Tag 740: Fisch vom feinsten!

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Tag 740: Fisch vom feinsten!

Tag 740: Fisch vom feinsten!

Albidona war vorerst der letzte Ort in den Bergen. Von hier aus wanderten wir auf einem Bergkamm hinab bis zur Küste. Unsere Vorräte waren vollständig aufgebraucht und das einzige, was vor verlassen des Ortes auftreiben konnten war ein bisschen Käse und eine Tüte mit altem, trockenem Brot. Ein kulinarisches Highlight wurde der Abstieg also zunächst nicht. Dafür wurde einiges fürs Auge geboten, zumindest bis wir in Küstennähe kamen. Trebisacce war eine langgezogene Stadt, die sich zwischen Berghänge und Strand quetschte. Das alleine war noch nicht weiter tragisch, doch die Autobahn die auf einer riesigen Brücke einmal komplett über die Stadt hinweg führte, machte den Ort irgendwie ungemütlich.

Einen Pfarrer trafen wir zunächst nicht, dafür aber eine Frau, die mich zu einem Büro führte, das sie selbst für einen Treffpunkt für Pfadfinder hielt. Wie sich herausstellte handelte es sich in Wirklichkeit um eine Hilfsinstitut für Flüchtlinge, aber in unserem Fall war das genauso gut. Das Institut wurde von einigen freundlichen Damen geführt, die sich mit einem Pfarrer in Verbindung setzten und uns für heute Abend einen Platz organisierten. Solange wir warten mussten, durften wir uns in einer alten Schule aufhalten, zu der sie irgendeine Verbindung hatten. Auf dem Weg dorthin erzählten sie uns, dass sie hier in der Ortschaft insgesamt 8 Flüchtlinge betreuten. Für eine Stadt mit knapp 10.000 Einwohnern ist das nicht gerade überwältigend viel, vor allem wenn man es mit Deutschland verglich, doch es war genug um hier ein eigenes Flüchtlingsinstitut zu eröffnen. Die Flüchtlinge kamen aus vier unterschiedlichen Ländern, doch keiner von ihnen stammte aus Syrien. Überhaupt schien Italien bislang keine syrischen Flüchtlinge aufgenommen zu haben.

Um 17:00 Uhr holten uns die Frauen wieder ab und brachten uns zur Kirche. Der Gottesdienst war noch nicht vorbei und so mussten wir ihm eine Weile beiwohnen, bevor wir mit dem Pfarrer sprechen konnten. Doch wir waren nicht die Einzigen die erst kurz vor dem Schluss kamen. Ein älterer Mann mit Hut kam nach uns durch die Tür. Bevor er sich einen Platz suchte schlug er erst einmal mit seinem Hut auf den Rücken eines Kumpels um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Dabei verlor er das Gleichgewicht und legte sich fast auf die Klappe. Damit wurde nicht nur sein Kumpel, sondern wirklich jeder auf ihn aufmerksam.

Nach dem Gottesdienst lernten wir den Pfarrer kennen. Er hatte Besuch von einem alten Freund und wir waren nun die zweiten, die heute Nacht bei ihm wohnen durften. Zur Feier des Tages gingen wir am Abend gemeinsam Essen. Zunächst waren wir von der Idee nicht so begeistert, weil unsere letzten Erfahrungen mit Restaurantbesuchen nicht allzu überzeugend waren. Doch dieses Mal wurden wir eines Besseren belehrt. Der Pfarrer führte uns und seinen Kumpel in ein kleines Restaurant, das berühmt war für seine Meeresfrüchte. Auch dies machte uns zunächst skeptisch. Tintenfische, Muscheln, Krabben und derlei Meeresbewohner gehörten nach unserem Empfinden ins Meer und nicht auf den Teller. Heute Abend stellten wir jedoch fest, dass es durchaus möglich war, sie so zubereiten, dass sie richtig gut schmeckten. Der Ober tischte uns zunächst eine Vorspeise aus Tintenfischringen und eingelegten kleinen Fischen auf, denen wir uns noch mit einiger Vorsicht annäherten. Dann kam der zweite Gang. Er bestand aus einer gemischten Vorspeisenplatte mit fast unbegrenzter Vielfalt. Unzählige kleine Schälchen wurden gereicht, die alle andere Spezialitäten enthielten, eine leckerer als die nächste. Klar sahen die eingelegten Minitintenfische noch immer ein bisschen aus wie Aliens, aber sie schmeckten hier wirklich zart und einzigartig. Sonst hatten wir immer eher den Eindruck gehabt, wirklich auf der Spielzeugfigur eines Aliens herum zu kauen. Es gab Salate, eingelegte Muscheln in einer pikanten Chilisauce. Gefüllte Tintenfischringe, Garnelen und Schrimps und unzähligen Variationen und verschiedensten Saucen. Alles war so lecker, dass wir gar nicht merkten, wie unser Bäuche immer voller wurden und wir schließlich kurz vorm Platzen waren. Erst dann merkten wir, dass es sich bei diesem vollgedeckten Tisch nicht um das Hauptgericht, sondern lediglich um eine weitere Vorspeise handelte.

