Tag 266: Fluchtgedanken

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Tag 266: Fluchtgedanken

Tag 266: Fluchtgedanken

Plötzlich zuckte ich zusammen. Was machten nur die ganzen Ddddddds auf meinem Bildschirm und was war eigentlich gerade los. Es dauerte einige Sekunden, bis mir bewusst wurde, dass ich unterm Schreiben eingeschlafen war.

„Vielleicht solltest du dich lieber an den Tisch setzen!“ sagte Heiko, „Anstatt dort auf dem Sofa herumzuflezen.“

Die Idee war nicht verkehrt. Um 2:00Uhr in der Nacht todmüde einen Bericht schreiben zu wollen, während man entspannt auf einem Sofa lag, war tendenziell etwas schlecht durchdacht. Am Tisch schaffte ich es gerade den Artikel fertig zu stellen, dann sank ich kaputt auf meiner Isomatte zusammen.

Es war ein voller und ereignisreicher Tag mit einem unerwarteten Ende gewesen. Heute verlief der Tag ähnlich, nur waren dem Universum offenbar die Joker ausgegangen, denn am Ende wartete leider keine besondere Überraschung auf uns, die uns vor einer Zeltnacht auf einer Parkwiese zwischen der Autobahn und der Schnellstraße bewahrte. Wir sind hier endgültig wieder einmal in einer Gegend angekommen, in der es nahezu keine Menschen mit Gefühl mehr gibt. Ich denke, das es wahrscheinlich noch leichter war, in einer Stadt voller menschenfressender Zombies einen hilfreichen Untoten zu finden, als hier einen der wenigen Menschen, die nicht so von ihrem Leben frustriert waren, dass sie nicht einmal mehr Lust zum Töten hatten. Ich meine, es war ja schon seit der Grenzüberquerung nach Spanien schwierig, auf einen offenen Menschen zu treffen, aber diese Region ist nun die absolute Krönung. Woanders haben sich die Menschen wenigstens noch aufgeregt oder haben irgendein Gefühl gezeigt. Hier sagen sie einem mit freundlichem, eingefrorenen Lächeln ins Gesicht, dass sie einen ohne mit der Wimper zu zucken verrecken lassen würden, nur weil man sich einen Zentimeter außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches befindet. „¡Yo soy nadie!“ ist immer wieder die Antwort der Menschen auf meine Frage. „Ich bin niemand!“ Sie meinen damit, dass sie nicht der Chef sind und keine Zusage machen können. Aber überlegt euch noch einmal was es für eine Aussage ist: „Ich bin niemand!“ „Ich habe keinen Wert!“ „Ich lebe nicht!“

Sie meinen es nicht bewusst, aber die unterbewusste Aussage, die darin steckt, beschreibt genau das was wir fühlen, wenn wir hier durch die Straßen gehen. Es ist niemand da. Kein Mensch, nur eine große Ansammlung gut funktionierender aber herzloser Robotter. Es sind „Nice dead people!“ – „Nette, tote Menschen“ Ich bin ein niemand, wie also will ich da jemandem helfen? Wie will ich dem Universum einen Nutzen bringen? Wie will ich etwas erschaffen, Lebensfreude empfinden oder meinem eigenen Weg folgen. Wenn ich niemand bin, dann habe ich folglich auch keinen Weg. Es heißt: „Ich denke also bin ich!“ heißt dies im Umkehrschluss auch: „Ich bin nicht, also muss ich auch nicht denken?“

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Unsere Erfahrungen hier scheinen jedenfalls genau das zu bestätigen. Außer Alicia und Rita haben wir nun seit Tagen keinen einheimischen Menschen mehr getroffen, der sich eigene Gedanken gemacht hat. Wenn wir eine Idee vorschlugen, dann wurde kurz überlegt, ob sie umsetzbar war oder nicht. Eigene Vorschläge kamen jedoch nie.

