Tag 84: Das war wohl nix!

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Tag 84: Das war wohl nix!

Tag 84: Das war wohl nix!

Manchmal hat man so Tage, an denen man denkt, es wäre besser gewesen einfach im Bett zu bleiben. Auch eine Weltreise schützt einen davor nicht und heute war genau ein solcher Tag. Zumindest eine Weile lang, denn der Anfang lief eigentlich noch recht gut und das Ende war auch wieder Top. Nur dazwischen war irgendwie der Wurm drin.

Zunächst einmal muss man positiv bemerken, dass wir in der Nacht nicht durch Geister, Gespenster oder Vampire heimgesucht wurden. Wenn es in unserer Burg welche gab, dann haben sie uns auf jeden Fall in Ruhe schlafen gelassen.

Am Morgen drehten wir dann einige Runden durch Périgueux um etwas zu essen aufzutreiben. Für die Menge an Geschäften, die ich dabei aufsuchte, war das Ergebnis eher ernüchternd. Heiko hatte jedoch von uns beiden das schlechtere Los. Er war bei unseren Sachen geblieben, um auf sie aufzupassen und da ich knapp eine Stunde unterwegs war und es noch immer kalt, windig und ungemütlich war, war das keine dankbare Aufgabe. Als ich wieder zurückkam, war er steifgefroren und sein Rücken schmerzte vor Verspannungen. Höchste Zeit also, um sich warmzulaufen. Do sobald wurde das noch nichts. Denn hinter der nächsten Ecke wartete ein Marktplatz voller frischer Lebensmittel, deren Verkäufer bestimmt auch gefragt werden wollten. Also drehte ich eine weitere Runde. Diesmal hatte ich etwas mehr Erfolg. Insgesamt hatten wir damit ausreichend Baguette und Brotbelag für den Tag, sowie etwas Obst, einige Radieschen und 6 Eier. Was wir mit den Eiern anfangen sollten wussten wir noch nicht, da wir keine Ahnung hatten, ob wir abends eine Küche haben würden. Doch ich konnte ja nicht ahnen, dass ich bei einem Stand der fast ausschließlich Käse verkaufte, ausgerechnet eine von zwei Packungen Eiern geschenkt bekam. Während ich in der Schlange stand und wartete, bis ich an der Reihe war, konnte ich mich auf dem Platz ein wenig umschauen. Am meisten faszinierte mich der junge Mann, der einen Stand mit Trockenpflaumen hatte. Immer wenn er meinte, dass ihm keiner dabei zusah, holte er große Plastiktüten mit Trockenpflaumen unter seinem Pult hervor, riss sie auf und verteilte sie auf dem Tresen. Dort pries er sie dann als Früchte aus eigener Herstellung an. Nicht gerade die feine englische Art, aber kein schlechter Trick.

Um Périgueux zu verlassen wanderten wir am Kanal und später an der Isle entlang. Wir freuten uns darüber, dass wir endlich wieder einmal neben einem Fluss wandern konnten, der dafür sorgte, dass es nicht ständig auf und ab ging. Doch die Freude hielt nicht allzu lange an, denn der gut ausgeschilderte Weg endete nach ein paar Kilometern und von nun an mussten wir uns selbst durch die Vorstädte schlagen. Wer meint, an einem Fluss entlang kann das nicht allzu schwierig sein, der ist noch nie an der Isle entlang gewandert. Jeder zweite weg ist entweder eine Sackgasse oder führt im Halbkreis wieder zurück in die Richtung aus der wir gekommen waren. Hinzu kommt, dass hier fast alles in Privatbesitz ist und dass die Besitzer darauf auch großen Wert legen. Man kann nicht einfach so von A nach B gehen, wenn der Weg dazwischen irgendjemandem gehört. Die roten Schilder mit „Privatbesitz – Durchgang verboten!“ haben hier so stark zugenommen, dass man fast nirgendwo mehr hinsehen kann, ohne eines zu entdecken. Zum Teil hängen sie sogar an Gartentoren oder Garageneinfahrten. Unser absoluter Favorit war ein solches Schild, das direkt an einem Wohnhaus hing. Was bitte erhoffen sich die Menschen von solchen Schildern? Sollte nicht die Tatsache, dass dort ein Haus mit massiven Wänden und einer verschlossenen Eingangstür steht ausreichen, um klar zu machen, dass nicht jeder einfach hineinspazieren kann? Ob es hier wohl wirklich mal eine Situation gab, in dem ein „Betreten verboten!“-Schild Einbrecher abgehalten hat.

„Hey Al Capone, wir können da nicht einbrechen! Da hängt ein Schild!“

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„Verdammt, Räuber Hotzenplotz, du hast Recht! Um ein Haar hätte ich es übersehen! Oh Mann, wär das peinlich geworden! Wie hätten wir denn dann dagestanden! Da packe ich meinen Dietrich lieber schnell wieder ein!“

Mhh, jetzt wo ich mir das so vorstelle, ist es ein durchaus denkbares Szenario. Vielleicht sind die Schilder also doch sinnvoller als gedacht.

Für uns jedoch waren sie gar nicht hilfreich und so sehr wir auch versuchten, einen schönen, nicht privaten Weg zu finden, so landeten wir schließlich doch immer wieder auf der Hauptstraße. Schließlich gaben wir es auf, ignorierten den Verkehr so gut es ging und folgten der Bundesstraße.

