Tag 1179: Angst schüren

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Tag 1179: Angst schüren

Tag 1179: Angst schüren

Fortsetzung von Tag 1178:

Weitaus spannender und erschreckender ist jedoch die Reaktion, die diese Attentate, was immer sie auch sein mögen, nach sich ziehen. Noch nie gab es in Europa einen terroristischen Anschlag auf dem Land und doch ist die Angst hier nun so präsent wie nie zuvor. An fast jedem Rathaus hängen Schilder, die den Einwohnern das richtige Verhalten bei einem Terrorangriff erklären. Die Information lautet etwa folgendermaßen: „Wenn ihr eine euch unbekannte Person seht, rennt ins Haus, verbarrikadiert Türen und Fenster und ruft die Polizei. Meldet jede liegengebliebene Tasche sofort einer Behörde. Traut niemandem! Jeder könnte ein Terrorist sein!“
Wie um das ganze noch ein bisschen zu parodieren hing in einem der Säle, in denen wir in den letzten Tagen übernachten durften, gleich nebenan ein weiteres Plakat, das auf eine ebenso große wie unterschätzte Gefahr hinwies: „Die Sonne!“ Denn kaum jemand weiß, dass auch die Sonne eine Art Terrororganisation ist, die es nur darauf abgesehen hat, und zu zerstören. Das Plakat beschrieb tatsächlich die wichtigsten Maßnahmen, die man ergreifen muss, wenn eine Hitzewelle auf das Land zurast: „Vermeiden Sie jede Form der Bewegung oder Anstrengung, ziehen Sie sich in Ihre Kellerräume zurück, halten Sie den Kopf bedeckt, sorgen Sie dafür, dass Sie immer ausreichend Wasservorräte in Ihrer unmittelbaren Nähe haben und halten Sie die Nummer eines Arztes immer griffbereit!“

Letztlich war es also egal, ob es gerade um Sonne, Terrorismus oder die Vogelgrippe ging, die Botschaft war immer die gleiche: „Habt so viel Angst wie möglich und haltet alles von euch fern, das irgendwie dazu führen könnte, dass ihr ein Leben habt!“
Bis zu unserer Grafenfamilie war diese Schreckensmentalität zum Glück noch nicht durchgedrungen und so verlebten wir zumindest noch das Frühstück in entspannter und angenehmer Atmosphäre. Unsere Gastgeberin war fast traurig, dass wir bereits jetzt wieder abreisen wollten und sie lud uns ein, gerne noch einen Tag oder einen Monat zu bleiben, oder jederzeit wiederzukommen. Dann stellte sie uns ein umfangreiches Lunchpaket zur Verfügung, das leider fast ausschließlich aus Milch und Zwieback bestand. Nichts gegen Milch und Zwieback, aber ab einer Menge von je drei Kilo wird es doch irgendwann etwas einseitig.
Gut 16km wanderten wir entspannt und nichtsahnend vor uns hin, bis wir unsere erste Zielortschaft erreichten. Sie war winzig, hatte aber dennoch ein geöffnetes Rathaus, was eigentlich ein Garant dafür war, dass wir hier einen Schlafplatz bekommen müssten. Doch etwas war anders. Obwohl hier vielleicht gerade einmal 100 Menschen lebten, herrschte im Ortskern ein Terror, wie wir ihn in manchen Großstädten nicht erlebt hatten. Aus vier Gärten bellten uns fünf Hunde an und schrien mit den Spatzen um die Wette, während plötzlich und ohne erkennbaren Grund ein Auto nach dem nächsten durch den kleinen Ortskern rauschte. Alles zusammengenommen sorgte dafür, dass wir gleich von Beginn an ein ungutes Gefühl hatten. Wir wurden nicht enttäuscht.

