Tag 61: Altenheime im internationalen Vergleich

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Tag 61: Altenheime im internationalen Vergleich

Tag 61: Altenheime im internationalen Vergleich

Das Maison du Diocese in Nevers war nun das dritte Altenheim, in dem wir auf unserer Reise wohnen durften und es gab ein paar sehr gravierende Unterschiede, die uns sofort auffielen. Die Stimmung unter den Bewohnern unterschied sich zu der in Deutschland gewaltig. Und wieder waren es keine großen Dinge, die hier anders liefen, nichts Weltbewegendes oder etwas, von dem man sagen würde, es sei in Deutschland einfach nicht umsetzbar. Es waren Kleinigkeiten, die das Leben der älteren Herrschaften hier bedeutend lebenswerter machten. So sah der Speisesaal hier nicht wie ein Speisesaal sondern eher wie ein Wohnzimmer aus. Auch war er wesentlich kleiner und es gab deutlich weniger Tische. Dadurch hatten die Menschen überhaupt keine Chance, sich einzeln in eine Ecke zu setzen. Sie mussten mit einander Kommunizieren. Die Mitarbeiter saßen ebenfalls mit am Tisch und aßen zur gleichen Zeit, lediglich dadurch unterbrochen, dass sie hin und wieder aufstanden um den anderen den nächsten Gang aufzutischen. Das Essen an sich war ähnlich einfach wie bei uns, doch es wurde auf die gleiche Weise zelebriert wie es in Frankreich nun mal so üblich ist. Es gab eine Kürbissuppe vorweg, dann Pizza, dann Salat, anschließend verschiedenen Käse und schließlich Obst und Jogurt. Zu jedem Gang gab es frisches Baguette und die Bewohner durften wählen, was und wie viel sie essen wollten. Dadurch wurde das Abendessen zu einem wirklichen Highlight auf das man sich freuen konnte. Beim Frühstück hingegen war es so geregelt, dass jeder kommen konnte, wann er wollte. Einem Langschläfer wurde also nicht vorgeschrieben, früher aufzustehen und ein Frühaufsteher musste nicht hungern, bis es endlich etwas gab. So hatten sie morgens die Individualität und Abends die Gemeinschaft.

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Auch der Umgang des Personals mit den Bewohnern und der Umgang der Bewohner untereinander war sehr herzlich und liebevoll. Jeder wusste, wo die anderen Schwächen hatten und half mit einer Selbstverständlichkeit, dass einem die kleinen Gesten fast nicht mehr auffielen.

Über unsere Anwesenheit freuten sich die älteren Herrschaften wieder einmal wie über einen Besuch von jungen Hunden. Ein Mann, der die achtzig bereits weit überschritten hatte, kratzte seine gesamten Englischvokabeln zusammen, die er bereits seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr gebraucht hatte, um mit uns reden zu können. Was die Grammatik und die Zeiten angelangte war er uns sogar ein gutes Stück voraus. Ein anderer Herr, der beim Essen neben mir saß, erzählte uns von einer Reise, die er vor langer Zeit einmal mit seiner Frau unternommen hatte. Damals waren sie ebenfalls eine weite Strecke zu Fuß durch Frankreich gewandert.

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Um Abends noch einmal in die Stadt gehen zu können, brauchten wir einen Code für die Tür. In die Stadt wären wir natürlich auch ohne diesen Code gekommen, doch nach 22:00 hätten wir dann vor verschlossener Tür in der Kälte übernachten müssen. Da die Dame vom Empfang gerade nicht da war, bat mich der Englischsprachige Herr, ihn auf sein Zimmer zu begleiten, wo er den Code aufgeschrieben hatte. „Hier ist mein Zuhause!“ sagte er, als wir die Tür mit seinem Namen im ersten Stock erreichten. Er hatte es ernst gemeint und es fühlte sich auch so an, als wir eintraten. Er hatte zwei Zimmer und ein Bad, wobei das fordere Zimmer eher eingerichtet war wie ein Büro. Ein großer Schreibtisch mit jeder Menge Papierkram stand darin, dazu ein Laptop, ein großer Lehnsessel und ein Fernseher mit DVD-Player und Surroundanlage. Wäre er nicht dabei gewesen, hätte ich nicht vermutet, dass dies die Wohnung eines Mannes war, der strickt auf die 90 zuging.

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Nevers bei Nacht verdiente den Titel „Stadt der Kunst und Geschichte“ noch bedeutend mehr als am Tag. Wir kamen durch einen bunt illuminierten Park mit uralten Bäumen und mystisch anmutenden Türmen, Stadtmauerstücken und Rosengärten. Einige der kleinen Gassen, die davon ausgingen waren so eng und dunkel, dass wir sogar leichte Anfälle von Klaustrophobie bekamen. Vor einem der Türme probierten wir zum ersten Mal unsere Lightpois aus, die wir von Flowtoys geschenkt bekommen hatten. Es war zwar schweinekalt aber Spaß gemacht hat es trotzdem und wir haben ein schönes Video zusammenstellen können.

