Tag 18: Der dritte Reiseführer

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Tag 18: Der dritte Reiseführer

Heute ist unser dritter Sonntag auf der Reise. Anlass genug, um mal wieder auszuschlafen. User Körper hat sich aber wohl schon an die morgendlichen Wanderungen gewöhnt, denn um 9:30 waren wir wach und konnten nicht mehr schlafen. Wir begannen den Tag ganz gemütlich bei selbstgemachtem Kuchen und selbstgemachtem Joghurt mit selbstgemachter Marmelade. Dabei erfuhren wir noch einige weitere erschreckende Fakten über unsere Lebensmittelindustrie. Gerhard hatte vor seiner Rente als Techniker in einem Lebensmittellabor gearbeitet, in dem die Nahrung auf ihre Inhaltsstoffe und auf enthaltene Schadstoffe untersucht wurde. Dabei hatte er so viel über die Schädlichkeit der industriell erzeugten Nahrung mitbekommen, dass er beschloss nichts mehr davon zu essen. Seit dem backte die Familie ihr Brot selbst, stellte den Joghurt selbst her und versuchte auch sonst so viel wie möglich aus eigener Produktion zu konsumieren. Da wo es nicht ging, griffen sie auf Produkte vom Markt oder aus dem Bioladen zurück.

So gab es beispielsweise Studien, bei denen herausgefunden wurde, wie gelb die Menschen einer Region ihr Eigelb am liebsten hatten. Passend zu den Ergebnissen bekamen die Legehennen dann Futter, das unterschiedlich stark mit Farbstoffen versetzt wurde. Noch beängstigender ist jedoch die Zusammensetzung des Tierfutters im Allgemeinen. Es besteht zu einem Großteil aus dem, was wir an Nahrung täglich entsorgen. Das allein ist ja durchweg positiv. Doch werden diese Nahrungsmittel nicht etwa sortiert. Plastikverpackungen landen ebenso in den Mägen unserer Masttiere wie gespritzte Orangenschalen, schimmelige Früchte und Farben und die Druckerschwärze der Etiketten.

Auch aus seiner Arbeit bei der Tafel berichtete es uns noch einige spannende Details. So kann sich ein Supermarkt für die Nahrung die er an die Tafeln abgibt eine Spendenquittung ausschreiben lassen. Dafür, dass er seinen „Müll“ nicht selbst entsorgen muss, sondern von den freiwilligen Helfern der Tafel abholen lässt, bekommt er also steuerliche Vergünstigungen.

Doch es werden nicht nur die Abgelaufenen oder Ausrangierten Lebensmittel verschenkt oder vernichtet. Wenn eine Palette mit Honig- oder Marmeladengläsern beschädigt wird, so dass nur ein einzelnes Glas kaputt geht, wird sofort die gesamte Palette entsorgt. Warum? Weil die Personalkosten für die Reinigung der übrigen Gläser teurer wäre, als eine neue Palette.  Wir mussten an unseren Weg vom Vortag zurückdenken, als wir an einem Karottenfeld vorbeigekommen waren, dass bereits im Herbst abgeerntet worden war. Jetzt, rund vier Monate später, lagen noch immer ausreichend Karotten auf dem Feld, um eine Kleinstadt zu versorgen. Sie waren frischer, als die meisten, die im Supermarkt gekauft werden konnten. Der einzige Grund, warum sie liegen geblieben waren war, dass sie nicht der Norm entsprachen. Sie waren zu klein, zu dick, zu krumm oder hatten zwei Wurzelarme. Wenn man jetzt alles zusammenrechnet, also das, was auf den Feldern liegen bleibt, das was entsorgt wird, weil es verschmiert oder verkratzt ist, das was aussortiert wird, wenn eine neuere Lieferung kommt, das was in den Containern landet, weil das Haltbarkeitsdatum kurz vor dem Ablaufen ist, das was in Restaurants, auf Messen, in Imbissbuden, in Cafés und ähnlichem weggeschmissen wird, weil es keinen Abnehmer findet und das, was jeder Verbraucher zuhause noch in den Müll wirft, dann kommen wir auf gute 80% an produzierter Nahrung die jeden Tag vernichtet werden!