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„Wie sieht’s aus?“ fragte der Pfarrer, „Wollt ihr als ersten Hauptgang lieber Pasta oder lieber eine Fischplatte?“

„Oh Gott!“ stöhnte Heiko, „es gibt noch mehr? Ich bin vollkommen satt und bringe überhaupt nichts mehr rein!“

„Alles Klar!“ sagte der Geistliche, „Dann also die Fischplatte!“

Ich weiß nicht wie, aber irgendwie schafften wir es am Ende doch noch, auch den Fisch zu verspeisen und zu guter Letzt gab es dann sogar noch ein Eis. Auch dieses konnten wir nicht ausschlagen und obwohl mein Bauch eigentlich wegen Überfüllung geschlossen war, muss ich sagen, dass ich es nicht bereut habe. Heiko hatte einen Vanillebecher mit einer Nougatfüllung und ich ein Schokoladeneis, gewendet in feinem Kakaopulver.

Ich habe keine Ahnung warum, aber irgendwie konnten wir an diesem Abend nicht sofort einschlafen.

Am nächsten Morgen ging es mit dem Essen gleich weiter. Bevor wir gehen konnten wollte uns der Pfarrer noch auf ein Frühstück einladen. Für italienische Verhältnisse war es sogar ziemlich reichhaltig, wenngleich es nur aus Süßigkeiten und Zucker bestand. Der Freund des Pfarrers bestrich sich Kekse mit einer dicken Schicht Marmelade. Wir hielten uns eher an Cornflakes und Müsli. Irritierend war dabei nur, dass es dafür keine Schüsseln gab und man sein Müsli aus der Tasse löffeln musste.

Trotzdem der Pfarrer bereits ein Vermögen an Essen für uns aufgegeben hatte, drückte er uns zum Abschied noch einen 50€-Schein in die Hand. Wir wussten gar nicht recht, wie uns geschah. So ablehnend uns die einen behandelten, so fürstlich behandelten uns die anderen.

Der Weg führte uns heute ein gutes Stück am Strand entlang, was leider nicht so schön war, wie man vielleicht vermuten mag. Die Strände wurden auch in dieser Gegend eher stiefmütterlich behandelt und bestanden hauptsächlich aus kaputten Betonplatten, die man bis ans Meer gebaut hatte.

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Unser Tagesziel war die Parrocchia Stella Maris, was auf Deutsch Kirche zum Seestern bedeutet. Sie wurde von einem Freund unseres letzten Pfarrers betreut, der uns bereits angekündigt und uns seine Nummer überlassen hatte. Den Pfarrer selbst sahen wir an diesem Tag nicht, doch er schickte uns einen Gehilfen, der uns einen Raum neben der Kirche zur Verfügung stellte.

Am Abend kam der Mann noch einmal vorbei und bestand darauf, dass wir eine Dusche nehmen sollten. Das Gebäude selbst hatte keine, weshalb er sich alle Mühe gegeben hatte, uns eine zu organisieren. Die Waschräume gehörten zu einem Sportplatz, der auf der anderen Seite der Kirche lag und ebenfalls der Gemeinde gehörte. Damit die Spieler auch im Dunkeln den Ball fanden, wurde das Fußballfeld von riesigen Flutscheinwerfern angestrahlt, die sich oben auf dem Kirchturm befanden.

