Tag 52: Wo ist die Arche?

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Tag 52: Wo ist die Arche?

Tag 52: Wo ist die Arche?

Den gestrigen Nachmittag und den Abend verbrachten wir bei Familie Humbert, wo wir sämtliche Sprachen mixten, die wir beherrschen. Sie sprach, Deutsch und Französisch, er Französisch und Spanisch und beide ein wenig Englisch. Später kam noch die Tochter, mit der wir uns ebenfalls auf Englisch und Deutsch unterhalten konnten. Wo wir diese Sprachvielfalt schon einmal hatten, nutzten wir sie auch voll aus und führten unsere Gespräche viersprachig. Isabell, die Mutter, erzählte uns einiges über die Geschichte Frankreichs und der Region. Dabei wurde uns noch einmal bewusst, warum Englisch hier so verhasst war. Über mehr als 1000 Jahre befanden sich England und Frankreich im permanenten Streit um die Vorherrschaft in der bekannten Welt. Englisch als Weltsprache zu akzeptieren würde also bedeuten, diesen Kampf letztlich als verloren anzusehen. Dass man darauf hier keine Lust hat, ist sehr verständlich.

Heute morgen trafen wir dann wieder auf unseren guten alten Freund, den Regen. Er erwartete uns bereits als wir aufwachten und er begleitete uns den ganzen Tag lang, bis wir uns auf unser kleines Turmzimmer zurückzogen. Von unserer Regenkleidung wurden wir dabei einmal mehr im Stich gelassen. Bereits nach einer Stunde waren sowohl die Jacken als auch die Regenhosen durchgeweicht und das Wasser sickerte immer tiefer in unsere Kleidungsschichten. Eine der wichtigsten Lektionen in der Wildnisausbildung war immer die Hingabe gewesen. Sobald man versucht, hart zu sein und gegen die Einflüsse der Natur anzukämpfen hat man verloren. Man verkrampft innerlich, die Stimmung wird schlechter und man wünscht sich nach kurzer Zeit nichts mehr, als der Situation zu entfliehen. Um bestehen zu können muss man jedoch lernen, die Situation so anzunehmen wie sie ist. Man muss durchlässig werden. Von der Idee her ist das großartig, aber ich glaube nicht, dass es in Bezug auf unsere Regenkleidung gedacht war. Neidisch beobachteten wir ein paar Enten, die auf dem Wasser ihre Kreise zogen. Dazu muss man sagen, dass wir heute an der Yonne entlangwanderten, einem Fluss der irgendwo südlich von uns entspringt und auf seinem Weg gen Norden durch Auxerre fließt. Auch wenn es so stark regnete, dass man die Wege und den Fluss teilweise kaum noch unterscheiden konnte, war es doch der Fluss in dem die Enten schwammen.

Die Enten jedenfalls waren vom Wetter beeindruckend unbeeindruckt und ließen sich nicht im Mindesten den Spaß verderben. Wie machten sie dass nur, dass sie bei jedem Sauwetter hier draußen sitzen und sich wohlfühlen konnten? Wir versuchten es ihnen gleich zu tun und uns ebenfalls eine eigene, innere Gemütlichkeit aufzubauen, aber es wollte einfach nicht gelingen. Mit Ausnahme von wenigen Tagen regnete es jetzt bestimmt schon seit einem Monat und heute schafften die Wassermassen einen neuen Rekord.

‚Leb einfach im hier uns jetzt!’ sagte ich mir und versuchte die Gedanken, die mir im Kopf herumschwirrten abzuschütteln. Wie wollte ich lernen, in Aufmerksamkeit zu bleiben, wenn ich ständig irgendwo in Gedankenkonstruktionen verstrickt war? Erst gestern hatten wir noch darüber gesprochen, dass Aufmerksamkeit ein wichtiges Thema für mich ist. Alles hatte mit einem Traum angefangen, der erst mal nicht vermuten ließ, dass es bei dem Thema um Aufmerksamkeit gehen würde. Ich hatte geträumt, dass ich mit einem Mädel im Bett lag, das ich noch von der Schule her kenne. Es hat sich sehr gut angefühlt, aber gerade als wir uns küssen wollten, sagte sie mir, dass sie einen Freund hätte und daher nichts mit mir anfangen könne.

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„Ok,“ sagte Heiko, als ich ihm davon erzählt hatte, „und wie hat sich das für dich angefühlt?“

„Ich war total enttäuscht und sauer“, antwortete ich, „Ich hab sie dann rausgeschmissen und ihr gesagt, dass ich nichts mehr mit ihr zu tun haben will.“

„Mh, kommt dir das bekannt vor?“ fragte Heiko.

