Tag 49: Die Schreckschraube

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Tag 49: Die Schreckschraube

Tag 49: Die Schreckschraube

„Ich habe noch einmal viel über unser Treffen mit dem Maler gestern nachgedacht!“ sagte Heiko, als wir gerade die Schnellstraße verlassen hatten um auf einen Feldweg einzubiegen. Der Weg aus Tonnerre war sogar noch anstrengender gewesen, als der, der uns hineingeführt hatte. Wir waren auf einer Art Bundesstraße gelandet, die uns ebenso steil nach oben führte, wie es die kleinen Wege an den vergangenen Tagen gemacht hatten. Diesmal jedoch hatten wir dazu noch das ganze typische Ambiente einer Schnellstraße als Gratisgeschenk oben drauf. Bis zu dieser Abzweigung war daher kein Gespräch möglich gewesen. Dafür hatten wir aber viel Zeit zum Nachdenken gehabt.

„Ich glaube, der Mann hat wirklich viel verstanden!“ fuhr Heiko fort. „Überleg mal, wir haben jetzt den ganzen gestrigen Nachmittag und den halben Vormittag heute in dieser Stadt verbracht und unsere Stimmung war gleich um Längen schlechter. Man kann in einer solchen Stadt nicht glücklich oder gesund werden, egal wie sehr man sich auch anstrengt. Man wird zu dem mit dem man sich umgibt! Das ist auch so ein zentraler Satz, der hunderttausendmal zitiert wird, ohne dass ihn jemand versteht. Aber überleg dir mal. Wir haben diesem Maler besucht, haben die freundlichen Leute aus den kleinen Dörfern getroffen und waren richtig gut gelaunt. Und trotzdem hat uns diese Stadt mit all ihren unglücklichen Zombies sofort wieder runtergezogen.“

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„Da stimmt!“ gab ich zurück, „jetzt wo du es sagst, fällt es mir grad sehr deutlich auf! Den ersten Menschen, die wir getroffen haben, konnten wir noch offenen Herzens begegnen aber schon beim neunten oder zehnten hatte ich keinen Bock mehr ihm auch nur zuzunicken. Es hat überhaupt keinen Spaß gemacht.“

„So ging es mir auch!“ bestätigte Heiko „Aber geh nochmal einen Schritt weiter. Wir waren nicht nur verschlossen, sondern auch unsere Gesamtstimmung war deutlich schlechter.“

Da hatte er Recht. Wir waren genervt weil wir so lange brauchten um etwas zu Essen aufzutreiben. Unsere Füße hatten sich dreimal so platt angefühlt wie den ganzen Tag über, wir waren ausgelaugt und gereizt. Und dann hatten wir uns am Abend auch noch gegenseitig angezickt, weil das Waschbecken in Heikos Zimmer verstopft war. Meiner Ansicht nach hatte das daran gelegen, dass dieser Abfluss einfach scheiße war und niemand damit hatte rechnen können, dass er nicht einmal etwas Sauce aushalten würde. Heikos Ansicht nach hätte ich es verhindern können, wenn ich seine drei Hinweise darauf, dass der Wasserhahn scheiße sei und nicht mal Sauce aushalte nicht ignoriert hätte. Tatsächlich hatte er mich davor gewarnt, irgendetwas ins Waschbecken zu kippen, doch ich hatte während der ersten drei Warnungen am Tagesbericht geschrieben und daher nicht richtig aufgepasst. Die vierte Warnung kam erst, nachdem ich die Sauce vom Teller ins Becken gespült hatte. Das Ergebnis waren zwei angenervte Pilger, die ihren wohlverdienten Feierabend damit verbrachten ein verstopftes Abflussrohr von schleimigem Mexico-Dip zu befreien um sich danach so schnell wie möglich auf ihre Zimmer zurückzuziehen.

„Du hast Recht!“ sagte ich, „Stimmungsmäßig waren wir wirklich nicht gut drauf gestern.“

„Ich denke, dass es für uns wirklich wichtig war, dass wir in diese Stadt gekommen sind, denn sie hat mir bewusst gemacht, dass ich auf diese Weise niemals Leben möchte. Kannst du dir das noch vorstellen? In eine solche Stadt zu ziehen meine ich?“

„Nein, dann lieber in ein Dorf wie das von Jacques und dann hin und wieder einmal zum Besuch in die Stadt fahren, wenn mir langweilig ist“, antwortete ich.

