Tag 853: Lehrreiche Begegnungen

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Tag 853: Lehrreiche Begegnungen

Tag 853: Lehrreiche Begegnungen

17.04.2016

Die weite Ebene war nun fast ausschließlich mit Weizenfeldern bedeckt. Im Hintergrund erhob sich ein kleiner Hügel, auf dem eine beeindruckend große Stadt lag, von der wir froh waren, dass wir nicht hinein mussten. Stattdessen erreichten wir ein kleines Dorf mit einem großen Park. In der Kirche wurde gerade eine Beerdigung vorbereitet. Später erfuhren wir, dass der Verstorbene in Köln gelebt hatte und bereits drei Wochen tot war. So lange hatte es gedauert, ihn zurück in seinen Geburtsort zu überführen. Der Pfarrer war offensichtlich der Meinung, dass es nach so langer Zeit auf ein paar Stunden mehr oder weniger auch nicht mehr ankam, denn er ließ die Trauergemeinde gut zwei Stunden warten, bis er endlich auftauchte. Heiko ermutigte einen älteren Herren, der sich mit uns unterhielt dazu, den Pfarrer nach dem Grund für die dreiste Verspätung zu fragen. Eigentlich wollte der Mann nicht so recht, denn ein Pfarrer war immerhin ein Mann Gottes und den hinterfragte man schließlich nicht. Doch auch seine Neugier war groß und auch er empfand es als unhöflich, dass man die Gemeinde so lange hatte warten lassen. Die Antwort des Geistlichen führte jedoch nicht dazu, dass die Stimmung besser wurde. “Wieso? Ohne mich fängt doch hier eh nichts an, warum soll ich mich also stressen?” sagte er schnippisch und verschwand in der Sakristei. Irgendwo hatte er damit ja vielleicht sogar Recht, aber es zeugte nicht gerade von besonders viel Feingefühl.

Bei meinem Rundgang durch den Ort traf ich eine Frau und einen Mann in einem Garten. Der Mann hatte es sich auf einem Stuhl bequem gemacht und schaute der Frau dabei zu, wie sie die Wand der Garage strich. Erst später fanden wir heraus, dass auch dies zu den Ostervorbereitungen gehörte. Nicht das Zuschauen, wie andere Menschen arbeiten, sondern das weiß Streichen aller Wände, Zäune und sogar Gehsteige. Offensichtlich sollte für Ostern alles leuchten. Doch zurück zu meinem Treffen am Gartenzaun. Die beiden riefen nach einer jüngeren Frau, die sich als Dimitria vorstellte und fließend Englisch sprach. Sie übersetzte und am Ende boten uns die drei eienn Platz in der Garage an. Er war nicht optimal, da sich zwischen Dach und Wand ein etwa 10cm breiter Spalt befand, aber es war besser als nichts. Wir sollten nur noch einen Moment warten, bis alles aufgeräumt und geputzt worden war. Solange setzten wir uns unter eine Art Bushäuschen und ich begann schon einmal damit, die Bremsen unserer Wagen zu erneuern, die durch die vielen Berge schon wieder abgefahren waren. Es dauerte nicht lange und wir hatten die Aufmerksamkeit der wartenden Trauergemeinde erregt. Bald schon kamen eineige Männer zu uns und sprachen uns gröstenteils auf Deutsch an. Einer von ihnen, der selbst leider kein Deutsch sprach, war ein Mechaniker und bot mir an, mir bei den Bremsklötzen zu helfen. Kurz darauf saß ich in seinem Bulli und noch etwas später stand ich in der Werkstatt in seiner Garage, wo wir gemeinsam versuchten, die Motorradbremsklötze so zu zersegen, dass sie nicht kaputt gingen und in unsere Bremsen passten. Das schwierigste dabei war die Kommunikation, die nur aus “Ja”, “Nein”, “Ok”, “groß” und “klein” bestand. Die ganze Aktion war mittelmäßig erfolgreich. Ein Klötzchen zerplatzte uns und ehe wir es schafften, das andere aus seiner Halterung zu lösen, bekam mein Kurzzeitkollege einen Anruf mit der Aufforderung, mich zurückzubringen, da es nun etwas zum Essen gab.

