Tag 373: Schneckenpost

///Tag 373: Schneckenpost

Tag 373: Schneckenpost

Tag 373: Schneckenpost

Der gestrige Tag verlief ein wenig wie der Tag zuvor. Unser Paket war noch immer nicht am Zielort eingetroffen und so mussten wir nun im Schneckentempo voranschleichen. Nach zwei Kilometern machten wir eine Picknickpause an einer Kirche, bis wir dort von einer schrulligen Aufseherin vertrieben wurden.

„Dies ist ein Privatgrundstück! Ihr dürft hier nicht sitzen!“ meinte sie schroff.

„Ich dachte, das ist eine Kirche“, gab ich verwirrt zurück.

„Ist es auch,“ antwortete die griesgrämige Dame, „aber es ist eine private Kirche und hier könnt ihr nicht sitzen bleiben!“

Etwas Lächerlicheres hatten wir bis dahin selten gehört aber wir brachen trotzdem wieder auf. Hier nach einem Schlafplatz zu fragen hatte wahrscheinlich wenig Sinn, wenn wir schon für ein Picknick verflucht wurden.

In der nächsten Ortschaft gab es so gut wie nichts und so mussten wir noch ein Stück weiterziehen, bis wir nach Levante XXX kamen. Langsam wurden die Kilometer vor uns knapp. Wenn wir hier nichts zum übernachten fanden, dann würden wir bereits heute bei dem besagten Postamt ankommen und das war auf jeden Fall zu früh.

Doch zunächst sah es gar nicht danach aus, als hätten wir hier besonders viel Glück. Die Pfarrer waren wie vom Erdboden verschluckt und das einzige Kloster des Ortes verhielt sich wie damals in Santander. Über die Gegensprechanlage teilte mir ein Mönch mit, dass man hier gewünschten Übernachtungsservice einfach nicht anbiete. Ehe ich etwas erwidern konnte legte er auf.

Zurück bei Heikos Warteplatz hielten wir einen Krisenrat bei ein paar Mandarinen ab. Zumindest davon hatten wir ja mehr als genug. Plötzlich tauchte ein älteres Ehepaar auf und sprach uns an. Der Mann hatte vierzig Jahre lang für deutsche Firmen gearbeitet und sprach unsere Sprache daher fließend. Die beiden boten uns an, uns in der Stadt herumzuführen und uns bei der Suche nach einem Schlafplatz zu helfen.

Als erstes kehrten wir zu den Mönchen zurück, die unserem Begleiter die gleiche Abfuhr erteilten wie zuvor mir. Dann versuchten wir es im Rathaus und schließlich in einem großen Gemeindezentrum, das eine Mischung aus Altenheim und Seminarbetrieb war. Hier hatten wir Glück. Nur mussten wir wieder einmal bis um 15:00 Uhr warten bis wir eintreten durften. Dann aber bekamen wir zwei Einzelzimmer, die sogar einigermaßen warm waren.

Heute kam dann der Tag der Wahrheit. Länger konnten wir unsere Ankunft in Moneglia, dem Ort, an dem wir unser Paket erwarteten, nicht mehr hinauszögern. Es hätte auch nichts genützt, denn das Wochenende steht vor der Tür und am Sonntag ändert sich eh nichts mehr. Also liefen wir mit leicht mulmigem Gefühl der schicksalshaften Poststelle entgegen.

