Tag 758: Der Überfall – Teil 1

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Tag 758: Der Überfall – Teil 1

Tag 758: Der Überfall – Teil 1

Es sah eigentlich so aus, als würde uns heute wieder eine kurze Etappe erwarten. Vor uns lagen 10km bis zu einem Zielort, in dem unser Gastgeber dem Pfarrer Bescheid gegeben hatte, dass wir kommen würden. Was sollte also noch schiefgehen?

Kurz bevor wie die Ortschaft erreichen, kam uns der informierte Pfarrer mit dem Auto entgegen.

„Hi, Ich bin Don Rocco, ich habe schon erfahren dass ihr kommt!“ rief er uns aus dem Fenster heraus zu, „ich bin nur leider gerade auf dem Weg nach Lecce und kann mich deshalb nicht um euch kümmern! Ich habe aber Padre Elia Bescheid gegeben. Er ist ein Eremit und wohnt etwas unterhalb des Ortes. Er erwartet euch bereits!“

Dann fuhr er weiter. Im Ort erfuhren wir dann jedoch, dass „etwas unterhalb des Ortes“ durchaus etwas untertrieben war. Padre Elia wohnte gute fünf Kilometer entfernt tief unten im Tal. Wir hätten also einen Umweg von zehn Kilometern und gut und gerne vierhundert Höhenmetern machen müssen. Das war uns dann doch ein bisschen viel. Wir beschlossen, dass Padre Elia schon verstehen würde, wenn wir nicht kamen und gingen weiter auf unserem Weg. Vor uns lagen noch jede Menge Orte und irgendwo würden wir sicher einen Pfarrer finden, der uns direkt aufnehmen konnte.

So gingen wir weiter, erst einen Kilometer, dann vier, dann noch einmal zwei und schließlich noch einmal drei. Doch wohin wir auch kamen, nirgendwo konnten wir jemanden finden, der uns weiterhelfen konnte oder wollte. Am Ende erreichten wir eine große Stadt mit mehreren Kirchen, die jedoch auch alle nur von einem einzigen Pfarrer betreut wurden. Dummerweise war dieser Pfarrer kein besonders freundlicher Mensch und verwies uns über die Sprechanlage an einen seiner nicht existierenden Kollegen. Dass sie nicht existierten erfuhr ich jedoch erst kurz darauf von einem Mann, den ich vor einer Bar traf.

„Den Pfarrer hier kannste vergessen!“ sagte er auf Deutsch und unterstütze seine Worte mit einer abfälligen Handbewegung. „Mit dem Kerl ist nichts los! Wenn der keine Lust hat, dann hat er keine Lust und dann kann man ihn auch nicht umstimmen!“

Der Mann hatte fünfzig Jahre seines Lebens in Leverkusen verbracht, bevor er als Rentner wieder hier her gezogen war. Er besaß drei kleine Häuser, die schon seit langem nicht mehr bewohnt waren und die er früher einmal an rumänische Gastarbeiter vermietet hatte. Eines davon stellte er uns zur Verfügung. Die letzten Mieter waren vier Rumänen gewesen, die es irgendwie geschafft hatten, sich auf dem winzigen Platz zusammen zu pferchen. Als ihre Saison vorbei war, waren sie einfach verschwunden und hatten alles mitgenommen, was noch irgendwie von Wert war. Das war bereits das vierte Mal gewesen, dass dies passierte und unser Gastgeber hatte danach beschlossen, die Sache mit der Billigvermietung aufzugeben.

Es war ein etwas sonderbares Gefühl, in diesem kleinen Verschlag zu leben, der zuvor von Sklavenarbeitern bewohnt wurde. Sie hatten zwar alles mögliche mitgehen lassen, ließen aber auch vieles hier im Haus zurück, das sie nicht mehr brauchten. In den Schränken standen noch leere Gläser, die einmal eine Tomatensause enthalten haben, über einem Stuhl hing eine alte Jacke und auf einem Tisch lagen noch alte Zeitungen. Es war ein bisschen, als würde man in einem Geisterhaus wohnen. Immer wieder fragten wir uns, wie die vier sich wohl arrangiert hatten, um auf so engem Raum miteinander auszukommen.

