Tag 24: Im größten Wald Westeuropas

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Tag 24: Im größten Wald Westeuropas

Tag 24: Im größten Wald Westeuropas

Als wir heute Morgen aus dem Fenster blickten, sahen wir auf ein traumhaftes Bergpanorama im sanften Licht der aufgehenden Sonne. Leichte Nebelschwaden hingen zwischen den Gipfeln und alles war leicht überfroren. Wir auch. Die Heizung hatte einen Nachtspeicher und unsere Decken waren nur etwa 150cm lang. Die Nacht musste es ordentlich gefroren haben. Wir packten unsere Sachen und verabschiedeten uns von unseren Gastgebern. Der Morgen war kalt aber freundlich und es versprach ein schöner, sonniger Tag zu werden. Unser Weg nach Fischbach führte uns zu allererst einen Berghang hinauf. Mit komplett kalten Muskeln war das eine ordentliche Herausforderung. Vor allem für die Waden, die der Gesamtsituation etwas unentspannt entgegensahen.

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Nach der Anhöhe jedoch führte uns der gesamte Weg bis nach Fischbach leicht bergab. Nun waren wir doch froh, den Weg nicht bereits gestern Abend gewandert zu sein. Mit dem Sonnenlicht, das zwischen den Bäumen hindurchfunkelte und mit der frischen Morgenluft, ließ er sich ganz anders genießen als wenn man ihn am Abend erschöpft und ermüdet hinter sich bringen will. Kurz vor Fischbach kamen wir in ein kleines Auengebiet wo wir einige Reiher und Kormorane beim Fliegen beobachten durften. Zum ersten Mal in unserem Leben hörten wir sogar den Ruf eines Reihers.

In Fischbach besuchten wir als erstes den Pfarrer, der uns gestern Abend eingeladen hatte. Wir baten ihn um Internet um unseren letzten Bericht einstellen zu können und fragten auch, ob er uns die Nummer des Pfarrers in der nächsten Gemeinde geben könne. Diesmal wollten wir es nämlich schlauer angehen, als an den letzten beiden Tagen. Wenn wir gleich morgens an unserem Zielort anriefen und uns mit dem Pfarrer verabredeten, dann konnte ja eigentlich nichts schiefgehen. Und wir konnten auch gleich schauen, in welchem Ort es überhaupt noch einen Pfarrer gab. Soweit die Theorie. Die Praxis sah leider so aus, dass der Pfarrer keine Sprechstunde hatte und daher nicht ans Telefon ging. Wir hatten den Rest des Tages keinen Empfang mehr also konnten wir weder zurückgerufen werden noch einen Zweitversuch starten.

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Der Pfarrer von Fischbach erzählte uns bei unserem Besuch noch einige interessante Dinge über sein Verständnis der Bibel. Es war vor allem deswegen interessant, weil es dabei genau um die Punkte zum Thema Leiden ging, die ich bislang nicht verstanden hatte. Er erklärte uns, dass die Angst vor dem Tod und dem Leid eine der größten Ursachen von Tod und Leid waren. Viele Menschen verstanden ihr Verhältnis zu Gott als eine Art Vertrag, der besagte, wenn ich nichts böses tue, dann wird mir auch nichts böses zustoßen. Da funktioniert aber in der Regel nicht besonders gut und so sind viele enttäuscht oder verbittert, das Gott all dieses Leid unter den Unschuldigen zulässt. Doch nichts Böses zu tun allein reicht nicht. Jeder Mensch hat eine Lebensaufgabe, die es zu erfüllen gilt. Das Leid und der Schmerz, den eine Person hat, ist keine Strafe Gottes sondern ein nett gemeinter Wegweiser, der den Menschen wieder auf seinen Weg führen soll. Je weiter sich ein Mensch von seiner Lebensmission entfernt und je mehr Hinweise er bereits übersehen hat, desto deutlicher müssen die nächsten Wegweiser werden. Nicht umsonst ist die wörtliche Übersetzung von Sünde „Themaverfehlung“ oder „Verirrung“ ein Sünder ist also lediglich jemand, der seinen Lebensweg verloren hat. Unsere Angst vor Krankheit, Schmerz oder Leid verhindert jedoch, dass wir diese Wegweiser als etwas Positives annehmen können. Wir versuchen sie auszublenden, zu vermeiden oder zu umgehen. Dafür haben wir sogar eigene Industriezweige entwickelt, die Betäubungsmittel, Genussstoffe oder Ablenkungsmöglichkeiten produzieren. Doch selbst der Tod ist oftmals nichts Negatives, sondern eine Möglichkeit zu lernen oder ein Weg aus einer Sackgasse. Um das zu verdeutlichen erzählte uns der Pfarrer eine Geschichte:

