Tag 727: Steinbrüche

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Tag 727: Steinbrüche

Tag 727: Steinbrüche

Nach unserem kurzen Exkurs zu unserem Weltreiseweihnachten geht es nun wieder weiter mit den Berichten von unseren Erlebnissen in Italien:

Der Abschied fiel unserem neuen Freund heute besonders schwer. Er zitierte sogar einen Vers von San Paolo, den ich leider nicht ganz wiedergeben kann, der aber sinngemäß soviel aussagte wie: „Ich weine, denn ihr geht fort!“ Dann umarmte er uns und entließ uns hinaus in die Felder.
Die Landschaft war schön, wenngleich wir immer wieder auf einige Hauptstraßen stießen. Es ging nun immer weiter bergauf, so dass wir das erste Mal einen Blick aus der Vogelperspektive auf das Land werfen konnten. Unter uns lag Taranto, die Hauptstadt der Region. Sie befand sich auf der kleinen Landzunge zwischen dem Meer und einem kleinen Binnenmeer, das den bezeichnenden Namen „Picolo Mare“ trug. Die Altstadt passte auf eine kleine Insel zwischen diesen beiden Meeren, doch die moderne Stadt hatte sich in beide Richtungen ausgebreitet und nahm nun fast den gesamten Landstrich ein. Dahinter ragten die riesigen Kräne des Industriehafens in den Himmel. Einige Tage zuvor hatte ich noch ernsthaft überlegt, ob wir nicht durch diese Stadt hindurchwandern sollten. Jetzt war ich heilfroh, dass ich mich dagegen entschieden hatte.
Stattdessen machten wir nun ein Picknick hier oben in den Bergen, ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und sahen uns die Stadt aus einer deutlich angenehmeren Perspektive an.
Die Stadt die wir schließlich erreichten war auch nicht gerade ein Highlight, aber sie war deutlich kleiner und man konnte zumindest am Anfang über Schleichwege dem Verkehr ausweichen. Heiko wartete am Bahnhof, während ich mich wie üblich auf die Suche nach einem Pfarrer machte. Kirchen gab es reichlich und gleich bei der zweiten wurde ich fündig. Wir bekamen einen Raum für uns und wurden sogar zum Essen ins Pfarrhaus eingeladen. Der Pfarrer lebte hier gemeinsam mit seiner Mutter, einer lustigen, leicht schrulligen Dame, die mit ihren stolzen 92 Jahren noch immer gut unterwegs war.


