Tag 66: Der Pilger

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Tag 66: Der Pilger

Tag 66: Der Pilger

Tage bis zu Heikos erstem Geburtstag auf der Weltreise: 4!

In einer Hecke am Wegesrand hing eine blaue, farbverschmierte Jacke. „Hey, die gehört doch unserem Pilgerfreund!“ rief Heiko, als wir daran vorbeikamen. Wie wir später herausfanden, hatte er mit dieser Vermutung vollkommen Recht. Als wir am Abend Chateaumeillant erreichten, kam der Mann gerade aus einer kleinen Bar neben der Kirche. Er begrüßte uns freudig und eilte sofort auf uns zu. Eine ganze Weile unterhielten wir uns auf Englisch, bis wir feststellten, dass jeder von uns deutlich besser Deutsch sprach. Der Pilger kam ursprünglich aus Belgien und hatte einige Jahre in Deutschland gelebt, um dort seinen Militärdienst abzuleisten. Im Laufe des Abends erfuhren wir seine Geschichte.

Er war Vater von vier Kindern und hatte als junger Mann in Speyer in einer Spezialeinheit gedient. Später wurde er Schausteller, machte seinen Körper durch die Arbeit jedoch so sehr kaputt, dass er den Job schließlich aufgeben musste. Schon damals war er dem Alkohol nicht abgeneigt gewesen und so kam es, dass er nach einigen Gesetzeskonflikten und langer Arbeitslosigkeit in einem Heim landete. Um was für eine Art Heim es sich handelte, erfuhren wir nicht. Uns fielen jedoch die drei schwarzen Punkte auf, die er sich auf die Hand tätowiert hatte. Es waren jene Art der Punkte, die man sich nach schweren Schlägereien tätowiert, wenn man jemanden übel zugerichtet hat.

In einer folgenschweren Nacht hatte er zusammen mit einem anderen Heimbewohner beschlossen, aufzubrechen und nach Santiago zu wandern. Das war nun drei Monate her und bis vor zwei Wochen waren die beiden gemeinsam unterwegs gewesen. Dann aber hatten sie sich nach einem heftigen Streit getrennt. Hatten den Abend zusammen in einer Bar verbracht, wo sich der Freund in eine Frau verguckt hatte. Als sie mit einem anderen tanzte, war er vor Eifersucht auf den Fremden losgegangen. Es war zu einer heftigen Schlägerei gekommen und unser Pilger hatte seinen Freund am Hals gepackt um ihn zur Ruhe zu bringen. Es muss ein sehr kräftiger Griff gewesen sein, denn am nächsten Morgen nutzte der Freund die erstbeste Gelegenheit um von seinem Gefährten wegzukommen. Er trampte gen Süden und nutzt das trampen seither auch weiterhin, um möglichst schnell voranzukommen. „Das ist nicht richtig!“ sagte unser Pilger, „Der Weg nach Santiago muss gewandert werden. Trampen ist nicht gut!“

Die letzten zwei Wochen hatten ihn fast in den Wahnsinn getrieben. Selbst wir empfanden diese Gegend als sehr einsam und wir waren zu zweit unterwegs und hatten immer wieder Kontakt zu den Einheimischen. Für ihn aber war es die Hölle, immer mit sich alleine auskommen zu müssen. Als Heiko damals bei seinem Steinzeitprojekt allein nach Santiago gewandert war, hatte er sich in Südfrankreich ein Gesicht auf den Fuß gemalt, um jemanden zum Reden zu haben. Einsamkeit ist das wohl härteste, was einem wiederfahren kann, denn man wird buchstäblich mit all seinem psychischen Ballast alleine gelassen. Stärker kann man an seine Kernthemen nicht herankommen. Das ist bereits schlimm, wenn man etwas über sich lernen will, doch wenn man ungefragt in diese Situation geschubst wird, kann es einem wirklich den Rest geben. Die einzige Lösung, die der Pilger für sich finden konnte, war der Alkohol. Als er uns nun wiedertraf und die Chance witterte, mit uns gemeinsam pilgern zu können, blühte er sichtlich auf. Er lud uns sogar in der Bar auf ein Getränk ein, obwohl er selbst nur 120€ pro Monat zur Verfügung hatte. Wenn man davon die Kosten für Alkohol und Zigaretten abzieht, bleibt zum Leben fast nichts mehr übrig.

