Tag 509: Verschollen

Tag 509: Verschollen

Tag 509: Verschollen

Die Nacht im Hotel war wichtig, aber nicht unbedingt erholsam. Das Fenster in unserem Zimmer glich eher einem Pappkarton und hielt weder Lärm noch Kälte ab. Jedes Mal wenn ein LKW draußen auf der Straße vorbei fuhr, zogen wir unwillkürlich die Köpfe ein und duckten uns an die Wand. Weil von den letzten Tagen so viel liegen geblieben war, wurde die Nacht außerdem recht kurz und kaum hatten wir uns hingelegt, begannen auch schon die ersten Sonnenstrahlen in unser Zimmer zu fallen.

Beim einpacken stellte ich fest, dass die Flasche mit dem Lampenöl für unseren Kocher ausgelaufen war. Gestern hatten wir ihn seit Monaten zum ersten mal wieder benutzt und dabei musste ich übersehen haben, dass das Dichtungsgummi aus dem Deckel gefallen war. Früher wäre das kein Problem gewesen, denn zu Beginn unserer Reise hatten wir die Flasche immer in einem dichten Beutel aufbewahrt, damit nichts passieren konnte. Do da so lange nichts passiert ist, bin ich schluderig geworden und in den letzten Monaten lag sie immer einfach lose in meinem Packsack. Dadurch konnte sich das Öl nun relativ gut verteilen, wobei ich in sofern noch Glück hatte, dass der Beutel für unsere Light-Pois fast alles aufgesaugt hatte. Dieser musste nun gewaschen werden, aber ansonsten war nicht viel passiert.

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Von unserem Hotel aus ging es erst einmal eine Weile am Fluss entlang zu einem kleinen Dorf. Hier bekamen wir ein gutes Frühstück in einem Restaurant, bei dem man direkt am Wasser sitzen konnte. Die Gegend war berühmt fürs Fliegenfischen und auch in dem Restaurant befand sich ein Angler, der gerade seine Ausrüstung zusammenbaute. Er baute bereits als wir ankamen und er war noch immer nicht beim Angeln, als wir gingen. Gut, dass er das Fischen nur als Sport betrieb und nicht um seine Familie damit zu ernähren. Denn diese wäre sicher verhungert bevor er seine Angel auch nur ausgeworfen hatte.

Bis zu dem Moment, in dem wir das Dorf wieder verließen, hatte die Sonne geschienen. Dann war der Himmel schwarz geworden und es begann zu regnen. Den gesamten restlichen Tag wechselten sich die Trockenperioden immer wieder mit plötzlichen Regenschauern ab. Die Wolken schienen komplett verrückt zu spielen. Sie bewegten sich so gut wie überhaupt nicht und doch wechselten sie ständig. In einer Minute war es vor uns hell und hinter uns braute sich ein Gewitter zusammen. Im nächsten Moment war es genau andersherum. Ich weiß nicht wie oft wir nass wurden und wieder trockneten, doch wenn wir für jedes Mal Jacke wechseln nur eine einzige bosnische Mark bekommen hätten, dann würden wir jetzt in einen Restaurant sitzen und uns die Bäuche voll schlagen. Vorausgesetzt natürlich, es gäbe hier ein Restaurant.

Auf unserem Weg durch die Berge fühlten wir uns wieder wie in einer fernen, längst vergangen Welt. Die Landschaft ist hier einfach unbeschreiblich schön und auch die winzigen kleinen Ortschaften fügen sich ins Bild, wie in einem Märchen. Die Tiere haben hier nicht einmal mehr ein Gehege, sondern laufen frei umher. Plötzlich standen wir auf der Straße mitten in einer Kuhherde. Kurz darauf kamen ein paar Ziegen und dann ein paar Schafe auf uns zu. Und noch etwas später kam uns sogar ein Pferd entgegen getrottet.

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Nur aus den Menschen wurden wir nicht schlau. Sie lebten hier an einem der schönsten Flecken der Welt und waren griesgrämiger als Oskar aus der Mülltonne.

Als wir am späten Nachmittag ein Tal erreichten, war uns klar, dass dies unser Übernachtungsplatz werden musste. Doch das Problem war, dass alle Wiesen, die infrage kamen, eingezäunt waren. Ein alter Mann kam auf uns zu und sprach uns auf Bosnisch an. Wir fragten ihn, ob wir hier irgendwo zelten könnten, aber er schüttelte nur den Kopf. Dann baten wir ihn um Wasser, doch auch dieses wollte er uns nicht geben. Wir fragten ihn nach dem Weg nach Donja Becka, dem nächsten Dorf, das auf unserer Karte verzeichnet war. Er begann wild drauflos zu erzählen und machte allerlei Gesten, doch wir wurden nicht schlau aus ihm, egal was wir auch wollten, er verneinte alles. Wir beschlossen ihn zu ignorieren und folgten unserer Karte. Es dauerte jedoch nicht lange und die Straße endete im Nichts. Wieder begegnete uns ein Mann und diesmal brachten wir etwas mehr aus ihm heraus. Donja Becka lag irgendwo hinter diesem Berg, doch mit den Wagen würden wir es kaum erreichen können.

