Tag 333: Zucker macht süchtig

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Tag 333: Zucker macht süchtig

Tag 333: Zucker macht süchtig

Gerade in diesen grauen, regnerischen Zeiten, denken wir oft an die vielen kleinen, süßen Highlights zurück die wir uns im letzten Winter gegönnt haben. Damals haben uns Kekse, Kuchen und Schokolade manch trübe Stunde erhellt, bis wir am Ende soweit waren, dass wir uns fast nur noch von Zucker ernährt haben. Dann war klar, es musste eine Veränderung her. Also stoppten wir unseren Zuckerkonsum und verzichten seither gänzlich auf das süße, weiße Pulver.

Im Laufe des Sommers haben wir dann verschiedene Phasen durchgemacht, die uns immer wieder wie ein Entzug von einer Droge vorkamen. Jetzt, da es in der Vorweihnachtszeit nur so von süßen Leckereien wimmelt und da man sie beim Fragen der Menschen fast mit der Fliegenklatsche abwehren muss, haben wir uns noch einmal eingehender mit diesem Thema beschäftigt?

Denn wir waren ja nicht die einzigen, die dem Zucker verfallen waren. Der Durschschnitz-Deutsche isst pro Tag etwa 100 Gramm Zucker! Die Süßigkeiten in den Regalen machen in deutschen Supermärkten allein 10% des Umsatzes aus. Die Süßigkeiten-Industrie macht damit jährlich etwa 13 Milliarden Euro Umsatz und produziert nach Angaben des deutschen Bundesverbandes der Süßwarenindustrie mehr als 3,6 Millionen Tonnen Süßigkeiten im Jahr. Dabei steigt der Zuckerkonsum der Menschen und vor allem der Kinder stetig weiter an. 1985 aß ein achtjähriger Junge laut Angaben der deutschen Gesellschaft für Ernährung im Schnitt rund 17kg Süßigkeiten im Jahr. 2008 waren es bereits 25kg und seither ist der Konsum weiter gestiegen.

Jedes Kind weiß, dass Zucker nicht gesund ist. Er macht dick, er zerstört die Zähne, er macht träge und er ist schlecht für den Kreislauf. Darüber hinaus kann er viele andere Krankheiten, wie beispielsweise Diabetes verursachen.

Wie kommt es dann, dass wir trotzdem so viel davon essen und meist mehr, als wir selber wollen?

Warum können so viele Menschen nicht auf Süßes verzichten, obwohl sie es wegen ihrer Figur und ihrer Gesundheit wollen?

Immer wieder müssen sie aus einem inneren Drang zugreifen. Warum?

Ein Kernschlüssel mag in der Werbung begründet liegen. Jedes deutsche Kind sieht heutzutage im Schnitt 37 Werbespots pro Tag und viele davon drehen sich um zuckerhaltige Leckereien. Dennoch beschreitet die Süßwarenindustrie bis heute, dass es einen Zusammenhang zwischen ihren Werbebotschaften und dem übermäßigen Zuckerkonsum unserer Kinder gibt. Zu diesem Zweck haben sie sogar extra eine eigene Studie erstellt, bei der nach ihren Angaben herauskam, dass auch schlechte Werbekenner regelmäßig die im Fernsehen beworbenen Süßigkeiten konsumierten.

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Doch wenn das stimmt, warum geben die Konzerne dann jährlich 600 Millionen Euro in Deutschland allein für Werbung aus? Wenn sie nichts bringt, dann bräuchte man die Spots ja gar nicht erst drehen. Eine unabhängige Studie zeigte ein anderes Bild. Die Kaufentscheidung im Supermarkt fällt bei uns Menschen zu 70% über die Verpackung aus. Der Inhalt, der Geschmack, der Gesundheitsfaktor, all das ist für uns zweitrangig. Je bunter und auffälliger eine Verpackung ist, desto eher zieht sie unsere Aufmerksamkeit auf sich. Und wenn wir das Design dann auch noch wiedererkennen, weil wir durch einen gut gemachten Werbespott bereits ein positives Bild davon haben, dann ist die Tüte schon so gut wie gekauft.

