Tag 761: Der Überfall – Teil 4

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Tag 761: Der Überfall – Teil 4

Tag 761: Der Überfall – Teil 4

Fortsetzung von Tag 760:

Die Frau, die in ihrem Buch über das Aurensehen und die Möglichkeit berichtet, es zur Heilung einzusetzen, beschrieb auch ihren eigenen Weg und ihren eigenen Umgang mit ihrer Gabe. Ähnlich wie Heiko heute Mittag kam auch sie immer wieder an einen Punkt, an dem sie sich zwischen ihrer Rachsucht und der Hingabe zu ihrem Können entscheiden musste. Sie lernte einen Mann kennen, in den sie sich verliebte und der sie seiner Mutter vorstellte. Die Mutter entpuppte sich jedoch als wahrer Drachen und stichelte, mäkelte und zeterte ständig an ihr herum. Die Frau sei nicht gut genug für ihren Sohn und solle sich daher zum Teufel scheren!

Die junge Frau wurde so wütend, dass sie für einen Moment alles vergaß. Vor ihrem geistigen Auge sah sie all ihre gescheiterten Beziehungen und sie hatte das Gefühl, dass diese Frau ihr nun auch noch die einzige Hoffnung verbauen wollte, dieses mal einen Partner zu bekommen, der wirklich zu ihr passte. Der Zorn und der Hass kochten in ihr auf und sie spürte, dass sie sich an dieser Frau rächen wollte. Es war leicht für sie, denn auf energetischer Ebene war die Mutter schwach und wehrlos. Ein kleiner Stoß in die Aura hätte ausgereicht um sie zu Fall zu bringen und danach hätte sie sie in tausend Stücke reißen können. Sie war bereit, über jede Grenze zu gehen, koste es, was es wolle!

Koste es, was es wolle?

In ihr gab es eine zarte Stimme, die diese Frage noch einmal wiederholte. Es war die Stimme ihres inneren Heilers: „Ist es dir das wirklich wert? Willst du dein Leben und deine Gabe wegwerfen, nur um ein einziges Mal Rache zu üben?“

Als sie das hörte musste sie anfangen zu lachen. Ihre Wut und ihr Hass kamen ihr plötzlich vollkommen lächerlich vor. Wie war sie überhaupt auf diese Idee gekommen? Was juckte es sie überhaupt, was diese Frau dachte? Hatte sie nicht schon oft genug bewiesen, dass sie über solchen Dingen stand? So viele Prüfungen hatte sie bereits bestanden und jetzt wollte sie wegen so einer lächerlichen Situation alles aufgeben? Wenn das kein Grund zum Lachen war, was dann?

Ein bisschen so fühlten wir uns auch. Natürlich besaßen wir nicht, oder zumindest noch nicht, die Fähigkeit Auren zu sehen, aber unser Ziel war es einen friedvollen, heilenden Weg zu gehen. Natürlich dehnte auch ein Gewalttäter auf seine Weise die Liebe aus, aber das war nicht die Art und Weise, die wir uns für unser Leben vorstellten. Wir waren Heiler, keine Schläger und in sofern stellte uns das Leben auch Prüfungen, die uns auf unserem Heilerweg weiterbringen konnten. Verstanden hatten wir das Prinzip schon einmal, jetzt mussten wir nur noch danach leben. Und das fiel uns gerade noch nicht ganz so leicht, denn es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, ich hätte keine Rachegedanken in Bezug auf unsere drei Angreifer gehabt.

Nachdem wir die LKW-Werkstatt verlassen hatten, wanderten wir weiter bis in den nächsten Ort, um uns dort direkt an die Polizei zu wenden. Zunächst machten wir jedoch einen kleinen Abstecher zur Kirche, um schon einmal nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten. Der Pfarrer ließ uns telefonisch Mitteilen, dass er in etwa einer halben Stunde hier eintreffen würde. Genug Zeit also, um aufs Präsidium zu gehen.

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Die „Policia Municipale“ befand sich direkt im Rathaus. Am Schalter saß eine junge Frau, die unseren Bericht freundlich aufnahm. Da niemand eine andere Sprache als Italienisch konnte und unser Italienisch nur für Standartfragen reichte, wurde es eher eine Präsentation als eine Erzählung.

