Tag 51: Auxerre

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Tag 51: Auxerre

Tag 51: Auxerre

Es dauerte lange, bis die Heizungen unser Gästezimmer erwärmt hatten. Sehr lange sogar. Bis dahin verbrachten wir unsere Zeit damit zu frieren, uns in decken oder unsere Schlafsäcke zu hüllen oder uns unter die heiße Dusche zu stellen. Letzteres half am besten, aber leider nur solange, wie man sich auch wirklich darunter aufhielt, danach war die Wirkung innerhalb von Minuten vorbei. Und man konnte ja nicht ewig unter der Dusche stehen.

Da unsere Gastgeber eher distanziert waren, hatten wir sehr viel Zeit für uns. Heiko nutzte sie um unseren neuen Weltreisetrailer zu kreieren und ich schrieb am Tagesbericht.

Später ging ich nach unten, um unsere Gastgeber nach einem Internetzugang zu fragen. Der Mann, der uns das Zimmer gezeigt hatte, bat mich zu warten, bis seine Frau kommt, da er sich mit dem Computer nicht auskenne. Daraufhin saßen wir gut 20 Minuten auf zwei einander gegenüberstehenden Sesseln. Einige Male versuchte ich ein Gespräch anzufangen, aber es wollte mir nicht gelingen. Also tat ich es ihm gleich und starrte stumm auf den Fernseher, der die Choreographie einer olympischen Eiskunstläuferin zeigte. Sie hatte ihre Kunst perfektioniert und wirkte wie eine makellose Puppe. Ich stellte mir vor, wie viel Zeit sie wohl darin investierte, perfekt zu werden. Es mussten viele Stunden täglich sein. Machte es ihr wohl Freude? Und dann der eine Moment, in dem sie ihre Show präsentieren durfte. Dann die Anerkennung des Publikums und der Jury. Eine Umarmung und ein Händeschütteln von ihrem Manager, der ihr zu der guten Leistung gratulierte. Wie ich ihr so zuschaute und mich in sie hineinversetzte kam mir das ganze Leben plötzlich unglaublich sinnlos vor. Wofür das alles? Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund wurde ich plötzlich traurig. So sehr, das ich fast hätte weinen müssen. Lag es an der Frau im Fernsehen oder daran, dass ich gerade einmal zur Ruhe kam? Was löste diese Fernsehszene in mir aus? Und warum? Ein Auto fuhr vor und Sekunden später betrat die Frau das Haus. Ich stand auf um sie zu begrüßen. „Bonjour, je m’apelle Tobi“ wollte ich sagen und bereitete mich darauf vor, ihr die Hand zu reichen. Doch ihr Bonjour kam so unterkühlt und abweisend, dass mir die Worte im Hals stecken blieben und ich meine Hand sofort wieder zurückzog. Ich beließ es dabei ihren Gruß trocken zu erwidern. Dann folgte ich ihr ins Wohnzimmer, wo sie am bereits laufenden Computer den Internetbrowser öffnete und mich anwies mich zu setzen. Das war alles. Ich hatte also zwanzig Minuten gewartet, damit sie Firefox öffnen konnte. Ich fügte meinen Tagesbericht ein und die beiden setzen sich neben mich an den Tisch, um zu Abend zu essen. Gesprochen wurde nicht. Weder mit mir, noch untereinander. Ich schrieb einen Text, in dem ich mich für alles bedankte und in dem ich erklärte, was der Sinn unserer Reise war. Nachdem ich ihn übersetzt hatte, zeigte ich ihn unseren Gastgebern, als letzten Versuch eine Kommunikation zu beginnen. „OK!“ sagte die Frau als sie alles gelesen hatte. Dann ging sie ohne ein weiteres Kommentar in die Küche. Ich gab es auf und kehrte etwas enttäuscht in unser Zimmer zurück.

„Es sind liebe Leute, aber es ist einfach unmöglich mit ihnen in Kontakt zu kommen!“ sagte ich und berichtete Heiko von meinem Erlebnis.