„So geht es mir auch,“ fuhr Heiko fort. „Wie die Menschen auf dem Markt vorhin. Die haben es ja auch geschafft gut drauf zu sein. Ihnen hat man deutlich angemerkt, dass sie hier zu Besuch waren. Nur hatten sie einen deutlich besseren emotionalen Schutz als wir, was die Stimmung hier anbelangt.

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Kurz nachdem wir unsere Herberge verlassen hatten, waren wir an einem Wochenmarkt vorbeigekommen, auf dem Händler aus den umliegenden Orten ihre Waren anboten. Wir hatten bei einem Obsthändler und an einem Käsestand nach etwas zu essen gefragt. Beide waren freundlich und großzügig gewesen und hatten sogar noch eine ganze Weile mit uns geplaudert, obwohl wir wieder einmal keine gemeinsame Sprache sprachen. Das Beste auf dem Markt war jedoch ein junger Mann gewesen, der verschiedene Spezialitäten aus Südfrankreich anbot. Dieser Mann rettete unseren Tag! Er sprach uns an, als wir an seinem Stand vorrübergingen, weil er unser Gespräch mit dem Käseverkäufer mitangehört hatte. „Wartet einen Moment!“ hatte er gerufen und war dann zu seinem Auto gelaufen um ein Baguette zu holen. Dann ließ er uns sämtliche Spezialitäten probieren die er hatte: Verschiedenste Oliven, eingelegte Knoblauchzehen, Pasten aus Tomaten, Auberginen, Oliven und Artischocken und mancherlei mehr. Völlig begeistert erzählte er uns die Geschichten, die hinter seinen Produkten standen. Das meiste davon hatte er selbst kreiert und zu jedem konnte er etwas erzählen. Es machte ihm wirklich Freude, unsere begeisterten Gesichter zu sehen, wenn uns etwas schmeckte. Und wir freuten uns wie Schnitzel über die leckeren Spezialitäten. Das schöne an der Situation war, dass sie komplett geklärt war. Der Mann wusste, dass wir kein Geld hatten und dass er uns deswegen nichts verkaufen musste. Und wir konnten probieren, ohne das schlechte Gefühl zu haben, irgendwann etwas kaufen zu müssen. Schließlich gaben wir uns die Hand, bedankten uns und wünschten uns gegenseitig einen schönen Tag.

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„Ja,“ sagte ich, „die Menschen auf dem Markt hatten eine gänzlich andere Stimmung!“

„Ich glaube, es ist wichtig, für uns“ erwiderte Heiko, dass wir immer mehr lernen, was gut für uns ist und was nicht. Je klarer wir uns dessen sind, desto genauer können wir auch die Situationen anziehen, die uns heilen und uns ins Gleichgewicht bringen.“

Wie sehr Heiko mit dieser Aussage Recht haben sollte, zeigte sich bereits am Nachmittag. Denn dann bekamen wir eine wirklich, wirklich große Möglichkeit, die Anziehungskraft unserer Gedanken zu trainieren.

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Was die Übernachtungsplätze anbelangt haben wir ja bereits einiges erlebt, sowohl im Positiven als auch im Negativen. Wobei man sagen muss, dass unsere Erfahrungen zu mehr als 90% positiv waren. Die wenigen Orte, an denen wir uns nicht wohl fühlten, waren dabei immer Orte gewesen, an denen die Menschen Geld dafür nahmen, dass sie einen Schlafplatz offerierten. Angefangen bei der kleinen Pension an der Weinstraße bis hin zur Jugendherberge in Nancy. Auch gestern übernachteten wir in einer Herberge, die normalerweise 10€ pro Person und Nacht gekostet hätte. Da wir nichts zahlen mussten, konnten wir uns nicht beschweren, doch die Unterkunft war was ihren Komfort betraf auch keinen einzigen Cent wert gewesen. Die Toilette funktionierte nicht, die Dusche war eine Zumutung, der Flur stand voller Gerümpel und in jedem Zimmer stand eine zusätzliche Mattratze mit deutlich sichtbaren Urinflecken darauf. Wie gesagt, ein einwandfreier Schlafplatz für jemanden der ihn umsonst bekam und als Alternative einen Platz im Zelt bei -3°C hatte. Doch die vielen Beschwerdetexte im Gästebuch der zahlenden Pilger vor uns konnten wir gut nachvollziehen.

