Tag 48: Der Maler

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Tag 48: Der Maler

Tag 48: Der Maler

Schlecht war das Wetter heute nicht, aber leider bei weitem nicht  so schön wie gestern. Der Himmel war wie von Nebelschleiern verdeckt, durch die man die Sonne immer sehen konnte, ohne dass sie einen wärmte. Wir verließen Villiers-le-Bois in Richtung Südwesten, wobei die Straße genauso wellenförmig weiter verlief, wie sie gestern geendet hatte. Unser Frühstück war eher schmächtig ausgefallen und so waren wir bereits nach dem ersten Anstieg reif für eine Pause. Vor uns lag ein kleines Dorf, inmitten eines trichterförmigen Tals. Warum nur war diese Gegend übersäht mit trichterförmigen Tälern? Liebe Schöpferkraft oder wer immer diese Welt auch erschaffen hat! Sie ist echt großartig! Es gibt so viele wunderbare Orte, Lebewesen, Dinge und Ereignisse hier, für die wir unendlich dankbar sind. Aber warum hast du so viele trichterförmige Täler erschaffen. Jedes Mal wenn man sie erreicht und sich eigentlich über den Abstieg freuen könnte, sieht man bereits, dass es keinen Weg heraus gibt, der nicht mit einem brutalen Anstieg verbunden ist? Es gibt so viele schöne Arten von Tälern. Die Mit Flüssen zum Beispiel, an denen man stundenlang entlangwandern kann, ohne sich anstrengen zu müssen, während man den Blick auf die Berge genießt. Oder solche, die auf der einen Seite hinab führen und auf der anderen flach bleiben. Nur für den Fall, dass du planst, nochmal eine Erde wie diese zu erschaffen, auf der Wesen leben, die gerne wandern: könntest du vielleicht ein paar mehr von solchen Tälern und dafür weniger trichterförmige bauen?

Das trichterförmige Tal hielt jedoch eine besondere Überraschung für uns bereit. Wir waren gerade an einer Kreuzung angekommen, die mit mehreren Wegweisern versehen war. Wie üblich stand an keinem der Wegweiser ein Ort, der in unserem Reiseführer verzeichnet war und so versuchten wir uns mit unserer Karte zu behelfen. Gerade als wir das Dorf gefunden hatten, in dem wir uns befanden, kam ein Mann auf uns zu und fragte, ob er uns helfen könne. Er war um die 60, hatte graue Haare und einen grauen Bart und wirkte ausgesprochen freundlich. Wir haben seinen Namen nie erfahren, doch der Einfachheit halber nannten wir ihn später Jacques. Zunächst erklärte er uns den Weg und dann fragte er, ob wir nicht Lust auf ein kleines Frühstück hätten. Unser erstes war wie gesagt eher ein Trostpreis gewesen und so willigten wir begeistert ein.

Der Mann sprach in etwa so viel Deutsch und Englisch wie wir Französisch, aber er war einer der wenigen Menschen, die sich wirklich bemühten, dass wir ihn verstehen konnten. Und das war auch gut so, denn er hatte einiges zu sagen.

Wie sich herausstellte, war er ein ausgesprochen fröhlicher und lustiger Mensch, der gerne lachte und auch andere gerne zum Lachen brachte. „Wollt ihr nen Kaffee? Oder Milch? Oder Kakao? Oder nen Tee?“ fragte er zu beginn.

„Kakao wäre toll!“ antwortete Heiko und ich nickte zustimmend. Während er die Milch aufsetzte erklärte er uns mit einer Mischung aus allen drei Sprachen und einer gekonnten P

pantomimischen Vorführung, dass seine Urgroßmutter ihm immer Kakao gemacht hatte, als er noch ein kleines Kind war. Vor allem die Darstellung von sich selbst als Baby war oscarreif.

Kaum hatten wir die Küche betreten, da fiel Heikos blick auch schon auf einen Akkuschrauber, der auf dem Küchentisch lag. An seinem Wagen war vor ein paar Tagen eine Schraube abgerissen und seither versuchten wir, das passende Werkzeug für die Reparatur zu finden. Bislang war es uns nicht gelungen und nun lag genau das auf dem Tisch was wir brauchten. Ein Akkuschrauber, der passende Bohrer, eine passende Schraube und der richtige Bit dafür. Bereits das kam uns schon etwas magisch vor, doch es wurde noch besser.

