Tag 57: Die kleinen kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich

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Tag 57: Die kleinen kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich

Tag 57: Die kleinen kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich

Morgen haben wir und unsere Weltreise unser Zweimonatiges! Das sollte gefeiert werden! Falls ihr zufällig gute Ideen habt, wie man dieses Ereignis gebührend zelebrieren kann, könnt ihr sie uns gerne in die Kommentare schreiben.

Wir sind nun bereits seit fast einem Monat in Frankreich und doch gibt es noch immer einige Dinge über die wir uns jedes Mal wieder wundern, wie am ersten Tag. Es sind keine großen Unterschiede, nichts weltbewegendes, sondern eher die kleinen Details und Feinheiten. Da wäre zum Beispiel der Umgang mit Käse. Auch bei uns kennt man den Spruch „Käse schließt den Magen“. Man sagt das manchmal aber eigentlich weiß niemand so recht, was das bedeuten soll. In Frankreich ist das anders. Hier ist Käse kein Brotbelag, den man sich zum Frühstück oder zum Abendessen auf sein Brötchen oder seine Brotscheibe legt. Generell ist er eigentlich kein wirkliches Nahrungsmittel, sondern eine Delikatesse. Er wird nach dem Essen auf einem Tablett serviert und in kleinen Proben mit etwas frischem Baguette gegessen. Manchmal gibt es auch noch Walnüsse dazu und für diejenigen die es mögen auch einen guten Wein. Jede Region hat dabei ihren eigenen Käse und meist gibt es eine Auswahl von drei oder vier Käsespezialitäten. Dies ist eine Tradition, die wir bereits beim ersten Kontakt ins Herz geschlossen haben. Der Käse ist einfach der Wahnsinn und die Art ihn zu zelebrieren, macht ihn noch mehr zu etwas besonderem. Überhaupt liegen zwischen der Esskultur in Frankreich und der in Deutschland Welten. Essen ist hier nicht einfach eine Bedürfniserfüllung sondern ein Ritual. Man nimmt sich Zeit und dehnt es gerne auch schon einmal über zwei oder drei Stunden aus. Ich glaube, dies ist einer der Hauptgründe, warum die Menschen trotz des hohen Zucker- und Milchkonsums hier so gesund sind. Die Lebensmittel selbst sind nicht gesünder als bei uns, eher im Gegenteil. Doch die Art, sie zu essen und sie zu etwas ganz besonderem zu machen, hat etwas Heilendes an sich. Das Leben wirkt hier ruhiger und entspannter.

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Das größte Rätsel in Sachen Essen gibt uns jedoch das Frühstück auf. Es besteht fast immer rein aus Süßspeisen, also aus Baguette mit Honig, Nutella oder Marmelade, aus Croissants oder auf Kuchen. Dazu gibt es Tee oder Kaffee in großen Schüsseln, die bei uns eher als Müslischalen herhalten. Nicht immer aber meistens. Doch was es nicht gibt sind Teller. Zu allen anderen Malzeiten schon, aber beim Frühstück isst man vom Tisch oder von einer Servierte. Warum das so ist, haben wir noch nicht rausgefunden, aber es irritiert uns bis heute.

Und noch etwas ist uns in der letzten Zeit aufgefallen: Der sorglose Umgang der französischen Elektriker mit Kabeln und Stromleitungen. Nicht selten sind die Stromzähler an den Überlandleitungen mit Tülldraht oder Klebeband befestigt und für jedermann zugänglich. Als Sicherungen nimmt man gerne auch mal eine Rolle Lötzinn. Wenn es eine Überspannung gibt, wird er schon durchbrennen und die Verbindung kappen. Viele der Häuser in denen wir in letzter Zeit waren, hatten mindestens ein oder zwei Ecken, in die man besser nicht seine Finger hineinhielt, wenn man nicht auf Pumuckl-Frisuren stand.
Nachdem wir gemeinsam mit unserer Gastgeberin aber ohne Teller gefrühstückt hatten, durften wir uns noch ihr Atelier ansehen, in dem sie die großen Kirchenfenster aus vielen kleinen Glasscheiben anfertigte. Jede Scheibe musste dabei nach einer Fotographie des Originalfensters genau gebrochen und zugearbeitet werden, bevor sie mit Blei zu einem Gesamtmosaik zusammengesetzt wurden. Sie hätte uns bestimmt noch viel über ihre Arbeit erzählen können, doch durch die Sprachbarriere blieb es bei den absoluten Basics.