„Da kam ein Auto, hielt neben uns an und der Mann griff nach dem Handy und BÄHM!“

Heiko und ich hüpften durch das Präsidium, spielten Autos, wedelten mit unserem kaputten Telefon herum und simulierten eine Schlägerei mit insgesamt fünf Personen. Auf jedem Spieleabend wären wir mit dieser Show die Stars gewesen. Die Polizisten waren eher mittelmäßig beeindruckt und sie waren erstaunlich schlecht darin, Pantomime zu deuten. So mussten wir einige Szenen etwa drei bis vier Mal spielen, ehe sie verstanden wurden. Am Ende teilte man uns mit, dass wir leider auf dem falschen Amt gelandet waren. Die Schlägerei hatte außerhalb der Stadtgrenzen stattgefunden, wodurch sie in den Aufgabenbereich der Carabinieri fiel. Aber immerhin hatten wir die Beamten auf diese Weise eine knappe Stunde lang gut unterhalten.

Wir folgten der Beschreibung der jungen Beamtin zum Büro der Carabinieri und wurden auf halber Strecke schon wieder von einem Auto angehalten, das uns den Weg abschnitt. Ich wollte schon fast nach meinem Pfefferspray greifen, denn ich hatte aus den Erfahrungen ja gelernt, als der Fahrer etwas über den Pfarrer sagte. Er sei ein Freund des Geistlichen und hätte gerade mit diesem gesprochen. Hier im Ort sähe es mit Schlafplätzen schlecht aus, aber im nächsten gäbe es verschiedene Möglichkeiten. Der Pfarrer wolle sich daher mit uns treffen.

„Wir haben gerade noch einen Termin mit den Carabinieri“, erklärte ich, „dann haben wir Zeit für den Pfarrer.“

„Kein Problem“, sagte der Mann, „Ich gebe ihm Bescheid, dann kommt er euch auf der Wache besuchen.“

Die Polizisten von der städtischen Polizei hatten uns erzählt, dass sie ihre Kollegen von der landesweiten Behörde bereits telefonisch informiert hätten. Doch der dicke, gemütliche Beamte, der uns die Tür öffnete wusste von nichts. Er bat uns in sein Büro und wir führten unser Pantomimentheater noch einmal von vorne auf. Dieses Mal hatten wir es ja schon gut geprobt. Dann folgte der ernsthaftete Teil der Zusammenkunft. Wir sollten genau beschreiben, was wir für Autos gesehen hatten und wie sich der Tatverlauf ereignet hatte. Außerdem machten wir Angaben zum Ort und zu den anwesenden Personen. Spannenderweise wollte der Polizist nicht mehr als Größe, Haarfarbe und Alter des Angreifers wissen. Seine beiden Komplizen blieben nahezu unbeschrieben. Als wir erwähnten, wo sich die Schlägerei ereignet hatte und dass wahrscheinlich der Besitzer des Nahestehenden Hauses darin verwickelt war, war der Polizist nicht überrascht. Er sagte nichts, doch seine Mimik sprach Bände. Sein Gesicht sagte in etwa: „Aha, der mal wieder!“

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Nachdem alles aufgenommen war fragte der Beamte: „Wie sieht’s aus, wollen wir gemeinsam hinfahren und dem Mann einen Besuch abstatten?“

Die Versuchung war groß. Rachegedanken hatten uns auf dem ganzen Weg hierher begleitet und die Idee, den Kerl noch einmal mit einer Polizeistreife zu besuchen, um ihm etwas Angst zu machen schien verführerisch. Aber was würde es bringen? Wir waren ohnehin schon spät dran und die Aktion würde den kompletten Nachmittag verschlingen. Am Ende waren wir dann keinen Schritt weiter nur dass wir uns noch mehr Aufregung, Stress und Scherereien aussetzten. Lustig war nur, dass offenbar auch der Polizist Lust darauf hatte, sich den Kerl endlich einmal vorzunehmen. Dennoch lehnten wir ab.

„Nein!“ sagte Heiko, „eigentlich möchten wir den Fall nur aufgeben, damit alles seinen rechten Weg geht. Außerdem bräuchten wir ein offizielles Schreiben, das wir bei unserer Versicherung einreichen können.“

„Achso!“ sagte der Mann und schien sich plötzlich wieder daran zu erinnern, dass er als Polizeibeamter eigentlich verpflichtet war, ein Protokoll zu führen. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und tippte los. Kurz darauf läutete es an der Tür. Ein junger Mann kam herein, den wir erst nach einigen Augenblicken als Pfarrer identifizierten, weil er so gar nicht in das Bild passen wollte. Sein Name war Don Antonio und er war gekommen, weil er mit dem Autofahrer gesprochen hatte. Wir erzählten ihm von unserer Reise, was leider dazu führte, dass der Polizist nicht weiterschreiben konnte. Denn er musste erst einmal die Ohren spitzen und sich an dem Gespräch beteiligen.

Dann hielt er ein längeres Pläuschchen mit dem Pfarrer ab und schließlich wandte er sich wieder seinem Bericht zu.

