Tag 77: Urlaub in Limoges

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Tag 77: Urlaub in Limoges

Tag 77: Urlaub in Limoges

Nach dem Abendessen mit den Nonnen, machten wir uns noch einmal auf, um die Stadt bei Nacht zu erkunden. Unser erster Eindruck der Stadt war eher der einer monströsen Lärmmaschine gewesen, in der man sich unmöglich wohl fühlen konnte. Bei Nacht sah das ganze schon etwas anders aus. Die Kathedrale, das Rathaus, der Bahnhof und einige andere alte Gebäude waren gekonnt ausgeleuchtet und wirkten so auf eine magische Art verzaubert. Vor allem der Bahnhof sah mit seiner Kuppel und der großen Turmuhr aus, wie aus einem Fantasyfilm. Obwohl dass Abendessen sehr gut gewesen war, überkam uns nach einiger Zeit dann doch wieder ein kleiner Hunger. Vielleicht liegt es am Wandern, aber im Moment könnten wir einfach immer fressen, was das Zeug hält. Manchmal komme ich mir deswegen schon ganz komisch vor und manchmal habe ich das Gefühl, dass es dabei um mehr geht, als nur um einen physischen Hunger. Vielleicht ist es ein Hunger auf einer anderen Ebene, der durch das Essen kompensiert wird, aber bislang weiß ich noch nicht genau, worum es dabei geht. Auf jeden Fall nutzten wir die erste Pizzabude auf unserem Weg um uns ein zweites Abendessen zu erfragen. Der erste Versuch schlug fehl. Als ich im Restaurant wartete, war Heiko schon ein Stück vorgegangen um Fotos von der nächsten Kirche zu machen. Eigentlich hätte ich auf ihn warten sollen, doch da ich innerhalb weniger Minuten wieder auf der Straße stand, beschloss ich ihm zu folgen. Dummerweise hatte ich die Optik der Kirche etwas überschätzt und so war auch Heiko bereits innerhalb weniger Minuten mit dem Fotografieren fertig gewesen. Das ganze führte zu einer Art Verfolgungsjagt um die Kirche, denn als ich sie erreichte, war Heiko bereits auf der anderen Seite wieder am Treffpunkt angekommen. Er wartete einen Moment, wunderte sich dann, dass ich nicht da war und ging erneut auf die Kirche zu. Als ich am Pizzarestaurant ankam, sah ich ihn gerade noch um die Ecke verschwinden. Diesmal aber holte ich ihn ein und beendete damit den Teufelskreis.

Der zweite Imbiss wurde von zwei jungen Männern um die Zwanzig betreut, die zwar wahrscheinlich nicht befugt waren, etwas zu verschenken, die sich aber auch nicht darum scherten. Überhaupt waren sie überaus entspannt. Die Pizza brauchte zehn Minuten, bis sie fertig war und in der Zeit standen die beiden zusammen mit uns draußen vor der Tür, plauderten und rauchten je einen Joint. Schließlich wurde einer von beiden wieder an die Theke beordert. Der andere setzte sich gemütlich an einen Tisch und drehte sich einen zweiten.

Ausgestattet mit einer leckeren Pizza und der gezückten Kamera beendeten wir unsere Stadtrunde und machten uns auf den Heimweg zu den Nonnen.

Am nächsten Morgen war es Zeit, sich von den Schwestern zu verabschieden. Eigentlich hatten wir geplant, uns die Altstadt noch einmal bei Tag anzuschauen und dann in Richtung Süden weiterzuziehen. Aber wie Pläne nun mal so sind, kam wieder einmal alles ganz anders.

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Wir waren gerade auf dem Weg zur Kathedrale, als uns eine junge Frau ansprach. Sie fragte uns, was wir in Limoges machten und ob sie uns interviewen dürfe. Wir waren zwar etwas verwundert über die Frage, hatten aber nichts dagegen. Die junge Dame hieß Claire-Lise und arbeitete für einige regionale Radiosender. Wir gingen gemeinsam in den Park hinter der Kathedrale und setzen uns dort auf eine Bank. Zuerst wurde ich interviewt, dann Heiko. Wenn wir einen Mitschnitt von dem Interview bekommen, dann werden wir es in den nächsten Tagen einstellen.