Doch der Zusammenhang zwischen Werbung und Zuckerkonsum ist nicht das einzige, was von der Zuckerindustrie abgestritten wird. Auch der Zusammenhang zwischen den stetig steigenden Übergewicht in Deutschland und dem zunehmenden Verzehr von Zucker wird klar verleugnet. Bereits 15% aller deutschen Kinder sind übergewichtig. Dies liegt nach angaben der Zuckerindustrie jedoch an der fehlenden Bewegung, auf keinen Fall aber am Zuckerkonsum. Um dieses Bild zu waren gibt sich die Industrie alle Mühe, unter anderem dadurch, dass sie das Internet mit Ernährungsratgebern füttert, die alle Bedenken gegenüber Zucker aus dem Weg räumen sollen. Das gleiche ist es mit der Zahngesundheit. Hierfür gibt es sogar eigens entwickelte Arbeitsblätter für Kinder, die erklären, dass Karies nicht vom Zucker, sondern von den bösen Bakterien in unserem Mund stammen.

Auch auf politischer Ebene nehmen die Zuckerkonzerne großen Einfluss. 2010 verhinderten sie eine geplante Lebensmittelampel, die auf Lebensmitteln angebracht werden sollte um vor zu viel Zucker zu warnen. Nach Angaben des Handelsblattes vom Juni 2010 gab die deutsche Zuckerindustrie dafür rund eine Milliarde Euro aus, um diese Idee wieder verschwinden zu lassen.

Die Zuckerindustrie setzt also alles daran, und ihr Produkt so schmackhaft und so verlockend wie möglich zu machen. Doch geht unsere Zuckerlust auch über die Beeinflussung durch die Verpackung und die Werbung hinaus? Macht uns der Stoff selbst vielleicht auch ebenfalls abhängig, selbst wenn wir nicht dazu verführt werden?

Kann es sein, dass Zucker süchtig macht? Ist es mehr, als nur ein harmloses, süßes Lebensmittel? Ist es vielleicht eher eine Droge?

Die Suchtexperten des Suchtzentrums für seelische Gesundheit der IN Mannheim stellten sich die selbe Frage und untersuchten genauer, wie und warum Zucker süchtig macht. Die Wirkung von Alkohol, Nikotin und harten Drogen auf unseren Körper und unser Gehirn ist relativ gut bekannt. Man weiß sowohl welche biochemischen und hormonellen Prozesse dabei ablaufen als auch welche Entzugserscheinungen auftreten, wenn man den jeweiligen Stoff wieder absetzt. Wie ist es aber mit Zucker?

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Um das herauszufinden untersuchte der Suchtmediziner Falk Kiefer mit Hilfe eines Kernspinngerätes die Gehirne von Menschen, die zu viel Essen. Dabei zeigte er den Probanden über eine Videobrille Bilder von verschiedenen Lebensmitteln, darunter auch Süßigkeiten wie Eis, Kuchen, Schokolade, Limonade und Keksen und testete die Reizreaktionsmechanismen im Gehirn. Bei Menschen mit Essproblemen war deutlich erkennbar, dass das gesamte sogenannte Belohnungssystem im Gehirn, bei den Süßigkeitenbildern, weit stärker aktiviert wurde, als in der Kontrollgruppe ohne Übergewicht. Das Belohnungssystem kommt immer dann zum Einsatz, wenn wir etwas als besonders Positiv empfinden. Dabei wird dann Dopamin ausgeschüttet, ein Botenstoff, der für Aufmerksamkeit sorgt und uns eine positive Erwartung und ein gutes Gefühl verschafft. Dies allein ist noch kein Beweis dafür, dass die übergewichtigen Probanden auch Zuckersüchtig waren, denn das Belohnungssystem reagiert auf viele Eindrücke.

Dennoch ist es auffällig, dass Übergewichtige häufig extrem viel Zucker essen und dass sie gerade auf die Bilder mit Süßigkeiten besonders stark reagierten. Sie sind in der Regel sehr stark auf Zucker fixiert und ihr Belohnungssystem schlägt dabei viel stärker an, als beim Anblick von Obst oder Gemüse. Wenn Zucker also so einen Einfluss auf unser Belohnungssystem hat, was verursacht er im Körper dann noch?