Nachdem der Wagen repariert war, setzten wir uns in der Küche zusammen. Jacques war Maler und ein begeisterter Bücherwurm. „Gute Musik, malen oder lesen und dazu einen ruhigen Ort mit einem schönen Garten! Was braucht man mehr um glücklich zu sein!“ sagte er und man konnte ihm an der Nasenspitze ablesen, dass er es auch genauso meinte. Seit wir aufgebrochen waren um ohne Geld um die Welt zu reisen, hatten wir uns oft gefragt, was wahrer Reichtum und wahrer Wohlstand ist. Wir sind seither vielen Menschen begegnet, die auf ganz unterschiedliche Weise lebten. Einige von ihnen hatten viel Geld, andere wenig. Doch wir haben noch keinen Menschen getroffen, der so reich war wie Jacques. Er war der erste Mensch, der wirklich frei war. Frei, weil er genau das tat, was er tun wollte, weil er genau das wollte, was er hatte und weil er das annahm was war. Als wir ihn uns auf der Straße begegnet waren, hatte er eigentlich gerade mit dem Auto irgendwo hinfahren wollen. Doch dann waren plötzlich wir da und er hatte uns aufgenommen, als hätte er den ganzen Tag lang überhaupt nichts vor gehabt. Und genau diese innere Ruhe und Ausgeglichenheit war es, die seine Ausstrahlung so besonders machte.

„Wisst ihr,“ sagte er, „das wichtigste ist, dass man es schafft, im Gleichgewicht zu sein. Das Leben ist immer der Fluss zwischen zwei Polen. Krieg und Frieden, Schwarz und Weiß, Hell und Dunkel.“ Er nahm eine Batterie, die neben dem anderen Zeug auf dem Tisch gelegen hatte und hob sie hoch. „Wenn sie nur einen Plus-Pol hätte, wäre sie nutzlos!“ fuhr er fort, „sie funktioniert nur, weil es eine Spannung zwischen den beiden Polen gibt. Genauso ist es auch mit der Lebensenergie! Wenn ein Pol vernachlässigt wird, wird man krank. Man hat keine Energie mehr.“

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Heiko und ich sahen uns erstaunt an. Das was der Mann sagte, war nicht neu, aber er hatte es ziemlich gut auf den Punkt gebracht. „Jacques, genau über das Thema haben wir vor kurzem ein Buch geschrieben!“ sagte Heiko.

„Ein Buch?“ fragte Jacques und lachte, „Ich liebe Bücher! Worum geht es da genau?“

„Es ist ein Buch über Naturmedizin“ antwortete Heiko, „oder genauer gesagt geht es darum, zu erkennen, welche Kernursache hinter einer Krankheit steht.“

„Das ist interessant!“ sagte Jacques. „Wenn ihr mich fragt, dann ist eine Krankheit nichts anderes als ein Hinweis eures Körpers, dass ihr gerade nicht im Gleichgewicht seid. Sie ist also nichts schlimmes, sondern eigentlich etwas positives, denn durch sie könnt ihr lernen, wer ihr wirklich seid! Kommt mit, ich will euch etwas zeigen!“

Er stand auf und ging die Treppe nach oben in die erste Etage seines Hauses. Wir folgten ihm und kamen in einen kleinen Raum mit zwei Betten, auf denen mehrere Gemälde lagen.

„Wisst ihr was Metamorphosis bedeutet?“ fragte er.

Wir waren nicht ganz sicher. „Wandlung oder Veränderung“ vermutete ich.

„Ja, genau!“ sagte er, „seht her!“

Er nahm einen Stapel Bilder und legte sie auf einer freien Stelle des Bettes aus. Alle Bilder zeigten das selbe Motiv. Es waren verschiedene Blumen in Vasen. Das erste Bild war schwarzweiß, alle anderen in Farbe. Mit jedem Bild war das Motiv detailreicher und phantasievoller dargestellt. Das fünfte und letzte Bild schließlich war auf einer großen Leinwand gemalt worden und sprühte vor Lebendigkeit fast über.

