Tag 753: Kamikaze-Hündin

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Tag 753: Kamikaze-Hündin

Tag 753: Kamikaze-Hündin

Don Giorgio und die Mutter der Familie holten uns auch am Morgen wieder ab. Dieses Mal fuhren wir jedoch nicht bis zum Haus auf dem Berg, sondern nur bis zur oberen Kirche. Petroná hatte zwei Kirchen, eine große unten an der Straße und eine kleinere oben auf dem Berg. Beide waren bei Don Giorgios Amtsantritt vollständig verfallen gewesen hatten kaum noch den statischen Anforderungen entsprochen, dass man sie überhaupt für Besucher öffnen konnte. Doch Don Giorgio hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die kleine Stadt wieder auf Vordermann zu bringen und so hatte er sich persönlich um die Renovierung gekümmert. Das Haus oben auf dem Berg war damit also sein viertes Renovierungsprojekt hier im Ort gewesen. Anders als in Italien üblich hatte er seinen Job dabei sehr ernst genommen und sämtliche Gebäude so gewissenhaft erneuern lassen, dass sie nicht nur stabil und langlebig wurden, sondern auch noch praktisch sinnvoll waren. Von der batteriebetriebenen Zentralheizung in seinem eigenen Haus vielleicht einmal abgesehen. Dafür ließ er in der großen Kirche jedoch eine Fußbodenheizung einbauen, die sowohl den Bereich um den Altar als auch den Boden unter den Sitzbänken erwärmte, so dass weder der Pfarrer selbst noch sein Publikum frieren musste. Außerdem hatte er im hinteren Teil der Kirche eine kleine Kapelle errichten lassen in denen er den Wochentags-Gottesdienst abhalten konnte. Unter der Woche kamen immer nur sehr wenige Besucher und so war es angenehmer, sich in den kleinen Raum zu setzen, als sich über das riesige Kirchenschiff zu verteilen. Don Giorgio hatte bei der Renovierung aber auch vom finanziellen Aspekt großes Geschick gezeigt. Alle Renovierungskosten waren durch Spenden der Gemeindemitglieder bezahlt worden und als Gegenleistung hatte er dafür gesorgt, dass die Kosten so niedrig lagen wie nur möglich. So hatte er beispielsweise eine deutsche Orgel einbauen lassen, die eine weitaus bessere Akustik hatte, als alle italienischen. Normalerweise kostete eine solche Orgel rund 140.000€ zu denen noch einmal weitere 7.000€ für Anlieferung und Montage hinzukamen. Er hatte es jedoch geschafft, die Orgel für insgesamt 7.000€ zu erstehen und zwar inklusive Montage. Wie er das geschafft hatte verriet er uns jedoch nicht.

Oben über dem Altar gab es eine große Deckenmalerei. Normalerweise zeigten diese Fresken fast immer die Kreuzigungsszene oder einen anderen eher tragischen Teil aus dem Leben Jesu oder anderer Heiliger. Hier jedoch sah man Jesus recht vergnügt im Kreise seiner Freunde oben auf einer Wolke sitzen.

„Die meisten lassen die Geschichte von Jesus immer mit der Wiederauferstehung enden“, erklärte Don Giorgio, „doch das ist ja eigentlich nicht richtig. Sie geht weiter bis zur Himmelfahrt und darüber hinaus. Mir war es wichtig, gerade auch diesen Aspekt deutlich zu machen. Denn es endet ja nicht mit dem Tod von Jesus, sondern fängt damit eigentlich erst richtig an. Die Geschichte seines Lebens ist keine Trauerepisode, die uns in Hoffnungslosigkeit zurücklassen soll, sondern im Gegenteil eine Geschichte der Hoffnung und des Blickes nach vorne.“

Dann zeigte er uns noch ein weiteres Detail in dem Fresko, das für ihn einen ganz besonderen Wert hatte. Ganz rechts auf einer kleinen Wolke, etwas abseits der Heiligen saßen noch zwei Menschen, ein Mann und eine Frau.

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„Das sind meine Eltern!“ sagte er, „Von dort können sie mir bei der Arbeit zuschauen.

Während unserer ganzen Führung wurden wir immer wieder Fotografiert, fast wie bei einem Pressetermin. Die Mutter der Familie wollte uns gerne in Erinnerung behalten und plante offenbar auch eine Art Artikel über uns. Zwischenzeitig kamen ein paar Anwohnerinnen, die rein zufällig genau in diesem Moment die Kirche besuchen wollten. Sie wurden einfach geschnappt und mit aufs Foto gebannt, ob sie es nun wollten oder nicht. Zum Abschied schenkte uns Don Giorgio noch zwei Rosenkränze als Andenken. Dann machten wir uns wieder auf den Weg.

Kurz vor dem Ortsausgang tauchte eine Hündin neben uns auf, die uns ein Stück begleitete. Die meisten Hunde, denen wir hier begegneten bellten uns voller Wut und Aggression an, dieser hier jedoch nicht. Er verhielt sich zunächst ganz ruhig, rannte dann aber etwas vor und kläffte ein vorbeifahrendes Auto an.

