Tag 55: Vézelay

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Tag 55: Vézelay

Tag 55: Vézelay

Manchmal ist der Weg wie eine Achterbahnfahrt. Er ist voller Höhen und Tiefen, voller unerwarteter Wendungen und oft hat man das Gefühl Kopf zu stehen oder sich im Kreis zu drehen. In einem Moment ist man voller Hoffnung und Zuversicht und im nächsten ist man der Verzweiflung nahe. Manchmal fühlt sich alles vollkommen richtig an und manchmal hat man das Gefühl einfach alles falsch zu machen. Es regnet ohne unterlass und dann, wenn man es am wenigsten erwartet, kommt plötzlich die Sonne hervor. Manchmal passiert über Stunden und Tage hinweg überhaupt nichts und dann kommt eine unerwartete Begegnung mit der man niemals gerechnet hätte. Wie die mit der Kuh heute Vormittag zum Beispiel.Wir durchwanderten ein langgezogenes Tal, südlich von Vézelay und dachten an nichts böses und plötzlich steht ein junger Stier vor uns. Seine Kumpel standen nur wenige Meter weiter hinter einem Zaun doch er hatte sich für ein Leben in Freiheit entschieden und graste auf dem Grünstreifen neben der Straße. Die Autos die vorbeifuhren beeindruckten ihn wenig, doch als er uns erblickte war sein Interesse geweckt. Er schaute uns an und kaute dabei gemächlich auf einer großen Portion Gras herum. Wir grüßten ihn und gingen seitlich an ihm vorbei. „Nicht, dass wir uns jetzt noch einen Stierkampf liefern müssen!“ sagte Heiko scherzhaft und fügte dann hinzu: „Andererseits, wenn wir ihn gewinnen würden, hätten wir ein ordentliches Steak und bei meinem Hunger könnte ich das sehr gut gebrauchen. Die Frage ist nur, wie wir bei diesem Regen ein Feuer anbekommen.“

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Ja, es regnete wieder einmal. Nach zwei Tagen was der Sommereinbruch erst einmal wieder vorbei. Heute morgen hatte es zwar noch ausgesehen, als würde es aufklaren und dann wieder ein schöner Tag werden, doch leider passierte genau das Gegenteil. Die Wolkendecke schloss sich und ließ dicke Regentropfen auf uns herabfallen.

Vézelay war in vielerlei Hinsicht ein besonderer Ort gewesen, doch er hatte uns ziemlich hungrig auf den Weg geschickt. Möglichkeiten um an Essen zu gelangen hatte es fast keine gegeben und das weniger Brot, das wir bekommen hatten, hatten wir bereits am Abend aufgegessen. So bestand unser Frühstück am Morgen nur aus je einem Apfel und einem Schluck Wasser.

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Eine der bemerkenswertesten Eigenschaften von Vézelay und gleichzeitig auch der größte Haken an dieser Stadt war seine Lage. Die berühmte Basilika, die den Ort zu einem so beliebten Wallfahrtsort macht, liegt auf der Spitze eines nicht unerheblichen Berges. Das Dorf selbst ist links und rechts entlang des Weges zum Gotteshaus gebaut worden, was bedeutet, dass es sich ebenfalls sehr weit oben befindet. Außerdem ist fast alles schräg. Bereist seit seiner Entstehung war Vézelay ein Ort für Pilger und für Künstler. Heute ist das noch immer so, doch in erster Linie ist es nun ein Ort für Touristen. Die Einwohnerzahl beträgt hier ca. 500 und die Zahl der Touristen im Sommer liegt nicht selten bei mehr als 10.000. Wir hatten also Glück, dass wir außerhalb der Saison da waren, denn sonst wären wir sang und klanglos untergegangen. Pilgerherbergen gab es wie Sand am Meer, doch einen kostenlosen Schlafplatz zu finden, schien fast aussichtslos. Neben der Basilique Sainte Madelaine in der sich angeblich die sterblichen Überreste von Maria-Magdalena befinden, gab es die Pfarrei eines Mönchsordens. Hier her hatte mich eine Schwester aus Pilgerhaus der Nonnen geschickt, die meinte, sie könne uns nicht kostenlos beherbergen. In der Pfarrei traf ich auf einen etwa 40jährigen Mönch, der sich meine Bitte anhörte.