Für den Weg hatten wir zwei Optionen. Einmal über die Berge und einmal entlang der Küste. Wir entschieden uns trotz einiger Warnungen für den Küstenweg und verstanden schon bald, warum man uns davon abgeraten hatte. Er war zu rund 90% durch den Fels gegraben worden. Es gab also fast nur Tunnel die wir hindurchwandern mussten. Der längste von ihnen war 2,6km lang. Das besondere daran war, dass diese Tunnel so schmal waren, dass immer nur ein Auto hindurch passte. Fußgänger und Radfahrer waren eigentlich gar nicht erlaubt, doch die Anwohner meinten, dass sich darum eigentlich niemand wirklich kümmert. Als wir kurz vor dem ersten Tunnel ankamen, wartete bereits eine lange Schlange an Autos vor einer roten Ampel. Wir überholten sie und hatten den Tunnel anschließend für uns alleine. Zumindest eine Zeit lang. Dann kam uns ein Schwall mit Autos entgegen. Die ganze Tunnelstrecke, die sich über rund 8km hinzog war also eine Art flexible Einbahnstraße, die über Ampeln geregelt war. Erst durften die Autos nur von einer Seite hineinfahren, dann nur von der anderen. Dazwischen gab es große Zeitfenster in denen gar kein Auto fuhr, was für uns sehr angenehm war. Dennoch hatten wir ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Was war, wenn diese Tunnel videoüberwacht waren oder wenn zufällig eine Polizeistreife an uns vorüber fuhr? Nicht dass wir am Ende noch eine Strafe zahlen mussten, weil wir uns verbotenerweise hier aufhielten. Hinzu kam, dass sich auch nicht alle LKWs an das Fahrverbot hielten und so wurde es einige Male wirklich eng in dem schwülen, feuchten Tunnel. Im längsten von ihnen war es in der Mitte so schwül-warm, dass mir der Schweiß von der Stirn lief. Notausgänge und Sicherheitsbereiche gab es so gut wie keine. Alle 50m hingen Feuerlöscher an der Wand, von denen etwa die Hälfte heruntergerissen, eingetreten, anderweitig beschädigt oder sogar ganz geklaut worden war. Sicherheit wurde hier also nicht besonders groß geschrieben. Auf der einen Seite gefiel mir der leichte Nervenkitzel in den dunklen Tunneln, auf der anderen Seite waren wir aber auch froh, als wir sie endlich wieder verlassen konnten.

Hinter dem letzten Tunnel leuchtete bereits das Ortsschild von Manoglia auf. Von hier aus waren es nur noch ein paar hundert Meter bis zur Post.

Doch hier begann es dann erst wirklich spannend zu werden.

Die kleine Poststelle hatte zwei Schalter, die von jeweils einer Frau mittleren Alters betreut wurden. Am linken stand eine Dame, die ein Paket aufgeben wollte, am rechten ein älterer Herr, der irgendeine Art von Abrechnung über seine Kreditkarte abwickelte. Außerdem saßen noch zwei Männer um die dreißig und eine dickliche Frau mit einem Kinderwagen im Warteraum. Wenn man deutsche Verhältnisse gewohnt war, dann konnte man auf den ersten Blick vermuten, dass es keine fünf Minuten dauern dürfte, bis wir an der Reihe waren. Doch dies waren keine deutschen Verhältnisse. Nach fünf Minuten sah alles noch ganz genauso aus, wie zu dem Moment, als wir die Post betreten hatten. Nur der alte Mann am rechten Schalter hatte seine letzten paar Haare einmal von rechts nach links über den Kopf gestrichen und seine Kreditkarte auf dem Tresen etwas zurechtgerückt. Die Damen hinter den Schaltern waren ununterbrochen am werkeln, doch konnte man leider nicht ausmachen, was sie eigentlich taten. Ihre Kunden zu betreuen, gehörte jedenfalls nicht dazu.

6 Minuten später:

Heiko bekommt einen Hitzekoller und verlässt das Postamt um eine Runde spazieren zu gehen.

12 Minuten später:

Der Mann mit der Halbglatze hat nun alle seine Unterlagen zum dritten mal fein säuberlich aufeinandergeschichtet und sie dann wieder so verteilt, dass man jeden Zettel einzeln sehen kann.

19 Minuten später:

Die Dame am hinteren Schalter bedankt sich und verlässt den Raum. Die Frau neben mir, die zum Kinderwagen gehört steht auf und will zum Schalter gehen. Dabei versucht sie, den Kinderwagen mit durch die enge Warte-Absperrung zu schieben, um ihn direkt bei sich zu haben. Nach drei gescheiterten Anläufen und einigen blauen Flecken an den Fersen des alten Mannes gibt sie ihren Versuch auf und erklärt den Anwesenden höflich, dass ihr Kind eh schlafe und sie daher nicht vermissen werde. Ich beginne mir Sorgen zu machen ob die eineinhalb Stunden, in denen die Post noch geöffnet hat wirklich ausreichen, bis ich an der Reihe bin, wenn die Frau Angst davor hat, ihr Baby zu vermissen, während sie am Schalter steht.

25 Minuten später:

Eine Mutter mit drei kleinen Kindern öffnet die Tür zum Postamt und grüßt die Beamtin am linken Schalter. Auch die kleinen Kinder rufen der Dame Grüße zu und die beiden Frauen unterhalten sich ausgiebig. Ihre Arbeit bleibt so lange unbeachtet liegen. Für die anderen Kunden ist das offenbar normal denn niemand zuckt auch nur mit einer Wimper.