Die Unterkunft heute, setzte alldem jedoch die Krone auf. Mehr noch, der Umgang mit Pilgern hier lässt sich kaum noch in Worten zusammenfassen, bei denen mein Computer sich nicht vor Scham selbst herunterfährt.

Dabei hatte alles ganz vielversprechend angefangen. Wir erreichten Chablis gegen 15:00 bei Sonnenschein. Kurz zuvor waren wir von einem Regenschauer bis auf die Knochen durchweicht worden und nun begannen wir gerade wieder zu trocknen. Im Office de Tourisme traf ich auf einen Mann, der perfekt Englisch sprach und mir auf meine Frage nach einem kostenlosen Pilgerschlafplatz sofort einen Punkt auf einer Karte markierte. „Hier müsst ihr hin! Da könnt ihr übernachten!“ sagte er freundlich.

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‘Das war mal einfach!‘ dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn und rund 10 Minuten später standen wir vor dem Haus mit der Adresse Rue Benjamin Constant Nr. 13. Die Tür stand offen und gab den Blick in einen langen Gang mit insgesamt drei Türen frei, der nach hinten hinaus in einen Innenhof führte. „Bonjour!“ rief ich hinein, bekam aber keine Antwort. Ich ging hinein und klopfte an die Türen. Keine Reaktion. Zwei Türen waren verschlossen, die dritte trug die Aufschrift „Pilger“ und war offen. Sie führte in einen Raum mit drei Gefängnisbetten und einem grauen Wandschrank. Da ich auch im Innenhof niemanden antraf, ging ich wieder zurück auf die Straße und klingelte am Haus nebenan. Eine Dame öffnete und sagte irgendetwas, dass ich folgendermaßen interpretierte: „Als Pilger könnt ihr einfach in diesen Raum gehen und dort übernachten.“ Eine Frau fuhr mit dem Auto an uns vorbei, hielt an und sagte das gleiche. Also zogen wir unsere Wagen ins Innere und machten es uns gemütlich. So gemütlich wie es angesichts des Zustandes in dem sich der Raum befand eben möglich war. Die Betten sahen aus, als hätte man sie in einer Psychiatrie geklaut und die Laken darauf wirkten, als wären sie für den internationalen Bettläusekongress 2014 als Veranstaltungsort ausgewählt worden. Der Putz fiel an mehr Stellen von den Wänden als wir zählen konnten und der Boden war so schmutzig, dass wir überlegten, ob wir nicht die Schuhe ausziehen sollten, damit wir sie nicht dreckig machen. Ansonsten aber wirkte der Raum wie ein durchaus annehmbarer Schlafplatz. Dann jedoch entdeckten wir einen Zettel, mit einigen Hinweisen für Pilger, der in Englisch gehalten war. Neben einigen Begrüßungsworten und vielerlei Blabla stand darauf die eine Zeile, die uns eine Warnung hätte sein sollen: „Für ihren Aufenthalt nehmen wir eine Spende entgegen, die je nach Saison unterschiedlich hoch ausfällt und unter anderem von Ihrem Wasser- und Stromverbrauch abhängt.“ Wir sahen uns noch einmal um. Zu dem Raum gehörten noch eine geräumige Küche und ein kleines Klo mit Dusche. Alles befand sich in einem Zustand in dem es peinlich war, auch nur einen Cent dafür zu verlangen. Außerdem hatte man uns ja bereits gesagt, dass es kostenlos sein würde. Also legten wir den Zettel beiseite, aßen ein wenig Baguette mit Käse vom Markt und entspannten unsere Füße. Dann machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt um einige Fotos zu schießen und um unsere Nahrungsreserven aufzufüllen. An der Tür wurden wir jedoch abgefangen von einem Mann, der sich hier aufhielt, weil er das Dach reparierte. Er zeigte uns den Weg zu einer Tür im Innenhof, wo wir auf zwei ältere Frauen trafen, die ganz offensichtlich die Eigentümer der Herberge waren. Sie begrüßten uns freundlich und die ältere machte sich daran, und unser Zimmer zu zeigen. Es kostete uns ein wenig Mühe, ihr zu erklären, warum wir es bereits bewohnten. Es mag sein, dass wir dadurch nicht den besten Eindruck hinterließen, doch es war auch nicht gerade hilfreich, sich als Gastgeber in einem Hinterhof zu verstecken und im Eingangsbereich eine offene Tür mit der Aufschrift „für Pilger“ zu platzieren. Vor allem, wenn es dann keinen Hinweis darauf gibt, wo man sich anmelden konnte.

