Tag 78: Nachwirkungen

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Tag 78: Nachwirkungen

Tag 78: Nachwirkungen

Langsam hatten wir das Gefühl, dass Limoges mit einem Fluch belegt war, der dafür sorgte, dass wir die Stadt niemals wieder verlassen konnten. Nachdem wir heute morgen von Claire-Lises Wohnung aufgebrochen waren, mussten wir als erstes einmal ganz durch die Stadt zurück zum Haus der Nonnen laufen. Wieder fiel uns auf, dass uns die Menschen alle etwas entgeistert ansahen. Normalerweise hätten wir uns darüber nicht gewundert, denn immerhin wanderten wir mit zwei überdimensionierten Gepäcktaschen durch die Straßen, die auf Rädern hinter uns herfuhren und auf denen geschrieben stand, dass wir zu Fuß um die Welt gingen. Doch gestern hatten uns die Menschen genauso angestarrt und das obwohl unsere Pilgerwagen ganz gemütlich im Treppenhaus unter Claire-Lises WG parkten. Sahen wir wirklich so komisch aus, oder hatten sich unsere Ausstrahlung bereits so sehr verändert, dass man uns als Weltreisende erkannte, auch wenn wir nur durch eine Stadt bummelten? Oder stanken unsere Schuhe inzwischen so arg, dass jeder im Umkreis von 50m davon betört wurde?

A pro pro Schuhe: Mit Erschrecken habe ich heute festgestellt, dass die Sohle meines linken Schuhs bereits bis zur Hälfte gebrochen ist. Keen wird uns zwar nochmals welche zuschicken, aber ob die alten noch lange genug halten, bis die neuen da sind, ist mehr als nur fraglich…

Doch zurück zu Limoges. Gerade als wir das Stadtzentrum verlassen hatten, sprach uns ein 15 Jähriges Mädchen an, ob wir aus Deutschland kämen. Sie hatte die Aufschrift Lebensabenteurer auf unseren Wagen gesehen und da sie gerne Deutsch spreche, wollte sie einmal nachfragen. „Heute Abend kommt eine Austauschschülerin aus Nürnberg, um mich für 2 Wochen zu besuchen!“ erzählte sie uns. Wir plauderten eine Weile und verabschiedeten uns dann, doch keine zwei Minuten später kam sie wieder angelaufen. „Wartet!“ rief sie, „Ich habe mit meiner Mutter telefoniert und sie fragt, ob ihr nicht zum Essen mit zu uns kommen wollt!“

„Verdammt!“ rief ich, „diese Stadt ist wirklich verflucht! Es ist einfach nicht Möglich sie zu verlassen!“ Dass wir uns über die Einladung freuten und sie dankend annahmen, war keine Frage und so folgten wir der jungen Dame, die sich uns nun als Maëlle vorstellte zum Haus ihrer Mutter. Auf diese Weise bekamen wir noch einmal ein ganz neues Gesicht von Limoges mit. Maëlle lebte mit ihrer Familie in einem kleinen Haus mit Garten im Hinterhof, in dem es ruhig und idyllisch war. Sie brachte uns einige neue Französischvokabeln bei und als ihr kleiner Bruder von der Schule kam, spielte er uns sogar noch etwas auf seiner Tuba vor. Er spielte die Melodie vom Rosaroten Panter und die Titelmusik von Star Wars, womit ich wieder einmal neuen Input für meine Ohrwurm-Dauerschleifen hatte.

Um dem Fluch der Stadt zu entkommen, verabschiedeten wir uns dann gegen zwei Uhr und bedankten uns bei Maëls Mutter für die Einladung und das leckere Essen. „Ich danke euch!“ sagte sie, „es war schön, dass ihr da wart. Wir laden gerne Leute zum Mittagessen ein. Mir ist es wichtig, dass meine Kinder viele unterschiedliche Menschen kennen lernen und dass sie weltoffen sind. Außerdem haben wir gerne Gesellschaft. Ich koche eigentlich immer etwas mehr, als wir brauchen, für den Fall, dass jemand zu Besuch kommt. Und meistens kommt dann auch jemand.“ Ihr könnt sagen was ihr wollt, aber der Unterschied zwischen einem Menschen wie ihr und einem Menschen wie dem Bauern, der sein Grundstück mit Stacheldraht einzäunt und alle drei Meter „Betreten streng verboten!“ dranschreibt, ist doch mehr als nur frappierend. Das Spannende ist ja, dass beide eigentlich genau das gleiche wollen. Beide wollen glücklich sein, ihr Leben genießen und schöne, ehrliche Begegnungen haben. Doch im Laufe unseres Lebens entwickeln wir so unterschiedliche Strategien mit denen wir versuchen uns diese Bedürfnisse zu erfüllen, dass es fast nicht mehr nachvollziehbar ist.

