Tag 43: Die Sintflut

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Tag 43: Die Sintflut

Tag 43: Die Sintflut

Später am Abend fanden wir auf einer Anrichte einen Zettel mit der folgenden Aufschrift:

„Pilger, sei willkommen in diesem Haus um dich auszuruhen. Hier kannst du schlafen, duschen oder kostenlos eine Mahlzeit zu dir nehmen. Es steht dir die Wohnküche und das Bad/WC zur Verfügung. In Abhängigkeit von der Anzahl der Gäste gibt es auch noch die Möglichkeit für weitere Räume. In diesem Fall bitte anfragen bei Herrn Hubert Lesur, Haus Nr. 15 in dieser Straße oder bei Frau Bernadette Delaloy, 8 rue du Pâtis.

Bei Anfragen steht auch ein Gebetsraum zur Verfügung.

Einige Praktische Hinweise:

Lebensmittel und Kochutensilien sind vorhanden.

Bettwäsche ist vorhanden, sowie Handtücher und Waschlappen. Nach Gebrauch kann alles in dem Plastikbehälter im Badezimmer deponiert werden.

Gott segne und begleite euren Weg!“

Wir waren baff! Alles, was wir hier vorfanden war tatsächlich kostenlos für Pilger zur Verfügung gestellt worden. Unter dem Zettel lag ein Gästebuch mit etwa 25 Einträgen seit 2009. Auf die Zeit gesehen waren es also nicht viele Pilger, die hier vorbeigekommen waren. Doch für alle war der Ort eine Oase gewesen, die sie mit mehr Dankbarkeit erfüllt hatte, als es jeder Palast auf dieser Erde hätte tun können. Viele waren erschöpft oder Fuß lahm hier gestrandet. Andere waren im strömenden Regen angekommen und wären ohne diesen Rettungsanker sicherlich verzweifelt. Auch für uns war es ein ganz besonderer Platz, der uns Mut und Kraft gab. Hätten wir die Nacht im Freien verbringen müssen, wäre unser Zelt wahrscheinlich in tausend Stücke gerissen worden. Die Nacht stürmte es als wollte die Welt untergehen. Der Wind heulte ums Haus und riss an unseren Fensterläden, dass wir fürchteten, er würde sie abreißen. Doch in unserer Herberge waren wir sicher. Der Kamin heizte was das Zeug hielt. Es gab keine Möglichkeit um seine Luftzufuhr zu regeln und so brannte er immer auf voller Leistung. Es dauerte nicht lange und wir saßen in Unterhosen vor dem Feuer, während uns der Schweiß vom Gesicht rann. Man könnte vielleicht meinen, es wäre ein bisschen zu warm, aber es war großartig! Genau die richtige Temperatur um seinen Rücken und die lahmen Beine wieder einzurenken und um sich zu entspannen.

Später beschlossen wir noch einen Kinoabend zu machen und uns bei Chips und heißer Schokolade einen Film auf dem Laptop anzuschauen. Die Chips und der Kakao waren klasse, der Film hieß „Counceler“ und war, höflich ausgedrückt, einer der beschissensten, den ich je gesehen habe. Aber es ging ja auch nicht um den Film, sondern ums Prinzip. Trotzdem hätte der Regisseur der Menschheit ruhig den Gefallen tun und vorzeitig in Ruhestand gehen können.

Heute morgen mussten wir dann feststellen, dass die Welt noch nicht untergegangen war. Sie war noch dabei! Es stürmte und goss wie aus Eimern. Hatten wir gestern irgendetwas falsch gemach, dass uns das Wetter heute so bestrafte? Kälte, strömender Regen und dazu noch Gegenwind, das war ohne jeden Zweifel die finale Höchststrafe. Wir schafften es nicht einmal ganz aus der Hofeinfahrt bevor unsere Schuhe durchweicht waren. Zum Glück war der Regen so laut, dass wir das quatschen der Wassermassen, die bei jedem Schritt um unsere Füße schwappten nicht hören konnten. Andernfalls hätte es uns wahrscheinlich demotiviert. Nicht das wir besonders motiviert waren. Mehr als einmal dachten wir sehnsüchtig an unseren Platz vor dem Kamin zurück und bereuten es inbrünstig nicht einfach davor sitzen geblieben zu sein. Dennoch schafften wir es nach einiger Zeit sogar wieder über unsere Situation zu scherzen. Wir erfanden das Spiel „Handschuhwasserweitschleudern“. Das Ziel dabei ist es, dass Wasser, dass sich in die Handschuhe gesogen hat, durch eine schnelle Schleuderbewegung der Arme möglichst weit weg zu schleudern. Eine Weile konnte man sich ganz gut damit beschäftigen.