„Was sind eure Pläne für den Tag?“ fragte Claire-Lise nachdem sie ihr Diktiergerät ausgeschaltet hatte.

„Wir haben keine konkreten Pläne, aber wir dachten, wir machen noch ein paar Fotos und dann verlassen wir die Stadt, um uns einen Ruhigeren Ort zu suchen“, antwortete Heiko.

„Habt ihr Hunger?“ fragte sie weiter, „Wenn ihr wollt, dann können wir bei mir noch zusammen Mittagessen.“

Da konnten wir natürlich nicht nein sagen und so kam es, dass wir etwa 15 Minuten später im dritten Stock eines Altbauhauses in der Küche saßen. Claire-Lise wohnte hier zusammen mit ihrem Mitbewohner, einem jungen Mann, der eine Ausbildung zum Krankenpfleger und Röntgentechniker machte. Das auffälligste an der Wohnung war der Fußboden, der an keiner Stelle eben war. Die komplette Wohnung war schief und zwar nicht nur ein bisschen, sondern mit einem Höhenunterschied von mindestens 20cm. Dadurch bekam alles einen leicht skurrilen Touch.

Claire-Lise bot uns an, dass wir auch die Nacht hier verbringen könnten, wenn wir es wollten. Zunächst lehnten wir ab, da wir ja eigentlich weiterwandern wollten, doch nach dem Essen und nachdem wir uns noch eine Weile festgequatscht hatten, war es bereits so spät, dass wir beschlossen, doch noch eine Nacht in Limoges zu bleiben.

Da Claire-Lise noch arbeiten und unser Interview ins Französische übersetzen musste, machten wir uns zu einem neuen Versuch auf, die Altstadt zu besichtigen. Doch auch diesmal kamen wir nicht besonders weit. Wir gingen wieder zurück zur Kathedrale um endlich einmal einen Blick hineinwerfen zu können und spazierten anschließend noch einmal durch den Park, von dem aus man einen wunderschönen Blick über die Stadt hatte. Auf einer Wiese entdeckten wir einen jungen Mann, der mit Flaschen und Bechern jonglierte. Es war eine Mischung aus Kontaktjonglage und Barkeeperakrobatik. Er wirbelte die Flasche herum, fing sie mit dem Becher auf, balancierte sie auf seinem Arm, und wirbelte sie wieder in die Luft. Wir waren so fasziniert von den Tricks, dass wir einfach stehen blieben und ihm zuschauten. „Meinst du, wir sollten ihn fragen, ob wir ein Video von ihm machen dürfen?“ fragte ich Heiko nach einer Weile.

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„Ja, warum nicht!“ antwortete er und kaum zwei Minuten später setzten wir den Plan in die Tat um. Am Vorabend hatten wir noch geglaubt, dass es wirklich schwierig war, hier mit Menschen in Kontakt zu kommen, doch nun waren wir durch eine einzige Frage teil einer Gruppe von wirklich coolen Leuten, die sich im Park trafen um sich zu entspannen und um lustige Dinge zu trainieren. Der junge Künstler stellte sich als Steven vor und erklärte uns, dass es sich bei seiner Kunst um eine Disziplin namens Flair handelte. Sie kam aus Russland und war in Europa noch nahezu unbekannt. Er übte bereits seit drei Jahren täglich und einige seiner Freunde hatte er bereits begeistern können. Auch seine Mutter, sein kleiner Bruder und seine Schwester waren im Park dabei und schauten ihm beim Proben zu. Von der Idee ein Video zu machen war er begeistert und er freute sich riesig darüber, Reisende aus einem anderen Land kennenzulernen. „Es ist wirklich schwer, hier neue Leute kennen zu lernen!“ sagte er bedauernd. Eines Tages wollte er nach Australien auswandern und dort ein Restaurant eröffnen, in dem es sieben verschiedene Räume gab. „Jeder Raum repräsentiert einen eigenen Kontinent und man kann die Spezialitäten dieses Kontinentes dort essen“, erklärte er uns, „Ich weiß es ist eine verrückte Idee, aber es ist ein Traum von mir.“

