Tag 16: Willkommen im Obstland

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Tag 16: Willkommen im Obstland

Tag 16: Willkommen im Obstland

Nichts, aber auch gar nichts ließ heute vermuten, dass wir Mitte Januar und somit tiefsten Winter haben. Die Sonne strahlte vom Himmel und hatte bereits so viel Kraft, dass wir die meiste Zeit im Pulli herumlaufen konnten. Wir hatten sogar ein bisschen Angst, einen Sonnenbrand zu bekommen. Weil unsere Gastgeber bereits früh aus dem Haus mussten, begann unsere Wanderung schon eine Stunde früher als üblich. Als alte Langschläfer bereitete uns das Aufstehen zwar einige Mühe, aber wir wurden mit der besonderen, ruhigen und frischen Atmosphäre belohnt, die man nur am frühen Morgen spüren kann. Sie dauerte allerdings nicht lange, denn der Jakobsweg aus Sinsheim führte an einer Schnellstraße entlang. Fast machte es den Anschein, als wäre dieser Streckenabschnitt der Jakobsgesellschaft peinlich gewesen, denn es gab hier fast keine Muschelwegweiser mehr. Und die wenigen die es gab, versteckten sich so gut sie konnten.

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In Michelfeld kamen wir durch einen schönen Schlosspark mit einem kleinen Teich darin. Dieser beherbergte einen vorlauten Schwan, der uns interessiert anschaute und eine ganze Weile verfolgte. Gegen eine Gage von etwas Brot stellte er sich dann bereitwillig als Fotomodel zur Verfügung, wobei er die typischen Starallüren an den Tag legte, die man auch menschlichen Models nachsagt. Er bestimmte die Szene und duldete keinerlei Konkurrenz. Enten und Fische, die ebenfalls ans Brot und aufs Bild wollten wurden kurzerhand weggebissen. Auch meine Finger mussten einige Schnabelhiebe einstecken, wenn ich das Futter nicht schnellgenug losließ. Er war dabei immer sehr sanft und schnappte so vorsichtig, dass es nicht wehtat. Dennoch konnte ich einen guten Eindruck davon bekommen, wie viel Kraft der majestätische Vogel hat und wie sehr er einem wehtun konnte, wenn er es denn wollte.

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Als wir schließlich weiter wollten, erwartete mich eine eher unliebsame Überraschung. Ich musste bei der Suche nach einem geeigneten Fütterungsplatz offenbar ein wenig Schwanscheiße übersehen haben und hatte mich hineingekniet. Nun klebte das grüne, schleimige Zeug an meiner Hose und an meinem Hüftgurt. „Schöne Scheiße!“ dachte ich und begann damit, beides im Teich zu waschen. Es mag Einbildung gewesen sein, aber ich hatte dabei das Gefühl, dass mich der Schwan die ganze Zeit über mit schelmischem Hohn angrinste.

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Auch der Jakobsweg hatte heute wieder einmal seinen schelmischen Tag. An einer Weggabelung mit drei möglichen Richtungen führte er uns in die Mittlere. Der rechte Pfad wäre ein gut ausgebauter Wanderweg entlang eines Dammes gewesen. Der linke Weg war der Fahrradweg, der entlang der Hauptstraße verlief. Der mittlere aber war ein Trampelpfad auf dem Kamm des besagten Dammes. Alle drei Wege verliefen Parallel. Der linke war einfach zu laufen, der rechte war durch den Damm vom Straßenlärm geschützt. Der mittlere vereinte die negativen Seiten von beiden: Er war laut und unwegsam. Die Krönung aber kam am Ende! Der Damm wandelte sich nämlich plötzlich in eine Felsschlucht. Um weiter zu gehen, musste man also erst eine Steile Treppe auf den rechten Weg hinunter steigen. Dann musste man eine ebenso steile Treppe wieder zurück auf den Damm erklimmen. Von dort führte dann eine dritte, noch steilere Treppe, auf den Fahrradweg, der links verlief. Dies war der Punkt, an dem wir beschlossen, für heute der Radwegbeschilderung bis zu unserem Ziel zu folgen.

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Die Umgebung hatte sich seit wir das Jagsttal verlassen hatten sehr stark verändert. Noch immer gab es Agrarflächen, Bäche, Hügel und Täler, aber der Gesamteindruck war ein anderer. Aus den Mais- und Getreidefeldern wurden nun Obstbaumplantagen und Weingüter. Auch die Ortschaften hatten nun ein anderes Flair.

Unser heutiges Etappenziel war Malsch. Wir sahen die kleine Ortschaft schon von weitem, wie sie mit ihrem spitzen Kirchturm zwischen den Weinbergen hervorlugte. Die Sonne schien auf sie herab und ihre leuchtenden Häuschen luden geradezu zum Verweilen ein.

