Tag 36: Zurück an die Mosel

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Tag 36: Zurück an die Mosel

Tag 36: Zurück an die Mosel

Ich weiß, ich hab mich schon ein wenig darüber ausgelassen, aber ein paar kleine Details muss ich zu unserer Jugendherberge doch noch erwähnen. Da wäre zum Beispiel noch die Heizung, von der man den Regler abmontiert hat, damit die Gäste sie nicht mehr einstellen können. Das ist ok, wenn man die Temperatur mag, die voreingestellt ist. Aber es ist äußerst ungünstig, wenn man seine Socken trocknen möchte. Es ist auch ungünstig, wenn man keine eigenen Schlafsäcke hat und einem das Handtuch, das einem hier als Decker verkauft wurde nicht ausreicht. Zum Glück hatten wir unsere eigenen Schlafsäcke.

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Das Frühstück ist ebenfalls noch eine Erwähnung wert. Qualitätsmäßig lag es deutlich unter dem Frühstück in den Altenheimen, die uns aufgenommen hatten. Mir fehlen da die Erfahrungswerte, aber ich würde vermuten, dass es auch unterhalb des Standards der meisten europäischen Gefängnisse lag. Es gab aufgebackenes Baguette vom Vortag mit einem zuckerartigen Gelee auf dessen Verpackung die irreführende Bezeichnung „Marmelade“ stand. Hätten wir die Sachen containert, hätten wir uns wahrscheinlich nicht beschwert. Obwohl wir den Marmeladenverschnitt wahrscheinlich zurückgelassen hätten. Aber für ein bezahltes Frühstück war es schon eher eine Zumutung. Entschuldigt, falls ich hier ein wenig nörgelich klinge, aber das Leben als Bettelpilger hat uns in Sachen Komfort und Essensqualität etwas verwöhnt.

W-LAN gab es in der Herberge übrigens nicht. Dafür einen einzigen Computer für alle Gäste an der Rezeption, aber hier war das Internet zur Zeit nicht verfügbar. Ebenfalls also ein Service, den wir nicht für unser Geld bekamen.

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Nun aber genug gemeckert! Der Tag begann mit strahlendem Sonnenschein und es war bereits nach dem Frühstück so warm, dass wir im Pully loswandern konnten. Unser weg führte uns nach Osten aus Nancy heraus in einen nahegelegenen Wald. Laut Karte führte hier ein Wanderweg schurgerade bis zur Autobahn, unter ihr hindurch und weiter geradeaus. Bis zu einem gewissen Grad hatte sie damit Recht. Der Weg führte schnurgerade durch den Wald bis zur Autobahn. Dort endete er jedoch an einer Leitplanke. Nach einer kurzen Krisenbesprechung wanderten wir an der Autobahn entlang, bis wir auf eine Brücke stießen. Hier kamen wir dann auch wieder an einen Wanderweg, der zwar noch nicht der Jakobsweg war, aber zumindest schon mal in eine ähnliche Richtung führte. Hinter der Autobahn erwartete uns dann auch gleich der Actionteil unseres Tages. Wir mussten einen schlammigen, steinigen und vor allem sehr steilen Abhang hinabsteigen. Wir konnten nur hoffen, dass unsere Bremsen hielten, denn ohne sie wären wir von unseren Wagen einfach überrollt worden. Die Scheibenbremsen glühten, unsere Hände bekamen Krämpfe vom Anziehen der Bremszüge und unsere Füße suchten verzweifelt Halt auf dem glitschigen Boden. Einige Male wären wir fast abgerutscht und auch die Reifen hatten so wenig Gripp, dass sie immer wieder ins Schlingern kamen. Mit zitternden Knien und schmerzenden Fingern erreichten wir schließlich den sicheren Boden. Grund genug für eine kleine Belohnung. Und die ließ nicht lange auf sich warten. Einige hundert Meter endete der Wald und wir erreichten eine sonnige Wiese die uns auf ein zweites Frühstück einlud. Diesmal gab es frisches Baguette mit Pastete uns Senf. Dazu eine tolle Aussicht über den Wald und einige Krähen, die eine kunstvolle Flugshow darboten. Die Sonne schien auf uns herab und wärmte uns den Rücken. Dies war das Gefühl der Freiheit, der Entspannung und der Leichtigkeit, für dass es sich zu reisen lohnte.