In einer anderen Abteilung des Suchtforschungsinstituts untersuchten die Forscher unter der Leitung von Rainer Spanagel die Wirkung von harten Drogen auf unseren Körper. Dafür haben sie Ratten alkoholabhängig gemacht, um ihr Verhalten und die Veränderungen in ihrem Gehirn zu untersuchen. Die Ratten wurden zunächst an den Alkohol gewöhnt und haben gelernt, dass sie Schnaps bekommen können, wenn sie auf einen Knopf in ihrem Käfig drücken. Genau wie ein süchtiger Mensch, steigerten die Ratten dabei stetig ihre Dosis, drückten immer häufiger und immer länger auf den Knopf und wurden gierig nach dem Stoff. Wenn die Forscher ihnen den Schnapshahn zudrehten, bekamen sie Entzugserscheinungen wie Zittern, Unruhe, Angst und weiteres.

Rainer Spanagel verglich die Ergebnisse seiner Forschung mit der Studie von Wissenschaftlern der Universität Springsten. Hier hatten die Forscher die Ratten nicht mit Alkohol, sondern mit Zucker gefüttert. In Regelmäßigen Intervallen von 12 Stunden bekamen die Ratten Zuckerwasser, dazwischen nichts. Es dauerte nicht lange und die Tiere zeigten das gleiche Verhalten, wie ihre alkoholkranken Artgenossen. Sie wurden immer gieriger und steigerten ihren Zuckerkonsum ständig. Als sie nach vier Wochen auf normales zuckerfreies Futter umgestellt wurden, bekamen sie die gleichen Entzugserscheinungen, die man sonst nur von Drogensüchtigen kennt: Angst, Nervosität, Zittern, Unruhe und Verhaltensstörungen.

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Bei der anschließenden Untersuchung der Gehirne stellten die Forscher fest, dass sich erstaunliche Veränderungen ergeben hatten. Es waren die gleichen Veränderungen, die sich auf bei Menschen mit einer Abhängigkeit von harten Drogen erkennen lassen. Nicht nur das Belohnungszentrum reagierte auf den Zucker, auch das Stresssystem und das Vorderhirn waren an dem Prozess beteiligt. Im Stresssystem werden die körpereigenen Beruhigungsstoffe ausgeschüttet, darunter auch Endorphine und Opiate, die den glücklichen Rausch und damit auch die Abhängigkeit verursachen. Diese Gehirnveränderungen zeigten zweifelsfrei, dass die Ratten vom Zucker ebenso abhängig wurden, wie von harten Drogen. Rainer Spanagel bestätigte, dass Tierversuche im Suchtbereich generell sehr gut auf den Menschen übertragbar sind. Daher ist er überzeugt, dass sich auch die Ergebnisse der Studie in Bezug auf die Zuckersucht direkt auf den Menschen übertragen lassen. Dies bedeutet, dass das Belohnungssystem und das Stresssystem auf Zucker reagieren und damit eine körperliche Abhängigkeit erschaffen.

Demnach ist Zucker also wirklich kein Lebensmittel im eigentlichen Sinne, sondern viel mehr eine Droge, die uns abhängig macht.

Kein Wunder also, dass jeder Deutsche im Schnitt 35kg reinen Zucker im Jahr isst. Gerade jetzt zur Weihnachtszeit ist die Verlockung des süßen Rauschgiftes besonders hoch. Doch selbst wenn man komplett auf Süßigkeiten verzichtet, heißt das nicht, dass man damit automatisch auch den Zucker aus seinem Leben verbannt. Denn die Süßigkeiten machen gerade einmal ein Drittel des Zuckerkonsums aus. Zwei drittel sind in unseren anderen Lebensmitteln versteckt, oftmals, ohne dass wir sie an dieser Stelle vermuten würden. Wer sich also wirklich aus der Sucht befreien will, der muss im Supermarkt genau darauf achten, welche Zutaten in seine Lebensmittel beigemengt wurden.

Spruch des Tages: Ist es nicht besser, nach der wahren Süße des Lebens zu suchen, als sie im Zucker zu ertränken.

Höhenmeter: 50 m

Tagesetappe: 15 km

Gesamtstrecke: 6268,37 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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