Tag 75: Weltreise mit Kind?

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Tag 75: Weltreise mit Kind?

Tag 75: Weltreise mit Kind?

Unsere Gastgeber waren wieder einmal ganz besondere Menschen, mit einer bewegenden Geschichte, die mehr mit uns gemein hatte, als wir zunächst ahnten. Adam war vor mehr als 20 Jahren von England aus aufgebrochen um die Welt zu bereisen. Er hatte im Campingbus gelebt, war über die verschiedenen Kontinente gezogen und hatte sich alles angeschaut, was ihn interessierte. Dabei war er auch durch Les Billanges gekommen und hatte dort das Haus gekauft in dem er heute mit seiner Familie lebte. „Es war nicht mein Plan gewesen, genau hierher zu ziehen,“ erzählte Adam, „ich habe das Haus vor allem deswegen gekauft, weil es günstig war. Umgerechnet hat das Haus zusammen mit dem kleinen Nebenhaus und dem Garten damals etwa 14.000€ gekostet. Es ist eine Gegend in der niemand leben möchte, aber das ist genau der Grund, warum ich mich hier wohl fühle. Es ist ruhig, man ist fast nur von Natur umgeben, das Dorf hat nicht einmal hundert Einwohner und man kennt jeden von ihnen. So sollte das Leben sein! Nicht so wie es in den meisten Fällen ist, als Teil einer unpersönlichen Masse in einer Großstadt, wo es laut und stressig ist und wo man nicht einmal seinen Nachbarn kennt.“ Das Haus wurde damals zu seiner neuen Heimatbasis. Er reiste weiterhin um die ganze Welt, doch wann immer er wieder nach Hause wollte, kam er hier her. England wurde ein Ort den er besuchte, aber seine Heimat war es längst nicht mehr.

Von hier aus brach er auch eines Tages auf, um den Jakobsweg zu wandern. Auch er reiste damals ohne einen einzigen Cent in der Tasche. Zunächst schlief er im Zelt, dann unter einem Tarp, weil das Zelt zu schwer war. Genauso wie wir fragte auch er nach Nahrung und konnte fast ausschließlich von dem leben, was die Menschen eh weggeworfen hätten. Viele seiner Erfahrungen deckten sich eins zu eins mit unseren eigenen. Auch er hatte damals den Weg über Saint Jean Luz genommen und war dann weiter auf dem Küstenweg durch Spanien gewandert. „Bergig ist er schon!“ antwortete er als wir ihn fragten, ob er wirklich so schlimm sei, wie die Menschen uns erzählt hatten, „aber auch nicht stärker als hier! Es sind ein paar harte Etappen dabei, aber der Rest ist ok. Und es ist wirklich einer der schönsten Wege, die man sich vorstellen kann. Die Anstrengung wird auf jeden Fall belohnt.“ Genau wie wir, war auch Adam am 1. Januar aufgebrochen und hatte den Weg im Winter zurückgelegt. Nur gab es in dem Jahr seiner Reise wirklich einen Winter. Einmal wanderte er einen schmalen Pass entlang und steckte dabei bis zur Hüfte im Schnee. Glück für uns, dass uns solche Passagen mit unseren Pilgerwagen bislang erspart geblieben sind. Es würde zwar eine gute Story abgeben und es wären mit Sicherheit auch schöne Fotos, aber mit 45kg Gepäck musste es die Hölle sein. Nur eben kälter.

Später hatte er dann in einer Pilgerherberge auf dem Hauptweg gearbeitet. „Es war der Wahnsinn!“ erzählte er, „täglich kamen rund 300 Pilger durch den kleinen Ort. In meiner Herberge gab es 50 Schlafplätze, dann gab es noch zwei weitere mit der gleichen Anzahl an Betten und mindestens noch einmal so viele Pilger, durchwanderten den Ort, ohne Halt zu machen.“