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Wir wussten zunächst nicht recht, was wir von der Situation halten sollten und sowohl bei Heiko als auch bei mir löste der Mann eine ganze Konferenz von unterschiedlichen Gedankenstimmen aus, zwischen denen wir hin und hergerissen waren.

„Verdammt nochmal, warum redet ihr überhaupt mit dem Kerl?“ fragte mein Skepsis-Ich vorwurfsvoll, „der stinkt mehr nach Alkohol als deine Füße nach Käse, er ist abgeranzt, dreckig und hat eine Ausstrahlung, die einfach jeden Menschen abschreckt, der euch sonst helfen würde. Das kann nicht gut gehen! Weißt du nicht mehr, wie skeptisch dich die Frau in der Touristeninfo angeschaut hat, als sie dachte, er sei dein Wanderpartner? Um ein Haar hätte sie dir den Schlafplatz verwehrt! Willst du dass?“

„Jetzt mach aber mal einen Punkt!“ fuhr mein Gewissens-Ich dazwischen. „Wie kannst du so abwertend gegenüber einem Menschen sein, den du überhaupt nicht kennst! Ist es nicht genau dass, was dich so stört, wenn es dir selbst widerfährt?  Der Mann hat ein gutes Herz! Es gibt überhaupt keinen Grund ihm gegenüber so abfällig zu sein. Merkt ihr nicht, wie einsam er ist? Er hat in seinem Leben so viel durchmachen müssen und ihr seit gerade die einzige Hoffnung die er hat. Findet ihr nicht, dass wir ihm helfen sollten?“

„Auf der einen Seite hast du ja Recht,“ meldete sich mein Abenteuer-Ich zu Wort, „er ist wirklich ein guter Kerl, der sich einfach durch das was er erlebt hat kaputtgemacht hat. Er verdient es, dass man ihn mit Respekt behandelt und er hat vielleicht auch unsere Hilfe verdient. Doch würden wir ihm wirklich helfen, wenn wir ihn mitnehmen? Ist es nicht vielmehr seine Aufgabe, sich seinen seelischen Schatten zu stellen, so wie wir uns gerade den unseren stellen? Und ist es nicht unsere eigene Heilungsreise auf der wir uns befinden? Sollten wir nicht in erster Linie darauf achten, was uns gut tut? Nur wenn wir auf uns achten, können wir auch für andere hilfreich sein. Wenn wir ihn jetzt jedoch aufnehmen würden, würden wir uns selbst damit schaden. Wir würden uns von seiner Geschichte und seinen Problemen runterziehen lassen. Und glaubt mir, wir haben selbst genug Themen, an denen wir arbeiten müssen. Wir sind ja zum Teil so schon überfordert, da können wir nicht auch noch die Verantwortung für weitere übernehmen, die uns eigentlich nichts angehören.“

Ein Blick zu Heiko genügte um zu sehen, dass auch er eine gemeinsame Weiterreise nicht in Frage kam. Doch auch er war zwischen dem Mitleid mit dem Mann und dem Wunsch, seine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, hin und hergerissen. Wie konnte er dem Pilger beibringen, dass er nicht mit uns gemeinsam reisen konnte, ohne dessen Gefühle zu verletzen?

