und er stützte meine Theorie, dass fast alle Handwerker hierzulande einige ihrer Lebensjahre in deutschsprachigen Ländern verbracht hatten. Leider besaß er keinen passenden Bohrer und sein Schraubstock hatte etwa die Größe eines Fingerhutes, aber es war zumindest schon einmal eine Basis, mit der man arbeiten konnte. Mit Schraubstock und Rohrzange hielten wir die Scheibe fest, während immer einer von uns ein Loch hineinbohrte. Dabei musste man jedoch aufpassen, dass man die Bohrmaschine mit dem Griff zur Seite drehte, denn in jeder anderen Position setzte der Motor aus und sie tat keinen Mucks mehr.

Nach einer guten Stunde und der Hilfe von verschiedenen Bohrern und Feilen gelang es uns dennoch vier brauchbare Scheiben herzustellen. Ich bedankte mich bei meinem Helfer und Kollegen und kehrte zu unserem Lager zurück. Als ich ankam wanderte gerade eine Kuhherde mitten durch unser Camp, ein Anblick über den ich mich bereits nicht einmal mehr wunderte. Früher hatten mir die großen Tiere mit ihren langen, spitzen Hörnen oft Angst gemacht, wenn sie mir zu nahe kamen und sich kein Zaun zwischen uns befand. Seit wir den Balkan erreicht hatten war ihre Anwesenheit so normal geworden, dass ich sie genauso behandelte, wie einen Hund oder eine Katze. Wenn sie einen störten, dann ging man auf sie zu und scheuchte sie ein Stückchen weiter, so wie man es in Großstädten auch mit Tauben macht. Ein Gefühl von Unbehagen war nun längst schon nicht mehr dabei.

Es war bereits kurz nach 12:00 Uhr am Mittag, als wir alles repariert und abgebaut hatten. Die Sonne verschwand immer mehr hinter dicken schwarzen Wolken und es war höchste Zeit aufzubrechen, wenn wir nicht mitten in einen heftigen Regenschauer geraten wollten. Unser Weg führte uns zunächst über eine schmale Schotterstraße noch ein Stück weiter den Berg hinauf und dann auf der anderen Seite wieder hinunter. Teilweise war die Straße komplett versperrt und verschüttet, so dass wir über Geröllfelder, umgestürzte Bäume und Haufen von Schutt und Kies hinwegsteigen mussten, um weiterzukommen. Am Himmel brauten sich die Wolken zu einer unheilvollen schwarzen Masse zusammen, die ohne jeden Zweifel bald in einen Gewittersturm übergehen würde. Wenn wir dabei nicht vollkommen im Schlamm versinken wollten, dann mussten wir diesen Teil der Wegstrecke hinter uns gelassen haben, bevor es soweit war.

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Als hätte das Wetter unsere Bitte erhört, wartete es mit dem Regen noch genau bis zu dem Moment, in dem wir wieder festen Asphalt unter den Füßen hatten. Dann fielen die ersten Tropfen. Vor uns lag nun die letzte Ortschaft vor der Grenze. Sollten wir also hier bleiben und unser Zelt aufschlagen? Wenn ja, dann mussten wir uns tierisch beeilen, denn wenn der Regen einmal angefangen hatte, hatten wir keine Möglichkeit mehr, noch irgendetwas trocken unterzubringen. Als ein kleiner Laden auftauchte entschieden wir uns endgültig dagegen. Stattdessen fragten wir lieber nach einem Picknick und genau in dem Moment, als wir das Vordach des Ladens erreichten, prasselte der Regen auf die Erde hernieder. Der Ladenbesitzer bot uns an, auf einem Sofa neben seiner Eingangstür Platz zu nehmen und brachte uns etwas Obst. Brot hatte er nicht, doch anstatt uns zuzumuten dass wir darauf verzichten mussten, rannte er durch den Regen zu einem anderen Laden und besorgte sich dort ein Baguette, dass er uns anschließend schenkte. Dazu gab es Käse und Wurst. Besser hätten wir den Regenschauer also nicht überwinden können.

Nach dem Essen warteten wir noch eine knappe halbe Stunde, bis es sich einigermaßen beruhig hatte, dann zogen wir weiter zur Grenze.

Und genau in dem Moment, in dem wir die Grenze überschritten, hörte der Regen plötzlich auf.

„Wie funktionierte das denn?“ fragten wir uns. Gab es eine Art internationales Abkommen, dass es den Wolken aus dem Kosovo verbot, über die Grenze nach Mazedonien einzureisen?

