Tag 59: Das Geschäft mit den Pilgern

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Tag 59: Das Geschäft mit den Pilgern

Tag 59: Das Geschäft mit den Pilgern

Seit Vézelay wandern wir nun nach unserem 5. Wanderführer. Es ist ein Outdoor Wanderführer vom Steinverlag mit dem Titel Frankreich: Jakobsweg Via Lemovicensis und es ist mit Abstand der schlechteste Führer, den wir bislang hatten. Auch in den letzten Wanderführern waren die Karten oftmals reine Interpretationssache und kündeten eher von der Kreativität als von der Sorgfalt der Autoren, doch die Führer an sich, waren im Allgemeinen sehr hilfreich gewesen. Dieser hilft auch, ist aber sehr lieblos geschrieben und wirft vor allem eine große Frage auf: „Was hat sich der Mann bei der Wahl seiner Tagesetappen nur gedacht?“ Normalerweise sind die Etappen immer zwischen 15 und 30 Kilometer lang und das Buch beschreibt mehr oder weniger genau, wo lang man wandern muss. Von diesem Buch fühlten wir uns jedoch in dieser Hinsicht ein wenig verarscht. Gestern schlug er uns eine 10km Etappe vor und heute waren gerade einmal 7 Kilometer angesetzt. Dafür ist dann für morgen eine Strecke mit 32 Kilometern vorgesehen, an deren Ende man in einer großen, unübersichtlichen Stadt landet. Wir konnten uns das nur auf zwei Arten erklären. Entweder der Autor wusste, dass das Wetter hier immer so eklig ist, dass man keine Lust hat mehr als 10km zu wandern, oder aber, er wurde von den Herbergen bestochen. Das jedenfalls würde erklären, warum er einen immer genau zu den größten und teuersten Unterkünften gelotst wird, selbst wenn man noch nicht einmal seit drei Stunden unterwegs ist. Heute begann eine Wegbeschreibung etwa mit dem folgenden Satz: Von der Herberge XY aus geht es in Richtung Straße nach sonstwo. Normalerweise beginnen die Beschreibungen den Kirchen oder an anderen zentralen Punkten. Warum also hier an einer der vorgeschlagenen Herbergen? Und dann die Tagesetappe von 32km bis nach Nevers, einer Stadt mit 41.000 Einwohnern. Wenn man sich an die Beschreibung hält, kommt man erschöpft und ausgelaugt in der Stadt an, hat keine Lust mehr, sich noch etwas anzusehen und nimmt wahrscheinlich die erste Herberge auf seiner Liste. Egal was sie auch kostet. Das ist doch auffällig?

Das Pilger in dieser Gegend ein profitables Geschäft sind ist uns auch gestern Abend noch einmal sehr stark bewusst geworden. Der Herbergsvater, der uns aus dem Regen gefischt und in seiner Pension hat wohnen lassen war eigentlich ein Großlandwirt, der einen Teil seiner Stallungen zur Herberge Umgebaut hatte. Das Haus in dem wir untergebracht wurden hatte insgesamt 12 Betten und war eines von zwei Häusern. Insgesamt war also wahrscheinlich Platz für 24 Personen und da wir uns hier auf einem Hauptpilgerweg befinden musste die Herberge in den Sommermonaten an fast allen Tagen ausgebucht sein. Eine Übernachtung kostet 30€ pro Person. Wenn wir nur von 20 Gästen im Schnitt ausgehen, verdiente man mit der Unterbringung der Pilger also 600€ am Tag und 18.000€ im Monat.

Selbst wenn die Hauptsaison nur drei Monate dauerte, hatte man also Locker für ein ganzes Jahr ausgesorgt. Und das ohne jeden Aufwand, denn die Pilger bringen ihr eigenes Essen mit, verpflegen sich selbst und sind auch dafür zuständig, die Herberge beim Verlassen wieder so herzurichten, wie sie sie vorgefunden haben. Selbst das Rattenloch der Schreckschraube war noch eine äußerst lohnende Einnahmequelle, wenn sie nicht gerade von zwei kauzigen Weltreisenden heimgesucht wurde, die einen auf Bettelmönch machten und nicht zahlen wollten. Mit fünf Betten á 10€ ließen sich in der Hauptsaison 50€ am Tag und 1.500 im Monat damit machen. Mit einer Herberge wohlgemerkt, die von der Kirche, vom Touristenbüro und von der Stadt bezuschusst wird. Dass selbst die kirchlichen Vertreter wie die Nonnen in Vézelay ihr Geschäft mit den Pilgern machen, zeigt auf jeden Fall einmal deutlich, wie sehr sich die alten Traditionen gewandelt haben. Verübeln kann man es den hiesigen Bewohnern natürlich nicht. Sie wären ja dumm, sich das Geschäft entgehen zu lassen, vor allem in einer Region in der man sich aufgrund der Wirtschaftslage nur schwer über Wasser halten kann. Dennoch ist es traurig, dass all die alten Traditionen so sehr Kommerzialisiert werden, denn irgendwie verlieren sie dadurch sehr viel von ihrem ursprünglichen Wert. Das war auch in unserem Kontakt zu unserem Herbergsvater deutlich spürbar.