Wir wollen wirklich nicht meckern, es ist der absolute Knaller, was wir im Moment für Geschenke erhalten, um hier doch noch irgendwie durchzukommen. Erst Diggin und Lyne und nun Alicia und Rita. Doch es ist schon erschreckend, dass wir allein heute durch vier Städte gewandert sind und in allen nach einem Schlafplatz von offizieller Seite gefragt haben, ohne eine einzige positive Antwort zu bekommen. Kein Pfarrer, kein Mönch, keine Nonne, keine Caritas, kein Rathausbeamter, kein Altenheim und kein Polizist. Ist das nicht ein echtes Armutszeugnis? Wenn man gestern und die letzten Tage mit hinzunimmt, dann kommen wir bereits auf mehr als zehn Städte, ohne einen hilfreichen Einwohner. Außer den genannten natürlich, aber die wohnten ja allesamt nicht einmal in den Städten selbst. Wie kann es sein, dass man in einer Stadt mit 20.000 Einwohnern nicht einmal eine Garage gestellt bekommt? Wir wollen wirklich nicht undankbar sein, aber im Moment ist es einfach wieder so unglaublich schwierig, diese Menschen hier gern zu haben, dass ich es fast nicht in Worte fassen kann. Unser Gefühl ist gerade wieder einmal nur noch raus hier! Weg von Spanien und irgendwo hin, wo es wieder lebende Menschen gibt. Frankreich wirkt wie eine Oase der Herzlichkeit und lockt uns mit den süßen Erinnerungen der Geborgenheit, die wir dort erlebt haben. Wenn wir auf die Karte schauen und uns die 550km vor Augen führen, die uns noch immer von der Grenze trennen, dann packt uns gerade das Grauen. Vielleicht sollten wir unser Heilungsbuch doch noch einmal auf die Seite legen und stattdessen einen Horrorfilm drehen. Die beeindruckend hässlichen Städte mit ihren immer gleichen, eckigen, gefühlslosen und kalten Gebäuden, von denen die Hälfte verrammelt und verfallen ist, bieten auf jeden Fall die geeignete Kulisse dafür. Wir müssten nicht einmal eine Pause machen, um an einem Drehort zu bleiben, denn jede Stadt gleicht der letzten wie ein Ei dem anderen. Nur dass es eben eckige, unförmige und runzlige Eier sind. Und für das nötige Killergift, durch das die Menschen ihre Gefühle verlieren ist in Form der unendlichen Orangenplantagen gesorgt, die sich rings um die Städte verteilen. Diggin hat uns erzählt, dass in dieser Region die komplette Orangenernte für alle europäischen Länder angepflanzt wird. Jede Orange, die wir also in der Weihnachtszeit essen, oder zumindest fast jede, kommt aus dieser Region. Bioplantagen, werden dabei übrigens mit einem weißen Netz umspannt, dass sie vor den Giften der Nachbarfelder schützen soll, die nur einen Meter daneben liegen. Die Netze ähneln den Fliegengittern, die wir vor unsere Fenster spannen. Ihr könnt ja einmal ausprobieren wie viel Flüssigkeit sie abhalten, wenn ihr versucht, ein Glas Wasser nach draußen zu kippen.

So, jetzt reicht es aber erst mal wieder mit Sarkasmus. Kommen wir zu den schönen Ereignissen.

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Gestern haben wir Vincente auf der Straße getroffen. Ungünstiger Weise standen wir dabei genau an einem Kreisel. Er war der erste, wirklich interessierte Spanier, der uns seit Ewigkeiten begegnet ist. Er stellte nicht nur Smalltalk-Fragen, sondern wollte wirklich etwas wissen und freute sich auch, wirklich etwas über sich erzählen zu können. Spannend war unter anderem, dass er ebenfalls sehr gerne und sehr viel reiste, dass für ihn jedoch Flugzeuge nicht mehr in Frage kamen. Die Strahlung und die Strapazen für den Körper waren einfach so hoch, dass er sich das nicht antun wollte. Wir waren erstaunt, wie viel er über diese Dinge wusste. Als wir später noch einmal darüber sprachen, viel uns auf, dass insgesamt sehr viel Wissen bei den Menschen vorhanden ist. Wie viele Leute beispielsweise von der Schädlichkeit von Weißmehl, Zucker oder Schweinefleisch wussten, wie viele von den Auswirkungen des Elektrosmogs. Nur hatte leider kaum einer die Zeit und die Möglichkeiten, dieses Wissen zu verknüpfen und zu einem einzigen großen Spinnennetz zusammenzufügen. Daher konnte sich auch nichts ändern.