Die Duschen selbst waren den Weg durch die nächtliche Kälte leider nicht wert. Die Wasserstrahlen waren mehr als nur dürftig und die Räume selbst waren so kalt, dass man sogar fror, während das heiße Wasser über den Körper lief.

Mit dem Verlassen der Seestern-Kirche verließen wir auch die Küste wieder und bogen ins Hinterland ab. Hier war es nun wieder etwas flacher und somit nahmen auch die Olivenhaine wieder deutlich zu. Es war Erntezeit und überall standen die Olivenbauern unter ihren Bäumen um die bitteren Früchte auf den Boden zu schütteln. Dafür gab es mehrere verschiedene Techniken. In Spanien hatten wir oft beobachtet, dass die Bäume von einem Traktor mit einem großen Greifarm gepackt wurden, der sie dann mit hoher Geschwindigkeit durchschüttelte. Innerhalb von Sekunden fielen dabei alle Oliven herunter und landeten in einem großen Trichter, der zuvor automatisch um den Greifarm herum ausgefahren wurde. Hier gab es diese Vollerntemethode hingegen nur selten. Dafür hatten die Olivenbauern lange Stäbe, an dessen Enden sich eine Art rechen befand, der mit Hilfe eines Motors wild hin und her wedelte. Diese Geräte waren fast genauso laut wie die spanischen Traktoren, schubsten aber hauptsächlich Blätter von den Bäumen und wurden von der Mehrheit der Oliven einfach ignoriert. Die Olivenernte dauerte damit wohl rund hundert Mal so lange, wie mit einem Vollernter. Schlauer waren deshalb die Bauern, die sich von den technischen Neuerungen fernhielten und ihre Oliven einfach mit der Hand oder mit einem herkömmlichen Laubrechen vom Baum fegten. Das war deutlich leiser und entspannter, ging aber etwas vier Mal so schnell.

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Als wir Frankavilla erreichten, war der Pfarrer gerade wieder einmal ausgeflogen. Die Einwohner waren sich einig, dass er bald zurückkommen musste und so nutzten wir die Wartezeit zunächst für ein kleines Mittagsschläfchen. Als es kühler wurde zogen wir uns in die Kirche zurück und begannen schon einmal mit dem schreiben. Doch der Pfarrer wollte und wollte nicht auftauchen. Immer mal wieder drehte ich eine Runde und fragte verschiedene Anwohner, ob sie eine Idee hatten, wo er sein konnte. Zu beginn waren sich alle vollkommen sicher, dass er zuhause war und nur ein Schläfchen hielt, dass er eine kurze Fahrradtour machte oder dass er nur eben etwas Essen gegangen war. Doch je mehr ich mich mit den Einheimischen unterhielte, desto mehr wurde mir klar, dass keiner auch nur die geringste Ahnung hatte. Später kamen dann sogar einige Frauen, die den Kommunionsunterricht abhielten, doch auch sie hatten keine Ahnung, wo der Hausherr abgeblieben war. Die einzige Veränderung die sie bewirkten war, dass sich die Kirche nun in einen Kindergeburtstag verwandelte, der sie fast zum Einstürzen brachte. Der Unterricht fand in den Kellergebäuden unterhalb der Kirche statt, doch oben im Kirchenschiff war es noch immer so laut, dass wir uns unmöglich vorstellen konnten, wie unter uns jemand überleben wollte.

Schließlich wollten wir schon aufbrechen und uns irgendwo einen Zeltplatz suchen, als er gemeinsam mit einem anderen Pfarrer im Auto vorfuhr. Der Wagen, der vor seiner Haustür stand und von dem mir jeder beteuert hatte, dass es der Wagen des Pfarrers war, gehörte nicht ihm, sondern seinem Kollegen. Sein eigenes Auto sah vollkommen anders aus.

Wir mussten noch abwarten, bis die Kommunionskinder wieder verschwunden waren. Dann konnten wir hinabsteigen in das Kellergewölbe und es uns dort gemütlich machen.

Spruch des Tages: Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritz.

Höhenmeter: 310 m

Tagesetappe: 21 km

Gesamtstrecke: 13.188,27 km

Wetter: Bewölkt mit gelegentlichen Sonnenstrahlen

Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 87040 Castrolibero, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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