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„Komm mit!“ sagte er dann, und führte mich zu den Nonnen zurück. Wir betraten das Büro der Herbergsverwaltung, wo der Mönch der Nonne unser Anliegen erklärte. Was nun folgte erstaunte mich nicht schlecht. Die beiden Geistlichen lieferten sich eine lange und lebhafte Grundsatzdiskussion über das Pilgertum. Die Nonne war der Meinung dass zumindest ein Mindestbetrag für die Beherbergung notwendig sei, da sich das Schwesternkloster ja irgendwie finanzieren müsse. Der Mönch war der Meinung, dass dies eine Korrumpierung des ursprünglichen Pilgergedanken sei und dass es der Auftrag der Kirche und all ihrer Vertreter sei, Pilger auf ihrer Glaubensreise zu unterstützen. Ein Pilger leiste seinen Beitrag zur Schöpfung dadurch dass er pilgere, dass er die Strapazen des Weges auf sich nehme und seine Zeit für die Suche nach dem Glauben opfere. Dies sei bereits Bezahlung genug und gerade als Nonne müsse sie dafür Dankbar sein, dass ein Pilger ihre Unterstützung erbittet. Die Diskussion ging eine ganze Weile hin uns her und ich stand etwas ratlos aber gespannt daneben. Nach meinen eigenen Zweifeln über meinen Weg, die mich gestern so sehr verfolgt hatten, hatte diese Diskussion etwas Befreiendes. Die beiden hätten durchaus auch meine eigenen Gedankenstimmen sein können. Am Ende war es der Mönch, der die Diskussion gewann. Wir bekamen ein Zimmer und durften uns sogar im Speisesaal mit Tee und anderen Kleinigkeiten versorgen.

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Vézelay zeigte auf seine Art noch einmal deutlich, was unsere moderne Zeit aus alten Traditionen gemacht hatte. Die Argumente der Nonne waren gut verständlich gewesen, wenn man bedachte, das im Sommer täglich hunderte von Pilgern hier ankamen, von denen viele vor allem Touristen waren. Auffällig war auch, dass die Nonnen und die Mönche hier in prunkvolle Gewänder gekleidet waren, so wie man sich richtige Nonnen und Mönche eben vorstellt. Die Nonnen in Clairvaux hingegen hatten Alltagskleidung getragen.  Ihre Aufgabe war es gewesen, sich um die Angehörigen der Gefangenen zu kümmern. Hier aber hatten die Geistlichen vor allem eine repräsentative Aufgabe. Es mag noch immer viel Überzeugung dabei gewesen sein, doch ein großer Teil dessen was sich hier abspielte wirkte inszeniert. Vézelay lebte davon ein spiritueller Kraftort zu sein, also bekamen die Menschen auch einen spirituellen Kraftort zu sehen. Oder zumindest das, was sie sich darunter vorstellten.

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Möglicherweise war es dem Mönch auch deshalb so wichtig gewesen, sich für das ursprüngliche Pilgertum einzusetzen, weil auch er spürte, wie viel davon hier bereits verloren gegangen war. Er lud uns ein, an einer Messe teilzunehmen, die in einer kleinen Kapelle neben der Basilika stattfinden würde. Wir folgten seiner Einladung und wurden so Zeuge eines außergewöhnlichen Schauspiels. Wir verstanden zwar nicht wirklich worum es bei der Messe ging, aber die Atmosphäre in der Kapelle mit all den Mönchen und Nonnen war faszinierend. Wenn es wirklich zu einem Teil die Absicht gewesen war, die Touristen mit der Messe zu beeindrucken, dann hatte das jedenfalls hervorragend funktioniert. Als die Geistlichen dann auch noch mit einem Chorgesang anfingen, der die Kapelle mit seinem glasklaren Klang erfüllte, lief uns ein kalter Schauer über den Rücken. Das alibimäßige Singen in unseren Kirchen war damit nicht vergleichbar.