Die Nacht wurde wieder einmal schweinekalt und schon am frühen Nachmittag waren wir vollkommen ausgekühlt. Die Dusche war zwar angenehm heiß, doch kaum hatte man sie verlassen, fror man wieder genau wie zuvor.

Nachdem wir unser kleines Heim verlassen hatten, begegneten wir unserem Gastgeber noch einmal auf der Straße. Er hatte gerade zuvor mit dem Pfarrer gesprochen, der ihm eine vollkommen andere Geschichte über seinen Auftritt erzählt hatte. Es würde ihm leid tun, dass er uns nicht hatte aufnehmen können, doch er hätte nun mal etwas Angst gehabt, da er uns ja nicht kannte. Wenn er unsere Ausweise hätte sehen dürfen, dann wäre es kein Thema gewesen, doch die hätten wir ihm ja nicht zeigen wollen. Davon, dass er nicht danach gefragt, ja nicht einmal auch nur zur Tür gekommen war, sagte er natürlich nichts. Doch unser Gastgeber kannte seinen Pappenheimer und er berichtete uns stolz, dem alten Griesgram ordentlich die Meinung gegeigt zu haben.

Er erzählte uns jedoch noch eine andere Geschichte, die uns noch mehr schockierte als der Umgang mit uns. Vor einiger Zeit war ein Afrikaner zum Pfarrer gekommen und hatte sich als Priester vorgestellt. Er hatte darum gebeten, eine Sonntagsmesse abhalten zu dürfen, da er sich auf einer Art Prediger-Wanderschaft befand. Der Pfarrer hatte ihn nach seinen Papieren gefragt und als der Fremde ihm keine offizielle Bescheinigung über sein Priestersein vorlegen konnte, hatte er ihn mittels seiner Kontakte bei der Polizei verhaften lassen. Er hatte nicht danach gefragt, warum er keine Papiere hatte und hatte ihm keine Chance gegeben, irgendetwas zu erklären. Er hatte auch nicht einfach die Erlaubnis für das Abhalten der Messe verweigert, sondern direkt die Polizei gerufen. War das nicht ein hartes Armutszeugnis? Dass der Mann Angst hatte, konnte man ja vielleicht noch irgendwo verstehen, aber deswegen gleich so umzugreifen und einen Mann mit wahrscheinlich besten Absichten aufgrund eines fehlenden Zeugnisses verhaften zu lassen? Wenn schon die Pfarrer so vorgingen, wie weit war es dann mit unserem freien Europa noch bestellt? Und wie traurig ist die Einstellung, dass nur ein Mann mit einem Zeugnis ein echter Priester sein kann? Wer weiß, vielleicht war der Mann wirklich kein echter Pfarrer sondern hatte auf einem ganz eigenen Weg zu Gott gefunden. Vielleicht war er in einem Kriegsgebiet aufgewachsen und hatte irgendwann zu predigen begonnen, weil es kein anderer machte und weil er der einzige war, der aus tiefster Überzeugung anderen Hoffnung zusprechen konnte. Vielleicht war er einer der wenigen Menschen, die durch ihre Worte von der Kanzel wirklich etwas bei den Zuhörern bewegen und sie nicht nur zum Einschlafen bringen konnten. Doch ohne Zeugnis, ohne Papiere war dies nichts wert. So wie in unserer Gesellschaft generell kaum etwas einen Wert hat, wenn man kein Zertifikat dafür besitzt. Ist das nicht traurig?

Wir verabschiedeten uns von dem freundlichen Mann und folgten der Straße ins Tal hinab. Vor uns lag nun wieder eine Flachebene, die seicht zum Meer hin abfiel und wie so oft zuvor, änderte sich mit dem Landschaftsbild auch die Mentalität und die Grundstimmung wieder gewaltig. Die gleichen Straßen, die kurz zuvor noch kaum befahrene Bergrouten waren, wurden nun zu Hauptverkehrswegen, an denen man es kaum noch aushielt. Je weiter wir nach unten und je dichter wir ans Meer kamen, desto ungemütlicher wurde es und desto disharmonischer wurde die allgemeine Grundstimmung im Land.

Den Höhepunkt erreichte diese Grundaggressivität an einer kleinen Brücke unterhalb des Berghangs.