Der Bürgermeister empfing mich mit den Worten: „Religion hat hier im Rathaus nichts verloren! Auf wiedersehen!“
Hier muss ich sagen, dass ich auf diese Form der Begrüßung nicht allzu geschickt reagierte. Im Reflexionsgespräch mit Heiko wurde mir später klar, dass ich tatsächlich eine reale Chance gehabt hätte, den Mann auf meine Seite zu ziehen und seine Skepsis gegenüber Mönchen sogar für mich zu nutzen, aber in diesem Moment wollte es mir nicht gelingen. Die wenigen Worte reichten aus, um mein Ego auf den Plan zu rufen, das sofort begann, gegen den Bürgermeister zu wettern. Ich wollte ihn davon überzeugen, dass seine Vorurteile gegen Mönche falsch waren oder zumindest auf mich nicht zutrafen. Meine Reaktion bestand daher aus einem energischen „Nein aber!“ In diesem Fall ein „Nein aber ich will doch!“
Ein idealer Gesprächseinstieg also wenn man die Sympathie eines Mannes gewinnen wollte, der beschlossen hatte, einen nicht zu mögen nur weil man eine Kutte trug. Meine Taktik war die eines Laubbaumes im Schnee, der vergessen hatte, seine Blätter abzuwerfen. Ich wurde starr, wollte Recht behalten und Widerstand leisten und brachte das Gespräch so zum Zusammenbruch. Im Nachhinein wurde mir klar, dass es sinnvoller gewesen wäre, flexibel zu werden, auf die Bedürfnisse des Mannes einzugehen und seine Abneigung gegen die Religion zu würdigen. Anstatt wie ein Laubbehangender Ast unter dem Schneedruck zu zerbrechen hätte ich also auch ein Tannenzweig sein können, der nachgibt, geschmeidig mitgeht und anschließend wieder auf seine Position zurückkehrt, nur dass er dann das hat, was er benötigt. In diesem Fall hätte ich dabei nicht einmal Lügen müssen, da meine Einstellung der Kirche als Institution gegenüber seiner eigenen ja nicht einmal unähnlich war. Immerhin hatte es einen Grund, dass ich nicht in einem Kloster lebte, sondern als Wandermönch umherzog. Alles, was der Mann wollte war es, sich gehört zu fühlen und jemanden zu haben, mit dem er seinen Frust der Kirche gegenüber abbauen konnte. So wie ich mich verhielt, sah er in mir einen Gegner, der eine gute Projektionsfläche für diesen Frust bot. Genauso gut hätte ich aber auch der Bruder oder Leidensgenosse sein können, mit dem man sich gegen den großen unbekannten Feind verbündet.

Wir zogen also weiter bis ins nächste Dorf, wo sich eine ähnliche Situation bot. Das Rathaus war offen, aber es gab nur eine Putzfrau, die gerade sauber machte, keine Entscheidungsgewalt besaß und auch als Informationsquelle nur mäßig ergiebig war. Immerhin erfuhr ich die grobe Richtung, in der der Bürgermeister wohnte. Auf dem Weg schaute ich noch bei einem kleinen Minimarkt vorbei, in dem ich von einem struppigen Hund begrüßt wurde. Vorsichtig schnupperte er an meiner Hand und schaute mich treuherzig an. Dann, ohne eine Vorwarnung wurde er plötzlich grimmig, schnappte zu und biss mir in den Finger. Es war nicht doll, nicht so, dass es blutete, aber es reichte auf um weh zu tun. Abgesehen von einer nun schmerzenden Hand war der Erfolg eher gering. Wir bekamen zwei schrumpelige Äpfel, und zwei Orangen, von denen eine bereits schimmelig war.

Dann kam Bürgermeister Nummer zwei. Er bewohnte ein großes Anwesen, das ich nicht betreten konnte, weil ich von seiner Frau an der Gegensprechanlage hingehalten wurde. Ihr Mann sei nicht da und sie selbst könne nicht mehr tun, als uns seine Handynummer zu geben, auf der wir ihn anrufen konnte. Wie fast erwartet führte ich kurz darauf ein deprimierend einseitiges Gespräch mit einer Mailbox, von der aus nie wieder zurückgerufen wurde.
Bis zu diesem Moment war die Sache ja noch einigermaßen in Ordnung. Aber von nun an schien es, als hätte sich die ganze Welt gegen uns verschworen.

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Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Hier hat Religion nichts verloren!

Höhenmeter: 330 m
Tagesetappe: 45 km
Gesamtstrecke: 21.632,27 km
Wetter: überwiegend bedeckt und Kühl
Etappenziel: Zeltplatz im Wald, 27110 Le Tilleul Lambert, Frankreich

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

One Comment

  1. Marcel Holzer 11. Juni 2019 at 9:27 - Reply

    Ich kenne das mit dem Angst schüren nur zu gut. Euer Bericht hat mir sehr weiter geholfen. Super lieben Dank für eure Hinweise.

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