Er war freundlich und hilfsbereit gewesen und auch an seiner Herberge gab es nicht das Geringste auszusetzen. Aber im Verhältnis zu den meisten anderen Gastgebern, die wir kennengelernt hatten war er sehr distanziert. Ein wirkliches Gespräch fand nicht statt, obwohl es sprachlich ohne weiteres möglich gewesen wäre und obwohl wir das Gefühl hatten, dass er gerne mehr über uns erfahren hätte. Aber wenn man täglich mehr als zwanzig neue Pilger bei sich aufnimmt, ist es natürlich klar, dass man aufhört, sich mit jedem von ihnen zu beschäftigen. Doch ist nicht das eigentlich das Beste am Reisen und am Beherbergen? Der Austausch zwischen dem Sesshaften und dem Wanderer? Die Möglichkeit von einander zu lernen, sich auszutauschen und neue Impulse zu bekommen. Der Reisende profitiert von dem schönen Flecken Erde, den der Einheimische erschaffen hat. Er profitiert von dessen Wissen über die Gegend und von der Gastfreundschaft. Und der Einheimische profitiert von dem frischen Wind, den der Reisende bringt, von den Träumen die er mitbringt und wachrufen kann, von dem Geschmack des Abenteuers und von dem neuen Blickwinkel, mit dem der Reisende die Dinge sieht. Doch sobald aus der Begegnung ein Geschäft wird, reduziert sie sich auf die Übergabe eines kleinen Scheins und einem kurzen Händeschütteln.

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Der Wetterbericht hat für die nächsten 6 Tage heftigen Regen und sogar Sturmwarnungen vorhergesagt. Doch heute blieben wir davon erst einmal weitgehend verschont. Es war zwar eine Stimmung wie bei einem Weltuntergang, aber ansonsten ließ es sich aushalten. Als wir in einen kleinen Wald kamen, war der ganze Boden voll mit erbsengroßen Hagelkörnern, die noch immer im Laub lagen und keine Anstalten machten zu schmelzen. Gut, dass wir nicht hier waren, als die Eisgeschosse vom Himmel fielen.

Nach den Angekündigten 7 Kilometern erreichten wir Prémery. Da es noch immer nicht stürmte und auch nicht stark regnete hatten wir keine Ausrede um hier halt zu machen, die wir vor uns selbst rechtfertigen konnten. Also blieben wir nur für einen kurzen Zwischenstopp und zogen dann weiter. Der Zwischenstopp aber hatte es in sich. Als wir den Marktplatz erreichten, war nicht nur Markt, sondern auch Karnevalsumzug. Er war nicht groß, dafür aber laut und Bund. Ein Zirkustrupp, einige Kinder und eine kleine, bunte Marschkapelle zogen tanzend und Konfetti schießend an uns vorüber. Plötzlich war das ganze Dorf gut gelaunt. Das kam auch uns gute, denn gutgelaunte Menschen sind deutlich hilfsbereiter als solche, die sich mies fühlen. Fast jeder wollte wissen, wo wir hingehen und wo wir herkamen und die meisten wollten uns mit einer kleinen Spende unterstützen. Eine Frau schenkte und Eier und ein Mann bezahlte uns einen Käse, den wir uns vom Markt aussuchen durften. Als wir die Ortschaft verließen, winkte uns eine ganze Traube an Menschen hinterher.

Als Tagesziel wählten wir Guérigny, eine Kleinstadt mit 2500 Einwohnern, die einmal eine prunkvolle Industriestadt gewesen sein Muss. Die halb zerfallenen Fabrikgebäude mit ihren riesigen Backsteinschornsteinen waren stumme, geisterhafte Zeugen jener vergangenen Tage. Ein altes, zahnloses Großmütterchen empfahl uns in der Innenstadt nach dem Pfarrhaus zu suchen, wenn wir eine Unterkunft bräuchten. Das taten wir dann auch, jedoch zunächst ohne jeden Erfolg. Da mal wieder Samstag ist halfen uns auch das Rathaus, das Sozialzentrum und das Kulturhaus nicht weiter. Dafür traf ich drei Damen, die dabei waren Wahlplakate für den neuen Bürgermeister in der Stadt zu verteilen. Anstatt mir den Weg zu erklären, beschlossen sie mich zum Pfarrhaus zu führen. Ich wahr einverstanden, wusste zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, dass sie vorhatten, den Plan mit einer fast grausamen Langsamkeit umzusetzen. Ihre Entspanntheit war absolut beneidenswert und ich hätte mit gerne eine große Scheibe davon abgeschnitten.

