Tag 687: Da waren’s nur noch zwei

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Tag 687: Da waren’s nur noch zwei

Tag 687: Da waren’s nur noch zwei

Fortsetzung von Tag 686:

Nach der Meditation standen wir auf und packten zusammen. In der Nacht war es deutlich Kälter gewesen, als am Tag, weshalb unser Zelt nur so vor Kondenswasser triefte. Am anderen Ende des Feldes tauchten die ersten Sonnenstrahlen auf und wir legten die Zeltplane in die Wärme, damit sie zumindest ein bisschen trocknen konnte. Mit dem ganten Wasser wog das Zelt nun locker noch einmal sechs Kilo mehr und bei dem Aufstieg, den wir heute vor hatten, konnte Heiko sich einfach nicht darüber freuen.

In der Zwischenzeit probierten wir seit langem mal wieder unsere SWAK-Zahnbürsten aus. Seit wir herausgefunden hatten, dass das Zähneputzen mit den gewöhnlichen Zahnbürsten und mit der handelsüblichen Zahnpasta, die neben Fluor und Aluminium auchMikropartikel von Plastik enthält, dem Körper und auch den Zähnen mehr schadete als es nützte, hatten wir es mit der Zahnpflege nicht mehr so genau genommen. Paulina hatte und dann von einem Mann erzählt, der Zahnbüsten aus Miswak-Holz herstellte. Das Holz enthält ein natürliches Desinfektionsmittel und fasert so fein auf, dass es sogar besser funktioniert als eine normale Bürste. Damit alleine bekam man die Zähne schon lupenrein, doch wenn man das Gefühl von Zahnpasta nicht missen wollte, dann konnte man etwas Zahnsalz auf die hölzerne Bürste streuen. Das schmeckte sogar besser als die Chemie-Variante, polierte genauso und hatte keinerlei Nebenwirkungen.

Nachdem wir unsere Zahnpflege abgeschlossen hatten, war auch unser Zelt einigermaßen trocken und wir konnten zusammenpacken. Der Weg führte uns weiter den Berg hinauf, wenngleich nicht mehr ganz so steil und weit wie am Vortag. Schließlich erreichten wir eine Flachebene, von der es dann noch einmal über einen weiteren Gipfel und dann erneut in ein kleines Tal ging. Unsere Nahrungsvorräte hatten wir bereits am Abend weitgehend aufgebraucht und so freuten wir uns schon auf das erste Dorf, dass auf unserem Weg lag, um dort ein Frühstück zu ergattern. Als wir es jedoch erreichten blieb uns vor schreck fast der Mund offen stehen.

Dort, wo auf meiner Karte noch ein kleines, abgelegenes Dorf eingezeichnet war, gab es in Wirklichkeit kein Dorf mehr. Es hatte vor nicht langer Zeit einer riesigen Baustelle Platz gemacht und bis auf ein paar einzelne Häuser am Rande war alles eingeebnet worden. Stattdessen hatte man hier ein künstliches Blechdosendorf erschaffen, eine Art Arbeitslager, das aus lauter identischen Hütten bestand. Alle waren aus hellgrauem, fast weißem Blech gefertigt und hatten strahlend blaue Dächer. Zunächst verstand ich nicht genau, was der ganze Zirkus hier sollte, doch dann stand ich plötzlich vor einem gigantischen Plakat, das jedem das Geheimnis dieser Baustelle offenlegte. Es hatte die Größe einer Kinoleinwand und zeigte eine computeranimierte Grafik. Dieses Mal fiel ich nun vollkommen vom Glauben ab.

„Heiko!“ schrie ich über den Baustellenlärm hinweg zurück zu dem Platz, an dem Heiko mit den Wagen wartete. „Das musst du dir ansehen!“

Etwas unwillig raffte sich Heiko auf um sein Plätzchen zu verlassen und kam zu mir herüber.

„Das glaubst du mir nie!“ empfing ich ihn und deutete auf das Plakat.

„ Ach du Scheiße!“ rief Heiko entsetzt, „das können die doch nicht ernst meinen!“

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Doch das Plakat ließ keinen Zweifel. Wenn die ganze Aktion hier nicht der größte Aprilscherz aller Zeiten war, dann sollte hier an dieser Stelle tatsächlich eine sechsspurige Autobahn gebaut werden. Mitten durch die unberührten Berge am Rande des Landes. Mitten durch ein Gebiet, in dem fast niemand wohnte, in dem es noch freilebende Bären, Wölfe und Luchse gab und in dem ganz sicher niemand eine Autobahn brauchte. Es gab ja bereits eine Straße, die hier durchführte und die war nahezu unbefahren. Sie auszubauen wäre übertrieben gewesen, aber sie gleich durch eine Autobahn zu ersetzen, mit der man das komplette Gebirge zerstörte? Wie konnte man auf so eine Idee kommen?