Das Auto stoppte und die Insassen stiegen aus. Es waren Don Giorgio und die Mutter, die noch ein letztes Foto von uns machen wollten. Die beiden winkten und blieben dann zurück, doch der kleine Hund begleitete uns auch weiterhin. Mehr noch, er holte sich sogar Verstärkung und noch ehe die letzten Häuser hinter uns lagen, hatten wir einen Geleitschutz von drei Hunden. Sie waren wie eine kleine Hundefamilie mit Vater, Mutter und Kind, wobei es sich bei dem Kind wahrscheinlich einfach um einen Hund von einer anderen, kleineren Rasse handelte. Die drei folgten uns von nun an wie vierbeinige Schatten und verteidigten uns mit fast selbstzerstörerischer Inbrunst gegen alle Gefahren, die auf dem Weg auf uns lauerten. In erster Linie waren das vorbeifahrende Autos. Jedes Mal wenn ein solches Gefährt an uns vorbei fuhr, rasten die Hunde los, als wäre der Teufel hinter ihnen her, kläfften das lästige Fahrzeug an und bissen ihm fast in die Reifen. Mehr als nur einmal sahen wir sie bereits, wie sie unter die Räder gerieten, doch offensichtlich wussten sie genau was sie da taten. Es war nicht das erste Mal, dass sie fahrende Autos angriffen, ja es schien sogar eine Art Hobby von ihnen zu sein. Sie hatten sogar ein Gefühl dafür, welcher Autofahrer wie reagierte und sie spürten intuitiv, wen sie besonders leicht einschüchtern konnten. Manche Autos fuhren unbekümmert weiter, andere versuchten auszuweichen und wieder andere waren so verängstigt, dass sie bremsten und teilweise komplett stehen blieben. Die Hunde waren wie drei kleine Adrenalinjunkies, wie U-Bahn-Surfer auf vier Pfoten. Kein Fahrzeug war ihnen zu groß oder zu schnell und es schien sogar eine Art Wettkampf zwischen ihnen zu geben, wer sich am dichtesten an die gefährlichsten Autos und LKWs heranwagte. Lediglich ein einziges Mal erwischten sie dabei kein Opfer, sondern einen ernstzunehmenden Gegner. Ein Beifahrer, den sie mit lautem Gekläffe attackierten öffnete seine Tür und trat nach ihnen. Er verfehlte sie jedoch und die Runde endete in einem Unentschieden.

Fasziniert schauten wir den Hunden dabei zu. Jetzt, wo wir nicht selbst angebellt wurden und wo ihr Kläffen nur ein Element ihres eigentümlichen Adrenalinsports war, störte es uns weitaus weniger als normal. Viel mehr stellten wir fest, dass wir uns über die ungewöhnliche Unterhaltung freuten und dass wir schon nach kurzer Zeit mit den kleinen Kläffern mitfieberten.

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Hin und wieder gab es auch andere Gegner, mit denen sie es aufnahmen. Darunter waren verschiedene Hunde, die am Wegesrand in ihre Gärten gesperrt waren und die uns auf die übliche Art und Weise behandelten. Doch mit unserem Begleitschutz trauten sie sich nicht mehr, uns so laut und aggressiv anzubellen wie sonst. Es war, als eilte der verrückten Dreierclique der Ruf voraus, dass man sich besser nicht mit ihr anlegte.

Doch sogar vor Kühen machten die Hunde nicht halt. Zwei beeindruckend muskulöse Rinder lagen auf einer kleinen Wiese neben der Straße. Sie hatten lange spitze Hörner und allein ihre Hufe waren so groß wie der Kopf des kleinen Hundes. Ein einziger Tritt oder ein einziger Stoß mit dem Kopf hätte gereicht, um unserer kleinen Kamikazeköter ins Jenseits zu befördern. Trotzdem bauten sie sich tollkühn vor den Stieren auf und provozierten sie zu einem Kampf. Wahrscheinlich war es ihr großes Glück, dass die Rinder gerade viel zu gechillt waren, um sich provozieren zu lassen. Sie schauten die Störenfriede nur müde an und schlummerten dann weiter.

Nach etwa 10km war der kleine Hund plötzlich verschwunden. Die anderen beiden liefen jedoch noch immer mit großem Elan und einer schier unglaublichen Kondition neben uns vor und zurück und ließen sich kaum ein Auto entgehen. Nach 15km war dann auch das Männchen verschwunden und die Hündin begleitete uns nun nur noch alleine. Wir schlängelten uns wieder einmal einige Serpentinen hinauf und hinunter und kamen schließlich an einer Art Wertstoffhof vorbei. Hier standen mehrere Container auf einem Kiesplatz herum, die wir wahrscheinlich nicht weiter beachtet hätten, wenn unsere Hündin nicht ein besonders großes Interesse an einem von Ihnen angemeldet hätte. Dann hörten wir es auch. Aus dem inneren des Containers waren laute Kratz- und Scharrgeräusche zu hören. Irgendjemand steckte dort drinnen und so wie es klang, versuchte er verzweifelt wieder hinauszukommen.