Wenig später stand ich wieder vor der Bushaltestelle und hielt einige frisch zersägte Bremsklötze in meiner Hand. Heiko hatte in der Zwischenzeit seinen Computer hervorgeholt und versucht mit dem Arbeiten zu beginnen, war aber keinen Schritt weiter gekommen, weil sich permanent jemand mit ihm unterhalten wollte. Wir ließen nun alles stehen und liegen und folgten dem Ruf unserer Gastgeber zum Mittagessen. Es gab Backofenkartoffeln mit panniertem Fisch und wir durften für uns alleine auf der Terrasse essen. Als wir fertig waren kam Dimitria zu uns und zum ersten Mal begannen wir eine längere Unterhaltung. Sie hatte gute Nachrichten. Anstatt der Garage hatten sie nun auch ein freies Gästezimmer für uns, das wir beziehen durften. Außerdem konnten wir duschen und wenn wir wollten würde sie sogar unsere Wäsche in die Maschine schmeißen. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und so begannen wir mit einer vollständigen Runderneuerung. Wir bekamen Ersatzkleidung, so dass wir alles waschen konnten, was wir besaßen. Es waren sogar zwei Maschinen voll und wir waren selbst erstaund, dass wir so viel Kleidung mit uns herumtrugen. Anschließend machten wir uns gleich noch daran, unsere Haare zu schneiden und uns zu rasieren. Als wir dann mit der Dusche fertig waren, fühlten wir uns wie neu geboren.

Eigentlich hätten wir uns nun zurückziehen und mit dem Arbeiten anfangen wollen, doch wieder ging der Plan nicht ganz auf, denn jetzt kam eine Tante zu besuch, die Deutsch sprach und die sich nun ebenfalls mit uns unterhalten wollte. Sie führte uns in ihr eigenes Haus und zeigte uns eine Reihe von wirklich schönen und kunstvollen Gemälden, die sie alle selbst gemalt hatte. Anschließend war es bereits so spät, dass sie uns zum Abendessen auf der Terrasse einlud. Die Sonne ging langsam unter und in unseren kurzen Ersatzkleidern wurde es langsam kalt, so dass wir uns verabschiedeten und in unser Gästezimmer zurückkehrten. Dort trafen wir auf Dimitria und da der Tag nun eh gelaufen schien, beschlossen wir, dass wir den Abend nun auch noch entspannt ausklingen lassen konnten. Es war ohnehin Sonntag und vielleicht einmal Zeit für einen Pausentag. Unsere Idee war es, eine Fußmassage für jeden von uns zu machen und Dimitria steuerte noch ein Wellness-Fußbadgerät dazu, mit dem man seine Füße in eine Art warmen Miniwirlpool stecken konnte. Doch genau mit dieser Wellnessbehandlung wandelte sich das positive Gefühl und die Stimmung kippte immer weiter, bis am Ende nur noch Unzufriedenheit übrig blieb. Das Blubbergerät selbst war relativ laut, doch das störte noch nicht einmal so. Es waren vielmehr lauter Kleinigkeiten, die zusammenkamen und die ein bisschen wie kleine Blutsauger das angenehme Gefühl und das Wohlbefinden aus uns heraussaugten. Draußen wurde es nun richtig kalt und unsere Kleidung war noch immer im Trockner, so dass wir nur die kurzen Hosen und T-Shirts hatten, die uns die Familie zur Verfügung gestellt hatte. Trotzdem musste das Fenster offen bleiben, weil Dimitria rauchen wollte, ihre Mutter dies bei geschlossenem Fenster jedoch nicht zuließ. Ehe wir uns versahen tauchten immer mehr Menschen im Wohnzimmer auf. Zunächst kam Dimitrias Mutter, dann die Tante, die wir kurz zuvor besucht hatten und schließlich noch ein Cousin, der plötzlich auf einem Sofa saß und den wir gar nicht einsortieren konnten. All das wäre kein Problem gewesen, wenn irgendeine Form von Gemeinschaft entstanden wäre. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Gespräche, die wir zuvor mit Dimitria geführt hatten, brachen ab. Dafür wollte die Tante nun einiges auf Deutsch wissen. Dimitria sprach mit uns auf Englisch und parallel mit der Mutter auf Griechisch. Es gab also immer mindestens drei Gespräche auf drei Sprachen zur gleichen Zeit, die kreuz und quer durch den Raum gerufen wurden und die alle auf eine gewisse Art gegeneinander liefen. Natürlich konnte man das auf eine gewisse Weise verstehen, denn mit den Sprachbarrieren war eine gemeinsame Unterhaltung durchaus schwierig.