27 Minuten später:

Heiko kommt von seinem Spaziergang zurück. Er hat die Stadt bereits vollständig erkundet. Eine ältere Dame betritt den Raum und setzt sich neben mich. Sie beginnt damit und ausschweifende Geschichten über ihr Leben zu erzählen, von denen wir kein Wort verstehen. Die Hinweise, dass wir kein Italienisch sprechen nimmt sie zur Kenntnis, ohne dass sie ihren Redefluss dadurch schmälert.

31 Minuten später:

Heiko überlässt mich meinem Schicksal mit der neuen Sitznachbarin und erkundet die Stadt noch einmal. So ein Drecksack! Sehnsüchtig schaue ich ihm hinterher während mir die Dame weiterhin beide Ohren abkaut.

34 Minuten später:

Die Oma hat ihre Kommunikationsversuche mit mir aufgegeben. Die Frau mit dem Kinderwagen hat es geschafft ihre 400€ einzuzahlen, die sie der Beamtin in einem Briefumschlag überreicht hat. Warum sie jetzt noch immer am Schalter steht ist mir ein Rätsel.

38 Minuten später:

Ein ganzer Schwall an Menschen betritt das Postamt und unterhält sich mit den wartenden. Langsam wird es eng in dem kleinen Raum.

44 Minuten später:

Die Dame mit dem Kinderwagen verlässt den Schalter und quetscht sich durch die Menge nach draußen.

49 Minuten später:

Die Menschen, die als letztes hereingekommen sind verlassen das Postamt wieder, ohne etwas erledigt zu haben. Warum sie hier waren ist mir ein Rätsel. Vielleicht, weil es hier so schön warm ist.

53 Minuten später:

Der Mann mit der Halbglatze verlässt den Schalter und den Raum. Die anderen Kunden fordern mich auf, zum Schalter zu gehen, weil ich an der Reihe sei. Irritiert schaue ich mich nach dem zweiten jungen Mann um, der vor mir hier war. Er ist spurlos verschwunden. Komisch, denn eben war er noch da. Sollte ich also wirklich an der Reihe sein?

Ich betrat den Schalter und fragte sie Frau, ob sie Englisch sprach. Sie verstand es zumindest ein bisschen und brachte es immerhin auf den Wortschatz eines Vorschulkindes. Es reichte jedoch aus um nach dem Paket zu fragen. Jetzt kam der alles endscheidende Moment.

„Tut mir Leid!“ sagte sie Achselzuckend, „Hier ist kein Paket aus Deutschland angekommen!“

„Das gibt es doch nicht!“ fluchte ich innerlich. Es war nun bereits seit fast drei Wochen unterwegs! Wie konnte das möglich sein?

Ein kurzer Gedanke an die vergangene Stunde, beantwortete die Frage gründlicher, als mir lieb war. Wenn die Beamten bei der Paketzustellung nur halb so langsam waren, wie die am Schalter, dann konnte es locker noch zwei Wochen dauern, bis hier etwas ankam!

Doch so viel Zeit hatten wir nicht. Ich konnte in Erfahrung bringen, dass die Pakete morgen um 10:00 Uhr angeliefert werden und dass die Poststelle auch am Samstag bis um 13:30 Uhr geöffnet hat. Wir haben also noch einen Versuch frei. Wenn wir jetzt einen Schlafplatz hier im Ort fanden, dann konnten wir hoffen, dass wir das Paket morgen abholen können. Wenn nicht, dann wird uns nichts anderes übrig bleiben als langsam weiterzuziehen und das Paket dann in ein paar Tagen mit dem Zug abzuholen.

Einen Schlafplatz fanden wir sogar verhältnismäßig schnell. Wir durften diese Nacht beim blauen Kreuz übernachten, dem Italienischen Sanitäts- und Notfalldienst.

Bleibt nur zu hoffen, das die Post jetzt einen Zahn zulegt.

Spruch des Tages: Das Unmögliche zu schaffen gelingt nur, wenn man es für möglich befindet. (Alice im Wunderland)

 

 

Höhenmeter: 60m

Tagesetappe: 9,5

Gesamtstrecke: 6879,87 km

Wetter: Bewölkt

Etappenziel: Blaues Kreuz, 16030 Moneglia, Italien

 

Bewertungen:

 
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

One Comment

  1. Francesco L'Ambasciatore 15. January 2015 at 10:31 - Reply

    Non si scherza con l’Italia. Questo potrebbe essere molto pericoloso per voi.
    Questo è il primo avvertimento!

    Don’t mess with Italy. It could be very dangerous for you my friends.

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