Ich dachte einen Moment nach. Tatsächlich war es mir schon oft so ergangen, dass ich in Bezug auf Frauen sehr viel Nähe aufgebaut hatte um es dann im letzten Moment durch irgendeine dumme Sache doch wieder zu verpatzen. Meistens deshalb weil ich mich aus irgendeinem Grund unsicher fühlte. Oder weil ich Angst davor hatte abgelehnt zu werden und deshalb nichts unternahm um meine Zuneigung zu zeigen.

„Kann es sein, dass es dir schwer fällt, andere Menschen und auch dich selbst richtig einzuschätzen, weil du die Zeichen übersiehst?“ fragte Heiko nachdem ich ihm meine Gedanken mitgeteilt hatte.

„Wie meinst du das?“ fragte ich zurück.

„Menschen sind an und für sich offene Bücher, da sie alle ihre Gefühle immer durch Mikrogesten und unbewusste Haltungen oder Bewegungen zeigen. Wenn du diese Zeichen erkennst, weist du woran du bist und brauchst keine Angst vor irgendwelchen unerwarteten Reaktionen haben. Bei dir habe ich oft das Gefühl, dass du davon nichts wahrnimmst und so trittst du in jedes Fettnäpfchen, das du finden kannst.“

„Mh,“ sagte ich, „da könnte etwas dran sein. Oft bin ich wirklich so sehr in Gedanken, weil ich versuche alles richtig zu machen, dass ich meine Umgebung nicht wirklich wahrnehme.“

„Findest du das sinnvoll?“ fragte er.

„Blöde Frage!“ gab ich zurück, „Natürlich nicht! Aber was soll ich machen, es ist nun mal so! Die Gedanken kommen einfach!“

„Dann solltest du deine Aufmerksamkeit ein wenig trainieren,“ schlug Heiko vor. „Fällt dir abgesehen von den Beziehungen noch eine Situation ein, in der Unaufmerksamkeit ein Thema bei dir ist?“ Er grinste breit als er das sagte.

„Ok, ja“ gab ich zu. „Es kann sein, dass ich ab und zu mal das eine oder andere irgendwo liegen lasse oder dass ich hin und wieder mal eine Kleinigkeit übersehe.“

„Jaaa, das kann sein!“ bestätigte er. „Ich glaube sogar, dass du dir das Leben damit manchmal ganz schön schwer machst. Und mir übrigens auch. Ich bin nicht sauer auf dich deswegen, aber oft fühle ich mich schon, als müsste ich für zwei Leute aufpassen. Du musst zugeben, wenn ich nicht immer die Übersicht behalten würde, hatten wir schon längst einen Großteil unserer Ausrüstung verloren.“

Ich verspürte den Drang mich zu verteidigen und die Behauptung als übertrieben abzutun. Gleichzeitig merkte ich jedoch dass er Recht hatte. Es passierte wirklich häufig, dass ich etwas vergaß oder dass ich so in Gedanken war, dass ich viermal hin und her lief um eine einzige Sache zu erledigen. Ein paar mal hätte ich sogar fast meinen Rucksack stehen gelassen, wenn wir morgens aufbrachen. Das Thema war nicht neu für mich. Ich erinnerte mich sogar daran, dass ich als Jugendlicher einmal meinen Rucksack zuhause vergessen hatte, als ich zur Schule gefahren war. Ich hatte es auf halber Strecke gemerkt und war so schnell ich konnte zurückgeradelt. Dort hatte ich mich dann in den Flur geschlichen und verstohlen meinen Rucksack geschnappt, in der Hoffnung, dass mich niemand bemerken würde. Aber meine Mutter hatte den Rucksack natürlich längst entdeckt und erwischte mich dabei, wie ich mich gerade wieder zur Tür hinausschleichen wollte. Das hatte die ganze Angelegenheit noch peinlicher gemacht, als sie eh schon war. Vielleicht hatte Heiko also Recht und es war wirklich an der Zeit, dieses alte Thema einmal abzuhaken. Die Frage war nur „wie?“.

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„Ich denke, es ist einfach Training!“ sagte Heiko und fuhr dann fort: „Übe einfach mal, verschiedene Filter zu setzen.“

„Was meinst du mit Filter?“ fragte ich.

„Denk mal an gestern zurück.“ antwortete er, „Ich hab meinen Fokus auf essbares gelegt und zack, habe ich diese volle Getränkedose gefunden. Du bist zuvor an ihr vorbeigelaufen, hast sie aber nicht wahrgenommen, weil dein Filter nicht darauf ausgerichtet war. Wenn du eine bestimmte Sache in den Vordergrund deiner Aufmerksamkeit stellst, wird sie dir besonders auffallen. Wähle also zum Üben immer wieder verschiedene Dinge, auf die du deinen Fokus legst. Konzentriere dich zum Beispiel nur auf einen Quadratmeter direkt vor deinen Füßen und merke dir jedes Detail, das du dort siehst.“

Ich senkte meinen Kopf und wollte damit beginnen.