„Seht ihr!“ sagte er, „alle diese Bilder sind vollkommen! Bereits im ersten steckt die Seele des letzten. Doch es hat noch nicht seine ganze Kraft entfaltet. Jedes neue Bild ist eine neue Entwicklungsstufe bis hin zur großen Metamorphose am Ende! Hier könnt ihr das sehen, was man sich im ersten Bild nur vorstellen konnte. Mit den Menschen ist es nichts anderes! Jeder Mensch ist vollkommen. In jedem Menschen steckt zu jeder Zeit das ganze Wunder seiner Kraft. Doch wenn wir es nicht erkennen, dann sind wir farblos. Das ist nicht schlecht. Auch das erste Bild ist schön so wie es ist. Aber es ist nur ein kleiner Teil von uns. Wenn wir wirklich Lebendig werden wollen, dann müssen wir alles entfalten, was in uns steckt. Do oft Verwechseln wir unsere innere Vollkommenheit mit einer Vorstellung von Perfektion. Wir versuchen ein perfekter Vater, ein perfekter Mitarbeiter, ein perfekter Chef oder ein perfekter Partner zu werden. Aber diese Perfektion ist ein Gedankenkonzept. Sie ist einseitig und bedeutet immer, dass wir einen großen anderen Teil von uns vernachlässigen müssen. Sie hat nichts mit Vollkommenheit zu tun. Daher macht sie uns krank. Denn die Krankheit zeigt uns, welchen Teil von uns wir vernachlässigen oder welches Potential wir nicht nutzen. Sie zeigt uns, dass wir auf dem falschen Weg sind.“

Er legte die Bilder wieder übereinander und zeigte uns fünf weitere. Auch diese waren nach dem gleichen Muster gemalt worden, angefangen von einer Schwarzweißzeichnung bis hin zu einem farbenfrohen, detailreichen und lebendigen Gemälde. Auf dem letzten Bild konnte man sogar so etwas wie die Aura der Pflanzen und Gegenstände erkennen. Alles war über hauchfeine Linien miteinander verbunden. Die Bilder allein beeindruckten uns sehr, aber mit dem was der Mann dazu erzählte bekamen sie sogar etwas Magisches.

„Seht ihr,“ fuhr Jacques fort und deutete auf das Bild. „Alles ist miteinander verbunden, wie Graß auf einer Wiese. Ich bin mit diesem Ort verbunden und mit dem Gemälde und auch mit euch, sonst wärt ihr nicht da. Jede Situation hat eine Ursache und eine Wirkung. Wenn ich das erste Bild male, spüre ich bereits die Seele, die darin steckt und die ich im letzten Bild ausdrücken werde. Aber alles hat seine Zeit. Ich kann das zweite Bild nicht malen, ohne das erste gemalt zu haben. Doch nun genug davon, sonst wird euer Kakao noch kalt!“

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Wir verließen den Raum und gingen wieder nach unten in die Küche und beendeten unser Frühstück. Als wir uns bedankten, sagte Jacques: „Es gibt  nichts zu danken! Dass ihr hier wart, war eine große Bereicherung!“

Er begleitete uns nach draußen, wo wir uns unsere Wagen umschnallten. Als er das Schild mit der Aufschrift „Vielen Dank für ein Lächeln, eine Umarmung, eine finanzielle Unterstützung, ein interessantes Gespräch, etwas zu Essen, zu Trinken oder was immer sonst noch hilfreich ist!“ an meinem Wagen entdeckte, drückte er mir einen 20€ Schein in die Hand. „Nein, nein!“ sagte ich, „du hast uns bereits ein Lächeln, ein interessantes Gespräch, etwas zu Essen und etwas zu Trinken geschenkt, da wollen wir nicht auch noch Geld von dir!“

Er lachte und schüttelte den Kopf. Dann sagte er: „Jungs, ihr wollt fünf Jahre lang um die Welt wandern! Das ist vollkommen verrückt und deswegen sollte man es so gut es geht unterstützen. Glaubt mir, irgendwann werdet ihr das Geld brauchen und ich werde es nicht vermissen.“ Damit schloss er meine Hand um den Schein und wünschte uns einen guten Weg.

Wir folgten seiner Anweisung bis zum Ortsausgang. Dann kamen wir erneut an eine Kreuzung, bei der wir uns nicht sicher waren. Wir holten die Karte heraus und wollten sie gerade ausbreiten, als rund 100m von uns entfernt ein Fenster aufging. Eine Frau kam zum Vorschein und schrie zu uns herüber: „Ihr müsst links gehen! Links!“

Wir hatten zwar keine Ahnung woher sie wusste, wohin wir wollten, doch wir beschlossen ihr zu vertrauen. Unsere Intuition hätte uns eh zur gleichen Richtung geraten und so stand es Quasi 2:0 für links. Wie sich später herausstellte, lag sowohl die Frau als auch unsere Intuition damit vollkommen richtig.