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Der weitere Weg führte abwechselnd durch Wälder und über kleine Straßen. Dann ging es für sehr lange Zeit bergab, was eine ordentliche Herausforderung für meine noch immer schmerzende Sehne darstellte. In einem Dorf namens Maron fragten wir an einem Haus nach Wasser. Wir bekamen Wasser und Kekse. Der Mann sprach recht gut Englisch und so plauderten wir eine Weile über unsere Reise. Zu spät merkten wir, dass es bereits so spät war, dass wir uns nach einem Schlafplatz umsehen mussten. Die beiden Hauseigentümer hätten uns mit Sicherheit eingeladen, wenn wir sie gefragt hätten, aber so ließen wir die Chance verstreichen. Das Rathaus in diesem Ort war geschlossen, ein Pfarrhaus gab es nicht und auch sonst boten sich keine anderen Optionen. Also blieb uns nichts anderes übrig, als 6km weiter bis in den nächsten Ort zu wandern.

Der Weg dorthin war jedoch so, wie man sich einen Wanderweg nicht besser hätte wünschen können. Er führte an der Mosel entlang, enthielt keinerlei Steigungen und war so gut ausgebaut, dass er selbst nach den vielen Regentagen ohne Probleme begehbar war. Dazu führte er uns durch eine der schönsten Naturlandschaften die wir in der letzten Zeit sehen durften. Rechts von uns befand sich die Mosel und links waren ausgedehnte Auen, Moore und Wasserflächen. Wir begegneten Kormoranen und Silberreihern. Außerdem begegneten wir einigen sehr freundlichen Wanderern und einem lustigen Fahrradfahrer. Letzterer zeigte uns den Anfang dieses Weges. Wir kommunizierten nur über einzelne Worte, was aber vollkommen ausreichte. Nach nur 3 Minuten Bekanntschaft bot er uns ein Bier an. Er war sichtlich enttäuscht als er erfuhr, dass wir weder Alkohol tranken, noch rauchten, noch kifften, noch sonst irgendwelche Drogen nahmen. „Das ist doch kein Leben!“ sagte er. Wir lachten und waren da anderer Meinung.

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Auf halber Strecke zwischen Maron und Villey le Sec bemerkten wir dann, dass sich die linke Achse meines Wagens gelöst hatte. Wir mussten also eine Reparaturpause einlegen. Das Wetter, dass im Moment eine leicht perverse Art von Humor hat, nutzte diese Gelegenheit um uns einen ordentlichen Regen zu schicken. Nachdem wir alles erledigt hatten, hörte er sofort wieder auf. Während unserer Reparaturaktion wurden wir ebenfalls von einigen Wanderern angesprochen, die sich jedoch als nicht allzu hilfreich erwiesen. Da liegt man gerade am Boden und versucht verzweifelt eine verkantete Schraube zu lockern, während einem der Regen in die Augen läuft und wird dabei von einer schwerhörigen Oma angeschrien. Sie versuchte uns auf Französisch zu erklären, dass sie ihr ganzes Leben neben dem Militärflughafen gewohnt hatte, von dem sich die ohrenbetäubenden Kampfjets erhoben, die ab und an über uns dahinrauschten. Das erklärte zwar ihre Schwerhörigkeit, half uns aber nicht wirklich weiter.

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Einige Kilometer später erreichten wie eine Schleuse und bekamen damit die erste Gelegenheit ans andere Ufer zu wechseln. (Im rein geografischen Sinne natürlich!) Es hatte bereits wieder zu regnen begonnen und unsere Beine drängten darauf, endlich Feierabend zu machen. Daher beschlossen wir am ersten Haus, an dem wir vorbeikamen zu klingeln und nach einem Schlafplatz zu fragen. Das klappte besser als vermutet. Von weitem sahen wir schon den Rauch aus dem Kamin aufsteigen. Wir fragten nach einem Platz in der Garage, den wir sofort zugesagt bekamen. Dann lud uns der junge Mann noch auf einen Tee ein und nach einem interessanten Gespräch meinte er, dass wir auch im Wohnzimmer übernachten können. Sein Vater war ebenfalls den Jakobsweg von hier aus bis nach Santiago gepilgert und hatte sogar ein Buch darüber geschrieben. Das erinnerte uns ein wenig schmerzlich daran, dass auch unser Buch über Heikos 1. Pilgerreise noch immer auf seine Fertigstellung wartete.

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Unser Gastgeber freute sich als begeisterter Hobbyfotograph riesig darüber, dass wir ihm einige Tricks in Sachen Bildbearbeitung verraten konnten und wir freuten uns über den warmen und gemütlichen Platz vor dem Kamin. Begegnungen, die man mit keinem Geld der Welt bezahlen kann.

Spruch des Tages: Glück ist nicht eine Station, an der man ankommt, sondern eine Art zu reisen.

Tagesetappe: 22 km

Gesamtstrecke: 811,77 km

Bewertungen:

 
2014-02-07T23:01:04+00:00 Frankreich, Tagesberichte|

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