Trotz des Schocks über die bevorstehende Zerstörung dieses Naturparadieses hatten wir noch immer Hunger und so betrat ich das Arbeitscamp um dort wenigstens nach etwas zum Essen fragen zu können. Doch nicht einmal in dieser Richtung gab es eine positive Nachricht. Die Kantine war zwar geöffnet und es gab noch reichlich Essen, das kurz davor war, in den Abfalleimer zu wandern, doch ohne eine ausdrückliche Genehmigung des Bauleiters wollte uns der Kantinenchef nichts überlassen. Der Bauleiter jedoch war unauffindbar und die einzige Auskunft, die wir von den Arbeitern bekommen konnten war, dass er wahrscheinlich ein Schläfchen machte.

Auffällig war, dass die Führungspersonen allesamt chinesischen Ursprungs waren und dass auch die Beschriftungen an den Gebäuden immer sowohl in Serbisch als auch in Chinesisch gehalten waren. Warum das so war, konnten wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht erklären.

Mit einem Gefühl der Trauer in der Brust und einem Gefühl der Leere im Magen verließen wir den lauten, staubigen Ort der Zerstörung und wanderten weiter auf der kleinen Straße durch die schroffen Felsen und die tiefgrünen Wälder. Wir hatten ein unverschämtes Glück, dass wir jetzt hier entlangwandern durften. Bereits ein Jahr später wäre von der Schönheit hier nichts mehr übrig gewesen. Wenn die Autobahn wirklich so umgesetzt wurde, wie es das Plakat versprach, dann sollte sie nicht durch das Gebirge führen. Sie sollte das Gebirge ersetzen. Wenn ein Berg im Weg war, dann wurde er eben abgetragen und beseitigt. Klar wirkt das am Anfang vielleicht größer, als es am Ende wirklich ist, denn eine Autobahn verschlingt natürlich kein ganzes Gebirge. Auch würde das Gebirge die Autobahn noch Millionen von Jahren überdauern. Aus Sicht der Berge mochten es Nadelstiche sein, die für wenige Sekunden einen kleinen Schaden hinterließen, der schon bald nicht mehr erkennbar sein würde. Doch aus unserer eigenen Sicht, der eines Menschen, dessen irdisches Leben im Vergleich zum Weltgeschehen undenkbar kurz erscheint, wirkte dieses Bauprojekt wie ein Massaker, dessen Grausamkeit seines gleichen suchte.

Die Einheimischen, die hier in der Nähe wohnten, sahen die Sache jedoch wesentlich entspannter als wir.

„Die Autobahn wird durch das Nachbartal verlaufen!“ sagte ein Mann, denn wir einige Kilometer weiter ansprachen, als er gerade das Holz für seinen Kamin zerkleinerte. „Hier merken wir davon nichts, also ist es mir egal, was sie machen!“

In Bezug auf seinen eigenen Stresslevel war das zweifelsfrei eine gesunde Einstellung, aber so sicher waren wir uns nicht, ob er sich damit langfristig nicht ordentlich in die Nesseln setzte. Denn so wirklich weit weg war die Baustelle nicht gewesen und auch wenn die künftige Fernstraße nicht durch seinen Vorgarten führte, vom Lärmpegel würde er wohl kaum verschont bleiben. Vorausgesetzt natürlich, die Autobahn wurde überhaupt angenommen und endete nicht wie jene in Spanien, auf denen am Ende alte Herren spazieren gingen, weil sie so schön eben und angenehm zum Laufen waren.

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Seit der Baustelle ging es nun fast nur noch bergab. Unten im Tal gelangten wir dann an einen kleinen Ort, der fast nur aus Ferienhäusern bestand. Er war nun nahezu ausgestorben, weil die Urlaubszeit in Serbien und Montenegro bereits seit ein paar Tagen vorbei war. Dennoch fanden wir eine Bar, die noch immer geöffnet hatte und in der wir eine lokale Spezialität geschenkt bekamen. Die Wirtin nannte uns den Namen und fragte, ob wir damit einverstanden wären. Da wir keine Ahnung hatten, was er bedeutete und da es ohnehin nur dieses eine Gericht gab, sagten wir einfach Ja. Während wir warteten wurden wir von unserem Übersetzer aufgeklärt. Es handelte sich um eine Lokaltypische Fischcremesuppe. Heiko wurde sofort etwas skeptisch und seine Vorfreude sank merklich, doch als wir die Teller mit der heißen, dampfenden Suppe serviert bekamen, erhellte sich seine Miene sofort wieder.

„Gott ist die lecker!“ entfuhr es ihm gleich nach dem ersten Löffel. Und er hatte Recht! So ein gutes Essen hatten wir schon lange nicht mehr bekommen.

Da das Dorf ohnehin ausgestorben war schlugen wir unser Zelt auf einem kleinen Hügel direkt zwischen den Häusern auf. Links von uns befand sich ein Ski-Lift für Anfänger und rechts ein verlassenes Jugendcamp. Im Winter mussten hier ganze Kinder- und Jugendgruppen anreisen, um Ski-Fahren zu lernen. Doch jetzt war niemand hier. Es hätte auch etwas komisch ausgesehen, so ganz ohne Schnee.