Adam erzählte uns die Geschichte in einzelnen Abschnitten über den Nachmittag verteilt, da er eigentlich ja gerade dabei war, sein Auto zu waschen. In der Zwischenzeit erfuhren wir die Geschichte von seiner Frau. Sie hieß Kim Ngyien und kam aus Südkorea. Während sie sich mit uns unterhielt, war sie dabei ein Abendessen zuzubereiten und die drei Kinder in Schach zu halten, die im uns herumwuselten. Sie war vor einigen Jahren von Korea aus nach Spanien geflogen um das Land kennenzulernen. Auch sie hatte sich damals für den Jakobsweg entschieden, allerdings weniger aus spirituellen Gründen, sondern viel mehr, weil er sich als Wanderweg durch das Land einfach anbot. Gleich in Saint Jean Pied de Port hatte sie eine alte Dame kennengelernt, die unbedingt mit ihr gemeinsam reisen wollte. Kim hatte eigentlich keine Lust dazu, doch die Alte ließ sich nicht abschütteln und machte es sich zur persönlichen Aufgabe Kim das Land zu zeigen. Um der anhänglichen Frau zu entkommen, wanderte Kim weit über 40km am Tag, so dass der Abstand schließlich immer größer wurde. Dann aber kam sie in die Herberge, in der Adam arbeitete und die beiden verstanden sich so gut, dass sie zwei Tage blieb. Gerade als sie wieder aufbrechen wollte, kam die alte Frau an und fragte Adam, ob er vielleicht eine junge Koreanerin gesehen hatte. Adam, der dich Geschichte kannte, verneinte und behauptete, nicht zu wissen von wem die alte sprach. So zog sie weiter und Kim blieb einen weiteren Tag, um sicher zu gehen, dass sie genügend Abstand zu ihrem unliebsamen Schatten bekam.

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Dennoch kam schließlich die Zeit, in der sich die beiden von einander verabschieden mussten und Adam lud die junge Dame ein, ihn in seinem Haus in Frankreich zu besuchen, wenn sie nach ihrer Spanienreise noch Zeit hätte. „Ich bin in Korea in einer großen Stadt aufgewachsen,“ erzählte Kim, „diese ganzen Sachen mit einem Haus auf dem Land, selber Gemüse anbauen, um die Weltreisen und so weiter, all das war absolut neu für mich. Ich fand es spannend, also dachte ich mir, schau es dir doch einmal an. Ich bin dann von Spanien aus nach Limoges gefahren und habe mir dort ein Taxi genommen, um hier her zu kommen. In Korea war es normal, überallhin mit einem Taxi zu fahren. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es hier ganz anders ist. Und ich hatte vor allem keine Ahnung, was das kostet. Als ich hier im Dorf ankam, war ich auf jeden Fall erst mal das Thema Nummer 1 bei allen Bewohnern: ‚Schaut mal, was für eine Verrückte, die kommt mit dem Taxi aus Limoges!’“

Mit der Ankunft in dem kleinen Dorf begann Kims Leben deutlich abenteuerlicher zu werden als zu vor. Gemeinsam trampten die beiden nach Serbien und Kroatien und Kim lernte einen Lebensstil kennen, den sie sich zuvor nicht einmal hatte träumen lassen. „Es war nie mein Plan, nach Frankreich zu ziehen!“ fuhr Kim fort, „auch nicht einen Engländer zu heiraten oder drei Kinder zu bekommen. Alles ist einfach irgendwie geschehen und nun bin ich hier!“

Eigentlich hatten sie vor gehabt, weiter zu reisen, wenn das erste Kind alt genug sei, um selbst wandern zu können. Doch kurz bevor es soweit war, kam ein zweites Kind und als dieses in reisefähigem Alter war, kam das dritte.

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„Gerne würden wir auch wieder aufbrechen, aber mit drei Kindern ist das wirklich schwierig“, sagten sie nach dem Abendessen, als die kleinen im Bett waren. Wir erzählten ihnen von der Familie aus Österreich, die seit zehn Jahren um die Welt reiste und inzwischen sogar vier Kinder dabei hatte. Natürlich war es nicht leicht, aber möglich war es auf jeden Fall. „Ich kenne jemanden,“ sagte Adam, „der mit seiner Familie in einem Pferdewagen reist. Das könnte ich mir auch sehr gut vorstellen!“

Am Abend rief noch eine Frau an, für die Adam ab und zu arbeitete. Er erzählte uns anschließend, dass sie vor ein paar Tagen wegen Darmkrebs operiert wurde und nun Chemotherapien und Bestrahlungen bekam. Als wir erzählten, dass wir uns bereits sehr viel mit alternativen Krebstherapien beschäftigt hatten, rief er die Frau noch einmal an, damit wir ihr eine Telefonberatung geben konnten. Sie sprach recht gut deutsch und so konnten wir ihr unterschiedliche Möglichkeiten aufzeigen, mit denen sie ihren Körper entgiften und ihre Selbstheilungskräfte steigern konnte.

Am nächsten Morgen erzählte uns Kim, dass die kleine Tochter heute überhaupt nicht in die Schule wollte, da sie beschlossen hatte mit uns mitzuwandern. Wir hatten am Nachmittag ein paar mal darüber gescherzt, aber die kleine fand die Idee offenbar deutlich besser, als wir vermutet hatten. Mit uns konnte sie natürlich nicht mitkommen, aber es zeigte deutlich, dass sie die Weltreiseträume ihrer Eltern doch mehr teilte, als sie glaubten.

