Tag 76: Der Kriminalfall

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Tag 76: Der Kriminalfall

Tag 76: Der Kriminalfall

Als wir heute morgen in der Früh aufwachten und durch den sonnendurchfluteten Klostergarten zu unserem Frühstück stapften, hatten wir nicht den Hauch einer Ahnung, dass wir am Abend in einen echten Kriminalfall verwickelt werden würden. Der Tag war nicht unanstrengend und es gab einiges zu erzählen, doch der Abend stellte alles andere in den Schatten. Ich will euch aber nicht die Spannung nehmen und erzähle deshalb alles der Reihe nach. Die drei Pilgerinnen, die gleichzeitig mit uns im Kloster wohnten, brachen einige Minuten vor uns auf. Sie sahen recht lustig aus mit ihren drei wasserfest eingeschweißten Landkarten, ihrem Kompass, ihrer Highteck-Funktionskleidung, ihren dicken Bergschuhen und ihren riesigen Rucksäcken in denen sie mehr Gepäck zu haben schienen als wir in unseren Wagen. Alles wirkte leicht overdressed, wenn man bedachte, dass sie nur 10 Tage unterwegs waren und fast ausschließlich auf asphaltierten Straßen unterwegs waren, die alle 20 Meter mit einer Jakobsmuschel gekennzeichnet sind. Beim Frühstück hatten sie uns erzählt, dass sie einen festen Zeitplan hatten, da sie in 10 Tagen eine Rückfahrt mit dem Zug gebucht hatten. Trödeln oder mal einen Tag faulenzen war also nicht drin. Wirklich ins Gespräch kamen wir mit den dreien dann aber erst in Saint Léonard de Noblat. Die kleine Stadt lag gut drei Kilometer von unserem Schlafplatz entfernt und besaß eine Kirche die von der UNESCO als Weltkulturerbe eingetragen wurde. Warum die UNESCO das gemacht hat, ist uns noch immer Schleierhaft, denn von allen Kirchen, die wir in letzter Zeit besucht haben, war dies die unspektakulärste. In einem Café trafen wir die drei Pilgerinnen wieder, die sich hier in der Sonne einen Kaffee gönnten. Sie luden uns auf ein Getränk ein und so verbrachten wir den Vormittag mit netten Gesprächen in großer Pilgerrunde.

Schwester Marie uns ja bereits als Schlafgäste in Limoges angekündigt hatte und wir die Einladung gerne annehmen wollten, wurde unser Laufpensum am Nachmittag dafür etwas straffer. Zum Glück schoben sich einige Wolken vor die Sonne, denn andernfalls wären wir bei den ständigen Anstiegen vor Hitze schlichtweg zerflossen. Durch die Berge zog sich die Strecke wie Kaugummi und fast schon glaubten wir, überhaupt nicht mehr in Limoges anzukommen.

Dann kamen wir über eine Hügelkuppe und plötzlich lag sie vor uns, die Stadt auf die wir die ganze Zeit zugesteuert haben. Normalerweise würde man Limoges mit seinen rund 150.000 Einwohnern nicht als Großstadt bezeichnen, doch wir hatten in den letzten Wochen nur kleine Dörfer mit wenigen hundert Menschen durchquert und so erschien uns dieses Gebilde vor uns geradezu monströs. Hätten wir in diesem Moment auf Tokyo oder Buenos Aires heruntergeblickt, hätten wir nicht überwältigter sein können. „Das ist aber nicht gerade klein!“ kommentierte ich überflüssiger Weise.

Das ganze Tal, das vor uns lag war vollkommen mit Häusern und Straßen ausgefüllt. Darunter waren auch einige Hochhäuser, die vielleicht nicht die höchsten dieser Erde waren, aber doch als richtige Wolkenkratzer durchgingen. Der Weg in die Stadt führte entlang der Hauptstraße und diese wiederum verlief neben der Autobahn. Wir wurden also so einladend empfangen wie es nur möglich war. Heiko versuchte dem Lärm mit Hilfe von Ohropacks zu entkommen, aber die machten die Sache nur noch schlimmer. Sie dämpften den Geräuschpegel zwar ein wenig ab, verwandelten ihn aber in ein monotones Brummen, dass einen in den Wahnsinn treiben konnte. Schließlich erreichten wir den ersten Vorort. Er bestand hauptsächlich aus teuren und sehr schön hergerichteten Villen mit prunkvollen Gärten. Die Menschen, die hier lebten hatten sich alle Mühe gegeben, um es sich hier schön einzurichten, doch sie kämpften damit gegen Windmühlen. Der Lärm der Schnellstraße und der Autobahn war so Laut, als hätten sie ihr Haus direkt auf dem Standstreifen gebaut. Was hatte die Menschen wohl dazu bewogen, hier her zu ziehen? Es gab so viele wunderschöne Orte in Frankreich und viele davon starben immer mehr aus. Und hier an einem Ort, den man ohne zu zögern gegen einen Platz in der Hölle eintauschen würde, tummelten sich die Menschen und versuchten, es sich einigermaßen angenehm zu gestalten. Dass es fast niemandem mehr gelingt, seine innere Stimme wahrzunehmen, ist da kein Wunder. Selbst die Vögel schrien sich die Seele aus dem Leib und waren gut drei Mal so laut, wie ihre Artgenossen auf dem Land. Erst als wir uns der Innenstadt näherten wurde es wieder etwas ruhiger. doch gerade als wir dachten, wir hätten das schlimmste überstanden, führte uns der Weg auf einen Stadtring, der uns bis ins Zentrum begleitete. Wir freuten uns bereits tierisch darauf, endlich bei den Nonnen anzukommen und uns aus dem Großstadtchaos zurückziehen zu können. Noch ahnten wir nicht, dass wir am Ordenshaus eine Überraschung erleben sollten, die uns sogar die Polizei auf den Hals hetzte. Mit jedem Schritt, den wir weitergingen näherten wir uns einer Situation, die fast dazu geführt hätte, das wir die Nacht in Untersuchungshaft verbringen. Oder noch schlimmer: Das wir gar keinen Schlafplatz fanden.