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Soviel also zum Thema „Iss deinen Teller leer, denn in Afrika hungern die Kinder!“ Das hört sich unglaublich und auch erschreckend an, doch was bedeutet es für unsere Gesellschaft. Denn der Nahrungssektor ist ja nur ein einziger Bereich von vielen, in denen es so zugeht. Medikamente werden allein im Haushalt zu rund 80% weggeworfen. Niemand, der nicht Medikamentensüchtig ist nimmt davon mehr als nötig und beim Nächsten bedarf sind die alten zumeist abgelaufen. Die Zahl der Medikamente, die entsorgt werden, bevor sie einen Patienten erreichen dürfte noch bedeutend höher liegen. Elektronische Geräte verlieren durch die stetige Weiterentwicklung bereits in den ersten 6 Monaten mehr als 50% ihres Wertes. Ein Großhandel, der seine Produkte nicht verkauft bevor die neue Lieferung eintrifft, muss die Ladenhüter ebenfalls entsorgen. Ähnlich ist es mit Kleidung, bei der sich die Mode auch jährlich 2 Mal ändert. Was passiert wohl mit all den Textilien, die beim Sommer- oder Winterschlussverkauf keinen Käufer finden?

Würden wir auf diese sinnlose Überproduktion verzichten, könnten wir uns mehr als 60% aller Arbeit sparen. Ist es nicht merkwürdig, dass wir mehr Burnout Patienten und Menschen mit Stresssyndromen haben als je zuvor in der Geschichte, obwohl wir so effektiv produzieren können? Fast alle Zivilisationskrankheiten sind auf Stress und falsche Ernährung zurückzuführen. Je mehr Stress wir haben, desto wenig Zeit haben wir für gesunde Nahrung und je mehr Nahrung wir Produzieren, desto ungesünder wird sie. Warum versuchen wir uns mit diesem System so krank wie möglich zu machen?

Um diese Frage zu beantworten, muss man verstehen, wie unser Geldsystem funktioniert. Damit ich damit nicht den Rahmen dieses Berichtes sprenge, erkläre ich es kurz an einem Sinnbild. In seinen Anfängen war Geld noch ein real Existierendes Tauschmittel. Es hatte also einen Gegenwert in Gold oder anderen Wertgütern, den es repräsentierte. Heute gibt es diese Gegenwerte nicht mehr. Das heißt der einzige Grund, warum Geld überhaupt etwas Wert ist, ist der, dass jeder an seinen Wert glaubt. Unser Finanzsystem funktioniert dabei vereinfacht gesagt folgendermaßen: Wenn in Deutschland eine Bank Geld verleiht, muss sie dabei nur eine Rücklage von 1% in der Zentralbank hinterlegen. Bekommt ein Mensch also einen Kredit von 10.000€ kann die Bank 9.900 davon „erfinden“ also auszahlen, ohne dass es einen Gegenwert dafür gibt. Der Kunde muss dieses Geld jedoch verzinst zurückzahlen. Der Kunde arbeitet nun also mit Geld, dass es faktisch eigentlich nicht gibt. Es existiert nur als Schuldschein bei der Bank. Wenn er es später zurückzahlt, muss er zusätzlich zum geliehenen Geld auch noch Zinsen zahlen. Diese Zinsen existieren aber ebenfalls nur als Zahlen auf einem Computer, denn einen faktischen Gegenwert gibt es auch hierfür nicht. Um dieses erfundene Geld an die Bank zurückzahlen zu können, muss er es von irgendwo her bekommen. Zum Beispiel von jemandem der Ebenfalls einen Kredit bei einer Bank aufgenommen hat und wiederum Zinsen zahlen muss. Auf diese Weise steigt das Geld, dass sich im Umlauf befindet ständig an. Und mit ihm Steigt der Schuldenberg, den die Menschen, Firmen, Staaten und Institutionen bei den Banken machen. Faktisch bedeutet das, dass es weniger Werte als Schulden gibt. Damit dies nicht auffällt und damit das System nicht zusammenbricht müssen ständig mehr Werte produziert werden, im hoffnungslosen Versuch, die Schulden einzuholen. Das Ergebnis ist ein Wirtschaftssystem, dass sich immer schneller und schneller dreht und immer mehr produziert, egal wie viele Menschen dadurch krank werden und egal wie viele Waren davon überflüssig sind.