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Bis hierhin war jedoch noch alles ok. Dann aber kam der Teil, an dem wir ihr mitteilten, dass wir als echte Pilger und nicht als Touristen unterwegs waren und folglich auch kein Geld hatten. Ihre Reaktion war gelinde gesagt unwirsch. Mehrmals wiederholte sie, dass wir pro Person 8€ zahlen müssten. Wir zeigten ihr unseren Zettel, der mit etwas mehr Worten erklärte, was für eine Art von Reise wir hier unternahmen. Daraufhin sagte sie, sie würde ihre Tochter holen und die würde alles klären. Es sei kein Thema, wir sollen einfach hier warten. Das taten wir dann auch. Doch wir warteten vergebens. Weder die alte Frau noch ihre Tochter kamen zurück. Nach einiger Zeit ging ich wieder zu ihrer Tür und klingelte, wurde jedoch ignoriert. Also beschlossen wir, in die Stadt zu gehen und später noch einmal mit den Damen zu sprechen.

In der Stadt bekamen wir einen großartigen Döner, erlebten aber ansonsten nichts, dass so außergewöhnlich war, dass ich davon unbedingt berichten müsste. Also erzähle ich gleich, wie es hier weiterging.

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Nach unserer Rückkehr klingelte ich erneut bei der alten Dame. Diesmal öffnete sie und bat mich herein. Das folgende Gespräch war eines der schwierigsten in meiner gesamten Laufbahn als Gespräche-auf-Französisch-Führer. Das was ich am Ende verstand, war in etwa das Folgende (alle Angaben ohne Gewähr): Sie beschwerte sich darüber, dass wir einfach weggegangen waren. Ich erklärte ihr, dass wir einen Ausflug in die Stadt gemacht hatten. Sie unterbrach mich und fragte wie es mit dem Geld aussehe. Ich erklärte, das wir keines hatten. Sie fragte noch einmal wie es mit dem Geld aussähe. Ich erklärte noch einmal, das wir keines hatten. Sie beschwerte sich darüber, dass wir nicht da waren und erzählte etwas von einer Zusammenkunft, die hätte stattfinden sollen. Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte und stammelte irgendetwas vor mich hin. Sie fragte, was denn nun mit dem Geld sei und wieso wir essen in unserem Zimmer hätten, wenn wir doch kein Geld hätten. Ich fragte mich wieso sie wusste, dass wir Essen haben und erklärte ihr, dass wir die Leute um Nahrungsspenden fragten. Sie unterbrach mich und fragte, ob wir einen Stempel brauchten. Ich sagte, dass ein Stempel nicht schaden könne und war noch immer entsetzt, dass sie in unseren Sachen gewühlt hatte. Dann fragte ich, ob es ok sei, dass wir hier übernachten auch wenn wir nichts bezahlen. Sie sagte ja und fragte, wann wir denn dann wieder gingen. Acht Uhr schlug sie vor und ich willigte ein. Um zehn Uhr in der Nacht müssten wir aber im Zimmer sein, denn danach würde die Tür abgeschlossen. Ich stimmte zu, verabschiedete mich und ging.