Durch die Bäume konnte man bereits die nächsten Häuser sehen. Wo es Häuser gab, musste es ja auch eine Straße geben, also konnte der Trampelpfad nicht allzu lang sein.

Vor gut 12 Jahren habe ich das erstem Mal mit einem Freund einen Abenteuerurlaub gemacht, bei dem wir einfach so mit dem Rucksack quer Feld ein durch die Wälder in Norditalien gewandert sind. Damals haben wir ein Dorf in den Bergen entdeckt, zu dem keine echte Straße führte. Wir waren vollkommen überrascht, dass es dort wirklich ein ganz normales Dorfleben gegeben hatte, bei dem alles so war wie immer, nur dass es keine Autos gab. Der einzige Zugang war ein schmaler Betonplattenweg gewesen, der nur mit Mofas befahrbar war.

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Am Ende unseres kleinen Trampelpfades standen wir heute aber vor einer Entdeckung, die noch weitaus abgelegener war, als dieses kleine, italienische Bergdorf. Es gab Häuser, doch dass es deshalb auch eine Straße geben musste erwies sich heute eindeutig als Vorurteil . Unser grasbewachsener Pfad war der Hauptzugang zu diesem Dorf. Ansonsten gab es nur einen einzigen weiteren Pfad, der an einem Friedhof endete. Das Dorf bestand aus fünf oder sechs Häusern, deren Bewohner fast alle unter einem Dachüberstand versammelt waren und uns beobachteten. Wir fragten sie nach einer Möglichkeit zum Zelten, doch sie behaupteten, uns nicht zu verstehen. Anschließend tuschelten sie jedoch miteinander und erwähnten dabei mehrmals das Wort „spavanje“ was „schlafen“ heißt. Sie wussten also genau worum es uns ging. Irgendwie hatten wir gedacht, dass Menschen, die so abgelegen und naturverbunden lebten, etwas freundlicher und hilfsbereiter waren, doch auch das war wohl ein Vorurteil. Wir fragten sie noch einmal nach dem Weg nach Donja Becka und eine Frau deutete auf eine Kuhweide, die etwas oberhalb der Mini-Ortschaft lag. Von dort kam gerade eine weitere Frau herabgestiegen.

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Wieder regnete es in strömen und es dauerte nicht mehr lange, bis es zu dämmern beginnen würde. Mit wenig Bosnischkenntnissen und viel Pantomime verstanden wir aus den Gesprächen, dass der Weg nach Donja Becka extrem anstrengend und unwegsam war. Mit unseren Wagen sei es kaum zu machen. Die Längenangaben gingen dabei weit auseinander und reichten von etwas mehr als 1km bis hin zu 7km. Mit anderen Worten: Das Gespräch brachte überhaupt nichts. Den Weg zu wagen war so kurz vor Einbruch der Dunkelheit eigentlich etwas zu riskant. Doch hier konnten wir auch nicht bleiben und unten im Tal ebenso wenig wenn wir also wieder über den steilen Trampelpfad zurück gingen, dann brachte uns das auch nicht weiter.

Wir schauten noch einmal auf die Karte und nahmen dann die Kuhweide noch etwas genauer unter die Lupe. Das, was von unten wie ein unüberwindbarer Geröllhaufen ausgesehen hatte, war in Wirklichkeit die untere Seite eines Hanges, auf dem eine richtige Straße gebaut wurde. Noch war die Straße nicht fertig, weshalb das ganze nur eine Piste aus Schlamm, Lehm und Unmengen an riesigen Felsbrocken war, aber man konnte darauf laufen. Also versuchten wir unser Glück.

Bei trockenem Wetter wäre es kaum ein Problem gewesen, dieser Piste zu folgen, doch der permanente Regen hatte sie vollkommen aufgeweicht und in eine schleimige Rutschbahn verwandelt. So wurde jeder Schritt zu einem Kampf gegen die Erdanziehungskraft und eine Kunst im Bewahren des Gleichgewichtes.

Nach einigen hundert Metern kam uns eine alte Frau mit einer Axt entgegen. Sie grüßte uns und ging weiter, so als wäre es das normalste der Welt, dass die zwei Ausländer mit Pilgerwagen unterwegs waren.

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Heiko war mir ein gutes Stück voraus, wartete aber an der nächsten Kurve auf mich.