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Auch der Palais Ducal, der große Palast im Stadtzentrum war majestätisch beleuchtet und gab eine prächtige Kulisse für Straßenkunst ab. Nur die Kathedrale lag komplett im Dunkeln, was wir aus fotografischer Sicht nicht nachvollziehen konnten.

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Auf dem Heimweg machten wir noch einen kleinen Schlenker zur Loire. Auch dieser Fluss hatte sich das Regenwasser der letzten Zeit ordentlich einverleibt. Er war locker auf das vierfache seiner ursprünglichen Größe angeschwollen und brodelte wie ein Hexenkessel. Wir stellten uns vor, wie es wäre, jetzt mit einem Wildwasserkanu darauf zu fahren. Einige Stellen würden sicher Spaß machen aber andere Waren definitiv tödlich. Heiko erinnerte sich an einen Kumpel, der Meister im Stand Up Paddling war. Für ihn war das hier sicher ein Traum.

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So schön die Innenstadt von Nevers auch war, so nervig war es leider auch, sie wieder zu verlassen. Fünf Kilometer liefen wir an Schnellstraßen entlang und durch Vororte, bis wir uns endlich wieder im Grünen befanden. Dann aber war die Landschaft wieder die Selbe, an die wir uns in den letzten Tagen bereits gewöhnt hatten. Hügelig, voller grüner Wiesen und unendlich weit.

Als wir Magny-Cours erreichten, hatten wir einen guten Blick auf die französische Formel 1 Strecke. Auch wenn Formelsport nicht so ganz unser Ding ist, war es doch irgendwie beeindruckend. Kurz darauf überquerten wir dann eine Autobahn, die mit Flüsterasphalt gebaut worden war. Es war faszinierend, wie ruhig eine viel befahrende Straße sein konnte, wenn man es wollte. Warum wurde diese Art des Straßenbelages nur so selten verwendet? Wie ruhig könnten unsere Städte sein, wenn man diese Erfindung öfter nutzte?

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Die letzte Etappe unserer heutigen Reise wurde dann mal wieder das reinste Schlammbad. Immer, wenn wir gerade wieder vertrauen in den Jakobsweg gewonnen haben und glauben, dass er uns ohne Schikanen an unser Tagesziel bringt, kommt hinter der nächsten Biegung wieder eine unerwartete Überraschung. Und mein Pilgerwagen lieferte gleich noch eine weitere dazu. Beim Versuch ihn aus einer besonders tiefen Schlammpfütze herauszuziehen, riss eines der Bänder, die ihn an meinem Hüftgurt befestigten. Es hatte sich im laufe der vergangenen 1200km langsam immer weiter durchgescheuert und nun hatte ihm die Anstrengung den Rest gegeben. Für mich bedeutete das, dass ich meinen Wagen nun von Hand durch die braune Pampe ziehen musste.

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Die ersten Häuser von Saint Parize Le Châtel, die am Horizont auftauchten, waren wie eine Erlösung. An einem schönen Anwesen fragten wir nach einer Herberge. Eine Frau mit einer äußerst hübschen Tochter öffnete uns und beide überlegten eine Weile, wie sie uns helfen konnten. Sie waren beide nicht abgeneigt und aufzunehmen, doch der Vater, sah das etwas anders. Also gaben sie uns schließlich die Adresse des Bürgermeisters und meinten, dass dieser wahrscheinlich nichts lieber tun würde, als uns einen Schlafplatz zu besorgen. Das sahen wir genauso und machten uns gleich einmal auf den Weg. Nur der Bürgermeister sah das anders und war vorsorglicher Weise erst einmal gar nicht zu hause.

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Stattdessen entdeckten wir aber ein Haus mit einer unübersehbar großen Jakobsmuschel an der Wand. Mein erstes Klingeln wurde ignoriert. Mein zweites auch. Im Garten stand ein Mann und buddelte sein Blumenbeet um. Ich hüpfte und winkte über das eiserne Tor hinweg. Er sah mich an, ließ sich aber nicht von seiner Arbeit ablenken. Ich grüßte, klopfte, winkte erneut und sah ihn dann rund fünf Minuten lang erwartungsvoll an. Er ignorierte mich weiterhin. Vielleicht, dachte ich mich, will er gar nicht mit mir reden. Die Idee schien zwar absurd, aber, da mir langsam langweilig wurde, kehrte ich dem Zaun den Rücken zu und versuchte es erneut bei der Klingel. Diesmal öffnete ein Junge ein Fenster und schaute heraus. Als er hörte was wir wollten, ging er weg um seinen Vater zu holen. Es war der gleiche Mann, der mich zuvor so erfolgreich ignoriert hatte. Jetzt sprach er doch mit uns und nach einigem Zögern und einem prüfenden Blick auf unseren Pilgerpass, ließ er uns sogar herein und gab uns ein Zimmer. Was lange wärt, wird also doch gut.

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Spruch des Tages: Deine Phantasie ist nicht impotent, solange du nicht tot bist. (Irving Wardle)

Tagesetappe: 22 km

Gesamtstrecke: 1292,37 km

Bewertungen:

 
2015-09-06T14:29:26+00:00 Frankreich, Tagesberichte|

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