Draußen atmete ich erst einmal tief durch. Es war anstrengend aber wie es aussah, war alles geklärt. Doch weit gefehlt. Kaum war ich wieder bei uns im Zimmer, klopfte es auch schon an die Tür. Eine Frau, die uns bis dahin unbekannt war trat herein und beschwerte sich darüber, dass wir im Gang draußen das Licht hatten brennen lassen. Wir entschuldigten uns und sie schaltete es aus. Dann aber ging es richtig los! Sie sei hier um die Gebühr für die Nacht einzutreiben. Dabei wedelte sie uns mit einer kleinen Mappe vor dem Gesicht herum und befühlte die Heizung. Da wir die Heizung eingeschaltet hatten, verlangte sie nun zwanzig Euro von uns. Ich machte ihr klar, dass wir kein Geld hatten. Am liebsten hätte ich sie dabei auch auf den erbärmlichen Zustand dieses Rattenlochs aufmerksam gemacht, aber das hätte unsere Situation wahrscheinlich nicht verbessert. Sie begann damit sich immer weiter aufzublähen, bis sie schließlich aussah wie ein Ochsenfrosch zur Paarungszeit. Ich erklärte ihr, dass uns der Mann vom Touristenbüro diese Unterkunft als Gratis beschrieben hatte und dass wir nie hergekommen wären, wenn wir von den Kosten gewusst hätten. Doch sie zeigte sich nicht beeindruckt und pochte immer wieder auf ihre 20 Euro. ‚Verdammt nochmal wir haben kein Gelt du alte Schreckschraube, warum will das nicht in deinen holen Schädel!’ fluchte ich im Stillen. Laut sagte ich, dass es ok für uns ist, wenn sie uns rausschmeißen will. Wir packen dann einfach unsere Sachen und zelten irgendwo. Das schien ihre Einstellung tatsächlich zu verändern. Gehen müssten wir nicht, sagte sie großmütig. Wir könnten schon hier übernachten, aber wenn wir nichts bezahlen, dann dürfen wir auch nichts verwenden. Keine Heizung, keine Dusche, kein Wasser, kein Herd und nur eine Lampe! Da wir wirklich keine Lust darauf hatten, uns jetzt noch einen Zeltplatz zu suchen, willigten wir ein.

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Mit der Aufforderung auf sie zu warten, damit sie den Stempel holen könne verschwand sie durch die Tür.

„Alter Schwede!“ rief ich als sie weg war. „was war denn das bitte für eine angepisste Brunskachel?“ Wir verbrachten die nächsten Minuten damit, uns über die Frau und ihre Art mit Pilgern umzugehen aufzuregen. Es war nicht einmal die Tatsache, dass man uns unter falschen Aussagen in diese Herberge gelockt hatte. Auch nicht, dass sie generell Geld von uns wollte. Doch die herablassende und aufgespielte Art mit der sie uns begegnet war, brachte mich fast zum Platzen. Diese Herberge war wirklich dass letzte Loch! Sie war dreckig, schäbig, heruntergekommen und ungemütlich. Hinzu kam, dass man ab 22:00 eingesperrt wurde und das Haus erst dann wieder verlassen konnte, wenn der Hausdrache am nächsten morgen das Tor wieder aufsperrte. Gleichzeigt gab es jedoch keine Privatsphäre. Die Frau konnte jederzeit in unserem Zimmer auftauchen und uns nerven. Während unserer Abwesenheit hatten sie sogar unsere Sachen durchstöbert und festgestellt, dass wir etwas zu Essen dabei hatten. Dafür Geld zu verlangen war mehr als nur dreist. Doch es noch in einem solchen Ton zu tun, dafür fehlten mir die Worte. Wir sind nicht anspruchsvoll und können uns unter fast allen Bedingungen heimisch fühlen. Ein Lagerfeuer im Wald reicht aus um uns das Gefühl von Wohnzimmer zugeben und unsere Schlafsäcke in einem verwanzten Bett sind genug um wohlig zu schlafen. Was aber muss jemand denken, der ohne diese Vorerfahrungen in eine solche Herberge kommt. Wie mag sich  beispielsweise ein Mann fühlen, der sich in der Rente den Traum seines Lebens verwirklichen und die Freiheit des Pilgerns erleben will. Ist er nicht für sein Leben traumatisiert, wenn er in ein solches Loch gerät, in dem er dann auch noch eingesperrt wird? Die Obdachlosenunterkünfte in denen wir bei unserer Landstreichertour geschlafen hatten waren allesamt in einem besseren Zustand gewesen. Selbst die schlimmsten. In jeder von ihnen gab es die Möglichkeit zu flüchten, wenn es brennt. Hier aber sitzt man fest. Und ob die alte Wachtel im Falle einer Feuerkatastrophe wirklich an die Pilger denkt und nicht nur ihre eigene Haut rette, ist stark zu bezweifeln.