„Wir haben ein Problem!“ meinte er, als ich ihn eingeholt hatte.

Ich schaute ihn fragend an.

„Ich habe einen Platten!“

Das fehlte jetzt natürlich noch. Auf dem Reifen war eine Schlammschicht von gut vier Zentimetern, es dämmerte, der Regen prasselte noch immer, wir hatten keine Ahnung wo wir waren und wo wir hinwollten. Wenn es einen ungünstigen Zeitpunkt für einen Platten gab, dann war es dieser.

Wir beschlossen uns aufzuteilen. Ich kümmerte mich um Heikos reifen und er inspizierte die Gegend auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz. Er ging weiter die Straße hinauf und stand plötzlich einer Schafsherde gegenüber. Diese trottete langsam und gemächlich in Richtung Minidorf und kam daher kurze Zeit später bei mir vorbei. Als mich die Schafe sahen, wie ich gerade mit dicken Moosbüscheln den kaputten Reifen säuberte, blieben sie stehen und schauten mir dabei zu. Offensichtlich kam so ein Spektakel doch nicht alle Tage vor und es schien sie wirklich zu interessieren. Zunächst hielten sie einen respektvollen Abstand, dann kamen sie aber immer näher und irgendwann waren sie so neugierig, dass ich befürchtete, sie würden ausversehen Heikos aufgestellten Wagen umstupsen. Aber sie waren vorsichtig. Den Reifen zu säubern dauerte ewig und irgendwann verloren auch die Schafe das Interesse daran. Sie setzten sich wieder in Bewegung und trotteten weiter.

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Als Heiko zurückkehrte, war ich gerade dabei, den neuen Schlauch aufzuziehen. Das Rad selber war nun sauber, dafür war ich voller Schlamm. Zu allem Überfluss war nun auch wieder eine Speiche gebrochen. Es wirkte fast etwas, als sei dieses Rad verflucht, denn dies musste nun schon die vierte oder fünfte gebrochene Speiche in diesem Jahr sein.

Heiko hatte in der Zwischenzeit wirklich einen Schlafplatz für uns gefunden. Wir mussten der Schlammstraße noch ein gutes Stück weiter folgen und dann links auf eine Freifläche abbiegen. Dann hielten wir uns weiter am Hang entlang, bis wir an eine Stelle kamen, wo die Wiese ein gutes Stück weit eben war.

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Hier schlug ich unser Lager auf, während Heiko noch einmal die Gegend erkundete. Für Heute hatten wir einen guten Schlafplatz, doch noch immer war unklar, ob und wie wir hier weiter kamen. Ein bisschen Überblick über die Lage war also nicht verkehrt. Die Schlammstraße endete wenige Meter nachdem wir sie verlassen hatten und wurde zu einer Art Tunnel im Dickicht des Waldes. Von unserem Zeltplatz aus führte ein schmaler Pfad weiter den Berg hinauf. Zu Heikos vollkommener Überraschung kam er darauf nach wenigen Metern wieder in ein Dorf. Zunächst wirkte es verlassen und Heiko vermutete, dass es vielleicht einfach einige alte Scheunen waren. Doch dann stand er plötzlich vor einem Wohnzimmer, in dem ein Kaminfeuer brannte. Dieses Dorf lag so versteckt, dass es nicht einmal auf den Satelitenbildern von Google erkennbar war. Doch es war noch immer belebt.

Heiko kehrte zurück und half mir mit den restlichen Einräumarbeiten unseres Zeltes. Die Dämmerung stand nun direkt bevor und wenn wir nicht hungern wollten, mussten wir noch den Kocher zum Laufen bringen und unseren Reis zubereiten.

Zwei Jäger, ein Vater und sein Sohn kamen vorbei und schauten sich unser Lager an. Sie grüßten, sprachen aber ebenfalls kein Englisch oder Deutsch. Das wir hier zelteten schien sie weder groß zu stören noch zu interessieren. Das heißt, der Sohn schien schon etwas interessiert, doch sein Vater bedeutete ihm unmissverständlich, dass er weitergehen solle. Nun riss auch die Wolkendecke ein bisschen auf und einige letzte Sonnenstrahlen brachten die Berge zum leuchten. Wir waren mitten in einer wunderschönen Wildnis. Ohne eine Idee, wie wir hier je wieder herausfinden sollten, aber mit einer atemberaubenden Aussicht.

Spruch des Tages: Into The Wild

Höhenmeter: 290m

Tagesetappe: 18km

Gesamtstrecke: 9195,77 km

Wetter: Starkregen im Wechsel mit einigen Trockenperioden

Etappenziel: Sportplatz, 70267 Donji Baraci, Bosnien und Herzegowina

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