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Die Christen gehen davon aus, das jeder Mensch einen Schutzengel hat, der hinter ihnen hergeht und ihre Schritte überwacht, damit ihnen nichts zustößt. Einmal jedoch, als ein kleiner Junge über eine Brücke gehen wollte, packte ihn sein Schutzengel und warf ihn hinab in die Schlucht. Er war auf der Stelle tot. Was hat dieses Verhalten mit der Aufgabe eines Schutzengels zu tun? Nun ja, auf der anderen Seite der Brücke lauerte eine Räuberbande, die den Jungen gefangen hätte. Viele Jahre hätte er in ihrer Gefangenschaft gelitten, bis er sich schließlich selbst zu ihrem Anführer gemacht hätte, um großes Unheil in die Welt zu bringen.

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Die Geschichte ist auf eine Art verstörend und gewiss hätte es auch andere Methoden gegeben, den Jungen vor diesem Schicksal zu bewahren, doch sie hat einen wahren Kern. In vielen Kulturen wird der Tod nicht als ein Ende angesehen, sondern nur als eine Wandlung. Wenn jemand schwer krank ist, kann eine Heilung manchmal auch bedeuten, dass der Mensch dabei stirbt. Wir jedoch haben so eine Angst davor, dass wir lieber endlos leiden, als den Tod willkommen zu heißen. Ist das wirklich die sinnvollste Variante?

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Nach diesem tiefsinnigen Gespräch brauchten wir jedenfalls erst mal ein Frühstück. Wir fragten in einer Bäckerei, wo wir von zwei unglaublich lieben alten Damen mit allem versorgt wurden, was wir brauchten. Dabei wurde auch ein Kunde auf uns aufmerksam, der fragte, was den heute unser Etappenziel sei. „Eppenbrunn“ antwortete ich, woraufhin der Mann erwiderte: „Oh, das ist ja nicht weit, das ist gleich der nächste Ort!“

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In einem Punkt hatte er Recht. Es war gleich der nächste Ort. Doch seine Einschätzung der Entfernung zeugte vor allem davon, dass er nicht oft wandern ging. Denn Eppenbrunn lag  gut 20km entfernt.

Es war noch früh am Tag, die Sonne schien, die Landschaft war schön, die Strecke eben und so gingen wir hoch motiviert dem Wald entgegen. Die ersten 10km machten Spaß. Es war schön einfach die Ruhe zu genießen und die frische Waldluft zu atmen. Wir begegneten keiner Menschenseele, dafür aber weiteren Reihern und einigen Rehen, die sich im Dickicht versteckt hielten. Dann aber war es mit der ebenen Strecke vorbei. Die Straße führte nun in ausladenden Serpentinen den Berg hinauf und lenkte uns dabei deprimierender Weise wieder in genau die Richtung, aus der wir kamen. Aber weit konnte es nicht mehr sein. Hinter jeder Biegung musste das Dorf eigentlich schon auf uns lauern. Hier nicht? Ok, dann aber nach der nächsten… Das Schild mit der Warnung vor 3km kurvenreichem Straßenverlauf machte unsere Hoffnung dann vollkommen zunichte. Mindestens drei Kilometer waren es also noch.