Zunächst einmal mussten wir natürlich wieder aus dem Tal herauskommen und dazu kamen wir nicht umhin, eine Anhöhe zu erklimmen. Sie war sogar noch höher als die letzte, doch nach dem Besuch bei dem Maler fühlten wir uns deutlich kräftiger. Als wir die Spitze erreichten, kam uns ein Bauer in einem Traktor entgegen, der uns für unsere erbrachte Leistung applaudierte.

„Die Menschen hier sind wirklich etwas besonderes!“ sagte Heiko. „Es fällt mir fast schwer zu glauben, dass sie wirklich so freundlich zu uns sind und uns nicht nur verarschen. Aber sie meinen es wirklich ernst!“

„Meinst du Jacques hat Recht mit dem was er sagt?“ fragte ich.

„Wer ist Jacques?“ fragte Heiko verwirrt.

„Oh, Sorry!“ antworte ich, „Ich meine den Maler! Ich habe ihn im Kopf Jacques genannt, weil das der einzige französische Name war, der mir einfiel und weil es irgendwie zu unserem Reiseziel passte. Meinst du, er hat Recht damit, dass wir nicht zufällig bei ihm waren, sondern dass es eine Verbindung zwischen allen Menschen oder besser zwischen allen Lebewesen oder noch besser zwischen allem gibt? Und dass jeder immer genau das anzieht, was er gerade braucht um wachsen zu können?“

„Davon bin ich überzeugt!“ antwortete er. „Es ist auf jeden Fall genau dass, was wir seit Reisebeginn jeden Tag unzählige male erleben.“

„Da hast du Recht!“ stimmte ich zu. „Irgendwo ist es deutlich zu spüren, dass es diese Anziehung gibt, aber es ist trotzdem nochmal etwas anderes, es so konkret zu benennen.“

„Erinnerst du dich noch an Wolf?“ fragte Heiko.

„Du meinst deinen alten Mentor aus der Zeit in der du deine Wildnislehrerausbildung gemacht hast?“

„Ja, genau der!“ antwortete er, „er sagte immer, dass es eine Resonanz gibt, die wir ausstrahlen und die von unseren Gedanken abhängt. All unsere Gedankenmuster, die wir seit der Kindheit in uns tragen, bestimmen unsere Weltsicht und damit auch die Dinge, die wir in unser Leben ziehen. Wenn wir davon überzeugt sind, dass die Welt schlecht ist, werden wir sie auch so erleben. Wenn wir das Gegenteil glauben, werden wir auch immer wieder positive Ereignisse in unser Leben ziehen. Ich weiß, dass sind keine neuen Erkenntnisse. Im Prinzip weiß das jeder und es steht sogar als weise Floskel auf dem Etikett von unseren Teebeuteln. Aber geh mal davon weg, dass jeder davon redet und überleg dir mal, wie viele es wirklich leben. Da gibt es fei nicht viele!“

„Das stimmt! Uns gelingt es ja auch nur zu einem kleinen Teil! Ich meine seit wir unterwegs sind haben wir keine Wahl. Wir müssen darauf vertrauen, dass die Welt einen Schlafplatz und Essen für uns bereit hält und in diesem Bereich klappt es ja auch wirklich hervorragend. Aber ich schätze es gibt noch unendlich viele Bereiche, in denen wir unser Potential zu nicht mal einem Prozent ausschöpfen.“

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„Absolut!“ bestätigte Heiko, „selbst was die Schlafplätze anbelangt wäre sicher noch mehr möglich. Wenn es uns wichtig wäre und wenn wir noch mehr vertrauen würden, spräche nichts dagegen, dass wir jeden Tag in einem 5Sternehotel übernachten. Wobei sich das nicht authentisch anfühlen würde!“

Als er den Satz gerade beendet hatte, kam uns ein dunkelgrünes Auto entgegen, dass aussah wie das des Malers.

„Ist er das?“ fragte ich.

