Tag 765: Tiefpunkt – Teil 2

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Tag 765: Tiefpunkt – Teil 2

Tag 765: Tiefpunkt – Teil 2

Fortsetzung von Tag 764:

Die 600 Höhenmeter als krönender Abschluss einer ohnehin schon langen und erschwerlichen Reise gaben uns für den Tag den Rest. Oben waren meine Knie weich wie Kaugummi und meine Hände waren kaum noch in der Lage, den Reißverschluss meiner Packsäcke zu öffnen. Wir waren durchgeschwitzt und aufgeheizt als wären wir in einem Dampfbad joggen gewesen, doch der eisige Wind kühlte uns bereits wieder ab. Noch ehe wir das Zelt errichtet hatten waren wir bereits zu Eiszapfen erstarrt. Dafür aber hatten wir einen wunderbaren Blick auf die untergehende Sonne, die langsam hinter den Bergen Siziliens verschwand. Ganz genau, von unserem Hochplateau aus konnten wir bereits bis nach Sizilien schauen. Die Nördspitze der Insel lag direkt vor uns und dazwischen gab es nur eine kleine, fast lächerlich wirkende Meeresenge.

Die Nacht wurde bitterkalt und wir brauchten fast all unsere Kleidung um uns so warm zu halten, dass wir schlafen konnten. Am morgen war wieder einmal alles komplett nass und wir fühlten uns fast noch erschöpfter als am Vorabend. Doch wenn wir geglaubt hatten, mit unserem Gewaltanstieg am Abend bereits den Gipfel des Eisberges erreicht zu haben, dann hatten wir uns gewaltig geteuscht. Die Hochebene stieg zunächst langsam dann immer Steiler zum Zentralgebirge hin an. Unser Ziel lag eigentlich nicht bei diesem Gebirge, sondern am Meer, doch eine gewaltige Schlucht verhinderte, dass wir direkt dorthin gehen konnten. Wir mussten zunächst bis an das Gebirge herantreten, dann einige Kilometer parallel zu ihm wandern und erst dann konnten wir uns wieder dem Meer zuwenden. Doch die gesamte Strecke, bis zu dem Punkt an dem wir wieder in Richtung Meer gehen konnten, mussten wir bergauf gehen. Dafür gab es keinen wirklichen Grund, denn man hätte die Straße auch einfach wirklich parallel zum Gebirge bauen können. Doch die Italiener liebten unnötige Steigungen nun einmal und schafften es, die Straße über wirklich jeden Hügel zu führen, den sie finden konnten. Nach knapp 20 Kilometern erreichten wir das kleine Dorf, in dem wir unsere Etappe für heute beenden wollten. Doch wieder erlebten wir das gleiche wie zuvor. Ohne Pfarrer konnte uns niemand helfen und der Pfarrer war wieder einmal nicht anwesend. Er sei jedoch ein netter, offener Kerl und habe sicher nichts gegen unseren Besuch. Es würde nur eine halbe Stunde dauern, bis man ihn erreiche und solange könnten wir ja auf ein Mittagessen mit ins Haus kommen. Das Angebot klang nicht schlecht und doch waren wir skeptisch.

„Wenn es nicht klappt, müssen wir noch rund 15 Kilometer weiter laufen, also können wir nur bleiben, wenn es wirklich sicher ist, dass wir hier auch übernachten können. Sonst gehen wir lieber weiter“, erklärte ich der Familie.

„Keine Sorge!“ versicherte der Mann, „das klappt auf jeden Fall! Der Weg wäre ja auch viel zu weit! Und wenn der Pfarrer nicht will, dann könnt ihr auf jeden Fall bei uns übernachten!“

Das beruhigte uns und wir ließen uns auf den Deal ein. Das Haus war voller Menschen, die sich wohl schon für Weihnachten hier versammelt hatten. Der Opa saß vor dem Kamin, die Söhne fletzten sich auf der Couch und die Oma saß am Tisch. Wir wurden gebeten uns ebenfalls zu setzen und bekamen kurz darauf die wohl scheußligsten Spagetti, die ich je in meinem Leben gegessen hatte. Dass wir sie nicht direkt über den Tisch speiten und schreiend wegrannten lag nur daran, dass wir nicht unhöflich sein wollten. Als zweiten Gang gab es Kartoffeln mit Öl und Salz und ein paar Oliven. Dabei konnte man zum Glück nichts falsch machen. Kaum hatten wir jedoch aufgegessen, erhielten wir auch schon die Nachricht, die wir fast befürchtet hatten. Der Pfarrer hatte ohne einen besonderen Grund abgelehnt und da konnte man nun leider nichts mehr für uns tun. Sie seien sehr bestürzt über die Antwort des Pfarrers, denn damit hätten sie nicht gerechnet. Doch von ihren eigenen Räumen, die sie uns im Notfall zur Verfügung stellen konnten, war nun keine Rede mehr. Dafür wurden uns nun noch die schulichen Karrieren der Söhne vorgestellt und vor allem die Mutter versuchte ihr schlechtes Gewissen mit allerlei Konversation zu übertünchen, die uns nur noch mehr wertvolle Zeit stal. Mit jeder Sekunde fiel es mir schwerer höflich zu bleiben und ich spürte, dass ich einfach nur noch raus wollte. Was mich am meisten Störte waren gar nicht so sehr die 15km die nun plötzlich wieder vor uns lagen, sondern die Scheinheiligkeit und die Unzuverlässigkeit. Mehrfach hatte ich erklärt, dass wir wirklich nur dann eine Rast machen konnten, wenn der Platz sicher war, weil wir sonst am Abend in eine Bredoullie kamen. Und doch war es den Leuten wichtiger gewesen, einen kurzfristigen guten Eindruck zu machen, als wirklich hilfreich zu sein.