„Wollt ihr etwas essen oder trinken?“ fragte Don Antonio und machte sich kurz danach auf, um uns zwei Sandwichs, zwei Packungen Kekse und zwei Flaschen Saft zu besorgen. Das war mal ein Service, den man wohl nur selten auf einer Polizeiwache geboten bekam.

So verbrachten wir also den Großteil des Nachmittags damit, belegte Brote und Kekse zu futtern, während wir dem Polizeibeamten beim Berichtschreiben zusahen.

Don Antonio hatte uns zwei Adressen gegeben, an die wir uns wenden sollten. Eine war eine Art kirchliche Jugendherberge, in der man uns um eine Stunde vertröstete, bis wir eine Antwort bekommen sollten. Wir sogen daher weiter zur zweiten Adresse, wo man uns ebenfalls mitteilte, dass unsere Kontaktperson nicht da war. Also machte ich mich wieder auf eigene Faust auf die Suche und stand schließlich vor einem alten, imposanten Kirchenportal. Links davon gab es eine kleinere Tür mit einer Klingel. Alles sah aus, als wäre es unbewohnt, doch ich versuchte er trotzdem. Wenige Augenblicke später öffnete sich über mir ein Fenster und ein freundliches Gesicht unter einer schwarzen Mütze kam zum Vorschein.

„Warte kurz! Ich komme runter!“ rief er und allein durch den Gesichtsausdruck und die Stimme war mir klar, dass meine Suche für heute beendet war.

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„Komm rein, komm rein!“ sagte er als er die Tür geöffnete hatte, „Kann ich dir etwas anbieten? Ein Wasser, einen Tee, einen Wein, ein Bier, eine Cola oder einen Saft vielleicht?“

Er war so überschwänglich, dass ich gar nicht dazu kam, überhaupt etwas zu erzählen. „Komm setz dich erst mal! Willst du wirklich nichts trinken? Oder kann ich dir sonst etwas anbieten? Eine Schokolade vielleicht? Nein? Ok, ich glaube du möchtest erst reden, oder? Entschuldige, dass ich so komisch rede, ich bin ein bisschen erkältet.“

Es war so lange her, dass ich zu Beginn einer Unterhaltung etwas angeboten bekam, dass ich regelrecht überfordert war. Als ich mich jedoch wieder gefangen hatte, wurde es sofort ein angenehmes und lockeres Gespräch.

Wenige Minuten später waren Heiko und ich bei dem netten Kerl eingezogen, der sich Don Franko nannte. Nach dem abstrakten und oft unangenehmen Tag war der kleine Mann ein Geschenk des Himmels. Er war nicht nur nett und offenherzig, sondern auch lustig und immer zu Scherzen aufgelegt. Für ihn wie für uns war es eine wichtige und bereichernde Begegnung. Immer wieder besuchte er uns in unserem Übernachtungsraum und jedes Mal hatte er ein kleines Geschenk in Form eines Saftes, einer Süßigkeit oder etwas ähnlichem dabei. Er war der erste Mensch seit langem, der sich aufrichtig interessierte, nicht nur für uns als Gäste und die Reise als solche, sondern für das Leben an sich. Wir gerieten teilweise in regelrechte Bedrängnis mit unseren Sprachkenntnissen, weil er nicht nur ein echtes Gespräch mit uns führte und tiefergreifende Fragen stellte, sondern auch noch daran interessiert war, ob wir ihn wirklich verstanden oder nicht. Wenn wir ihn nicht verstanden, sondern einfach nur ja sagten, dann merkte er es sofort und versuchte seine Sätze noch einmal umzuformulieren. An diesem einen Abend lernten wir mehr Italienisch, als in den Wochen davor zusammen. Er fragte uns, ob wir Sport trieben und ließ sich unsere Frisbee vorstellen, die ihn tief beeindruckte.

„Wie funktioniert das? Was macht man damit?“ fragte er und schaute dann begeistert einem der Lehrvideos zu, die wir uns runtergeladen hatten. Er wollte alles über unser Diagnosebuch wissen und freute sich darüber, dass wir uns Zeit nahmen, es ihm zu erklären.

„Jungs, ich habe mir etwas überlegt!“ sagte er schließlich, als er noch einmal in unser Zimmer kam, „Ihr seit jung, ihr wandert um die Welt und ihr braucht viel Energie. Deswegen gibt es heute Abend zwei Pizzen für jeden. Was haltet ihr davon?“

Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Wie heilsam doch eine schöne Begegnung mit einem angenehmen Menschen sein kann.

Höhenmeter: 550 m

Tagesetappe: 32 km

Gesamtstrecke: 13.551,27 km

Wetter: überwiedend bewölkt

Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 84062 Monticelli, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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