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Doch es kam noch besser!

Die Frau kehrte wenige Minuten später zu uns zurück. Einen Stempel hatte sie nicht, aber sie wollte sicher gehen, dass wir am Morgen auch wirklich spätestens um 8:00 aufbrachen. Bevor sie ging drehte sie sich noch einmal um und sagte: „Und wehe ihr benutzt die Heizungen! Ich werde es kontrollieren!“

Doch auch das war noch nicht genug! Zwei Minuten vor zehn stand sie wieder bei uns im Raum. Diesmal trug sie ein weißes Nachthemd, dass sie noch mehr wie ein Schlossgespenst wirken ließ. „Won wo seit ihr losgepilgert?“ fragte sie ohne Einleitung. „In Deutschland, genauer gesagt in Nürnberg!“ antwortete ich. Daraufhin wiederholte sie ihre Frage noch drei Mal, jedes mal in aggressiverem Ton, bis sie mir endlich zuhörte. Sie wollte unsere Pilgerausweise sehen. Ich gab sie ihr und sie blätterte darin, wie in einem Strafregister. Dann gab sie sie mir zurück und sagte: „Macht jetzt das Licht aus! Ihr nutzt es schon viel lange und verursacht damit Kosten die ihr nicht erstattet!“

Ich bin normalerweise ein wirklich friedlicher Mensch, aber in diesem Moment hätte ich sie am liebsten erwürgt. Sie wünschte uns eine gute Nacht und ging. Ich sagte nichts, denn ich wollte nicht lügen.

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Seit etwa drei Absätzen schreibe ich nun also im Dunkeln und langsam wird es kalt.

Spruch des Tages: Jeder Mensch, der über den du dich ärgerst, ist ein Spiegel deiner eigenen Probleme und Lebensthemen.

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 1063,37 km

Bewertungen:

 
2014-02-20T09:58:17+00:00 Frankreich, Tagesberichte|

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2 Comments

  1. ines 21. Februar 2014 at 20:32 - Reply

    ja, wieso habt ihr denn so an eurem Geld festgehalte? Ihr habt doch einen Tag zuvor vom Maler 20 Euro bekommen. Was am Ende das Mauseloch Wert ist habt ihr selbst entschieden- mit 20 Euro, die euch eh geschenkt waren, hättet ihr womöglich einen angenehmeren „Dialog“ führen können. Die alte Brezel wär zufrieden gewesen und ihr im Prinzip auch.

    Oder habt ihr die 20 Euro schon irgendwo anders ausgegeben-was ich überlesen habe?

    Jedenfalls hat der Himmel euch das Geld für diese nacht ja bereits via Maler geschenkt …und ihr habt gebunkert. Vielleicht für scheinbar sinnvollere Dinge als diese Bruchbude…aber wenn ihr etwas haben wollt, und es euch gegönnt ist bekommt ihr es ja bisher immer.

    Am Geld fest zu halten ist niemals gut. Auch wenn irh der Meinung gewesen seit dass diese Herberge es nicht Wert sei. Für die Raffgierige Frau was das eben der Preis…und wenn ihr das Geld im Halse stecken bliebe- ich hätte es allein meiner Ruhe wegen und der besseren Stimmung schon bezahlt.

    Zudem habt ihr sie ja auch angelogen- denn ihr hattet in diesem Moment ja Geld.

    Ja ja, es ist nicht einfach ein echter Pilger zu sien ;-D

    Liebe Grüße

  2. ines 21. Februar 2014 at 20:35 - Reply

    ..was ich sagen will- es ist manchmal besser und weiser sich benachteiligen zu lassen 😉

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