Doch während ich meine Gehgeschwindigkeit auf ihre herunterdrosselte, war ich innerlich so unruhig wie schon lange nicht mehr. Es war ungemütlich und falls es nicht klappen sollte, würden wir noch einmal ein ordentliches Stück laufen müssen. Da hatte ich doch keine Zeit hier herumzutrödeln. Hätten sie mir nicht auch einfach zeigen können, wo ich hinmuss. Ich fühlte mich wie ein Hund, der ständig versucht war, seinem Herrchen vorauszueilen und dann wieder zurückgelaufen kam. Aber die Frauen waren unerbitterlich. „Ein kleines Stück noch, dann sind wir da!“ sagten sie immer wieder. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu versuchen mich ebenfalls zu entspannen und abzuwarten. Keine einfache, aber eine äußerst wichtige Lektion. Bessere Mentoren im Bereich Gelassenheit hätte ich nicht finden können. Und wie sich herausstellte, waren all meine Befürchtungen mal wieder unbegründet gewesen.

Als wir das Pfarrhaus erreichten öffnete uns ein älterer, grauhaariger Mann mit einer Zigarettenkippe im Mund. Mir gegenüber war er etwas Skeptisch, aber er freute sich sehr über die Frau, die mich zur Tür begleitet hatte. Ob er ohne sie auch bereit gewesen wäre uns aufzunehmen weiß ich nicht, aber es hat definitiv nicht geschadet auf sie zu warten. Weil weder die Frau noch der Pfarrer Fremdsprachen beherrschten, organisierte der Geistliche eine Telefonkonferenz. Er rief eine Frau an, die Deutsch sprach, so dass wir abwechselnd mit ihr Telefonieren konnten und sie alles für den jeweils anderen übersetzte. Sie erklärte mir, dass Guérigny eine arme Gemeinde sei, die kaum Möglichkeiten für eine Unterbringung hätte. Erschwerend kam hinzu, dass der Pfarrer mitsamt Pfarrhaus gerade mitten in einem Umzug sei. Wir könnten aber einen Raum ohne Wasseranschluss und Toilette haben. Der Pfarrer meinte dazu etwa folgendes: „Wenn ihr Pipi machen müsst, könnt ihr in den Garten gehen und für Kaka klingelt ihr einfach bei mir!“ Das hörte sich nach einem guten Deal an, vor allem da der Raum eine gut funktionierende Heizung hatte. Und was das Klo angeht: Drauf geschissen!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

2 Comments

  1. Anja 4. März 2014 at 8:57 - Reply

    Ich verfolge eure Reise nun schon von Anfang an und lese gerne eure Berichte.
    Dabei fällt mir auf, dass ihr, oder zumindest du, Tobias, sehr kritisch über das Verhalten der Menschen nachdenkt, denen ihr begegnet und die euch beherbergen.
    Hier ist mir dies im oberen Abschnitt wieder aufgefallen und ich möchte dazu etwas anmerken.
    Ihr dürft nicht davon ausgehen, dass alle Menschen so aufgeschlossen, wissbegierig und mutig sind, wie ihr es seid. Wenn jemand euch Unterkunft bietet, finde ich das schon sehr mutig und offen. (Ich könnte das nicht, obwohl ich euch sicher gern beherbergen würde, weil ich euch und eure Geschichte nun kenne. Aber ich würde niemals fremde Menschen über Nacht bei mir aufnehmen, weil es einfach zu viele Betrüger gibt und ich Angst hätte, nachts dann im besten Fall ausgeraubt zu werden wenn nicht noch schlimmeres.)
    Aber wenn diese Mitmenschen die euch Unterkunft gewähren nicht so kommunikativ sind, dann muss dies doch nicht immer nur daran liegen, dass der Kommerz regiert oder dass sie sich nicht austauschen wollen. Vielleicht sind sie einfach nur unsicher und wissen nicht recht, wie sie auf euch zukommen sollen oder was sie sagen können. Ich finde, auch so etwas sollte man respektieren un nicht immer „verlangen“ dass sie so sind wie ihr, oder es zumindest ständig als Idealvorstellung vor Augen haben zu müssen. Gerade in ihrer Unterschiedlichkeit sind die Menschen doch interessant. Wäre doch langweilig, wenn alle immer gleich zuvorkommend, kommunikativ und freundlich wären. 🙂

    Liebe Grüsse,
    Anja

    • Heiko Gärtner und Franz Bujor 24. November 2019 at 18:32 - Reply

      Hallo Anja,
      aller Anfang ist schwer. 😉 Oft sage ich – man muss es erlebt haben. Man kann Situationen nicht so beschreiben, das jeder genau weiß, was man meinst. Mir (Heiko) ist aufgefallen, das es Menschen sehr schwerfällt offen zu sprechen. Wir haben irgendwie Angst Schwäche zu zeigen. Wir haben irgendwie das Gefühl, dass wir nicht mehr geliebt werden, wenn wir Schwäche zeigen. Was mir oft aufgefallen ist, dass Menschen vom innersten her hätten kommunizieren wollen, es aber auf Grund des Plappermanns im Kopf nicht konnten. Sie konnten nicht frei sprechen da es eine anerzogene Instanz in ihnen gab, die ihnen vorschrieb wie sie zu sein hatten.

      hier fande ich es oft sehr schade, dass sie nicht frei sprechen konnten.

      Hoffe ich konnte es ein wenig ausführen.

      Lg Heiko

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