Auf meinem Streifzug durch den Ort brauchte ich eine Weile, bis ich ein belebtes Haus ausfindig machen konnte. Hier traf ich eine nette Familie, die uns gleich mit allem versorgte, was wir brauchten, angefangen von Wasser bis hin zu Kartoffeln, Tomaten und sogar Würstchen.

Der Abend wurde wieder ordentlich kalt und unser Essen schien prädestiniert dafür zu sein, ein Lagerfeuer-Essen zu werden. Also schichteten wir die Hölzer auf, die neben unserem Zeltplatz lagen und schürten ein kleines Grillfeuer.

„Guten Abend!“ begrüßte uns ein Mann auf serbisch, als Heiko gerade die ersten Flammen auflodern ließ. Er begann ein bisschen mit uns zu plaudern und es stellte sich heraus, das er sowohl der Eigentümer dieses Grundstückes, als auch der Holzvorräte war. Doch unsere Anwesenheit störte ihn nicht im Geringsten. Er schien sich sogar geehrt zu fühlen.

„Es ist wirklich ein schöner Platz zum Zelten hier!“ meinte er und blickte über die Berge und in den Sternenhimmel. Dann schaute er zu unserem Feuer und meinte: „Oh, ihr müsst aufpassen, dass ihr dieses Holz da nehmt! Das andere ist noch feucht, das wird euch keine Freude machen!“

Wir waren begeistert. So angenehm und unkompliziert konnte man es also auch machen. Wir luden den netten Kerl ein, mit uns zu Essen, doch er lehnte dankend ab. „Meine Frau hat gekocht und sie wird sauer, wenn ich einfach so wegbleibe!“ sagte er lachend zur Entschuldigung. Dann wünschte er uns einen schönen Abend und guten Appetit und verschwand im Dunkeln.

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Wir schnappten unsere Matten und kuschelten uns so nah wie möglich an die Flammen. Es roch nach gerösteten Kartoffeln, nach Bratäpfeln und frisch gegrilltem Fleisch. So hatten wir unser Essen auch schon lange nicht mehr zubereitet. Es hatte etwas beruhigendes, friedliches und gleichzeitig kam ein Gefühl von grenzenloser Freiheit in uns auf. Da waren wir nun. Zwei Reisende, irgendwo in den Bergen, umgeben von kalter Nachtluft, von knisternden Flammen, leuchtenden Sternen und leise rauschenden Bäumen. Es fühlte sich gut an.

So endete unsere gemeinsame Zeit mit Paulina. Von nun an gingen wir wieder zu zweit weiter. Einige Tage später hatten wir noch einmal kurz kontakt und erfuhren dabei, dass sie von Podgorica zunächst nach Mazedonien und von dort weiter an die griechische Küste gereist ist. Sie schien soweit keine Probleme gehabt zu haben und es ist ihr auch nichts zugestoßen. Wie es für sie weitergeht und wo sie ihr Weg hintreibt, wissen wir nicht. Das ist eine andere Geschichte und sie soll an einer anderen Stelle erzählt werden.

Und was ist mit uns? Wie sehen wir die Sache nun mit einem Abstand von knapp zwei Monaten?

Vieles haben wir wirklich loslassen können, doch auch wir merken, dass immer wieder Gedanken und Gefühle in uns aufkommen, die wir noch nicht vollkommen bereinigt haben. Eine Gedankenstimme ist dabei immer wieder besonders aktiv und sie führt bis heute dazu, dass immer wieder auch noch ein Groll oder eine Wut gegenüber Paulina aufkommt. Es ist der Gedanke, dass uns durch die Erfahrung mit ihr, die Vorstellung verloren gegangen ist, wie ein Herdenleben in Freude, Harmonie, Leichtigkeit und Wachstum möglich sein kann. Anfang des Jahres hatten wir davon noch eine klare Idee und eine angenehm wirkende Wunschvorstellung. Es hat sich nun gezeigt, dass es so wohl nicht ganz so gut klappt und immer wieder schleicht sich die Gedankenstimme ein, die Paulina dafür die Schuld gibt. Auch wenn wir wissen, dass es nicht so ist. Im Gegenteil, eigentlich hat uns die gemeinsame Zeit mit ihr ja sogar ein gutes Stück dichter an die Möglichkeit eines Herdenlebens gebracht, da wir nun viel darüber lernen durften, was zuvor nur vage Ideen waren. Es wird nur wohl noch eine Weile dauern, bis diese Erkenntnis auch in unserem Gefühl wieder angekommen ist und bis wir bereit sind, einen zweiten Versuch zu wagen. Dieses Mal vielleicht auf eine ganz andere Art und Weise.

 

Spruch des Tages: Das ist eine andere Geschichte und sie soll an einer anderen Stelle erzählt werden. (Michael Ende)

 

Höhenmeter: 1250 m

Tagesetappe: 36 km

Gesamtstrecke: 12.286,27 km

Wetter: sonnig und warm

Etappenziel: Bed & Breakfast, 87070 Albidona, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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