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Die Stimmung am Tisch nach diesem Gespräch war getrübt. Was konnte man als einzelner ausrichten gegen ein System, dass wissentlich so viel Krankheit, Stress und Leid produzierte? Eine Patentlösung hatten wir nicht. Was würde wohl passieren, wenn plötzlich alle Menschen aufhörten zu arbeiten und nur noch die Aufgaben erledigten, die wir zum Leben wirklich bräuchten? Ein Arbeitstag in einem Naturvolk dauert ca. 4 Stunden, wobei mit Arbeit alles gemeint ist, was ein Mensch tun muss um sein überleben zu Sichern. Essen ist also mit eingeschlossen. Wenn wir die Errungenschaften der Zivilisation zu unserem Vorteil und nicht zu unserem Nachteil nutzen würden, müssten wir eigentlich auf einen deutlich kürzeren Arbeitstag kommen.

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Nach dem Frühstück begleitete uns Gerhard noch ein gutes Stück aus der Stadt hinaus, bis zu dem Punkt an dem wir auf den Südlichen Jakobsweg stießen. Von Speyer aus gibt es nämlich zwei Routen in Richtung Saarland. Mit Speyer endete auch unser zweiter Wanderführer. Ab heute nutzen wir also den dritten: „Outdoor Deutschland Frankreich: Jakobsweg Speyer – Metz“ von Michael Schnelle. Die Etappe selbst änderte sich jedoch nicht. Heute war der Weg genauso Trist und industrialisiert wie gestern.

Als wir an einer Sparkasse halt machten um unser Picknickbrot zu essen, bemerkten wir, dass sich einige Speichen in unseren Rädern gelockert hatten. Dies war die Lösung für das mysteriöse Klappern, das uns schon seit ein paar Tagen verfolgte. Mit eiskalten Fingern schraubten wir die Räder ab und spannten die Speichen nach. Hoffen wir mal, dass dies die letzte Kinderkrankheit unserer Wägen war.

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Als Tagesendziel haben wir uns Lingenheim auserkoren. Lingenheim hingegen wollte mit uns jedoch nichts zu tun haben. Das Problem war, dass es hier einfach niemanden von der Kirche gab. Sowohl der evangelische als auch der katholische Pfarrer wohnten außerhalb in anderen Ortschaften. Einen Dekan oder Gemeindevorstand gab es nicht. Den Schlüssel zur Kirche hatte eine alte Frau, die sich darum Kümmerte, dass das Gotteshaus für Besucher zugänglich war. Weiterhelfen konnte sie uns aber leider nicht. Also mussten wir in den sauren Apfel beißen und noch weitere 5 Kilometer bis nach Germersheim laufen. Hier trafen wir ebenfalls auf eine alte Frau die uns den Weg zum Dekanat der evangelischen Kirche beschrieb, wo wir einen warmen Platz im Gemeindehaus bekamen.

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Spruch des Tages: Du wirst was du isst.

Tagesetappe: 22,4 km

Gesamtstrecke: 380,77 km

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2 Comments

  1. daniela 19. Januar 2014 at 22:43

    ein sehr interessanter artikel!!

    gibt es eigentlich ein endziel? oder lasst ihr das auf euch zukommen? ich finde hier keine „reiseroute“…

    viele grüße
    daniela

  2. buy short prom dresses 24. Januar 2014 at 10:42

    Very interestingly written, it would seem that everything is so obvious, but now I do believe not. The more a man reads and sees the harder he feels that the knowledge is small. I want to return the favor and invite a few words from me. I really hope also interesting as below.

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