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In der Messe trafen wir auch Cecile wieder, eine Schriftstellerin, die Heiko kennengelernt hatte, als er vor der Basilika auf mich gewartet hatte, weil ich dem Mönch gefolgt war. Sie schrieb Novellen und Artikel für eine lokale Zeitschrift und wir hatten uns auf anhieb gut verstanden. Jetzt lud sie uns in ein Café ein, wo wir den Abend verbrachten und uns über alles Mögliche austauschten. Sie war eine sehr spirituelle Frau und hatte sich bereits viel mit Energieheilung befasst. Als es Zeit war, um sich zu verabschieden, lud sie uns ein, sie am nächsten Tag zu besuchen. Sie wohne etwa 15km südlich von Vézelay und direkt am Jakobsweg. Wenn wir also wollten, konnten wir sie besuchen, etwas mit ihr zusammen Essen und auch dort übernachten.

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Nun befanden wir uns also auf dem Weg nach Neuffontaines um die Einladung der Schriftstellerin anzunehmen. Es war wieder einmal mehr als nur ein bisschen hügelig, und mit nichts als einem Apfel im Bauch waren wir schon bald völlig ausgezehrt. Es dauerte nicht lange, da begannen wir von Essen zu träumen. „Ich bekomme gerade Heimweh, wenn ich an das gute Essen zu hause denke!“ sagte Heiko nach einiger Zeit. „Meine Mutter hat es uns ja bereits prophezeit, dass wir uns irgendwann nach ihrem Essen zurücksehnen werden. Ich schätze, jetzt ist es soweit.“

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Da Neumarkt zu weit entfernt lag, mussten wir uns hier nach einer Alternative umschauen, was jedoch deutlich schwieriger war als gedacht. Läden gab es nicht und die kleinen Dörfer waren zur Hälfte ausgestorben. Fast alle Fenster waren verrammelt und nahezu keines der Häuser hatte eine Klingel. Bei den wenigen bei denen man klingeln konnte, machte zumeist niemand auf. Und die wenigen die öffneten wiesen uns eiskalt ab. Wir fanden lediglich zwei Menschen, die uns etwas zu Essen gaben. Der eine war ein alter Mann, der selbst einmal ein Pilger gewesen war, nun aber durch seine Hüftprobleme kaum noch laufen konnte. Die andere war eine einäugige schrullige Frau, die uns auf eine Portion Nudeln einlud. Letztere hatte eigentlich eher uns gefunden als wir sie. Ich war auf dem Weg zu einem kleinen Restaurant gewesen, als sie aus der Tür trat und mich freundlich grüßte. Ihr kleiner zotteliger Hund kam bereits auf mich zugelaufen und wusste nicht so recht, ob er mit mir spielen oder seinen Job als Wachhund wahrnehmen und mich vertreiben sollte. Als ich die Frau nach Brot fragte, schüttelte sie den Kopf. Brot hätte sie so gut wie keines, da der Bäcker im Urlaub sei. Brot war damit schwerer zu bekommen als jedes andere Lebensmittel. Sie bat mich herein und bot mir Obst und Nudeln an. Ihr Haus bestand aus einem kleinen Wohnraum mit Küche und einem kleinen Schlafzimmer dahinter. Alles war bis obenhin vollgestellt mit allerlei Kram, so dass ich kaum einen Platz fand an den ich mich stellen konnte. Ich sagte ihr, dass wir eigentlich zu zweit waren und dass ich Heiko bescheid geben würde. Vorrausgesetzt es war für sie ok, zwei Menschen durchzufüttern. Sie hatte nichts dagegen.