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Nach einiger Zeit wechselten wir das Thema: „Tobi, als du weg warst, habe ich gerade noch einmal über gestern nachgedacht. Über unsere Herberge und die komische Frau mit ihrer Geldgier. Gehen wir einmal davon aus, dass nichts zufällig passiert, sondern dass man immer diejenigen Situationen in sein Leben zieht, die einem die eigenen Lebensthemen spiegeln, dann glaube ich, dass wir diese Begegnung nicht einfach so abtun sollten.“

Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich: „Du meinst, dass wir die Frau ganz bewusst angezogen haben?“

„Ich denke schon!“ antwortete er, „alles, was einen auf irgendeine Weise bewegt, hat etwas mit einem selbst zu tun. Wir hätten ja auch einfach gehen und unser Zelt aufschlagen können. Oder wir hätten der Frau vom nächsten Morgen früher begegnen können. Oder wir hätten einen Ort früher halt gemacht und dort eine nette Familie getroffen, die sich wirklich über unseren Besuch gefreut hätte. Aber wir haben uns für ein Rattenloch mit einer frustrierten alten Frau entschieden. Warum?“

Ich versuchte eine Antwort zu finden, kam damit aber nicht wirklich weiter und schwieg daher so lange, bis Heiko seine Frage selbst beantwortete.

„Ich denke, dass wir noch immer viele unbewusste Existenzängste mit uns herumschleppen. Erinnerst du dich daran, dass wir gestern darüber gesprochen haben, dass es an der Zeit ist, sich zu entscheiden, wer wir wirklich sein wollen?“

„Ja,“ sagte ich, „irgendwie fühlen wir uns noch immer als Bettler und als Landstreicher und nicht als Heiler, Forsche und Abenteurer. Du hast Recht, es steckt immer noch dieses Gefühl in mir, es nicht verdient zu haben, dass es mir richtig gut geht. Für eine Weile schon, aber es ist immer eine Angst da, die sagt ‚es kann nicht immer klappen!’“

„Genau das meine ich!“ erwiderte Heiko, „Mein alter Mentor hat immer gesagt, dass man genau die Situationen in sein Leben zieht, die einem die unbewussten Ängste und Blockaden sichtbar machen. Und genau das ist ja auch geschehen! Die Situation hat uns gezeigt, dass wir Angst davor haben, nicht im Wohlstand leben zu können. Haben wir uns gestern wie Erdheiler oder wie forschende Wandermönche gefühlt?“

„Nein!“ gab ich zu, „eher wie Schmarotzer oder wie Penner.“

„Genau! Und haben wir uns wie Mönche und Heiler verhalten?“ fragte er weiter.

„Nein“, antwortete ich, “auch eher nicht.“

„Ich glaube, dass ist unser Problem im Moment!“ fuhr er fort. „Solange wir uns selbst nicht als Reich und als Wertvoll für die Menschen denen wir begegnen empfinden, strahlen wir das auch nach außen. Und dann werden wir immer wieder Situationen anziehen, di uns das deutlich machen!“

„Ok, das klingt logisch!“ sagte ich zustimmend. „Und heute war es ja schon wieder recht ähnlich. Wir hatten eigentlich bereits einen Menschen gefunden, der sich gefreut hätte uns aufzunehmen. Und dann haben wir die Chance verstreichen lassen und sind hierher gefahren. Nicht das es hier schlecht wäre, das will ich überhaupt nicht sagen, aber es ist schon etwas komisch, dass die Leute überhaupt nicht mit uns sprechen wollen. Wir haben uns doch eigentlich einen Ort gewünscht, an dem wir uns wirklich willkommen fühlen, aber das ist schon wieder nicht der Fall!“

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„Da hast du Recht!“ stimmte Heiko zu. „Ich glaube das Problem ist, dass wir im Moment noch zu wenig an uns glauben. Es ist ein bisschen wie im Aktienrecht. Wenn wir mehr als 50% positive Gedanken in Bezug auf eine Sache oder eine Situation haben, ziehen wir das Positive an. Überwiegen jedoch die Zweifel und die negativen Gedanken, dann kann unser Wunsch auch nicht in Erfüllung gehen.“

„Ok, aber wie sollen wir denn jetzt die unbewussten Ängste abschalten. Wir können ja schlecht sagen: ‚haut ab!’ und dann ist alles gut.“

„Vielleicht schon. Das Problem ist nur, dass es uns gerade schwer fällt loszulassen. Wir sind genauso rachgierig wie diese Frau aus der Herberge. Wir horten alles, geben keinen Cent aus, weil wir angst haben nichts neues zu bekommen, schleppen jede Menge Ausrüstung mit uns herum, von der wir wissen, dass wir sie niemals brauchen werden. Die Herbergsfrau hat uns das wirklich gut gespiegelt. Und ich denke, dass es mit unseren Ängsten und den Glaubenssätzen genauso ist. Wir wissen zwar, dass sie uns nicht mehr helfen und dass wir ohne sie besser dran wären, aber wir haben uns so an sie gewöhnt, dass wir sie trotzdem beibehalten.“

„Du meinst, mit Glaubenssätzen ist es wie mit dem Rauchen oder mit anderen Süchten, von denen man genau weiß, dass sie einem schaden, die man aber trotzdem aus reiner Gewohnheit beibehält?“ fragte ich.