Wir stellten die Wagen ab und machten uns auf die Suche. Die Container waren hoch und wir mussten seitlich hinaufklettern um hineinsehen zu können. Im Inneren befand sich ein Berg von Müllsäcken und obenauf saß eine kleine, völlig verängstigte Katze.

„Na das war ja mal ne Meisterleistung!“ rügte Heiko das verzweifelte Wesen, „wie hast du das denn gemacht? Dir muss doch aufgefallen sein, dass die Wände hier so hoch sind, dass du nicht hinausspringen kannst.“

Die Katze beantwortete Heikos Feststellung mit einer Demonstration ihrer erfolglosen Fluchtversuche. Sie nahm Anlauf, sprang gegen die Stahlwand, versuchte ihre Krallen in das harte, unnachgiebige Material zu schlagen, rutschte ab und landete wieder im Müll.

„Das wird so nichts!“ erklärte Heiko der Katze, „da brauchst du wohl etwas Hilfe!“

Wir holten einen langen, stabilen Ast von einem der großen Holzstapel, die neben den Containern lagen und steckten ihn so in die Mülltüten, dass er als Leiter diente. So lange wir dabei zuschauten wollte die Katze aber keinen weiteren Fluchtversuch starten. Wahrscheinlich auch deswegen, weil sie unsere Hündin witterte und nur wenig Lust darauf hatte, direkt nach ihrer Befreiung in einen Kampf mit einem durchgeknallten Erzfeind zu geraten. Wir ließen sie deshalb in Ruhe und vertrauten darauf, dass ihr die Flucht mit Hilfe der Leiter auch ohne uns gelang.

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Seit Beginn unserer Reise war es schon öfter vorgekommen, dass uns Hunde für ein kleineres oder größeres Stück begleitet hatten. Doch so treu wie diese Hündin hier war noch keiner gewesen. Sie begleitete uns die kompletten 19km bis in unseren Zielort und wartete dann geduldig während wir uns die Kirche anschauten. Sie begleitete mich auf der Suche nach dem Pfarrer und blieb inzwischen sogar so nah bei mir, als wäre ich bereits seit Jahren ihr Herrchen. In ihren Augen waren wir das nun vielleicht auch, denn wir hatten ihr immer mal wieder ein paar Kekse zu fressen gegeben und sie ab und an gestreichelt. Das war wahrscheinlich mehr Zuneigung gewesen, als sie je von einem anderen Menschen bekommen hatte. Sie trug kein Halsband und so sicher und frei wie sie sich auf der Straße bewegte, war sie definitiv kein Haushund. Sie war ein Streuner, einer der zahlreichen herrenlosen Hunde die hier in der Gegend lebten und sich vom von dem ernährten, was die Menschen ihnen überließen oder einfach wegwarfen. Wahrscheinlich passte sie deswegen so gut zu uns und fühlte sich gleich zu uns hingezogen.

Gemeinsam warteten wir vor der Tür des Pfarrers, die uns jedoch beiden verschlossen blieb. Dann gingen wir zum Rathaus und sie wartete wieder geduldig vor der Tür, bis ich daraus zurückkahm.

„Gute Nachrichten!“ begrüßte ich sie. „Wir haben einen Platz! Der Bürgermeister hat den Pfarrer erreicht und der zahlt uns ein Zimmer in einer kleinen Herberge.“

Bis der Schlüsselmeister kam warteten wir gemeinsam vor dem Rathaus. Dann begleitete sie mich zu unserer Herberge. Sie folgte mir auf den Fuß und ich fürchtete schon, dass mich der Herbergsleiter rügen würde, weil ich meinen Hund mitgebracht aber nicht angemeldet hatte. Doch der bemerkte meine vierbeinige Freundin nicht einmal.

Als wir zu Heiko zurückkehrten lief sie schwanzwedelnd auf ihn zu und freute sich wie ein junger Hund über das Wiedersehen. Dann führte sie uns zurück zur Herberge, setzte sich vor die Tür und bewachte uns noch einen Großteil des Nachmittages. Gerne hätten wir sie hereingebeten, aber das ging dann doch ein bisschen weit.

Wenn wir aus dem Fenster schauten, schaute sie uns an und manchmal hatten wir sogar das Gefühl, sie würde uns zuzwinkern oder anlächeln. Ob sie wohl wirklich bei uns bleiben würde?

Spruch des Tages: Der Mensch ist die dümmste Spezies. Er verehrt einen unsichtbaren Gott und zerstört eine sichtbare Natur, ohne zu wissen dass diese sichtbare Natur, die er zerstört, der unsichtbare Gott ist, den er verehrt. (Hubert Reeves)

Höhenmeter: 390 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 13.380,27 km

Wetter: kalt und windig, aber sonnig

Etappenziel: Cappucciner-Kloster, 85044 Lauria, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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