Zum Essen gab es unter anderem frische, frittierte Oliven. Wir waren völlig begeistert davon, dass dies überhaupt möglich war, denn bis zu diesem Moment hatten wir geglaubt, dass man Oliven nur essen konnte, wenn sie für lange Zeit eingelegt waren. Doch das stimmte nicht. Die Köchin hatte die frisch geernteten Oliven für einige Zeit in heißem Öl kochen lassen und anschließend gesalzen. So kamen sie dann heiß auf den Tisch. So heiß sogar, dass sich die Oma ordentlich die Schnute daran verbrannte, worüber sie sich im Nachhinein ordentlich amüsierte.
Am Nachmittag hatten wir dann sogar zum ersten Mal die Gelegenheit, unser neues Indiaka auszuprobieren. Zur Kirche gehörte auch ein kleiner Sportplatz, dessen Zaun ein ideales Netz darstellte. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr man seine Rückenverspannungen spürt, wenn man sich nach langer Zeit mal wieder sportlich bewegt anstatt immer nur zu wandern.
Beim Frühstück am nächsten Morgen erzählte uns der Pfarrer noch von einer ganz besonderen Sehenswürdigkeit, die wir uns nicht entgehen lassen sollten. Etwas außerhalb der Stadt gab es einen botanischen Garten, der sich in einer Schlucht befand und in dem es Pflanzen geben sollte, die man sonst kaum noch finden konnte.
Ganz so spektakulär wie angekündigt war die Schlucht dann aber doch nicht. Es war eine Spalte im Felsen, in der einiges an Grünzeug wuchs. Ob die Pflanzen selten waren oder nicht, konnten wir nicht beurteilen, aber spannend waren sie höchstens für einen passionierten Botaniker. Anders verhielt es sich jedoch mit der Schlucht, die wir überqueren mussten, um aus der Stadt herauszukommen. Diese war zwar nicht zu einem Park erklärt worden, sah aber dennoch bei weitem beeindruckender aus.
Die Straßenführung, die ich für heute rausgesucht hatte, wies einige Schwachstellen auf. Mehrere Wege waren versperrt, andre existierten nicht einmal. Die Folge war, dass wir uns einige Male verliefen und schließlich auf der großen Schnellstraße landeten, der ich um jeden Preis ausweichen wollte. Sie war grässlich, führte uns aber über einen kleinen Umweg an gigantischen Steinbrüchen vorbei, für die sich der Ausflug dann doch noch lohnte. Für die Burgen, Kirchen und Stadtmauern hatte man hier große Blöcke aus dem Sandsteinfels geschlagen, wodurch tiefe, rechteckige Krater entstanden waren. Heute nutzte man die alten Steinbrüche genau wie jede andere freie Fläche auch. Man pflanzte Olivenbäume darauf.
Oberhalb der Steinbrüche befand sich der Eingang zur Stadt. Wieder gab es eine klare Einteilung zwischen der historischen Altstadt und der Neubausiedlung. Letztere war fein geordnet in immer gleiche Viertel aufgeteilt, zwischen denen die Straßen wie ein Karomuster verliefen. Auch hier gab es unzählige Kirchen, in denen wir aber zunächst niemanden antreffen konnten. Lediglich in einem Nonnenkloster reagierte eine Frau durch die Sprechanlage auf mein Klingeln. Sie erklärte mir aber bloß, dass Männer in ihrem Hause nicht willkommen waren und legte wieder auf. Ich weiß nicht warum, aber hier unten im Süden nahmen es die Nonnen mit der Geschlechtertrennung wirklich ernst. Bei unserem ersten Besuch in Italien waren wir oft von Nonnen aufgenommen worden und hatten dabei sogar meist sehr schöne und angenehme Plätze bekommen. Dieses Mal schien das absolut undenkbar zu sein.
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Da wir im Moment ohnehin nichts ausrichten konnten, taten wir das einzig vernünftige und machten ein kleines Picknick. Als Platz dafür wählten wir die Grenze zwischen der Neustadt und der Altstadt aus. Sie bestand aus einer breiten und beeindruckend tiefen Schlucht, über die nur eine einzige Brücke führte. Unten hatte man vor Jahrhunderten mehrere Höhlen in den Fels geschlagen, die vielleicht sogar einmal als Wohnungen gedient hatten.