Was die Gemütlichkeit anbelangte unterbot sich das Wetter heute noch einmal bei weitem und stellte einen neuen Negativrekord auf. Das Thermometer an einer Hauswand zeigte 6°C und dazu gab es feinen, eiskalten Nieselregen, der im Laufe des Tages immer stärker wurde. Es war ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagte und auch wir waren so unmotiviert wie noch nie. Cecile hatte uns vorgestern erzählt, dass dies die regenreichste Gegend Frankreichs sei. Ganz offensichtlich hatte sie nicht gelogen und bei der Größe des Landes war das ein stolzer Titel. Wenn wir die unendlichen, grünen Wiesen betrachteten, konnten wir uns auch gut vorstellen, dass Trockenheit hier eher ein Problem war. Außerdem verstanden wir nun, wo die Nahrung für die vielen Kühe herkam, die die Milch für all die Käsespezialitäten lieferten. Zu allem Überfluss verließ mich dann auch noch mein Gürtel. Er hatte seine Zuverlässigkeit in der letzten Zeit eh schon sehr stark eingeschrängt und neigte dazu, meine Hose in regelmäßigen Abständen der Erdanziehungskraft preiszugeben, wenn ich ihn nicht schnell genug wieder festzog. Heute, zerbrach bei einer solchen Festziehaktion dann die Schnalle. Es mag einige Situationen geben, in denen es von Vorteil ist, ohne Hose dazustehen, aber eine Wanderung bei 4°C im stömenden Regen ist sicher keine davon… Zum Glück konnte ich ihn notdürftig reparieren.

Nach Pazy erreichten wir Guipy und nach Guipy kam ein Ort namens Saint Révérien. Es war nicht einmal 12:00 Uhr aber es war so ekelig, dass wir beschlossen, im Rathaus zu fragen. Dieses hatte an jedem Wochentag außer Donnerstags geöffnet und da heute Donnerstag war, viel diese Idee flach. Dafür gab es aber einen Nebeneingang mit einer vielversprechenden Jakobsmuschel daran. Eine Postbeamtin kam vorbei und meinte, dass irgendwo am Ende einer Straße eine Frau wohnen würde, die sich um Pilger kümmerte. Wir folgten ihrer Beschreibung und landeten zunächst bei einem älteren Mann, der mit Pilgern nicht das geringste zu tun haben wollte. Dann aber wurden wir von einer Frau aufgegriffen, die uns wirklich helfen konnte und wollte. Sie sprach Spanisch und Englisch und lud uns ein, im trockenen Wohnzimmer zu warten, bis sie einen Schlafplatz für uns aufgetrieben hätte. Da sie zunächst niemanden erreichte, lud sie uns auch noch auf ein Mittagessen ein. Wir sperrten den Regen also vor die Tür und verbrachten den Nachmittag bei gutem Essen und lustigen Gesprächen im warmen und vor allem trockenen Wohnzimmer. Später kam auch noch ihr Vater hinzu, der sie für zwei Tage besuchte. Er wohnte ca. 14 Tagemärsche südwestlich von hier und das ziemlich genau auf dem Jakobsweg. So kam es, dass wir gleich noch an einen sicheren Schlafplatz für die Zukunft zugesichert bekamen.
Die Unterkunft für heute Abend war genauso unkompliziert gefunden. Unsere Gastgeberin hatte zwar niemanden erreicht, gab uns aber die Adresse eines Mannes, der hier im Ort die Jakobusgesellschaft vertrat. Wir besuchten ihn, er zeigte uns das Zimmer für die Nacht und damit war alles geklärt. Wieder einmal konnten wir es kaum glauben, wie sehr sich die kleinen Ortschaften von den großen unterschieden. Der Unterschied war deutlich größer, als der zwischen Frankreich und Deutschland und er war frappierend. Noch nie war es in einer kleinen Ortschaft kompliziert gewesen. Entweder wir bekamen einen Platz oder wir bekamen die klare Ansage, dass hier nichts möglich war. Beides war vollkommen ok. Je größer es wurde, desto höher war jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass man Stundenlang umeinanderwarten musste, nur um dann am Ende zu erfahren, dass es doch nichts gibt. Warum haben Menschen nur diesen Drang alles Kompliziert zu machen, sobald sie sich versammeln? Je mehr Menschen sich auf einem Haufen befinden, desto unproduktiver werden sie. Das erklärt vielleicht auch, warum unsere Welt in den letzten Jahrzenten immer komplizierter geworden ist. Immerhin hat sich ja auch die Weltbevölkerung ein paar Mal verdoppelt…

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Tagesetappe: 13 km
Gesamtstrecke: 1216,37 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

One Comment

  1. Agnès DL 28. Februar 2014 at 19:12 - Reply

    Bravo à vous deux pour votre courage, votre ouverture d’esprit, votre bonne humeur et bonne énergie. Bonne route!

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