„Ja, so ungefähr“ antwortete Heiko. „Wie sieht es eigentlich bei dir mit Hunger aus? Ich könnte ein ganzes Pferd vertilgen!“

„Ich wär dabei! Und wo wir gerade beschlossen haben, dass wir mehr vertrauen und weniger horten sollten, können wir jetzt ja auch ordentlich reinhauen!“

Genau das taten wir dann auch!

Am nächsten Morgen wurden wir von unseren Gastgebern dann auf ein sehr schweigsames Frühstück mit Nutellabaguettes und einer Riesentasse Kaffee eingeladen, die unseren Herzschlag wieder einmal für Stunden beschleunigte. Ab dann ging es mit unseren Kontakten aber wirklich bergauf. In einem kleinen Tante-Emma-Laden bekamen wir ein Baguette geschenkt. Auf unsere Frage hin, was der beste Weg nach Auxerre sei, entbrannte eine heiße Diskussion unter allen Anwesenden, dem Verkäufer eingeschlossen. Am Ende waren wir zwar nicht schlauer als zuvor, fühlten uns aber gut umsorgt. Wir entschieden uns zunächst doch die Bundesstraße entlangzuwandern und erst ab dem nächsten Dorf wieder auf die Nebenstraßen auszuweichen. Andernfalls hätten wir noch einmal mehr als 6 Kilometer Umweg machen müssen.

Plötzlich hielt ein Auto vor uns auf dem Seitenstreifen an. Der Fahrer stieg aus und ging zur Beifahrertür um sie zu öffnen. Erst jetzt erkannte ich, dass es einer der Männer aus dem Laden war. Er hatte uns Käse, Wurst und je eine Dose Cola mitgebracht. „Als Stärkung für Unterwegs!“ sagte er. Dann fuhr er weiter. Er kam uns vor wie ein Zwischenposten auf einer Marathonstrecke, der die Läufer versorgt, damit sie ihr Tempo durchhalten können. Später trafen wir noch auf einen Pickup mit zwei Straßenarbeitern, die sofort anhielten um uns beim Weg zu helfen, als sie uns sahen.

Etwa gegen 12:00 erreichten wir Auxerre. Früh genug also um etwas Nahrung und einige Fotos zu ergattern und die Stadt wieder zu verlassen, falls wir keinen Schlafplatz bekommen sollten. Trotz ihrer Größe und ihrer Lautstärker war Auxerre seit langem die erste Stadt in der wir uns nicht unwohl fühlten. Es gab eine schöne Altstadt mit vielen kleinen Gassen und vielen schönen Gebäuden. Unser letzter Gastgeber hatte uns eine Adresse gegeben, bei der wir nach einem Schlafplatz fragen sollten. Unter der Adresse fanden wir eine schöne und gut gepflegte Herberge, die allerdings 18,80 pro Nacht kostete. Die Frau am Empfang war jedoch wahrlich ein Engel und telefonierte sich die Finger wund um uns eine Alternative aufzutreiben. Zunächst blieben ihre Bemühungen aber leider ohne Erfolg und da ihre Mittagspause begann, bat sie uns um 14:30 noch einmal wiederzukommen. Wir nutzten die Zeit um uns die Stadt anzusehen und um alternative Übernachtungspläne zu erarbeiten.

Im Rathaus bot man uns eine Obdachlosenunterkunft an, die wir wegen des vielen Gepäcks jedoch nicht annehmen konnten. Schließlich stießen wir in der Kathedrale auf einen Pfarrer, der bestimmt eine halbe Stunde lang hin und her überlegte, ob er uns nicht irgendwie helfen könne, bevor er zu dem Schluss kam, dass er leider keine Option sah. Für uns war das OK, aber ihm konnte man ansehen, dass es ihn stark belastete. Wir beschlossen, noch einmal bei der Dame in der Pension vorbeizuschauen und dann einen Weg aus der Stadt zu suchen. Doch diesmal hatten wir Glück! Sie hatte eine Familie aufgetrieben, die selbst mit Begeisterung pilgerte und die uns aufnehmen wollte. Da hatten wir ihn also! Den Ort, an dem wir uns willkommen fühlten und an dem wir den Menschen wirklich etwas geben konnten.

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Spruch des Tages: Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. (Mark Twain)

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 1098,37 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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