Die Suche nach einem Schlafplatz stellte jedoch wieder eine kleine Herausforderung dar. Denn Malsch hat seit einigen Jahren keinen eigenen Pfarrer mehr. Der Bewohner des Pfarrhauses ist pensioniert und hat nach eigenen Angaben keine Entscheidungsgewalt mehr. Der zuständige Pfarrer ist der von Mühlhausen, der außer Mühlhausen und Malsch noch vier weitere Gemeinden betreut. Ich bekam eine Liste mit sieben Telefonnummern von Menschen, an die ich mich wenden sollte. Alle sieben waren unerreichbar. Jetzt wurde es also spannend. Wir hatten in diesem Ort ein gutes Gefühl und es würde sicher eine Lösung geben. Doch wie würde die wohl aussehen. Gerade als ich mich das fragte, kam eine Frau an uns vorbei, die sich als Putzfrau des Rathauses outete. Sie selbst könne uns zwar nicht helfen, aber sie hätte gerade die Stadtsekretärin getroffen und die wäre vielleicht, genau diejenige die wir bräuchten. Sie führte mich um die Kirche herum in den Garten einer jungen Familie. Während der Mann mir einen Kaffee anbot, versuchte die Frau jemanden vom Kirchenvorstand zu erreichen. Zunächst erging es ihr wie mir, dann aber erreichte sie einen Mann namens Hill, der sich bereit erklärte, uns für die Nacht aufzunehmen. Eine Viertelstunde Entspannung im Sonnenschein später, kam Herr Hill dann persönlich. Er war ein lustiger und freundlicher, älterer Herr mit dem wir uns sofort gut verstanden. Da er bis um 21:30 noch unterwegs war, verstauten wir unsere Wägen im Gemeindehaus und verabredeten uns für den Abend.

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Wir nutzten die letzten Sonnenstrahlen um die Stadt zu erkunden. In einer kleinen, sehr gemütlichen Bäckerei baten wir um ein Abendessen. Die junge Bäckerin schenkte uns je ein belegtes Brötchen, ein Süßgebäck und einen Kaffee. „Lauft dafür ein Stück für mich mit!“ sagte sie und lächelte wehmütig. Wir versprachen, dass wir das tun würden und luden sie ein, einfach selbst mit zu kommen. Immerhin stand das Wochenende vor der Tür und da würde sie ja wohl einen Tag frei haben. Sie schüttelte den Kopf und erzählte uns, dass sie seit zwölf Jahren immer von Montag bis Sontag durcharbeitete. Das nächste Mal frei hätte sie erst an Pfingsten. Als wir ihr anboten, sie zu entführen und einfach mitzunehmen, lächelte sie und meinte, dass es vielleicht keine schlechte Idee sei. Das Gespräch mit der sympathischen jungen Frau hallte noch lange in uns nach, ohne dass wir uns recht erklären konnten warum. Wir waren schon vielen Menschen begegnet, die vom Reisen träumten, aber in ihrem Alltag gefangen waren, ohne dass wir deswegen aus der Fassung geraten wären. Doch diesmal war es etwas anderes. Wir waren beide tief berührt und aus irgendeinem Grund traurig. Wir hatten beide den Impuls sie zu befreien. Es war ein bisschen so, wie wenn man Hunde im Zwinger oder Erdhörnchen im Zoo sieht und sofort den Drang hat, die Käfigtür zu öffnen. Doch hier gab es keine Käfigtür, die wir aufmachen konnten. Nur ein Gefängnis aus Gedanken, Glaubenssätzen und Verpflichtungen. Vielleicht waren wir deshalb so betroffen, weil wir die letzten Jahre auch pausenlos und ohne einen freien Tag durchgearbeitet hatten. Wieder einmal spürten wir, wie sehr jeder Mensch dem wir begegnen ein Spiegel unserer selbst ist. Keine Begegnung auf dem Jakobsweg geschieht ohne Grund. Jeder Mensch und jedes Ereignis spricht seine eigene Sprache und bringt einen auf irgendeine Art voran. Auch wenn wir es nicht immer verstehen.

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Noch etwas beschäftigte uns an diesem Abend. Wir reisten jetzt seit 16 Tagen und hatten noch keinen Cent ausgegeben. Dennoch wurden wir genauso oder zum Teil sogar besser behandelt als zahlende Gäste. Gleichzeitig hatten wir unendlich viele Gelegenheiten gehabt, um den Menschen und Tieren auf unserem Weg etwas zu schenken. Das Brot, dass wir am Mittag geschenkt bekamen teilten wir am Abend mit unseren Gastgebern. Wir führten Diagnosegespräche, trugen zur Heilung bei, halfen bei der Trauerbewältigung und lösten Internetprobleme. Worin lag jetzt der Unterschied zwischen einem Leben mit Geld und einem ohne?  Was wir auf jeden Fall spürten war, dass wir viel mehr von den Gefühlen der Menschen mitbekamen. Jemandem Geld zu geben erspart es einem oft, den Menschen hinter der Rolle des Verkäufers zu sehen. Ohne dieses Tauschmittel war der Kontakt hingegen unmittelbarer, so als würde man nicht von Portmonee zu Portmonee sondern von Herz zu Herz kommunizieren.

Spruch des Tages: Wir haben nichts zu verlieren, außer unsere Angst.

Tagesetappe: 19km

Gesamtstrecke: 333,37 km

Bewertungen:

 
2019-03-12T06:24:20+00:00 Deutschland, Tagesberichte|

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