Alicia musste bis um 20:00Uhr in der Herberge arbeiten und so nutzten wir die Zeit, um noch etwas Essen aufzutreiben. Bei unserem Stadtbummel kamen wir an einem Laden vorbei, in dem es Sonnenbrillen aus Bambusholz gab. Ich war sofort verliebt und probierte einige von ihnen aus. Wie cool war denn bitte eine handgefertigte Brille aus Holz, anstatt aus Plastik und Aluminium? Die einzige Frage war nur: Konnte man auch geschliffene Gläser in meiner Stärke einsetzen? Wir fragten den Optiker nebenan und bekamen eine niederschmetternde Antwort: „In diesem Modell ist es definitiv nicht möglich!“

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Schade! Es wäre eine gute Alternative zu meiner jetzigen Brille gewesen.

Der Abend gestern war nach dem anstrengenden Tag dann ein wirklich gemütlicher und lustiger Ausklang. Wir kochten zu viert und tischten dabei alles auf, was wir zuvor in der Stadt ergattern konnten: Kürbis, Auberginen, Karotten, Hühnchenfleisch, Kartoffeln, Tunfisch und sogar zwei Pferdefrikadellen. Ich weiß, in Deutschland ist das ziemlich verpönt, aber hier gibt es tatsächlich Pferdefleisch zu kaufen und ich muss sagen, dass es sogar ziemlich gut schmeckt. Wirklich beeindruckt war ich jedoch von der Leber des Pferdes, die man in der Schlachterei ebenfalls kaufen konnte. Sie war so groß, dass man eine komplette Familie damit hätte ernähren können.

Später kam noch ein Freund der beiden und leistete und beim Essen Gesellschaft. Er war ein lustiger Kerl und er war definitiv der einzige, der überzeugend rüberbringen konnte, dass er ein absoluter Fan von gebratenen Schweineohren war.

Heute verlief der Tagesausklang leider etwas anders. Statt eines gemütlichen Kochabends sitzen wir in unserem gemütlichen Zelt, währen draußen der Regen auf uns niederprasselt. Der Autobahnlärm ist zu einem gleichmäßigen Rauschen und Dröhnen verschmolzen und unsere Rücken sind nicht allzu begeistert von der Affenhaltung, mit der wir an den Computern sitzen. Dafür bekamen wir jedoch eine lustige Muppetshow präsentiert, während wir unser Zelt aufbauten. Ein grimmiger Kutscher versuchte sein Pferd davon zu überzeugen, durch eine große Wasserpfütze zu gehen, doch das Pferd weigerte sich mit all seiner Kraft und führte den Mann immer wieder an der Nase herum. Nach einigen Minuten preschte die Kutsche dann im Galopp davon, um kurz darauf wieder vor der gleichen Pfütze zu stehen und das Spiel von vorne beginnen zu lassen. Der Mann verlor nach dem 5. Mal allmählich die Geduld, wir aber waren stolz auf den ungebrochenen Willen des Pferdes. Es rührte sich nicht eher, bis der Kutscher seine Machtposition verließ und sich selbst die Füße nass machte. Dann folgte auch das Pferd.

 

Spruch des Tages: Es kann doch nicht nur Zombies geben!

 

Höhenmeter: 50 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 5216,87 km

Bewertungen:

 
52

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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