Als schließlich auch unsere Regenhosen ihren Kampf gegen die absolute Übermacht des Wetters aufgaben und uns das Wasser in die Unterhosen lief, wünschten wir uns jedoch nur noch einen Platz, an dem wir ankommen konnten. Egal wie gut die Regenkleidung auch war, der Regen war besser. Doch ehe wir nach Colombey les deux Églises einreisen konnten, mussten wir wieder einmal eine ordentliche Steigung erklimmen. Damit waren wir nun endgültig nass. Von außen durch den Regen und von innen durch den Schweiß. Hoffentlich gab es in Colombey eine heiße Dusche oder noch besser eine Badewanne für uns.

Die Aussicht von der Spitze der Hochebene entschädigte uns jedoch in angemessener Form für die Strapazen des Ausstiegs. Vor uns lag ein ausgedehntes Tal mit einem bewaldeten Hügel in der Mitte. Darauf stand alles überragend das Lothringische Kreuz. Wir hatten schon viel davon gehört, doch jetzt wo wir es sahen, waren wir wirklich beeindruckt. Weniger von dem Kreuz selbst, es war ein einfaches Kreuz mit zwei Querbalken auf einem Hügel, sondern viel mehr von der Gesamten Kulisse. Die Wolken hatten sich zu monströsen Gebilden aufgetürmt und der Wind peitschte uns hart ins Gesicht. An einigen Stellen brach die Sonne durch um alles in ein dramatisches Licht zu tauchen. Und hinten am Horizont zog sich eine schwarze Gewitterfront zusammen, die langsam aber unaufhaltsam über das Kreuz hinweg auf uns zu kam. Besser hätte man einen Weltuntergang nicht inszenieren können! Der Sintflut des Vormittages folgte nun das Armageddon.

Einige Minuten lang starrten wir fasziniert auf das Schauspiel der Naturgewalten. Dann realisierten wir, was diese Zeichen für uns bedeuteten. „Tobi!“ rief Heiko, mit einer gewissen Dringlichkeit, „wenn uns diese Gewitterwolken erreichen, sind wir am Sack! Wir sind jetzt schon komplett durchweicht. Ein Gewittersturm gibt uns auf jeden Fall den Rest! Lass uns versuchen Colombey zu erreichen, bevor das passiert!“ Das klang nach einem ausgezeichneten Plan und so lösten wir unsere faszinierte Bewegungslosigkeit auf und eilten in die Stadt zu Füßen des Lothringischen Kreuzes. Wieso stand dieses Kreuz eigentlich hier? Wir hatten Lothringen doch längst hinter uns gelassen und waren nun in der Champanie. Komisch was einem im Angesicht des Weltuntergangs noch für Fragen durch den Kopf gehen.

Wir schafften es tatsächlich Colombey zu erreichen, bevor das Unwetter über uns hereinbrach. Und dank der freundlichen und hilfsbereiten Dame im Rathaus schafften wir es sogar einen warmen, trockenen und windsicheren Raum. Dann, nur wenige Minuten später, prasselte der Regen erneut vom Himmel, stärker als je zuvor. Es war also soweit, die Welt ging nun wirklich unter. Jedenfalls für einen Moment. Dann war der Spuk vorüber und es war, als wäre nie etwas gewesen. Nur unsere Klamotten zeugten noch von den rund 300ml Wasser, die heute vom Himmel gefallen waren. Trotz zwei Regenjacken übereinander waren wir bis aufs Unterhemd nass. Unsere Regenhosen waren da dichter Gewesen. Sie hatten unsere Hosen trocken gehalten. Mit Ausnahme einer großen, nassen Stelle im Schritt, die aussah als hätten wir uns eingepinkelt. Gut, das wir diesen warmen Raum hier für uns alleine haben, so dass wir uns in aller Ruhe trocknen können, bevor wir uns dann auf einen Erkundungsgang durch den Ort machen.

Spruch des Tages: Wer lacht, gewinnt (Michael Titze)

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 970,77 km

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Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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