Tag 58: Sauwetter

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Tag 58: Sauwetter

Tag 58: Sauwetter

Dies ist wieder einmal ein Tagesbericht, den ich tief in meinen Schlafsack gekuschelt schreibe. Wir haben ein wirklich schönes Zimmer bekommen, aber wir sind die ersten Bewohner in diesem Jahr hier und damit auch die ersten, die versuchen die Räume zu heizen. Das komplette Haus ist vollkommen ausgekühlt und uns selbst geht es nicht anders. Wer hätte gedacht, dass es nach dem Sauwetter von gestern heute sogar noch schlimmer werden würde. Draußen hat es ca. 3°C, es regnet Bindfäden und wir hatten den ganzen Tag über Gegenwind. Er war so stark, dass die rechte hintere Seite unseres Körpers komplett trocken blieb, während alles andere vollkommen durchweichte. Bei alles Liebe zur Natur und zu ihren Wetterschauspielen, langsam ist es wirklich einmal genug. Wir haben Anfang Januar Tage gehabt in denen wir für Stunden im Pully auf einer Parkbank sitzen und die Sonne genießen konnten. Und jetzt, wo es eigentlich so langsam mal Frühling werden sollte, wo die Vögel bereits ihre Nester bauen und alle Knospen zu sprießen anfangen, jetzt sitze ich eingehüllt in meinen Schlafsack, dass kaum noch die Nase herausschaut und versuche mit meinen steifgefrorenen Fingern irgendwie die richtigen Tasten zu drücken. Man kann sagen was man will, aber das Wetter spielt in der letzten Zeit schon ziemlich verrückt. Letztes Jahr hatten wir den längsten und sonnenärmsten Winter in der Geschichte der Wetteraufzeichnung und dieses Jahr gab es gar keinen Winter, dafür aber eine Regenzeit. Zumindest in diesem Teil Frankreichs, denn wenn es wahr ist, was wir so über Deutschland gehört haben, dann soll es dort ja schon richtig sommerlich sein. Wenn sich die Regenzeit denn dann nur auch wenigstens wie eine richtige Regenzeit verhalten würde und das Wasser schön warm wäre, dann könnte man es sich ja noch irgendwie eingehen lassen. Aber jemandem über Tage hinweg eine eiskalte Dusche in den Nacken zu halten, ist einfach nicht die feine, englische Art!

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Unser Quartier von letzter Nacht war ein kleines gemütliches Räumchen mit Stockbetten und einem kleinen Petroleumstrahler, der unsere Füße wärmte. Bis auf zwei kleine Haken war er eine ideale Pilgerunterkunft. Der erste war die Eingangstür. Der Mann, der uns am Vorabend hereinlassen wollte verzweifelte fast an ihr. Sie war durch die viele Feuchtigkeit aufgequollen und hatte sich so ineinander verkeilt, dass sie sich kaum mehr rührte. Der alte Mann war bereits kurz davor sie einzutreten, als sie schließlich doch nachgab. Nun gab es aber ein weiteres Problem. So sehr sie oben geklemmt hatte, so groß war der Spalt im unteren Bereich. Und durch diesen regnete und wehte es herein als gäbe es hier drinnen etwas umsonst.

Der zweite Haken an unserer Herberge war das vollkommene Fehlen einer Toilette. In Sachen Klo hatten wir in den letzten Tagen ja bereits einige lustige Dinge erlebt, doch hier hatte man das Problem einfach dadurch gelöst, dass man komplett darauf verzichtet hatte. Hinter dem Rathaus, gegenüber der Kirche gab es immerhin öffentliche Pissoirs. Sie waren so öffentlich, dass einem jeder Kirchenbesucher beim Pinkeln auf den Hintern schauen konnte. Bei dem Regen war das aber nicht weiter tragisch, denn es wagte sich eh niemand aus dem Haus. Wir allerdings auch nicht, zumindest nicht, so lange es sich noch irgendwie aufhalten ließ. Größere Geschäfte zu verrichten war da schon etwas schwieriger. Dafür blieb nur ein langer und gewagter Sprint bis ans Ende der Ortschaft, in der Hoffnung dort eine geeignete Hecke zu finden.