Das Ordenshaus der Nonnen lag passender Weise direkt hinter dem Justizpalast und war mit Hilfe von einigen Einheimischen leicht zu finden. Wir klingelten und nach einiger Zeit öffnete sich ein Fenster über unseren Köpfen. Eine grauhaarige Dame sah heraus und fragte uns, worum es ging. Etwas holperig erklärten wir ihr, dass wir am Vorabend im Foyer Jean waren und dass die Nonnen dort einen Platz für uns reserviert hätten. Ihre Reaktion unterschied sich deutlich von dem, was wir erwartet hatten. Sie sagte einige Worte, die wir nur halbwegs verstanden und schloss dann das Fenster. Danach passierte lange Zeit nichts. „Meinst du, sie fragt irgendjemanden, was los ist und ob sie uns hereinlassen darf?“ fragte ich, „oder meinst du, sie wartet einfach so lange, bis wir aufgeben und verschwinden?“

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Wir warteten noch ein paar Minuten, dann klingelten wir erneut. Wieder passierte nichts. Dann aber öffnete sich die Tür und zwei Schwestern kamen heraus. Sie wirkten aufgewühlt und redeten in schnellem Tempo auf uns ein. Wir verstanden genug um zu erkennen, dass es keine Einladung war, einzutreten und es uns gemütlich zu machen. Es gab irgendeine Art von Problem und es klang ganz so, als ob es sich dabei um einen Diebstahl handelte. Einen Diebstahl, bei dem wir die Hauptverdächtigen waren. Mehr verstanden wir jedoch nicht und es wurde klar, dass wir Hilfe brauchten.

„Entschuldigung, sprechen Sie Englisch, Deutsch oder Spanisch?“ fragte ich einen Mann, der gerade aus seinem Auto stieg. Doch wir hatten kein Glück. Genauso wenig bei der Dame, die den Platz überquerte. Erst beim dritten Anlauf fanden wir unseren Dolmetscher. Es war ein Jugendlicher, der auf seine Mutter wartete. Von ihm erfuhren wir dann, was die Nonnen wirklich sagten.

Am Nachmittag zwischen 14:00 und 14:30 war ein Mann hier aufgetaucht. Er hatte behauptet, zu uns zu gehören und auf Geheiß von Schwester Marie vom Foyer Jean hier zu sein. Insgesamt wären wir vier Pilger, von denen drei aber erst später kommen würden. Dabei hatte er unsere Geschichte verwendet und auch den Namen der Schwester genannt, die wir am Vorabend kennengelernt hatten. Die Nonne, die ihn empfangen hatte, bat den Mann an der Tür zu warten, bis sie mit den anderen Nonnen gesprochen hatte. Der Mann ließ sich jedoch nicht davon abschrecken und trat ein. Als niemand ihn bemerkte, schlich er sich ins Büro und schaffte es gerade 350€ zu finden und einzustecken, bevor er von den Schwestern bemerkt wurde. Er verließ das Haus und verschwand.