Als Limoges schließlich hinter uns lag, spürten wir noch immer deutlich die Nachwirkungen unseres Stadtaufenthaltes. Die letzten zwei Tage waren sehr ambivalent gewesen. Wir hatten viele nette Menschen kennengelernt und wir hatten jede Menge Spaß. Gleichzeitig war der Großstadttrubel auch eine einzige Reizüberflutung gewesen. Unser erster Eindruck von der Stadt war, dass sie eine monströse Lärmmaschine ist, die dazu führte, dass man unweigerlich krank wurde. Nicht sofort und nicht so, dass man es in unserer Gesellschaft als Krank bezeichnen würde. Aber durch den Straßenlärm hatte man nur die Wahl, entweder abzustumpfen oder durchzudrehen. Je länger wir ein Teil dieses Trubels waren, desto mehr hatten wir uns daran gewöhnt und schließlich hatten auch wir vieles nicht mehr wahrgenommen. Doch jetzt wo wir wieder nichts als Stille, Wiesen und Wälder um uns hatten, kehrten die Eindrücke zurück. Unsere Stimmung war getrübt, ohne dass wir richtig ausmachen konnte, woran es lag. Ich hatte leichte Kopfschmerzen, meine Nebenhöhlen waren gereizt, Heikos Ohren dröhnten und unsere Mägen rebellierten gegen die Dosenravioli, die wir uns am Abend gemacht hatten. Ich weiß, das mit den Dosenravioli war unsere eigene Schuld, dafür konnte Limoges nichts, aber das machte es nicht besser.

Auch der letzte Abend war sehr ambivalent gewesen. Wir hatten viel Spaß, haben ein lustiges Gesellschaftsspiel gespielt und waren erst nach 2:00 in der Früh schlafen gegangen. Es war ein bisschen wie ein Revival früherer Zeiten gewesen. Heiko fühlte sich an seine Party-Ära zu Allianzzeiten zurückversetzt und ich mich in meine Tage als Student. Doch irgendwo war uns beiden auch klar geworden, dass diese Zeiten nicht ohne Grund hinter uns lagen.

Die drei Frauen waren alle Journalisten beim Radio gewesen und zwei von ihnen hatten zuvor Theater oder Schauspielerei gemacht. Mir kam es so vor, als wollte mir, die Begegnung mit ihnen zeigen, wie sich mein Leben entwickelt hätte, wenn ich bei meinem Kulturpädagogik-Studium geblieben wäre und mir einen Beruf in dieser Richtung ausgesucht hätte. Auch ich währe dann wahrscheinlich in eine größere Stadt gezogen und hätte gehofft meinen Durchbruch als Schauspieler oder als Theaterpädagoge zu schaffen. Doch je mehr ich mich in dieses Leben hineinversetzte, desto verlorener kam ich mir dabei vor. Damals als ich meine Bachelorarbeit über Theaterpädagogik geschrieben habe, habe ich versucht, am Ende eine Vision zu finden, ein großes Ziel, auf das sich unsere Gesellschaft hinbewegt. Es war mir nicht gelungen und je mehr ich es versuchte, desto sinnloser kam mir alles vor. Und genau das gleiche erzählten nun auch die Frauen an diesem Abend. „Ich weiß, es klingt verrückt, aber ich habe das Gefühl, dass das ganze Leben keinen Sinn hat! Man wird geboren, weil sich die Eltern ein Kind wünschen, oder weil sie nicht richtig aufgepasst haben, dann wächst man irgendwie auf, arbeitet, wird pensioniert, stirbt und am Ende ist es als hätte man nie gelebt. Warum das alles?“