„Oh, du darfst dabei aber auch nicht die Orientierung verlieren. Du musst trotzdem immer noch ein Auge dafür haben, was in deiner Umgebung los ist.“

„Oh man, das ist aber nicht ohne!“ stöhnte ich.

„Das hab ich auch nicht gesagt!“ bestätigte Heiko. „Überleg mal, wie es bei Tieren ist. Wenn sich Rehe zum chillen hinlegen, können sie es sich nicht leisten, komplett alle Sinne abzuschalten. Sie haben ihre Augen die ganze Zeit über auf mögliche Bewegungen nach vorne gerichtet. Von Hinten sind sie durch die Büsche geschützt, aber in dieser Richtung achten sie auf die Signale, die die Vögel senden. Wenn sie das nicht tun, leben sie nicht lange. Und bevor wir uns in Gebiete wie Kannada oder die Mongolei begeben, solltest du das auch können, damit wir auch gesund wieder zurückkommen.“

Da war was dran. Also beschloss ich, die täglichen Wanderzeiten zu nutzen um mich in Sachen Aufmerksamkeit zu trainieren.

Heute bei dem miesen Wetter war das nochmal eine besondere Herausforderung, da ich mich am liebsten tief in eine Welt aus warmen Gedanken zurückgezogen hätte. Doch gerade unter diesen Bedingungen war es besonders wichtig. Also versuchte ich es weiter und konzentrierte mich so gut es ging darauf, die Welt mit all ihren Einzelheiten wahrzunehmen. Früher hatte ich solche Übungen öfter gemacht und sie sogar anderen in meinen Kursen beigebracht, aber jetzt fand ich sie trotzdem unendlich schwer.

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Nach rund 15km hatten wir dann vom Regen die Schnauze voll und beschlossen uns ein warmes Plätzchen im Trockenen zu suchen. Der Beschluss war zwar gut gemeint, scheiterte aber an einem akuten Mangel an warmen, trockenen Plätzen, die wir nutzen durften. Ein Apotheker empfahl mir eine Pfarrei, die seiner Meinung nach noch 10km weiter in Richtung Süden lag. Da wir nicht tatenlos rumstehen wollten und auch sonst keine Alternative hatten, stellten wir uns dem Regen erneut. Nach 5km stellten wir fest, dass das empfohlene Ziel noch immer mehr als 10km entfernt lag. Entweder es wanderte mit, oder der Mann hatte sich gnadenlos verschätzt. Wir waren, nass, genervt und wollten nur noch ins Trockene.

Hoffnungslos klingelte ich an der Pforte des ersten Hauses, an dem wir vorbeikamen. Ein Mann schaute über die Gartenmauer zu mir herunter und fragte was ich wolle.

„Haben sie zufällig einen Platz an dem zwei durchweichte Pilger übernachten können?“ fragte ich, nachdem ich er sich als englischsprachig geoutet hatte.

„Zwei Personen?“ fragte er. Ich nickte. „Klar, kein Problem,“ fuhr er fort. „Kommt rein!“

Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Wir betraten den Garten oder bessergesagt den Park eines prächtigen Anwesens und folgten dem Mann zu einem kleinen Turm am Ende der Mauer. „Dies ist euer Haus für heute Nacht“, sagte er uns führte uns ins Innere. Es gab einen kleinen Raum mit einer Küchenzeile und einer Treppe, die steil nach oben führte. Im ersten Stock standen zwei Betten. Dahinter befand sich eine Wand die die Sicht auf ein Klo und ein Waschbecken versperrte.

Strom und Heizung funktionierte, das Wasser nicht, aber wir durften das Bad im Haupthaus benutzen. Nachdem wir unsere nassen Sachen aufgehängt hatten, wurden wir von unserem Gastgeber auf einen Tee eingeladen. Er uns seine Frau hatten das Haus vor ein paar Jahren als Wochenendresidenz gekauft. Beide arbeiteten in Paris und genossen es ihre freien Tage mit der Familie hier in dem ruhigen kleinen Ort zu verbringen. Nach einem langen Gespräch bei Tee und Keksen und einem spendierten Abendessen kehrten wir in unser Türmchen zurück, wo wir versuchen unsere Sachen so trocken wie möglich zu bekommen. Bei unseren Gastgebern konnten wir einen Blick auf den Wetterbericht wagen. Deprimierender hätte er nicht ausfallen können. Für weitere zwölf Tage war Regen angekündigt und an den meisten davon sogar deutlich mehr als heute. In Spanien schneite es sogar, womit auch unsere Hoffnung auf einen sonnigen Süden vorerst dahin wäre. Langsam fragten wir uns, ob nicht bald mal jemand mit dem Bau einer Arche anfangen wollte. Nur so für den Fall.

Spruch des Tages: Es kann nicht ewig regnen.

Tagesetappe: 20 km

Gesamtstrecke: 1118,37 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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