Doch wenn wir noch einmal an Frankreich zurück dachten, dann musste man sagen, dass es durchaus möglich war. Damals waren wir einmal von einer Familie eingeladen worden und hatten am Abend mit Tante, Onkel, Oma und Enkel zusammengesessen. Das kleine Wohnzimmer war so voller Leute gewesen, dass man sich der Oma im Rollstuhl fast auf den Schoß setzen musste, wenn man zur Toilette wollte. die einzige Sprache, auf der eine Verständigung überhaupt möglich war, war Spanisch gewesen, das sowohl ich als auch die Cousine mehr schlecht als recht beherrschten. Trotzdem hatte es eine harmonische und lustige Stimmung gegeben und wir waren in der Lage gewesen, alle miteinander ein gemeinsames Gespräch zu führen, das sowohl produktiv als auch lustig und interessant war und das jedem von uns etwas gebracht hatte. Nun aber hatten wir nicht mehr das Gefühl, dass es uns noch irgendetwas brachte. Wir spürten kein echtes Interesse mehr, kein echtes Zuhören und auch kein echtes Erzählen. Vielmehr fühlte es sich nach einem Pflichtprogramm an, das von allen Seiten nicht wirklich gerne ausgeführt wurde. Es dauerte nicht lange und Heikos Ohren begannen zu pfeifen. Ich selbst spürte, dass ich plötzlich unglaublich müde wurde. Nicht die Art von Müdigkeit, die einem sagt, dass man mal wieder schlafen sollte, sondern die, die einen oft bei anstrengenden Gesprächen oder auch in der Schule oder als Gast eines langweiligen Vortrags überkommt. Es ist die Müdigkeit, die dir sagt, dass dir gerade Energie entzogen wird. Und genau das geschah. Nicht willentlich oder bösartig. es geschah einfach. Wir waren in diesem Moment keine Gäste mehr, sondern ein Abendprogramm, das für die Bespaßung der Familie zuständig war. Und dies fühlte sich nicht gut an. Heiko zog sich relativ schnell auf unser Zimmer zurück und ich folgte einige Minuten später.

Obwohl der Tag so vielversprechend angefangen hatte, obwohl wir uns erholen konnten, Spaß hatten und einfach mal alles stehen und liegen ließen und obwohl unsere Gastgeberfamilie aus lauter netten Leuten bestand, die wir wirklich mochten, spürten wir nun eine Frustration und eine Unzufriedenheit in uns, die so groß war, dass wir uns überlegten ob es nicht besser gewesen wäre, einfach in der Garage zu übernachten. Wir kamen uns unproduktiv vor, so als hätten wir den kompletten Tag verschwendet. Unser Energielevel war so niedrig, wie nach einer langen Internetnacht, in der wir endlos viele Dinge nachholen und abarbeiten mussten. Doch nach einer solchen Nacht hatte man wenigstens das Gefühl, erfolgreich gewesen zu sein. Doch in diesem Moment fühlte es sich anders an. Wir hatten gehofft, dass wir wieder einmal einen richtigen Kontakt knüpfen, Menschen inspirieren und voranbringen und gleichzeitig auch von ihnen lernen konnten. Doch so fühlte es sich gerade nicht an. Es wirkte auf uns nicht, als hätten wir einen wirklichen Kontakt zueinander bekommen und auch nicht, als hätten wir jemanden weiterbringen können. Wir hatten einige Dinge erklärt, hatten Heilungsansätze geboten und über Zusammenhänge gesprochen. Doch uns war bereits während des Gesprächs klar geworden, dass nichts davon eine Anwendung finden würde. Wir waren also nicht wirklich hilfreich gewesen sondern hatten nur einen Tag mit Smalltalk verbracht. Dies fühlte sich an, als hätten wir auf eine gewisse Weise versagt oder zumindest als wären wir unserer eigenen Seele in dieser Zeit nicht treu geblieben. Rein von außen betrachtet, gab es keinen Grund, warum wir nicht vollkommen zufrieden und glücklich ins Bett gehen sollten. Wir hatten nette Menschen kennengelernt, einen warmen, trockenen, sauberen und bequemen Schlafplatz bekommen, waren zum Essen eingeladen worden, konnten all unsere Sachen reinigen, unsere Haare schneiden und mal wieder eine richtig heiße Dusche nehmen. Und doch war sie da, die Unzufriedenheit. Und sie hatte ihren Grund, ihre Berechtigung und ihr Recht, gefühlt, gesehen, beachtet und angenommen zu werden.

Spruch des Tages: Nicht jede Begegnung ist heilsam, aber jede Begegnung ist lehrreich.

Höhenmeter: 260 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 15.015,27 km
Wetter: bewölkt und kühl, gemischt mit gelegentlichem Sonnenschein
Etappenziel: Alte, verlassene Schule, 62042 Sfelinos, Griechenland

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Bewertungen:

 
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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