Die Frau mit der ich im Touristenbüro gesprochen hatte, hatte uns nach einigem Zögern einen Schlafplatz zugesichert, der etwas außerhalb des Ortes an einem kleinen See lag. Unser Pilger musste zunächst in die gleiche Richtung, um einen Mann zu besuchen, der ihm einen Pilgerwagen geschenkt hatte. Nach unserer ersten Begegnung hatte er für sich beschlossen, dass so ein Wagen deutlich besser geeignet sei um sein 25kg schweres Gepäck zu transportieren, als ein Rucksack ohne Hüftgurt. „Vielleicht können wir dann ja zusammen nach Santiago gehen! Jeder mit seinem Wagen!“ sagte er freudig. Die Idee klang logisch, doch unser Bauchgefühl sagte etwas anderes. Ihn hier zu treffen, mit ihm zu reden und ihn aufzubauen war eine gute Sache, doch ihn als Pilgerherdenmitlglied zu adoptieren war etwas anderes. Es wäre das gleiche gewesen, als wenn wir bei den Gastgebern, die uns in den letzten Wochen aufgenommen hatten, nicht um einen Schlafplatz für eine Nacht gebeten hätten, sondern darum, dauerhaft bei ihnen wohnen zu dürfen. Es war einfach nicht machbar und das mussten wir ihm irgendwie beibringen.

An einer Bäckerei bat ich um etwas zu Essen und bekam so viel, dass wir dem Mann die Hälfte abgeben konnten. Wie sich herausstellte, besaß der Mann keinen Pilgerführer und da er nahezu kein Geld aber auch keine Mission hatte, war es für ihn fast unmöglich zur Nebensaison auf einem Nebenpilgerweg durchzukommen, der als der einsamste, französische Pilgerweg überhaupt gilt. Wenn er wirklich einen Reisebegleiter finden wollte, musste er auf einen Hauptweg. Der nächstgelegene war der über Le Puy en Valey und diesen suchten wir gemeinsam mit ihm heraus. Dann erklärten wir ihm noch, wo und wie er fragen konnte, um kostenlos an Nahrung zu kommen und verabschiedeten uns.

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„Ging es dir auch so, dass du die ganze Zeit hin und hergerissen warst“, fragte Heiko als wir alleine waren.

„Ja!“ sagte ich.

„Ich meine, es stand für mich von Anfang an fest, dass wir nicht gemeinsam mit ihm wandern wollen. Aber ich hatte auch sehr viel Mitgefühl mit ihm. Oder vielleicht fast schon eher Mitleid. Es geht ihm wirklich nicht gut und die Einsamkeit macht ihn fertig. Es ist ein verdammt harter Weg auf dem er sich befindet. Aber es ist wirklich sein Weg. Wir haben ihn nicht dort hin gebracht und es ist auch nicht unsere Aufgabe, ihn dort wieder wegzuführen. Ich glaube, dass es wirklich wichtig für uns ist, dass wir klar erkennen, was uns gut tut und was nicht. Und dass wir auch lernen, klar und deutlich ‚Nein’ zu sagen, wenn uns etwas schadet. Nicht nur in Bezug auf den Pilger. Überleg mal, wie viel Zeit wir schon wieder mit Dingen verbringen, die wir eigentlich gar nicht machen wollen. Und stell dir vor, was passiert, wenn wir erst auf einer Hauptroute landen und täglich Menschen begegnen, die hoffen jemanden zu finden, der ihre Probleme für sie löst. Wir können nicht jedes Mal ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir jemandem nicht helfen können. Für uns ist es ja auch vollkommen OK, wenn uns Menschen ablehnen. Warum fällt es uns dann so schwer, selbst jemanden abzulehnen? Das ist schon wieder dieses Thema mit dem Wunsch, die Menschen vor ihrem Schmerz beschützen zu wollen. Aber das hat nichts mit ‚Hilfreich-sein’ zu tun. Wirklich hilfreich zu sein bedeutet ja, den Menschen dabei zu helfen, dass sie sich entwickeln können. Es bedeutet nicht, sie von jedem Leid fernzuhalten und sich damit selbst kaputtzumachen. Das haben wir bereits viele Jahre versucht und es hat uns nicht gut getan. Ich denke dass unsere Entscheidung richtig war und ich glaube auch, dass es für ihn gut ist, wenn er seinen Weg zunächst alleine findet.“