Der Abschied fiel uns wieder einmal schwer, doch vielleicht klappt es ja wirklich, dass wir die fünf eines Tages mit ihrem Pferdewagen irgendwo anders auf der Welt treffen.

Der Tag begrüßte uns mit einer ordentlichen Portion Sonnenschein und von dem Nebel der letzten Vormittage war nichts mehr zu sehen. Die Landschaft durch die wir heute wanderten war ebenso idyllisch wie anstrengend. Unser Reiseführer bezeichnete diese Gegend als Mittelgebirge und auch wenn ansonsten nahezu nichts von dem stimmt, was der gute Mann geschrieben hat, so hat er damit nicht übertrieben. Zwischen die Weideflächen und Felder mischen sich nun immer mehr Wälder. Durch die Täler schlängeln sich kleine Flüsse oder Bachläufe die manchmal zu großen Stauseen aufgestaut wurden. Die Magnolien, die Kirschen und die Apfelbäume stehen in voller Blüte und auch die Blumen sprießen überall hervor.

Gegen Mittag machten wir ein Picknick in Le Châtenet-en-Dognon. Wir ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen, machten unsere Akupressurübungen und holten etwas Schlaf nach. Heiko hatte sich in der Nacht so sehr verlegen, dass er sein Genick kaum noch bewegen konnte und so nutzten wir die Sonne für eine Massagesession, um wieder etwas lockerer zu werden. Die alten Damen von der letzten Yogastunde, die so viel flexibler waren als wir, drängten sich immer noch hin und wieder in unser Bewusstsein und machten uns ein schlechtes Gewissen.

Als wir weitergingen, entdeckten wir einen Bussard, der hoch über unseren Köpfen kreiste und dann Anlauf nahm um auf einer Stromleitung zu landen. Es war zu tiefst beeindruckend zu sehen, wie präzise der große Vogel auf dem dünnen Draht landete und sofort damit begann, sich auszubalancieren. Es war wirklich anstrengend für ihn auf dem Kabel zu sitzen und er musste immer wieder mit dem Stoß nach oben oder unten pendeln um sein Gleichgewicht zu halten. So aus der Nähe habe ich ein solches Schauspiel noch nie beobachten können.

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Nach einigen weiteren schweißtreibenden Aufstiegen und deutlich weniger erholsamen Abstiegen erreichten wir Lussac, einen kleinen Ort in dem es einen alten Orden gab, der angeblich Pilger aufnahm. Wie wir feststellten, machte er es wirklich. Wir wurden von einigen Nonnen empfangen und dann in einen Raum mit einem großen Tisch und jeder Menge Tee gebeten. Eigentlich kostete eine Übernachtung hier 25€ aber nachdem wir ihnen von unserer Reise erzählt hatten, durften wir auch umsonst übernachten. Nach und nach versammelten sich immer mehr Schwestern und Brüder um unseren Tisch und wollten unsere Geschichte hören. Zunächst erzählten wir auf Französisch, was wir erzählen konnten. Dann kam eine Nonne, die Deutsch sprach und wir erzählten alles noch einmal in unserer eigenen Sprache. Schließlich zeigte man uns unsere Zimmer. Außer uns übernachten heute noch drei weitere Pilger hier. Es sind drei Frauen um die 40, die ebenso wie der letzte Pilger den wir getroffen haben aus Belgien stammen. Sie wandern den Weg in einzelnen Etappen und sind dieses Mal rund 40 Kilometer entfernt von hier gestartet. Heute war ihr zweiter Tag.

Zum Abendessen nutzten wir die letzten Sonnenstrahlen und machten ein Picknick im Klostergarten. Nach kurzer Zeit bekamen wir besuch von zwei Hunden, die sich zu uns gesellten und einige Streicheleinheiten einforderten. Bereits auf dem Weg hier her hatten wir einen Hund getroffen, der uns sofort adoptiert hatte und den ganzen Weg bis zum Kloster bei uns geblieben war. Auch die beiden blieben bei uns, bis wir wieder ins Haus gingen und die Begegnung mit ihnen war genauso selbstverständlich und herzlich wie mit vielen Menschen, denen wir auf dem Weg begegnet sind.

Spruch des Tages: Ein Abschied ist nur ein Hallo, dass so lange vom Wind über die Welt getragen wird, bis man sich wiedersieht. (Zitat aus Free Birds)

 

Tagesetappe: 18 km

Gesamtstrecke: 1563,97 km

 

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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