Nach einigen Kilometern keimte eine neue Hoffnung in uns auf. Kurz bevor die Hauptstraße in einer großen Kurve einen noch größeren Berg hinaufführte, ging links ein Feldweg ab, der am Fluss entlang führte. Wir überlegten nicht lange und bogen ab. Der Weg hatte gute Jakobswegqualität: Er war verschlammt, steinig, voller Pfützen und immer zu einer Seite hin schräg. Zunächst nichts Ungewöhnliches also. Doch mit der Zeit wurde er immer härter. Der Pflanzenbewuchs wurde höher und schon bald glich der Weg einem Urwald. Halb hinter einer Mauer versteckt stand das Zelt eines Obdachlosen. Dann kamen die ersten Baumstämme unter denen wir hindurchkrabbeln mussten. Dann folgten weitere Stämme, die wir zur Seite wuchten mussten um überhaupt noch weitergehen zu können. Es kam wie es kommen musste. Eine Wurzel, die aus dem Boden ragte brachte meinen Wagen zum Kentern. Mit vereinten Kräften wuchteten wir ihn wieder auf die Räder, doch ein leichtes Verbiegen der Deichseln konnten wir nicht mehr verhindern. Als wir wieder sicheren Boden unter den Füßen hatten, bog ich die Stangen wieder in Form. Es war kein großes Problem aber mit jedem Mal, wenn das passiert, steigt die Angst, dass die Deichseln irgendwann einmal brechen könnten.

Wir kämpften uns weiter durch das Unterholz und überwanden mehrere schmale Stellen, an denen der Wagen nicht kentern durfte. Hätten wir hier einen Fehler gemacht, wären wir mit samt dem Gepäck im Wasser gelandet.

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Doch letztlich war es nicht die Wildnis, die uns scheitern ließ. All diese Hindernisse waren überwindbar. Dann aber kam eines, an dem es kein Weiterkommen mehr gab. Es war ein Zaun. Er war gut Zwei Meter hoch, mit Stacheldraht eingefasst und mit einem dicken Vorhängeschloss versperrt. In der Mitte hing ein großes, rotes Schild mit der Aufschrift: „Privatbesitz! Durchgang verboten!“

Deprimiert und erschöpft blieben wir stehen. Sollte das wirklich der Dank für all die Strapazen sein?

„Hilft nichts!“ sagte Heiko leicht gereizt, „dann müssen wir wohl wieder zurück.“

Ich wollte jedoch noch nicht so schnell aufgeben. „Meinst du nicht, wir können zu dem Haus dort gehen und den Besitzer fragen, ob er uns durchlässt?“ schlug ich vor.

„Versuchen kannst du´s,“ antwortete er, „aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es klappen wird. Er wird sicher nicht erfreut sein, wenn du in sein Grundstück einbrichst und ihn dann bittest seinen Hochsicherheitszaun für uns zu öffnen.“

„Mag sein, aber vielleicht haben wir ja Glück!“ entgegnete ich.

Ich setzte meinen Wagen ab und kletterte den Hang hinauf um 20 Meter weiter über die Mauer zu klettern. Dann lief ich hinüber zum Haus und klingelte. Eine junge Frau öffnete und ich erklärte ihr unsere Situation.

„Sorry!“ sagte sie, „Ich bin leider nur die Haushälterin und habe keinen Schlüssel. Der Besitzer des Anwesens ist nicht zu hause und kommt auch heute nicht wieder! Tut mir wirklich leid!“

Es half also nichts. Wir mussten uns wohl oder übel geschlagen geben und uns den ganzen Weg wieder zurück zur Hauptstraße schleppen. Und zu allem Überfluss fing es jetzt auch noch wieder zu regnen an. Erst leicht, dann stärker und am Ende kam sogar noch Hagel hinzu. Jetzt war der Moment gekommen, an dem wir uns wünschten, einfach im Geisterschloss vor der warmen Heizung geblieben zu sein.

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Von nun an ging es also wieder an der Hauptstraße entlang. Neben den LKWs den Berg hinauf und mitten durch den kalten Regen.

Doch auch wenn wir es in diesem Moment nicht geglaubt hätten, hatte der Tag ein wirklich tolles Happy-End.

In einer kleinen Ortschaft fragten wir in einer Bibliothek nach Möglichkeiten zum Übernachten. Die drei Frauen an der Rezeption legten sich tüchtig ins Zeug und nach wenigen Minuten hatten sie eine Frau am Telefon, die bereit war, uns aufzunehmen.

Wir sollten uns mit ihr an der Kirche im Nachbarort treffen. Als wir dort ankamen, wartete sie bereits auf uns und begrüßte uns freudig. Dann beschrieb sie uns den Weg und fuhr mit dem Auto zurück. An jedem wichtigen Wegpunkt wartete sie auf uns und gab uns weitere Anweisungen.

Schließlich bekamen wir ein Gästezimmer mit eigenem Bad und setzten uns im Wohnzimmer auf eine heiße Schokolade zusammen. Ein perfekter Ausklang eines anstrengenden Tages.

 

Spruch des Tage: Es kann nicht immer Schiefgehen

 

Tagesetappe: 18 km

Gesamtstrecke: 1758,97 km

 

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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