Auf unserem Weg zur mazedonischen Seite der Grenze kamen wir an einer Art Wasserbecken vorbei. Autos, die von einem Land ins andere wechselten mussten dort hindurchfahren, wahrscheinlich, damit der Unterboden von möglichen Keimen oder ähnlichem gereinigt wurde. Jedes Mal, wenn ein Auto durch dieses Becken fuhr, gab es eine ordentliche Fontaine, mit der das Wasser zu beiden Seiten herausspritzte.

„Das ist ja cool!“ kommentierte Heiko und wollte sofort ein Foto machen. Er drehte also um und zückte die Kamera um auf das nächste Auto zu warten. Genau in diesem Moment erschien der mazedonische Grenzposten in unserem Sichtfeld und schaute uns misstrauisch an. Sofort kam er mit schnellem Stechschritt auf uns zu marschiert und fragte uns, was wir denn hier anstellten.

„Mein Kollege will nur ein Foto von dem Auto dort machen, wenn es durch die Wasserpfütze fährt!“ erklärte ich freundlich.

„Aha!“ sagte der Mann, der diese Idee nicht sonderlich beeindruckend fand, „Und wo kommt ihr her?!“

„Aus dem Kosovo!“ antwortete ich und deutete auf das entsprechende Grenzhäuschen.

Plötzlich fing der Mann an zu lächeln und gab seine ernste, missgünstige Haltung auf.

„Ach so!“ sagte er, „ich dachte, ihr seit gerade von dort aus dem Wald gekommen und hatte schon Angst ihr versucht euch illegal ins Land zu schmuggeln. Aber wenn das so ist, dann macht nur schnell euer Foto und kommt mit zur Passkontrolle!“

Man mag über Mazedonien sagen, was man will, aber dass sie einem keinen freundlichen Empfang bereiten, kann man ihnen nicht vorwerfen. Unser erster Eindruck von dem Land war durchweg positiv und wenn es so weiter ging, dann wurde es sicher ein schöner Aufenthalt.

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Leider schützte uns die Grenze am Ende doch nicht vor den Regenwolken. Es blieb noch eine ganze Zeit lang trocken doch bald schon kam auch hier das Gewitter herüber und beschenkte uns mit einem heftigen Regen. Als wir unser Zelt aufbauten, war es schon fast dunkel. Wir entdeckten eine etwas versteckte Apfelwiese zwischen zwei aneinander liegenden Dörfern, auf der wir unser Lager errichten konnten. Bei meiner anschließenden Essensrunde stellte ich fest, dass das Mazedonische bereits wieder sehr nah ans Serbische herankam. Ich konnte mich also wieder deutlich leichter verständigen, als im Kosovo.

Es regnete die ganze Nacht durch, doch als wir am Morgen aufstanden war es wieder trocken. Wir wanderten über kleine Feldwege mitten durch eine weite Flachebene, die sich landschaftlich nicht besonders vom Kosovo unterschied. Langsam aber sicher kam immer mehr eine Herbststimmung auf. Das Jahr neigte sich dem Ende zu und der Sommer schien nun endgültig vorbei zu sein. Als wir eine kleine Stadt erreichten, stellten wir fest, dass diese zum ersten Mal seit langem sogar wieder ganz nett aussah und dass man sogar recht angenehm durch sie hindurch schlendern konnte. Alte Erinnerungen wurden in uns wach. Dass es tatsächlich einmal eine Zeit auf unserer Reise gab, in der wir uns Städte angeschaut hatten und dies auch noch gerne und freiwillig, konnten wir uns kaum noch vorstellen.

So plötzlich wie die Stadt vor uns aufgetaucht war, so plötzlich war sie auch wieder verschwunden. Die Straße wurde wieder zu einem Feldweg und weiter ging es durch das Hinterland bis in die nächste kleine Ortschaft. Nachdem wir auch diese verlassen hatten, kamen wir mitten in eine Baumschule in der vor allem Garten- und Zierpflanzen großgezogen wurden. In den Reihen mit den Buchsbäumen standen Maschinen, die über das komplette Feld fuhren konnten und die Bäume vollautomatisch in ihre typische, kugelrunde Form brachten, die man von Parks und Stadtgärten kennt.