Sekunden später hielt das Auto an und Jacques kurbelte das Fenster herunter. Er nahm ein Baguette vom Beifahrersitz und brach es in der Mitte durch. Dann reichte er uns eine Hälfte und sagte: „Jetzt haben wir sogar noch symbolisch das Brot gebrochen und geteilt!“ Dann lachte er, hob die Hand zum Gruß und fuhr weiter.

„Ein cooler Typ!“  sagte ich begeistert.

„Ohne jede Frage!“ bestätigte Heiko.

Wir brachen das Brot erneut und nutzten es als Stärkung für den nächsten Anstieg, der bereits wenige Meter weiter schon wieder auf uns wartete.

Am späten Nachmittag erreichten wir den ersten Außenbezirk von Tonnerre, der an Hässlichkeit so ziemlich alles übertrafen, was wir bisher auf unserer Reise gesehen hatten. Die Stadt hatte insgesamt etwa 5400 Einwohner und ging damit locker als Großstadt durch. Bis zum Stadtzentrum durchquerten wir mehrere Viertel mit Wohnbunkern, die beeindruckend dreckig und vermüllt waren. Die Menschen waren mit denen, die wir heute Vormittag getroffen hatten nicht zu vergleichen. Die meisten wirkten unglücklich und trübe. Sie kamen uns ebenso schwarzweis vor, wie die ersten Bilder von Jacques.

Die ersten 10 Menschen grüßten wir noch freudig. Dann gaben wir es auf, weil uns ihre Reaktionen deprimierten. Im besten Fall kam ein gequälter Gruß zurück, in den meisten kam gar nichts und in den schlechtesten ernteten wir grimmige bis aggressive Blicke. Mit dem Erreichen der Stadt wurde es auch sofort wieder laut. Autos, Bohrmaschinen, Kreissägen, Züge und Vielerlei mehr lärmten um die Wette. Es dauerte nicht lange und wir sehnten uns die ruhige Einsamkeit des Hinterlandes zurück. Wenn Gelassenheit und innere Ruhe wirklich der Schlüssel zum Wachstum und zur Heilung waren, dann waren Städte wie diese hier das reinste Gift für die Seele. Und wenn man die Gesichter der Menschen hier mit denen in Étourvy oder den anderen kleinen Dörfern verglich, dann schien sich diese Theorie zu bestätigen. In der Touristeninformation erhielten wir einen Stadtplan und die Adresse des Pfarrhauses, wo man uns auch ohne viel Umschweife aufnahm. Essen aufzutreiben war da schon deutlich schwerer. Es gab zwar einige Bäckereien aber bis auf eine wollte uns keine von ihnen etwas geben. Auch das erhärtete wieder eine Theorie: Je zufriedener ein Mensch ist, desto großzügiger ist er auch. Die meisten Ladenbesitzer wirkten nicht besonders zufrieden und so fiel auch unser Erfolg aus. Ein Gemüsehändler wies uns darauf hin, dass man im Rathaus Gutscheine bekommen konnte, wenn man kein Geld hatte. Als wir dort nachfragten, erfuhren wir, dass diese Gutscheine Obdachlosen vorbehalten waren, dass man uns aber dennoch einige Lebensmittel geben könne. Etwas für´s Abendessen und etwas für´s Frühstück. Im Klartext bedeutete das eine Dose Bohnen, ein Glas Marmelade, eine Dose Tunfisch und einen Käse. Es waren gute Sachen, doch leider konnte man in dieser Kombination nichts damit anfangen. Außer natürlich man machte eine Marmeladen-Tunfischpaste daraus, die man auf seinen Käse strich um das Ganze als Beilage zu den Bohnen zu essen. Da uns diese Idee nicht begeisterte blieb uns nichts anderes Übrig, als in den Supermarkt am Ortsausgang zu gehen und einige Kleinigkeiten für das Abendessen und das Frühstück einzukaufen. Jacques hatte also Recht gehabt, wir brauchten das Geld früher, als wir gedacht hatten.

Als wir wieder zurück ins Zentrum kamen, wurde es bereits dunkel. Bei diesem Licht und mit deutlich weniger Verkehr wirkte die Stadt weit weniger hässlich und unwirtlich, wenngleich sie noch immer keine Schönheit war.

Spruch des Tages: Die meisten Menschen spielen das Spiel des Lebens, ohne die Regeln zu kennen.

Tagesetappe: 23,5 km

Gesamtstrecke: 1044,37 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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