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Wieder war es bereits dunkel, als wir die nächste Stadt erreichten und wieder waren wir dafür über jede körperliche Grenze gegangen. Unsere Muskeln bettelten um Erbahmen und wir waren so verspannt, dass wir uns kaum mehr rühren konnten. Doch dieses Mal hatten wir mehr Glück. Die beiden Pfarrer, die wir an der Hauptkirche antrafen stellten uns einen großen und sogar einigermaßen warmen Raum zur Verfügung. Erschöpft sackten wir in uns zusammen. Jetzt endlich konnten wir uns wieder entspannen, die Ereignisse der letzten Tage festhalten und dann ordentlich ausschlafen. Doch kaum hatten wir uns aklimatisiert kam der nächste Hammer. Mein Computer verabschiedete sich und zeigte wieder einmal nichts weiter als einen schwarzen Bildschirm. Es war das gleiche Problem, das ich auch vor einem Jahr bereits einmal hatte und durch das ich einen kompleten Monat ohne Arbeitsgerät hatte auskommen müssen. Wie konnte es sein, dass das jetzt schon wieder passierte? Ohne jede Vorwarnung und genau ein Jahr nach der letzten Panne? War das ein Zufall? Oder war es auch schon wieder ein Fall von Obsoleszenz, also von bewussten Schwachstellen in technischen Geräten, die die Wirtschaft ankurbeln sollten? Oder war ich am Ende verflucht? Es war schon auffällig, dass diese Dinge immer dann passierten, wenn ich gerade soweit war, dass ich ins Erschaffen kommen konnte. Ich hatte alle Tagesberichte aufgeholt und war nun kurz davor mit anderne Projekten durchzustarten. Und genau in diesem Moment passiert so etwas! Das konnte doch nicht sein! Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass das zufällig passiert?

Der Tag hatte mir bereits ohne dieses Problem schon mächtig zugesetzt, doch jetzt war ich endgültig deprimiert und genervt. Ich setzte mich im Dunkeln ins Badezimmer und leuchtete meinen Bildschirm mit einer Taschenlampe von hinten aus, damit ich wenigstens noch meine Daten sichern konnte. Doch was nun? Wenn ich wieder einen Monat mit dem iPad arbeitete, brachte ich überhaupt nichts mehr zu stande. Für einfache Tagesberichte mochte es gerade noch reichen, doch darüber hinaus wurde es schwierig. Ich brauchte eine andere Lösung! Ungünstiger Weise war natürlich auch noch Samstag und weder Computerläden noch die Post hatten geöffnet. Ich konnte also nichts weiter tun als abwarten und versuchen, mich nicht allzu sehr zu ärgern. Letzteres gelang mir eher mal so mittelprächtig. Dabei wurde mir jedoch noch einmal meine Tendez bewusst, mich selbst in Gedanken immer wieder fertig zu machen und abzuwerten. Heiko brachte es in unserem Gespräch am Abend ziemlich auf den Punkt als er meinte: „Du hast immer noch Angst, wirklich zu dir zu stehen. Nichtmal mehr so sehr anderen gegenüber, das ist schon bedeutend besser geworden. Sondern viel mehr dir selbst gegenüber. Du weißt mitlerweile schon recht gut, wer du bist und wohin du willst, aber du kannst es immer noch nicht annehmen. Irgendwie gefällt es dir nicht oder du bist unzufrieden damit oder ich weiß nicht was, aber irgendetwas passt da noch nicht. Ich glaube dass du dich selbst einfach immer noch nicht richtig annehmen kannst als der, der du bist und deswegen machst du es dir in vielen Bereichen so schwer. Deswegen hast du immer noch diese Ausstrahlung von ‚Ich bin es nicht wert‘ und die führt dazu, dass dir immer wieder gespiegelt wird, dass du arm bist. Denn alles, was jetzt so in letzter Zeit auf dich zugekommen ist, trifft dich ja immer vor allem wegen dem Tema Geld.“