Ein anderer Satz der an diesem Abend fiel, beschäftigte mich sogar noch mehr: „Es ist nicht so, dass mit nichts Spaß macht, es gibt viele Dinge, die ich mag, aber es gibt nichts, dass mich wirklich ausfüllt.“ Zu meiner Studienzeit, hatte ich das Problem, dass ich mich nie entscheiden konnte, was ich machen will, weil ich alles interessant fand. Und wenn ich mich dann doch einmal für etwas entschieden hatte, dann gab es immer einen Grund, warum ich mich damit nicht wohl fühlte und mir alles andere plötzlich wichtiger vorkam. Es war das gleiche Gefühl gewesen, dass die junge Frau nun beschrieb, doch damals hatte ich es nicht verstanden. Ich dachte immer, dass es mein Ziel wäre, eines Tages alles zu lernen, konnte aber nie bei einer Sache dabei bleiben. Erst als ich Anfing, mich mit der Natur zu beschäftigen, verstand ich, dass es wichtig war, herauszufinden, was die eigene Mission im Leben war. Ohne ein höheres Ziel zu haben, an dem man sich orientieren kann, war das Leben wie der Versuch, sich in einem dunklen, unbekannten Wald zurechtzufinden. Natürlich stolpert man hin und wieder über Dinge, die einem weiterhelfen und vielleicht findet man sogar einen angenehmen Weg, der einen irgendwo hinführt, doch eine echte Orientierung ist nicht möglich. Es mag sein, dass man dennoch erfolgreich ist, aber man braucht auf jeden Fall ein vielfaches der Strecke. Auch jetzt weiß ich noch nicht zu einhundert Prozent, wohin mich mein Weg führt und das merke ich auch immer wieder deutlich, an den vielen Schlenkern die wir einbauen. Aber langsam gelingt es mir immer besser, die Zeichen zu verstehen, die die Natur und das Leben bereithalten um mir den Weg zu weisen.

Rund neun Kilometer hinter Limoges machten wir eine Pause auf einer kleinen Wiese und streckten uns in die Sonne. „Es ist doch krass, oder!“ begann Heiko schließlich, „wie schnell, all der Tubel auch wieder vergessen ist. Ein Picknick im Grünen und schon ist es, als hätten wir Limoges bereits in einem anderen Leben besucht.“ Und er hatte Recht! Es war eine schöne Zeit gewesen und jetzt wo das Brennen in den Augen und das Dröhnen im Kopf nachließ, machte es auch wieder Spaß darauf zurückzublicken.

Weit kamen wir auch heute nicht. In Aixe-sur-Vienne fragten wir nach einem Schlafplatz. Wir hatten mehr als nur Glück. Die Touristeninformation schloss um 17:00 und um 17:09 stand ich davor. Doch die Dame vom Empfang war noch immer da und auch wenn das Schild mit „Geschlossen“ bereits an der Tür hing, ließ sie mich trotzdem noch herein. Sie rief einige Leute an, die hier im Ort Pilger aufnahmen, konnte jedoch keinen erreichen. „Ich muss hier eh noch einiges erledigen und bin noch eine Weile da. Wenn sie möchten können Sie um 18:00 noch einmal wieder kommen, dann probiere ich es erneut.“

Um 18:00 wurde die Aktion dann wirklich von Erfolg gekrönt. Von den 5 Personen, die sie anrief, war eine zu Hause. Sie wohnte zwar 10km entfernt, würde uns aber mit dem Auto abholen. Unsere Wagen konnten wir in der Touristeninformation lassen und morgen Früh würden wir hier wieder abgesetzt werden. Das klang nach einem hervorragenden Plan.

Etwa 20 Minuten später fuhren wir in die Einfahrt eines Anwesens am Rande eines großen Waldes. Der Ehemann der Dame, die uns abgeholt hatte, kam uns aus seinem Büro entgegen und begrüßte uns. Die beiden zeigten uns unser Zimmer und anschließend führte uns der Mann am Swimmingpool vorbei in sein Büro, um uns am Computer zu zeigen, welche Städte in Deutschland, Österreich und Tschechien er bereits bereist hatte. Bis vor einigen Jahren war er Händler für Plexiglasscheiben gewesen. Nicht irgendwelche Scheiben, sondern die, die in Flugzeugen, Helikoptern oder Sportwagen verbaut wurden. Er erzählte uns, dass er den Prototyp des überdachten Motorrades von BMW entworfen hatte. Irgendwann hatte seine Firma jedoch Stellen abgebaut, und er musste gehen. Da er zu teuer für eine andere Firma und zu jung für den Ruhestand war, sattelte er um und handelt seither mit Immobilien. Um 19:30 wurden wir zum Essen eingeladen. Es gab Muscheln, Krabben, und andere Meeresfrüchte als Vorspeise und ein Omelette als Hauptgericht.

Spruch des Tages: Alles hat seine Zeit.

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Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 1612,97 km

 

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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