Tag 325: Von der Menschheit verlassen

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Tag 325: Von der Menschheit verlassen

Tag 325: Von der Menschheit verlassen

Gestern noch haben wir über das Gefühl geschrieben, ganz allein auf der Welt zu sein, weil man aus dem gewohnten Raster fällt. Heute erlebten wir das selbe am eigenen Leib erfahren. Oft schon hatten wir das Gefühl gehabt, die letzten Menschen auf der Welt zu sein, weil wir durch Gegenden kamen, in denen einfach niemand mehr lebte. Heute jedoch war es ein anderes Gefühl. Es war das Gefühl, inmitten einer Menschenmenge allein zu sein. Vielleicht lag es daran, dass wir uns nun wieder einer großen Stadt näherten, den plötzlich wollte einfach niemand mehr hilfreich sein. Es war wie verhext! Wir konnten kaum glauben, mit was für einer Ablehnung man uns begegnete. Vor allem von Seiten der Kirche. In Spanien waren wir es ja gewohnt, das Klöster zu mehr als 50% von Wesen bewohnt wurden, für die Nächstenliebe ein Fremdwort war, das sie nicht einmal buchstabieren konnten. Doch in Frankreich waren uns die Klöster bisher sehr positiv in Erinnerung geblieben. Von dem sonderbaren Zen-Kloster einmal abgesehen, aber das zählt ja eigentlich auch nicht. Doch der Mönch, der mir heute die Tür öffnete war ein so ekelhafter Widerling, dass es mich fast aus den Latschen kippte. Wie kann jemand behaupten, ein Mann Gottes zu sein und einem dann mit einem so falschen Grinsen und mit einem Gefühl der Genugtuung die Tür vor der Nase verschließen und einem im Regen stehen lassen? Eine Absage, obwohl er mehr Platz zur Verfügung hatte, als er für die Beherbergung einer Armee gebraucht hätte, hätte ich mir noch irgendwo eingehen lassen. Doch dabei auch noch eine perverse Freude zu empfinden, wie jemand dem es Spaß macht zuzuschauen, wie ein Kind vergewaltigt wird, da hörte es dann auf. Kurze Zeit später hatten wir das gleiche Erlebnis noch einmal mit einem Pfarrer. Wie damals in Spanien erwischten wir ihn nur, weil wir ihn kurz vor der Messe anfangen konnten. Zuvor hatten wir bereits mit dem Messner und zwei Bauarbeitern gesprochen, die uns alle drei bestätigt hatten,dass es jede Menge freier Räume gab. Einen davon hatte ich sogar selbst betreten. Angeblich hatte der gute Pfarrer der Scheinheiligkeit jedoch kein Personal, um uns dafür den Schlüssel auszuhändigen und ihm am morgen wieder einsammeln zu lassen. Als er dann einen Schwall von leeren Argumenten auf mich niederprasseln ließ, verfluchte ich die Sprachbarriere dafür, dass sie verhinderte, dass ich ihm meine Meinung sagen konnte. So blieb mir nichts anderes übrig, als kopfschüttelnd die Kirche zu verlassen und den Mann den Weg zu seiner Bühne der Selbstdarstellung und der geheuchelten Gottesnähe frei zu machen.

Das Rathaus hatte am Samstag geschlossen und so wurde es mit den Optionen immer knapper. Die Polizisten waren ratlos, trauten sich aber nicht den Bürgermeister anzurufen und zu fragen. Der Mann im Hotel, der zunächst so freundlich getan hatte, uns aber mit Bedauern ablehnen müsste, weil er angeblich eine Fahrradgruppe beherbergte, wollte und dann nicht einmal einen Platz in der Tiefgarage zugestehen. Die würde ja schließlich für die Autos der Gäste gebraucht. Warum bitte brauchten Fahradtouristen einen Autostellplatz?

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Wir verließen den Ort und versuchten unser Glück im nächsten, doch es sah genauso schlecht aus. Nicht einmal ein Garagenplatz ließ sich ergattert. Die schönste Begründung des Tages einer älteren Dame lautete: „Tut mir leid, aber dort schlafen schon unsere Hunde!“

Der Himmel färbte sich tiefschwarz und die Wolken türmten sich zu hohen Bergen auf. Im Wetterbericht hatten sie für morgen rund 30mm Niederschlag angekündigt. Doch wir hatten keine Wahl, wir mussten uns einen Zeltplatz suchen. Plätze in Gärten konnten wir dafür jedoch ebenfalls nicht auftreiben. Was war. Ur mit den Menschen hier los? Eine Frau die gemeinsam mit ihrer Familie an uns vorüberging und uns mit unseren Wagen sah, meinte nur unverhohlen zu ihrem Mann: „Oh Gott, lass sie bitte nicht ausgerechnet hier einen Zeltplatz suchen!“ Dann grinste sie uns an und grüßte knapp. Spätestens ab diesem Moment war klar, dass dies wieder einer dieser Tage wurde, wo es einem schwer viel, so etwas wie Empathie für die Menschheit zu empfinden. Wenn dies wirklich das Gefühl wär, mit dem wir einander begegneten, dann hatten wir es mehr als nur verdient, dass unsere Zivilisation langsam unterging.

Dabei hatte es gestern noch so gut ausgesehen. Im Rathaus standen ungefähr sechs Mitarbeiter zusammen und überlegten sich eine Lösung für uns. Am Ende wurden wir von einer Mitarbeiterin zu sich nach Hause eingeladen. Hier hatten wir nun wieder so richtig das heimische Gefühl, dass wir aus Frankreich kannten. Wir bekamen tolle Gästezimmer, aßen gemeinsam zu Abend und führten lange und interessante Gespräche. Es war kaum zu glauben, dass diese beiden Tage aufeinander gefolgt waren. Denn außer der Dame vom Rathaus bekamen wir daraufhin sogar noch zwei weitere Einladungen, von Menschen,die wir in der Stadt trafen. Heute hingegen gab es gar nichts.

Und noch etwas war interessant. Der stellvertretende Bürgermeister hatte uns gestern erzählt, dass wir in seiner siebenjährigen Amtszeit die zweiten waren, die nach einem Schlafplatz fragten. Innerhalb von sieben Jahren kam es also zwei mal vor, dass jemand um Hilfe fragte, die die Stadt jedes Mal rund 3,50€ an Strom und Wasser kostete, wenn man großzügig rechnete. Es war eine einzige Bitte alle dreieinhalb Jahre und doch wurde sie von so vielen Menschen abgelehnt. Wo sind diese Werte hin, von denen wir immer sprechen? Fürsorge, Nächstenliebe, hilfreich Sein und dergleichen mehr. Warum fällt uns das so schwer?

Nach dem Essen, als wir unsere Stimmung wieder etwas aufgebessert hatten, kam uns noch ein anderer Gedanke. Konnte es vielleicht auch sein, dass wir durch unsere Lage gerade erfahren sollten, wie es Paulina zuhause ging? War es vielleicht auch für uns Zeit, einen weiteren Schritt raus aus der Gesellschaft zu machen und noch unabhängiger zu werden?

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Spruch des Tages: Manchmal ist es wirklich schwer, an das Gute im Menschen zu glauben.

Höhenmeter: 20 m

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 6136,37 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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