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Kurz darauf durchstreifte ich die Stadt noch einmal auf der Suche nach einem Abendessen und ließ die Worte auf mich wirken. Es stimmte, ich war nur allzu gerne dabei, mich selbst in Gedanken abzuwerten und hatte nur selten Anerkennung für mich übrig. Auf diese Weise programmierte ich mich selbst natürlich immer mehr zu einem Mangelbewusstsein, was mir dann in regelmäßigen Abständen wieder gespiegelt wurde. Das Problem war nicht, dass ich das nicht wusste, sondern viel mehr, dass ich trotzdem immer wieder in die gleichen Fallen tappte. Doch jemehr mir das an diesem Abend bewusst wurde, desto mehr entspannte ich mich wieder und meine Stimmung wurde zusehends besser. Gut wäre jetzt übertrieben, aber immerhin besser.

So verstörend die plötzliche Computerpanne am Abend auch gewesen war, so sehr zeigte sich am nächsten Morgen, dass sie zu keinem besseren Zeitpunkt hätte auftreten können. Villa San Giovanni, die Hafenstadt in der wir uns befanden und von der aus man nach Sizilien übersetzen konnte, war eine der wenigen Städte, in denen es ein Einkaufszentrum mit einem Elektronikfachhandel gab. Hier entdeckten wir nach einigem Suchen einen kleinen, leichten und bestechend günstigen Laptop, den ich mir selbst zu Weihnachten als Übergangscomputer schenken konnte, bis mein anderer wieder funktionierte. Er ist nicht der leistungsstärkste und hat durchaus seine Schwächen, aber er leistet zuverlässig seine Arbeit. Außerdem ist er hübsch blau. Was will man also mehr?

Nach unserem Einkauf machten wir uns auf die Suche nach der Fähre. Die Straßen waren mehr als nur ein bisschen verwirrend und man wurde ständig von einer Ecke in die Nächste geleitet, ohne dem Hafen auch nur näher zu kommen. Schließlich aber fanden wir einen Schalter, an dem wir die Tickets kaufen konnten.

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„Fußgänger?“ fragte der Verkäufer, „Als Fußgänger brauchen Sie kein Ticket! Da können Sie einfach so fahren.“

Noch einmal brauchten wir eine gute halbe Stunde um den Weg vom Schalterhäuschen zur Fähre zu finden. Dann konnten wir endlich an Bord gehen. Die Fahrt dauerte nur etwa eine halbe Stunde und die Fähre war wesentlich kleiner als unsere letzte. Doch auch diese Überfahrt fiel nicht gerade unter die Top-Ten unserer schönsten und angenehmsten Erlebnisse der Reise. Vielleicht liegt es wirklich daran, dass wir so viel Zeit in der Natur verbracht haben, aber die lauten Maschinengeräusche und das wilde Durcheinanderreden der italienischen Passagiere zerrte gewaltig an unseren Nerven. Auf der anderen Seite angekommen waren wir froh, dass wir wieder von Bord gehen durften. Doch hier erlebten wir eine weitere Überraschung, die wir fast nicht glauben konnten. Denn um den Hafen als Fußgänger zu verlassen musste man nun plötzlich doch ein Ticket kaufen. Es kostete 2,5€ pro Person, wenn man an Land gehen wollte. Was bitte war das denn für eine Machart? Es erinnerte mich an eine alte Kindergeschichte von der Augsburger Puppenkiste, in der die Helden in einem verwunschenen Land ein absonderliches Museum besuchen. „Der Eintritt ist umsonst!“ beteuert dort der Kassierer und lockte sie damit in seine Ausstellung. „Nur der Austritt kostet ein paar Mark!“ erklärt er ihnen Anschließend und will sie nicht wieder gehen lassen. Wenn ich mich noch richtig daran erinnerte, dann sind die Marionetten-Helden geflohen und haben den Betrüger einfach hinter sich zurückgelassen. Genau das gleiche riet und nun auch ein Mann, der in der Schlange vor dem Kassenhäuschen wartete.

„Ich kann euch nicht versprechen, dass es klappt, aber wenn ich euch das Ticket nicht kaufen wollt, dann könnt ihr einfach den Autos folgen. Möglicherweise halten euch die Wachleute auf uns schicken euch wieder zurück, aber wenn nicht, dann könnt ihr einfach über die Autospuren in die Stadt gehen!“

Einen Versuch war es wert und wie sich herausstellte war der einzige Wachmann so damit beschäftigt, Privatgespräche mit seinem Handy zu führen, dass er nicht einmal Notiz von uns nahm, als er uns direkt anschaute.

Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Nicht schon wieder!

Höhenmeter: 260 m

Tagesetappe: 10 km

Gesamtstrecke: 13.618,27 km

Wetter: bewölkt, kald, windig und winterlich

Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 83020 Forino, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

One Comment

  1. Ralf Schuster 26. April 2019 at 16:28 - Reply

    Es fasziniert mich total, wie offen und ehrlich ihr schreibt.

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