Später versuchte ich es dann noch einmal. Einen Pfarrer traf ich noch immer nicht, dafür aber eine kleine, dicke und äußerst griesgrämige Frau, die so eine Art Kirchenwachhund zu sein schien. Es kostete mich einiges an Überredungskunst und Schmeichelei, sie zu überreden, den Pfarrer anzurufen. Dieser hatte kein Problem damit, uns ein Zimmer zu geben und trug seiner kleinen Wachhündin auf, uns hineinzuführen. Langsam glaubte ich sogar einen ganz guten Draht zu ihr zu haben, was sich später am Abend dann aber doch noch einmal änderte. Denn offensichtlich hatten wir uns nicht für das Zimmer entschieden, das sie für uns vorgesehen hatte und so machte sie einen riesigen Aufstand, dass  wir umziehen müssten. Wie immer in Italien war bereits der kleinste Umstand ein riesiges Problem und am Ende stellte sich auch dieses Mal heraus, dass alles genauso bleiben konnte, wie zuvor. Bevor wir uns schließlich schlafen legten zogen wir dann aber doch noch einmal um. Denn im Haus gegenüber fand eine Party statt, dessen Besucher offensichtlich keine Musik mochten. Sie bauten ihre Anlage nämlich nicht so auf, dass sie die Musik selbst hörten, sondern dass die Boxen aus dem Fenster heraus die ganze Stadt beschallten. Warum sie das machten war uns ein Rätsel, aber noch mehr fragten wir uns, warum es niemanden störte. Normalerweise achtet man doch bei einer Party in einer Stadtwohnung darauf, dass so wenig Lärm wie möglich nach außen dringt, damit niemand die Polizei ruft und die Party beenden lässt. Hier schien es diese Gefahr nicht zu geben.
Dementsprechend unruhig wurde die Nacht weshalb wir am Morgen schon recht früh wieder aufbrachen. In Folge dessen kamen wir auch recht früh wieder an. Vor der Kirche stand eine Gruppe mit mehreren Personen, die sich angeregt unterhielten. Ich trat auf sie zu und fragte nach dem Pfarrer, woraufhin sich eine Frau bereiterklärte, mich zu ihm zu führen. Sofort löste sich die Gruppe auf und jeder ging in eine andere Richtung. Dieses Gruppenverhalten hatte ich in italienischen Städten nun schon öfter beobachtet und es verwunderte mich immer wieder aufs Neue. Normalerweise gab es doch ein Gesprächsthema, über das man sich unterhielt. Wenn also ein Fremder hinzukam und etwas wollte, dann müsste es doch zumindest noch ein paar Sätze geben, die man zu ende führte, bevor man der Bitte nachging. Doch das gab es nicht. Es schien, als wären die Gespräche in den Straßen grundsätzlich ohne jeden Inhalt, so dass man sie an jeder X-beliebigen Stelle einfach abbrechen konnte, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken.
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Die Frau aus dem Gesprächskreis führte mich zum Haus einer Nachbarin. Als sie mich sah meinte sie nur: „Oh, ihr sucht wohl einen Schlafplatz! Wie viele seit ihr? Wie lange wollt ihr bleiben? Braucht ihr auch etwas zu essen?“ Das waren wirklich mal konstruktive Fragen! Damit konnte man arbeiten.
Sie forderte mich auf, in der Kirche zu warten und kam kurz darauf, um uns einen Platz zu zeigen. Dort verbrachten wir dann den Rest des Nachmittages, schrieben, weichten den Kommunionkindern aus und spielten Indiaka im Innenhof der Kirche. Es hatte auch einen Vorteil, in einem Land zu sein, in dem jedem alles egal war. Denn wenn niemand ein Problem damit hatte, dass sich Kinder in der Sakristei prügelten und dabei den Pfarrer umwarfen, dann störte es auch niemanden, wenn man nebendran Indiaka spielte.
So war es dann auch wirklich. Als der Pfarrer kam um die Messe vorzubereiten schaute er uns einen Moment beim spielen zu und begrüßte uns dann freundlich. Er war eun Franziskaner und hätte vielleicht sogar San Francesco persönlich sein können, so wie er auftrat. Er hatte einen langen Bart, trug eine braune Kutte und kleidete seine nackten Füße in einfache Latschen. Kurz er war ein durch und durch sympathischer Kautz. Darüber hinaus hatte er auch noch die großartige Eigenschaft, freundlich und schweigsam zu sein und uns unser eigenes Ding machen zu lassen. Obwohl wir so gut wie nicht mit ihm sprachen und er kaum etwas über uns wusste, steckte er uns am nächsten Morgen einen Umschlag mit 50€ zu. Damit hatten wir unsere Fährfahrt nun wieder ausgeglichen. Danke noch einmal, an alle, die uns dabei geholfen haben!
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Spruch des Tages: Wenn ein Mensch barfuß geht, kann er ja nur nett sein.

Höhenmeter: 110 m
Tagesetappe: 13 km
Gesamtstrecke: 13.001,27 km
Wetter: sonnig
Etappenziel: Sakristei, 89842 San Calogero, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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