Tag 996: Zeitwahrnehmung

Heiko Gärtner
26.09.2016 00:46 Uhr

10.09.2016

Am Abend hatte es rings um unseren Zeltplatz bereits vor Mücken gewimmelt, doch in der Nacht schienen sie sich noch einmal deutlich vermehrt zu haben. Das Zelt abzubauen, ohne dabei die volle Regenmontur zu tragen war absolut unmöglich. Trotz alledem stellten wir fest, dass der gewählte Zeltplatz nicht nur der bestmögliche sondern auch der letztmögliche gewesen war. Nur wenige Meter weiter begann die Stadt. Es war die größte, die wir in Tschechien durchquerten, doch der Greenway war so genial gelegt, dass man es fast icht mitbekam. Wir wanderten am Fluss endlang bis mitten in die Innenstadt und kamen dabei nur an Parkanlagen und Tennisplätzen vorbei. Kurz vor dem Zentrum wurden wir von einem Mann angesprochen, der sich verpflichtet fühlte, uns über sämtliche Sehenswürdigkeiten und Kulturgüter seines Landes aufzuklären. Es stimmte also nicht, dass die Menschen hier nicht freundlich waren, sie waren nur eben nicht hilfreich. Man bekam alles, nur nicht das, was man brauchte. Auch die Stadt selbst war dafür wieder einmal ein hervorragendes Beispiel. Es gab mehrere Eiscafés und Konditoreien, die uns mit allerlei Süßkram versorgten, aber etwas wirklich nahhaftes aufzutreiben war auch hier wieder unmöglich.

Die Hitze überstieg die der letzten Tage noch einmal deutlich und langsam hatten wir das Gefühl, dass es jetzt sogar heißer oder zumindest schwüler und drückender war, als in der Extremphase in Rumänien. Nach knapp 20km erreichten wir eine kleine Burgenstadt, die uns schon von weitem entgegenleuchtete. Von der Entfernung sah es aus, als wäre sie wirklich etwas besonderes, doch je näher wir herankamen, desto mehr blätterte die Fassade ab und am Ende blieben nur ein paar alte Gebäude auf einem Hügel, die kaum ein Foto wert waren. In gewisser Weise war es absolut beeindruckend, wie man es hier schaffte, immer wieder einen so gigantischen Schein aufzubauen, hinter dem sich am Ende dann nichts verbarg. Man musste ihnen schon eines lassen, sie wussten, wie man sich präsentierte und gut darstellte, auch wenn man eigentlich nichts zu bieten hatte. Auch in diesem Ort gab es nichts anderes als zwei Eisdielen und so wurde Eis heute zu unserer Hauptmahlzeit. Das coolste an unserem Besuch im Ort, war ein Mann, der fast vollkommen nackt durch die Straßen marschierte und ebenfalls einen Abstecher in die Eisdiele machte. Er trug nichts als eine extrem knappe, glänzende, schwarze Satinunterhose, doch er trug sie mit einer solchen Natürlichkeit, dass man meinte, es wäre das normalste der Welt, in diesem Outfit in eine Eisdiele zu stiefeln, vorbei an der Hochzeitsgesellschaft und an all den alten Damen, die hier ihren Nachmittagskaffee tranken.

Einen Schlafplatz bekamen wir auch hier wieder nicht und so zogen wir weiter und weiter, bis es fast schon wieder dunkel war. Irgendwann kamen wir an einen Platz, der zum Zelten perfekt gewesen wäre, doch es fehlte uns an Wasser, um ihn nutzen zu können. Also setzten wir unsere Wanderung in den nächsten Ort fort um hier noch einmal um Vorräte zu bitten. Wasser bekamen wir schließlich, sonst aber nichts weiter. Dummerweise war die Zeltplatzsituation nun bedeutend schlechter geworden, denn hier verlief nicht nur eine Autobahn in unmittelbarer Nähe, es fand auch ein Schützenfest mit lauter Musik und lauter betrunkenen Menschen statt. Als der Abstand zwischen uns, dem Ort und der Autobahn so groß war, dass zelten wieder möglich war, war es bereits fast dunkel. Dennoch blieben wir mit unserem Zelt nicht unbemerkt. Ein Mann, der uns im Ort gesehen hatte, führte seinen Hund aus und kam kurz bei uns zum Gaffen vorbei. Dabei machte er sich nicht die Mühe, seine Sensationslust zu verbergen. Seine Hundeausführrunde endete direkt vor unserem Zelt mit einem mehrminütigen Anstarren. Ohne ein einziges Kommentar drehte er dann wieder um und ging zurück nach hause.

Nach dem Essen testen wir noch einmal meine Sanktionen für die vergangenen Tage aus. Wieder war einiges zusammengekommen und da die übliche Schmerztherapie hier schwierig umsetzbar war, entschied sich mein höheres Selbst für eine Karzeraufgabe. Viereinhalb Stunden sollte ich gerade und regungslos auf der Wiese stehen und meditieren, um so in meine innere Mitte zu gelangen. Erst sehr viel später fiel mir auf, dass ich es in der ganzen Zeit trotzdem schafte, nicht ins fühlen zu kommen, sondern mich nur mit Gedanken abzulenken. Das einzige, was wirklich präsent wurde, was das Thema mit der Zeit. Jetzt, wo ich hier stand, kamen mir zwei Minuten wie eine Ewigkeit vor. Verbrachte ich die gleiche Zeit damit, etwas zu erledigen, waren zwei Minuten nicht einmal ein Mäusedreck. Kaum hatten sie begonnen, waren sie auch wieder vorbei. Zeit musste also etwas vollkommen relatives sein und wenn ich es nun noch einmal genau betrachtete, dann waren es lediglich meine inneren Überzeugungen zu diesem Thema, die dafür sorgten, dass sie im Normalfall so stark verrann.

Spruch des Tages: Zeit ist relativ!

Höhenmeter: 56 m Tagesetappe: 22 km Gesamtstrecke: 18.186,27 km Wetter: Bewölkt, windig, hin und wieder sonnig Etappenziel: Alten- und Pflegeheim der barmherzigen Brüder, Kritzendorf, Österreich

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

Schreibe einen Kommentar:

Speichere Namen, Email und Webseite im Browser fur zukunftige kommentare