„Stopp!“ rief ein Mann aus dem offenen Fenster eines Autos heraus, das uns entgegen kam. „Ihr könnt ihr nicht durchgehen! Da vorne endet der Weg und ihr kommt dort nicht weiter!“

Meine Karte meinte zwar etwas anderes, aber vielleicht hatte ich mich ja auch vertan. Immerhin waren wir kurz zuvor durch ein Tor geschritten und die Chancen standen nicht schlecht, dass die Männer Recht hatten. Also kehrten wir um und versuchten den Weg, der neben der Baumschule entlang führte. Dass dieser ebenfalls im Nichts endete und dass die Baumschule wirklich die einzige Verbindung zwischen dieser und der Nachbarsortschaft war, sollten wir erst am nächsten Morgen herausfinden. Denn für heute reichte es uns mit der Wanderung uns so beschlossen wir unser Zelt gleich nebenan in einem Maisfeld aufzubauen.

Da es noch immer bewölkt war und wir mit unseren Stromreserven weitgehend am Ende waren, kehrte ich noch einmal ins Dorf zurück um dort nach einer Stromquelle zu suchen. Der Besitzer eines kleinen Gemischtwarenladens ließ mich an einem Tisch im hinteren Teil seines Geschäftes arbeiten. Ich schrieb an diesem Tag über das Thema von Paulina, bei dem es ums Erkennen, Aufwachen und anschließend wieder Einschlafen ging, um erneut in den alten Mustern zu landen. Zunächst bemerkte ich es nicht, doch diese Themen, die ich von mir selbst nur allzu gut kannte, nahmen mich deutlich mehr mit, als ich es für möglich gehalten hätte. Obwohl es noch immer recht warm war, bekam ich beim Schreiben eine Gänsehaut und später wurde mir sogar so kalt, dass ich einen leichten Schüttelfrost bekam. Ich zitterte bereits am ganzen Körper, wollte aber den Text unbedingt noch fertig schreiben und versuchte meinen Kälteschub daher zu unterdrücken. Im Nachhinein betrachtet war das sicher nicht die schlauste Idee die ich jemals hatte, denn für den Rest des Tages wurde ich den Schüttelfrost nicht mehr los. Ich zitterte wie ein Schlosshund als ich mich wieder auf den Weg zum Zelt machte und auch meine kurzen Joggingeinlagen konnten nichts daran ändern. Nur wenn ich mich wirklich entspannte und mich ganz bewusst auch die Wärme in meinem Inneren konzentrierte, hörte das Zittern auf. Sobald ich aber nur ein bisschen die Konzentration verlor, war ich wieder beim Alten.

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Sofort legte ich mich in meinen Schlafsack und hüllte mich in alles ein, was ich finden konnte. Nach einer guten halben Stunde, die ich mich im Schlafsack aufgewärmt hatte, stand ich noch einmal auf um zu kochen. Doch essen konnte ich nichts, denn zur Kälte kamen nun auch noch Magenkrämpfe hinzu und im Laufe des Abends wurden die Symptome immer heftiger. Ich war nun auf dem gleichen Stand wie Heiko vor unserem Hotelaufenthalt. Mir war übel und schwindelig und ich hatte einen Durchfall, wie er heftiger kaum vorstellbar war. Am Ende kam nur noch ein grüner Schleim heraus, der nicht so aussah, als hätte er überhaupt irgendetwas in meinem Darm verloren gehabt. Heiko bestätigte aber, dass es bei ihm vor ein paar Tagen genau das gleiche gewesen war. Die Nacht über musste ich immer wieder nach draußen um eine Sauerei im Schlafsack zu verhindern und wie zuvor Heiko hatte nun auch ich mit dem Problem zu kämpfen, dass dadurch jedes Mal meine Kälteattacken wieder anfingen. Vor allem aber wurde mir bei jeder Bewegung schlecht, was irgendwie ungünstig war, wenn man aus einem Zelt krabbeln musste. Kurz vor dem Morgengrauen ging mir dann auch noch mein Waschlappen verloren, den ich zum Hintern abwischen benutzte. Eine Weile versuchte ich, ihn in der Dunkelheit wieder zu finden. Dann gab ich es auf und hoffte einfach, dass mein Darm nun bis zur Dämmerung durchhalten würde.

Trotz der enormen Kälte verspürte ich die Nacht über immer wieder eine große Hitze in der Mitte meiner Brust. Irgendetwas ging in mir vor. Es war keine einfache Magen-Darm-Erkrankung. Etwas arbeitete in mir. Und zwar ordentlich!

 

 

Spruch des Tages: Wieder ein neues Land

 

Höhenmeter: 260 m

Tagesetappe: 27 km

Gesamtstrecke: 12.462,27 km

Wetter: überwiegend sonnig

Etappenziel: Altes Pfarrhaus, 87061 Campana, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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