Unsere Herberge ist heute wieder einmal eine richtige Pilgerunterkunft, die normalerweise 14€ gekostet hätte. „Ich bin wirklich dankbar für diese Unterkunft!“ sagte Heiko als er vom Duschen zurückkehrte. „Es ist wirklich der Hammer, dass wir hier schlafen dürfen und dass wir uns ein Essen machen konnten. Aber wenn ich mir vorstelle ich wäre ein normaler Pilger, der hierfür gezahlt hat, dann muss ich sagen dass ich ganz schön endtäuscht wäre!“

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„Warum?“ fragte ich und schaute ihn über meinen Bildschirm hinweg an.

„Also erst mal schlafen wir auf nackten Gummimatratzen, die man kaum anfassen mag, weil sie sich wirklich komisch anfühlen. Und dann sind die Duschen eiskalt. Sobald du auf den Knopf drückst, kannst du dich nicht mehr retten. Sie sprühen in jede Richtung und du wirst auf jeden Fall getroffen und glaubst du erfrierst. Nach einiger Zeit werden sie dann kurz warm und sofort wieder kalt. Sauber wird man aber angenehm ist es nicht. Stell dir einmal vor, du kommst nach einem regennassen und kalten Tag hier an und sagst, du nimmst dir extra so eine Unterkunft, weil du auf jeden Fall eine Dusche willst. Du drehst doch durch!“

Unsere letzte Unterkunft war da schon etwas anders. Wir hatten ein tolles Zimmer, durften das Internet benutzen und abends wurden wir sogar noch zum Essen eingeladen. Heute Morgen gab es dann ein Frühstück mit selbstgemachter Marmelade aus dem eigenen Garten und als wir uns von unserem Gastgeber, seinem Hund und dem schönen Platz verabschiedeten, fiel es uns wieder einmal besonders schwer.

Auch am Nachmittag waren wir sehr liebevoll aufgenommen worden. Wir kamen durch ein kleines Dorf, in dem fast ausschließlich Töpferkünstler angesiedelt waren. Es lebten also lauter Krüger dort. Als wir am letzten Hauf vorbeikamen grüßte uns ein Mann mit einer dicken Zigarre im Mund und fragte, ob wir nicht auf einen Kaffee hereinkommen wollen. Da sagten wir nicht nein und ehe wir uns versahen, saßen wir vor einem gedeckten Mittagstisch. Wir verbrachten fast den gesamten Nachmittag bei dem Mann und seiner Frau. Wir erzählten Geschichten und während ich noch damit beschäftigt war, mich über das Essen zu freuen half Heiko dem Mann bei den Gelenksproblemen, die er in den Fingern hatte. Die Begegnung erhellte unsere Stimmung schlagartig. Am Morgen noch waren wir wieder einmal dabei gewesen lange über das unliebsame Thema Geld nachzugrübeln. Gestern Abend hatten wir erfahren, dass ein wichtiger Sponsor abgesprungen war, der uns eigentlich beim Aufbau unseres Schutzprojektes für die Regenwaldflächen helfen wollte. Damit waren wieder einmal die ganzen alten Existenzängste aufgekommen. Es war zum Mäuse melken! Alles lief super und von überall her bekamen wir jedes Geschenk, das wir uns erträumten. Doch kaum kam von irgendwo eine Hiobsbotschaft, kamen sofort wieder die Zweifel auf. Es ist kaum fassbar, wie tief die alten Glaubensmuster über die Notwendigkeit finanzieller Sicherheit in einem Stecken. Aber gerade wenn man kurz davor ist, alles in Frage zu stellen, dann kommt wieder eine Situation, die einen bekräftigt. Manchmal in auch einfach in Form eines Mannes, der einen zum Kaffee einlädt.

Spruch des Tages: Nur wer erkennt, was für ihn selbst gut ist, kann auch wirklich hilfreich für andere sein.

Tagesetappe: 22,6 km

Gesamtstrecke: 1399,47 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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