Tag 1005: Ja Wahnsinn! Gigantisch!

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Tag 1005: Ja Wahnsinn! Gigantisch!

Tag 1005: Ja Wahnsinn! Gigantisch!

19.09.2016

Einer der großen Vorzüge, wenn man durch Österreich wandert ist, dass es hier wieder eine richtige Frühstückskultur gibt. Es kam nicht jeden Morgen vor, dass wir zum Frühstücken eingeladen wurden, aber doch immer wiederund heute war ein solcher Tag. Erst jetzt, wo wir wieder in den Genuss kamen fiel uns auf, wie sehr wir diese Tradition vermisst hatten. Wenn man den tag mit einer Tasse Tee und einem Brötchen mit einem rihtigen Belag begann, fühlte es sich gleich ganz anders an. Lustig war dabei auch das Gespräch mit dem Pfarrer. Er war ein lieber und absolut sympathischer Kerl, aber er hatte in seinem Leben schon ein wenig zu oft Seelsorgergespräche geführt. Dadurch hatte er es sich angewöhnt, jede Erzählung mit Worten und Lauten der Zustimmung zu begleiten, die dem Erzähler das Gefühl geben sollten, dass er vollkommen bei ihm war, ihm zuhörte und ihn verstand. Es war eine besondere Art des aktiven Zuhörens, die – wenn man sie ernst meinte – wahrscheinlich sogar wirklich ein gutes Gefühl im Zuhörer auslösen konnte. Doch im Laufe der Jahre war es zu einem Automatismus geworden, den er nicht mehr kontrollieren konnte und der dafür sorgte, dass er die immer gleichen Zustimmungsworte in einer Dauerschleife wiederholte, sobald irgendjemand anfing zu reden.

„Ja Wahnsinn! Stell dir vor! Gigantisch! Nein Wirklich? Ja Wahnsinn! Stell dir vor! Gigantisch! Nein Wirklich?“
Ein klein Wenig irritierend war das schon, aber auf eine durchaus sympathische Art und es führte dazu, dass man unwillkürlich grinsen musste, wenn man ihm etwas erzählte.
Mistelbach lag nicht direkt am Greenway und so mussten wir nun erst wieder auf unseren Wanderweg zurückfinden. Dazu folgten wir einem Seitenschlenker des Fahrradweges, der ebenfalls in Richtung Wien führen sollte, uns aber zunächst einmal kreuz und quer durch die Stadt schicke. Wir brauchten fast eine Stunde, bis wir wieder unten an der Zaya angekommen waren, an der der Radweg entlang führte. Zu unserer Überraschung war hier heute sogar ein reger Betrieb. Das ganze Wochenende hatten wir so gut wie keinen Menschen auf dem Radwanderweg getroffen und nun am Montag Morgen, wo man meinen sollte, dass jeder in der Arbeit war, kamen die Menschen plötzlich auf die Idee zu wandern. Schon verrückt diese Gesellschaft! Ja Wahnsinn!
Nach wenigen Metern wurden wir von einem älteren Pärchen angesprochen, das uns entgegen kam. Wir plauderten eine Weile und erzählten auch von unserem Ausflug nach Auschwitz und unserer Wahrnehmung, dass das Museum eher der Verschleierung der Tatsachen als der Aufklärung diente. Die Reaktion darauf versetzte uns gleich noch mehr in Erstaunen. Der Mann hatte das Konzentrationslager bereits in den 60 Jahren besucht und schon damals hatte er das Gefühl gehabt, dass sämtliche Geschehnisse verharmlost wurden. Er hatte die Nazi-Zeit als Kind selbst miterlebt und kannte auch einen der Männer, die im Konzentrationslager ermordet worden. Er war ein Bekannter seiner Familie gewesen und das Verbrechen, für das er zum Tode verurteilt wurde, war eine Spende an die Kinder einer anderen Familie gewesen. Der Vater jener Kinder war kurz zuvor ebenfalls ins KZ verschleppt worden und da sich die Familie nun nicht mehr versorgen konnte, hatten seine Kollegen einiges an Geld zusammengesammelt und den Hinterbliebenden gespendet. Zunächst war dies niemandem aufgefallen, doch dann kam ein Ereignis, das die Frau, die für die Verwaltung der Spendengelder zuständig war, in den Selbstmord getrieben hatte. Bei der Untersuchung ihres Todes entdeckte die Polizei dann die Hinweise auf die Spendengelder der Kollegen. Eine Familie zu unterstützen, die einen Verräter, vielleicht sogar einen Juden zum Vater hatte galt als Hochverrat und hatte eine sofortige Deportierung zur Folge. Wären es nicht genau solche Schiksale, von denen die Menschen im Museum erfahren mussten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was Auschwitz wirklich bedeutete?
Oft schon hatten wir verschiedene Anzeichen bemerkt, die darauf hindeuteten, dass wir kurz davor waren, die dunkle Geschichte des Nationalsozialismus auf die eine oder andere Weise noch einmal zu erleben. Nicht mit Nazis natürlich, aber mit eienr Diktatur und einem Totalitären System, in dem jede Menschlichkeit mit dem Tode bestraft wurde und die auf der vollkommenen Angst der Menschen aufgebaut war. Die gleiche Sorge nun noch einmal von einem Mann zu hören, der über achtzig Jahre Lebenserfahrung hatte und der ein solches System bereits einmal miterleben musste, war jedoch noch einmal etwas anderes. Es hinterließ einen bitteren Geschmack im Mund, der noch eine ganze Weile nicht verschwinden wollte.

Kurz nachdem wir uns von dem Pärchen getrennt hatten, stellten wir fest, dass wir uns auf einem Weg befanden, der nicht ganz so aussah, wie er hätte aussehen sollen. Eine Frage bei einem der Anwohner brachte die Gewissheit, dass wir den falschen Seitenarm der Zaya erwischt hatten und nun in ein falsches Tal wanderten. Wir mussten also noch einmal quer durch die Felder über eine Hügelkette um auf unseren Weg zurückzugelangen. Als wir den Pass erreichten stellten wir fest, dass wir uns noch immer in unmittelbarer Nähe des Silos befanden, das in der Früh nur wenige Meter von unserem Schlafplatz entfernt gewesen war. Insgesamt legten wir mit all den Umwegen daher heute eine Strecke von rund 15km zurück, wobei wir effektiv aber nur 8km weiter kamen. Hier lag dann eine kleine Ortschaft mit dem Namen Ladendorf, in der wir vom Pfarrer einen Platz im Aufführungssaal der Laientheatergruppe des Ortes bekamen.

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Spruch des Tages: Wenn unser Kirchturm wär ein Krug voller Bier, dann tränk ich bloß einen, nicht drei oder vier! (Spruch an der Wand der Küche des Pfarrsaals)

Höhenmeter: 16 m
Tagesetappe: 31 km
Gesamtstrecke: 18.348,27 km
Wetter: herbstsonnig und warm
Etappenziel: Gemeinderaum des Pfarrhofs, 3321 Ardagger Markt, Österreich

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2019-07-03T07:13:38+00:00 Österreich, Tagesberichte|

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