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Also wir nach drei Kilometern den Berggipfel erreichten, erblickten wir das ernüchternde Wanderschild mit der Aufschrift „Eppenbrunn 4,5km“

Immerhin ging es nun bergab. Doch unsere Füße waren platt und die Schultern lahm. Ganz so wie am Anfang konnten wir die schönen, urigen Wälder jetzt also nicht mehr genießen. Und trotzdem hatte die Natur nichts von ihrer Faszination verloren. Wir entdeckten Eiszapfen, kamen an einem Grünspecht vorbei und immer wenn wir eine Pause machten, lauschten wir auf die unendliche Stille des Waldes. Kein Auto, keine Stadtgeräusche, keine Flugzeuge und keine Züge waren zu hören. Nur das leise Rauschen der Blätter und das gelegentliche Zwitschern der Vögel.

Dann, als wir es schon gar nicht mehr erwartet hatten, erblickten wir das Ortseingangsschild von Eppenbrunn. Jetzt mussten wir nur noch den Pfarrer finden uns alles war gut. Doch leider war der gute Mann nicht zu hause. Später erfuhren wir, dass er für 10 Gemeinden zuständig ist. Insofern war seine Abwesenheit auch nicht weiter verwunderlich. Da es langsam kalt wurde und wir nicht wussten, wann der Pfarrer wiederkam, schauten wir uns nach Alternativen um. Die Passanten die wir trafen gaben uns dabei jede Menge Tipps: „Fragt die  Frau vom Kirchenvorstand am Ende der Stadt!“ „Geht ins Schwesternwohnheim!“ „Fragt den Bürgermeister!“ „Fragt im Schullandheim!“

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Alle diese Hinweise waren gut und hätten auch funktionieren können, doch faktisch funktionierte leider keiner. Das Schullandheim war ausgebucht, der Bürgermeister empfahl uns weiter, im Schwesternheim war niemand anzutreffen. Das alles wäre überhaupt nicht problematisch gewesen, wäre Eppenbrunn nicht ausgerechnet ein Ort, der komplett in den Hang hineingebaut wurde. Schließlich kamen wir wieder beim Pfarrhaus an und diesmal hatten wir Glück. Der Pfarrer war wieder da, öffnete uns und begrüßte uns freundlich. Natürlich hätte er einen Schlafplatz für uns, doch dieser hätte einen kleinen Haken. Er lag nicht in Eppenbrunn, sondern im 2km entfernten Nachbarort. Kein Thema, dachten wir, nachdem wir nun 2km allein durch Eppenbrunn gelaufen sind schaffen wir die auch noch. Um sicher zu gehen, dass wir dort nicht auch vor verschlossener Tür standen, rief der Pfarrer kurz noch im Gemeindehaus an. Eine sehr gute Idee, denn er erreichte niemanden. Auch zwei Orte weiter nicht. Erst in einem acht Kilometer entfernten Dorf gab es einen Platz für uns. 8km? Ohje!

Doch keine Panik! Nach einiger Überlegung kamen wir auf eine fußgerechte Lösung. Am Abend kam eine Nonne aus unserem Übernachtungsort nach Eppenbrunn. Sie würde uns mitnehmen und am nächsten Tag wieder hierher zurückbringen. Dann können wir ausgeruht wieder zurück zu unserem Übernachtungsort laufen, denn er liegt auf dem Jakobsweg genau in unserer Richtung. Fürs erste wurden wir mit leckeren Weihnachtskeksen und einer warmen Stube versorgt. Während wir uns aufwärmten und erholten, erzählte uns der Pfarrer, dass wir uns gerade in Mittelpunkt des größten Waldgebietes Westeuropas befanden. Die schwache Besiedelung und die wohltuende Ruhe kamen also nicht von ungefähr. Füchse, die sich im Pfarrgarten tollten oder Rehe die an Grabblumen knabberten waren hier keine Seltenheit.

PS: Heute haben wir unsere 500km-Marke überschritten

Spruch des Tages: Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. (Lucius Annaeus Seneca)

Tagesetappe: 32 km

Gesamtstrecke: 518,27 km

Bewertungen:

 
2014-01-26T00:05:57+00:00 Deutschland, Tagesberichte|

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