Es begann damit, dass wir an einem einzelnen Grundstück vorbei kamen. Vor dem Haus befand sich ein großer Schotterplatz, der bis hinunter zur Leitplanke der Straße reichte und auf dem ein einzelner, grüner Fiat Panda parkte. Irgendwo in einer hinteren Ecke dieses Platzes lauerte eine Bestie von einem Hund, der nur darauf wartete, sich auf vorbeikommende Fußgänger stürzen zu können. Er hatte eine Schulterhöhe von gut einem Meter und kam mit fletschenden Zähnen und tropfendem Geifer auf uns zu gerannt. Dabei brüllte er uns an, als wolle er uns gleich das Fleisch von den Knochen reißen. Wütend sprang er an die Leitplanke und versuchte nach uns zu beißen. Heiko wich zurück damit er nicht in die Reichweite des Hundes kam und hob einen kleinen Stein auf, um sich notfalls verteidigen zu können, falls der Hund über die Leitplanke sprang. Im Hintergrund kamen nun noch zwei weitere Hunde angerannt. Sie waren mickrig und wirkten nicht im geringsten bedrohlich, doch sie eilten dem Aggressionsbolzen zu Hilfe und versuchten seine Bedrohlichkeit dadurch noch ein bisschen zu erhören. Es war eine Taktik, die wir später noch einmal direkter erleben sollten.

Auf der gesamten Länge des Grundstückes begleitete uns der Hund und wurde dabei immer aggressiver. Dann war das Grundstück zu ende, die Hunde kläfften uns noch hinterher, doch ihr bellen wurde leiser und kurz darauf dachten wir nicht einmal mehr an diese Situation. Es war für uns erledigt. Zumindest bis auf weiteres.

Wenige hundert Meter weiter überquerten wir eine kleine Brücke und wurden dabei von einem alten, grünen Fiat Panda überholt. Wir erkannten es zunächst nicht, denn Fiat Panda gab es hier wie Sand am Meer, doch es handelte sich um das Auto, das zuvor auf dem Kiesplatz geparkt hatte.

„Seit ihr Italiener?“ rief der Fahrer aus dem Auto heraus und wirkte dabei noch unfreundlicher als die meisten anderen Menschen, die uns ständig diese Frage stellten.

Nein, Deutsche!“ sagten wir und taten das, was wir in solchen Situationen eigentlich immer taten. Wir gingen einfach weiter und versuchten die Nervensäge so gut es ging zu ignorieren. Doch dieser Mann hier war anders. Er setzte zurück und schnitt Heiko und mir dabei den Weg ab. Er fuhr so scharf an uns heran, dass ich für einen Moment lang dachte, er wolle uns überfahren. Dann sprang er aus dem Auto und brüllte uns an. Ich verstand kein Wort von dem was er sagte, doch es war unverkennbar, dass er extrem aggressiv war. Bevor er auf uns zugekommen war, hatte ich gerade nach unserer Strecke geschaut und hielt deshalb noch immer unser Handy in der Hand. Er griff danach und wollte er mir wegreißen, doch ich hielt es fest. Da holte er aus und begann auf uns einzuschlagen. Von nun an ging alles sehr schnell. Irgendwie ging er erst auf mich und dann auf Heiko los, schleuderte unser Smartphone auf den Boden, so dass es in mehrere Einzelteile zerplatze, die sich überall in der Gegend verteilten. Blitzschnell überlegte ich, was ich durch unsere Trainings über Krisensituationen wie diese Gelernt hatte. Erst einmal den Wagen abschnallen um wieder Handlungsfähig zu werden. Und dann eine Deckung aufbauen, so dass mich keine direkten Schläge treffen konnten. Während ich noch damit beschäftigt war, hatte Heiko den Schläger bereits abgewehrt und soweit zurückgedrängt, dass er sich wieder frei auf der Straße bewegen konnte. Für einen Italiener war der Mann recht groß, doch er war noch immer ein gutes Stück kleiner als Heiko und er war bei weitem nicht so Schlagkräftig, wie er selbst glaubte.

Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Achtung! Überfall!

Höhenmeter: 80 m

Tagesetappe: 10 km

Gesamtstrecke: 13.481,27 km

Wetter: kalt aber sonnig

Etappenziel: Franziskaner Kloster, 84035 Polla, Italien

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Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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