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Es war uns unerklärlich, dass wir von jedem abgelehnt wurden außer von einer Frau, die weniger zu haben schien als wir. Als wir ihre Wohnung wieder betraten, sah sie bereits ganz anders aus. Sie hatte die wenigen Minuten genutzt um aufzuräumen. Zumindest ein bisschen. Außer dem Hund und ihr lebte hier noch eine dicke, hinkende Katze. Überhaupt wirkte die Frau mit ihrem Haus und ihren Tieren wie die Katzenfrau aus Simpsons. Während sie kochte, räumte sie weiterhin auf und begann damit das Geschirr abzuwaschen, das bereits seit Tagen in ihrer Spüle gestanden hatte. Sie erzählte uns, dass sie früher einmal Kunsthändlerin in Paris gewesen war. Doch das Geschäft war immer härter geworden und schließlich hatte sie es aufgegeben. „Niemand will heute mehr Kunst kaufen!“ sagte sie traurig. Sie hatte Paris verlassen und war hier her gezogen. Alles an ihr zeigte deutlich, dass sie resigniert hatte. Sie war nicht hierher gekommen um ein neues Leben zu beginnen. Sie lebte ich, weil sie hier sterben wollte. „Es gibt so viele schlimme Dinge auf der Welt und ich will sie nicht mehr sehen. Ich mag die Kunst und die schönen Dinge im Leben. Sie sind wichtig, doch fast niemand will sie mehr sehen!“ Man spürte deutlich, dass sie diesen Entschluss ernst meinte. Sie hatte so sehr beschlossen, kein Leid mehr sehen zu wollen, dass ihr das Leben den Gefallen getan hatte.

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Die linke Seite des Körpers ist die Gefühlsseite und dass sie gerade auf dem linken Auge erblindet war, war sicher kein Zufall. Auch der Hund hatte Probleme mit den Augen. Es passiert nicht selten, dass Tiere die Themen der Menschen übernehmen, die ihnen nahe stehen. Je länger wir bei der Frau verweilten, desto mehr erhellte sich ihr Gemüt. Irgendwann verschwand sie für einen Moment im Schlafzimmer. Als sie zurückkam hatte sie sich eine Halskette umgelegt und eine Felljacke übergezogen. Zum ersten Mal seit langer Zeit schien sie das Bedürfnis zu haben, sich schick zu machen. Wir blieben fast zwei Stunden und bekamen nicht nur Nudeln, sondern auch noch Kohl und Fleisch und zum Nachtisch Baguette mit Käse. Wir versuchten das Baguette abzulehnen, weil wir ja wussten, wie schwer es für sie war an Brot zu kommen. Doch sie bestand darauf. Es machte ihr eine Freude, uns bedienen zu können und das war ihr mehr wert als wir uns selbst vorstellen konnten.

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In vielen Bereichen war die Frau ein wichtiger Spiegel für uns gewesen. Auch ich hatte die Tendenz, negatives auszublenden und das Thema Sehen ist eines meiner zentralen Lebensthemen. Auch die Sache mit der Resignation und mit dem Chaos im Innen wie im Außen waren Themen, die uns nicht unbekannt waren.

Gesättigt und mit einem großen Korb voller Gedankenanstöße wanderten wir weiter und kamen schließlich nach Neuffontaines, wo uns einer der spannendsten Schlafplätze unserer reise erwarten sollte.

Spruch des Tages: Wenn du deine Glaubensmuster kennenlernen möchtest, dann schau dir an, was du in deinem Leben hast. Unser Leben ist immer ein Spiegelbild unserer Überzeugungen. (Colin Tipping)

Tagesetappe: 18 km

Gesamtstrecke: 1179,37 km

Bewertungen:

 
2014-02-28T23:43:39+00:00 Frankreich, Tagesberichte|

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