Am Abend kehrten wir noch einmal zu der netten Pariserin zurück, die uns am Mittag so herzlich empfangen hatte, um sie um einen Internetzugang zum Einstellen des letzten Berichtes zu bitten. Was die Arbeit anbelangte war der Besuch nicht übermäßig erfolgreich. Unsere Computer und ihr WLAN-Anschluss verstanden sich nicht besonders gut und so mussten wir auf ihren Laptop zurückgreifen. Nichts gegen den Laptop, er war wirklich niedlich, aber die französische Tastatur ist leider komplett anders aufgebaut als die Deutsche und so ist das Arbeiten damit jedes Mal eine reine Tortur. Abgesehen davon wurde es aber ein äußerst lustiger und geselliger Abend. Wir erzählten die kuriosesten Geschichten von unserer Reise, darunter natürlich auch die von der Schreckschraube in Chablis. Allein dafür, wie herzhaft man sich über diese Situation lustig machen kann, sind wir der alten Dame aus der Horrorherberge zu tiefstem Dank verpflichtet. Plötzlich wusste ich auch wieder, was ich als Ausgleich für die viele Hilfe die uns die Menschen gaben, beitragen konnte. Ich war ein Geschichtenerzähler. Gemeinsam brachten wir die Menschen zum Lachen, zum Nachdenken und zum Träumen und hatten dabei selbst jede Menge Spaß. Vielleicht war das meine Aufgabe oder zumindest eine davon. Vielleicht ging es darum Träume zu verschenken? Wo immer wir hinkamen, tickten wir irgendetwas in den Menschen an. Vielleicht ging es auch einfach darum, Träume wieder zum Leben zu erwecken, die die Menschen in sich trugen, aber längst vergessen oder tief in sich vergraben hatten. Wie dem auch sei, der gestrige Abend bei der Frau aus Paris, war jedenfalls großartig und wir haben alle drei lange nicht mehr so gelacht. Irgendwann, wurde der Akku von ihrem Laptop schwach und ich wollte ihn an ein Stromkabel hängen. „Das ist nicht ganz so einfach!“ sagte sie und bat mich aufzustehen, damit sie genügend Platz hatte. „Ich kann ihn euch anschließen,“ fuhr sie fort, „aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr nicht lachen werdet.“ Erstaunt blickten wir sie an. Ich wollte es ja versprechen, aber so wie sie es sagte, war vollkommen klar, dass es unmöglich war, das Versprechen zu halten. Sie schaute uns ernst an und widerholte ihre Forderung: „Wehe, ihr lacht!“ Wir versprachen ernst zu bleiben und bissen die Zähne aufeinander. Dann holte sie eine riesige Schraubzwinge hervor und klemmte den kleinen Laptop mitsamt dem Stromkabel darin ein. Es sah so lustig aus, dass wir sofort losprusten mussten. „Ey, ihr habt es versprochen!“ schimpfte sie mit gespielter Strenge und lachte selbst.

Später nahm sie ein Stück Papier und schrieb einen Vertrag darauf, den wir unterzeichnen mussten. Wir erklärten damit, dass wir uns unter keinen Umständen über ihre Laptopkonstruktion lustig machen oder die Geschichte davon in unserem Blog veröffentlichen würden. Die letzten Zeilen waren also ein eindeutiger Vertragsbruch und sind somit illegal. Vergesst sie also so schnell ihr könnt wieder! Und wenn ihr einmal einen Laptop mit einem gebrochenen Ladekabelstecker habt, dann habt ihr diese Idee nicht von mir!

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Nun sitzen wir ca. 10km von Saint Révérien entfernt in einer Pilgerherberge Boulon. Ja, ich weiß, das ist keine große Entfernung, aber bei dem Sauwetter macht es auch einfach keinen Spaß. Als wir Boulon erreichten fragten wir am Ortseingang bei einer großen Pilgerherberge, ob sie bereit wären, uns auch gratis aufzunehmen. Zunächst fragten wir ein junges Mädel, die Fragte ihre Eltern und die hatten nichts dagegen. Schön ist es hier. Nur eben kalt. Bevor meine Finger ganz eingefroren sind und ich den Text mit einer dreiseitigen Kette aus „ffffffffffffffff“s beenden muss, weil ich es nicht mehr schaffe, die Taste loszulassen, höre ich jetzt lieber auf und stelle mich für die nächsten drei Stunden unter eine heiße Dusche.

Spruch des Tages: Wenn ich allein träume, ist es nur ein Traum. Wenn wir gemeinsam träumen, ist es der Anfang der Wirklichkeit.

Tagesetappe: 10 km

Gesamtstrecke: 1226,37 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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