„Verrückte Träume sind die besten!“ sagte Heiko, „und deiner hört sich wirklich gut an! Wenn es soweit ist, dann musst du uns bescheid geben. Dann kommen wir vorbei und futtern uns durch jeden deiner Säle!“

Das Video was wir von seinen Tricks gemacht haben, muss noch geschnitten werden, aber sobald es fertig ist, stellen wir es ein! Nachdem wir ihn haben filmen dürfen, durften wir auch noch einiges von ihm lernen. Zwei Stunden verbrachten wir gemeinsam im Park und wir konnten einfach nicht damit aufhören die Tricks auszuprobieren. Es hatte uns angetickt und machte wirklich Spaß, auch wenn wir uns dabei ununterbrochen die Finger polierten. Zum üben hatte er eine Plastikflasche, aber leider nur eine.  Alle anderen mussten mit Glasflaschen trainieren. Auf dem Rasen gingen sie nicht kaputt, wenn sie zu Boden fielen, aber nachdem man sie hundert Mal mit dem Eisenbecher getroffen hatte, konnte es schon passieren, dass sie zersprangen. Als die Sonne langsam Anstalten machte unterzugehen, verabschiedeten wir uns und drehten schließlich doch noch unsere Runde durch die Altstadt. Limoges war noch immer laut und hektisch und wir spürten noch genauso wie am Anfang, dass es uns nicht gut tat, hier zu sein. Unsere Augen brannten und meine Nase und meine Nebenhöhlen waren gereizt wie bei einer starken Erkältung. Doch es fühlte sich mehr nach einer allergischen Reaktion an, die ich auf dem Land nicht gehabt hatte. Auch Heikos Augen brannten wie Feuer und seine Ohren rebellierten gegen den Lärm wie schon lange nicht mehr. Doch trotz alledem wurde uns die Stadt langsam sympathisch. Die Menschen, denen wir begegneten, waren entspannt und freundlich und fast überall wirkte es trotz des Lärms sehr harmonisch. Langsam konnten wir auch besser verstehen, warum die jungen Menschen hier lebten. Wenn man andere Menschen in diesem Alter treffen wollte, dann hatte man fast keine Wahl. In diesem Bezirk gab es nur sehr wenige Städte und die drittgrößte hatte bereits weniger als 10.000 Einwohner. Auf dem Land lebten fast nur ältere Menschen und jeder junge, der aus der Stadt fliehen wollte, musste die Ruhe mit Einsamkeit bezahlen. Auch Claire-Lise erzählte uns von diesem Konflikt. „Ich weiß, dass die Stadt nicht gut ist für mich, aber immer wenn ich in einen kleinen Ort komme und mir vorstelle dort leben zu müssen, dann fühle ich mich einsam und eingesperrt. Ich kann das einfach nicht!“

Später sahen wir nochmal wieder einige Jungs, die jonglierten, diesmal aber mit Bällen. „Ich hoffe,“ sagte Heiko nach einer Weile, „ dass sie erkennen, was für ein Kapital sie mit ihrem Können haben. Steven zum Beispiel. Mit dem was er kann, kann er als Straßenkünstler in wenigen Stunden mehrere hundert Euro verdienen und er kann in jeder Bar dieser Welt arbeiten! Überleg dir mal, was das für eine Freiheit ist! Ich hoffe nur, er lässt sich nicht einreden, dass das nichts Wert ist und dass er etwas vernünftiges Arbeiten muss. Mit dem können, kann er wirklich seine Träume verwirklichen, ohne sich anstrengen zu müssen!“

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Am Abend kehrten wir zu Claire-Lises Wohnung zurück. Sie hatte noch einige weitere Menschen eingeladen und es schien eine richtige Party zu werden. Die ersten beiden Gäste sind schon da, also werde ich mal in die Küche rüber gehen und schauen was sie so treiben….

Spruch des Tages: Manchmal sind es die Pausen, die uns am weitesten bringen.

 

Tagesetappe: 5 km

Gesamtstrecke: 1600,97 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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