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Gerade, als wir die Geschichte soweit gehört hatten, hielt ein Streifenwagen neben uns und zwei Polizisten stiegen aus. Sie hörten sich die Geschichte ebenfalls an, und nun war es an uns, zu erklären, dass wir keine Ahnung hatten, wer dieser Mann war und warum er sowohl uns, als auch Schwester Maries Namen kannte. Unser armer Dolmetscher kam dabei ganz schön ins Schwitzen, vor allem da inzwischen seine Mutter aufgetaucht war und im Wagen auf ihn wartete. Sie sah ganz und gar nicht glücklich darüber aus, dass ihr Sohn in ein Gespräch mit zwei Polizisten verwickelt war. Die Beamten nahmen unsere Personalien auf und hörten sich an was wir und die Nonnen zu sagen hatten. Dann stellten sie fest, dass sie vorerst nichts weiter tun konnten und verabschiedeten sich. Die Nonnen waren noch immer nicht gut auf uns zu sprechen, da sie glaubten, dass wir in die Sache irgendwie verwickelt waren und so sahen wir unseren Schlafplatz bereits immer mehr verschwinden. Das nun auch die Polizisten gegangen waren, beruhigte uns daher gar nicht. Ich weiß, dass ist vielleicht ein komischer Gedanke in einem solchen Moment, aber in dieser unvorstellbar großen und lauten Stadt war uns ein Schlafplatz wirklich wichtig und da war die Aussicht auf eine Nacht im Polizeipräsidium gar nicht mal so abschreckend.

Nun kam auch Schwester Marie hinzu, die unseren jungen Dolmetscher ablöste. „Warum wusste dieser Mann meinen Namen und warum hat er gesagt, dass er für euer Projekt arbeitet?“ fragte sie aufgeregt. Langsam wurde uns klar, dass wir nur dann das Vertrauen der Schwestern zurückgewinnen konnten, wenn wir eine Lösung auf dieses Rätsel fanden. Dass diese Situation genau jetzt passierte, wo sich Heiko gerade intensiv mit Profiling beschäftigte, war wieder einmal einer jener unwahrscheinlichen Zufälle, die uns in letzter Zeit so häufig begegneten. In Gedanken ging er jede Situation durch, die wir seit unserem ersten Treffen mit der Nonne erlebt hatten.

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Als sie zu uns an den Tisch getreten war, saßen noch drei weitere Männer bei uns. Alle waren Mönche gewesen oder hatten zumindest so ausgesehen. „Wie sah der Mann denn aus, der heute Mittag hier aufgetaucht ist?“ fragte Heiko die Schwester.

Es dauerte eine Weile, bis wir das Bild vollständig zusammen hatten. Er war etwa 1,75m groß, um die 50, hatte kurze, braune Haare und ein gebräuntes Gesicht ohne Bart, trug eine braune Weste und eine dunkle Hose. Damit waren die Mönche raus. Sie alle hatten graue Haare gehabt und waren deutlich älter gewesen. Wer aber kam dann in Frage? Die anderen Pilger waren Frauen gewesen, aber vielleicht hatten sie ja jemandem von uns erzählt. Doch auch das konnte nicht sein, denn wir hatten ihnen zwar von uns, nicht aber von Schwester Marie erzählt. Es blieb ein Rätsel.

Doch auch wenn wir nicht weiter kamen, führte der gemeinsame Versuch, diesen Fall zu lösen dazu, dass die Schwestern ihr Misstrauen uns gegenüber verloren. Sie baten uns herein, zeigten uns einen Platz für unsere Wagen und zeigten uns unser Zimmer. Für 19:00 wurden wir dann zum Abendessen eingeladen. „Herzliche Willkommen bei uns!“ sagte die Schwester, mit der wir zuerst gesprochen hatten. „Bitte entschuldigt, dass wir euch erst für Verbrecher gehalten haben!“

„Kein Problem!“ sagten wir und lachten. Die ganze Geschichte war viel zu spannend und zu paradox, um irgendjemandem böse zu sein. Uns so wie die Sache zunächst ausgesehen hatte, sprach ja tatsächlich einiges gegen uns.

Beim Abendessen kamen wir der Lösung des Rätsels dann aber doch noch ein gutes Stück näher. „Verdammt, was ist mit den Gärtnern?“ fragte Heiko plötzlich.

„Wie bitte?“ fragte ich und hatte keine Ahnung wovon er sprach.

„Erinnerst du dich noch an unser Abendessen im Park, wo uns die zwei Hunde besucht haben?“ fuhr er fort, „da waren doch diese zwei Männer, die um das ganze Grundstück gelaufen sind. Ich dachte, es wären die Gärtner des Klosters, aber ich erinnere mich auch, dass sie mir komisch vorkamen, weil sie sich alles so genau angeschaut haben. Und einer von ihnen war zuvor in den Saal gekommen, als wir uns mit Schwester Marie unterhalten haben. Er könnte das Gespräch mit angehört haben.“ Dann wandte er sich an Schwester Marie und fragte: „Schwester Marie, habt ihr Gärtner in eurem Kloster?“

„Nein!“ antwortete sie. „es gab mal einen, aber das ist schon lange her.“

Auch die Beschreibung des einen Nichtgärtners passte sehr gut, zu der Beschreibung der Nonnen von dem Dieb. Natürlich ist das noch immer nur ein Verdacht und so lange wir den Mann nicht finden, kann man nichts beweisen. Doch die Spur ist heiß!

Spruch des Tages: Der Mörder ist immer der Gärtner

 

Tagesetappe: 26 km + 6km Abendspaziergang durch Limoges

Gesamtstrecke: 1595,97 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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