Tag 760: Der Überfall – Teil 3

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Tag 760: Der Überfall – Teil 3

Tag 760: Der Überfall – Teil 3

Fortsetzung von Tag 759:

Wie aber sollten wir auch ein Gefühl für solche Grenzen bekommen, wenn es zu unserer Kultur geworden ist, ein Zerstörer zu sein? Damit wir unseren Luxus ausleben können hält sich jeder von uns indirekt rund 15 Sklaven, die in Indien, Bangladesch, Afrika oder in anderen fernen Regionen unsere Kleidung, Nahrung, Verpackung und sonstigen Konsumgüter herstellen, während sie unter unmenschlichen Bedingungen, leben, arbeiten und dabei zu Tode kommen. Es ist normal für uns geworden, uns selbst, den Planeten auf dem wir leben unsere Umwelt, die Natur und alle anderen Spezies zu zerstören, zu vergiften, zu töten oder auszubeuten. Wie sollten wir also noch ein Gefühl dafür haben, was recht ist uns was nicht? Wenn der Mann, der uns heute angegriffen hat, nur im Ansatz so aufgezogen wurde, wie die Kinder, die wir immer wieder in ihrem Zerstörungswahn erlebt haben und für die es die Normalität ist, dass sie sich alles erlauben können, egal wie sehr es einem anderen auch schadet, wie sollte er da ein Gefühl dafür haben, dass man nicht einfach einen Wanderer schlägt, der zufällig an seinem Grundstück vorbeikommt?

Noch beunruhigender als die drei Möchtegernschläger fanden wir allerdings die Reaktion der übrigen Menschen auf diese Situation. Es gab nämlich keine. Zwei Autos fuhren an uns vorbei, während wir den Konflikt mit den Männern austrugen, doch keines wurde auch nur langsamer, obwohl deutlich erkennbar war, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

Nachdem die drei verschwunden waren, gingen wir weiter bis zu einer LKW-Werkstatt, die gerade außerhalb der Sichtweite des Austragungsortes lag. Ein Arbeiter stand an einem LKW und reparierte irgendetwas am Motor. Wir erzählten ihm was vorgefallen war und baten ihn, die Polizei zu rufen, damit wir die Sache aufnehmen lassen konnten.

„Tut mir leid!“ sagte er, „aber könntet ihr euch bitte an das Hauptbüro dort drüben wenden? Ich bin Ausländer und möchte daher nicht mit der Polizei in Kontakt kommen!“

Da waren wir also schon wieder beim Thema Sklaven. Die Angst in den Augen des Mannes war nicht gespielt. Es war nicht so, dass er die Polizei nicht rufen wollte, er konnte es nicht. Natürlich fragten wir ihn nicht explizit danach, doch ich gehe jede Wette ein, dass er keine Aufenthaltserlaubnis und erst recht keine Arbeitserlaubnis hatte.

Sein Chef war was die Polizei anbelangte daher ebenfalls nicht viel aufgeschlossener. Er ließ sich genau berichten, was passiert war, machte selbst aber nicht mehr als uns die Notfallnummer zu geben und uns zu empfehlen, direkt eine Wache aufzusuchen. Nachdem wir ihm beschrieben hatten, wo sich der Konflikt ereignet hatte und wer darin verwickelt war, blockte er noch mehr ab. Es bestand kein Zweifel, dass er den Mann kannte und auch von dessen aggressiver Ader wusste. Es überraschte ihn nicht, dass wir Probleme bekommen hatten, doch er wollte sich lieber nicht hineinziehen lassen. Nicht wegen dem Mann und nicht wegen der Sache mit seinen Arbeitern.

Als wir den Hof verließen fühlten wir uns weit mehr geschlagen als nach dem Handgemenge. Man las und hörte oft davon, dass so etwas wie Zivilcourage nicht mehr existierte. Menschen wurden in vollen U-Bahnen totgeschlagen und das einzige, was die anderen Insassen machten, war ein Handy-Video für YouTube. Es war nicht neu, dass niemand mehr der Meinung war, einem anderen Helfen zu müssen. Doch es selbst noch einmal zu erleben und so direkt zu erfahren tat weh. Es war nicht so sehr der Werkstattleiter selbst von dem wir enttäuscht waren, sondern viel mehr die Menschheit als solche. Zu was für abstrakten Wesen waren wir nur verkommen? Wir waren eine Spezies, die sich mit vollem Bewusstsein an den Rand des eigenen Aussterbens drängte, die dabei war, all ihre Lebensgrundlagen zu zerstören und den Ast abzusägen, auf dem sie selbst saß. Manchmal fragten wir uns, ob es wirklich schade um uns war, wenn der Zeitpunkt wirklich kam und die Menschheit in einem Atemzug mit den Dinosauriern genannt wurde, weil von ihr nichts weiter übrig war als ein paar Fossilien.

Das Grundgefühl, dass in uns beiden Aufkam war Wut, gemischt mit Enttäuschung. Und damit waren wir eigentlich wieder am Anfang der ganzen Geschichte. Warum hatten wir die Situation überhaupt in unser Leben gezogen? Dass der Mann ein aggressiver Volldepp war stand außer Frage, doch die Welt war voll mit Typen wie ihm, die uns normalerweise in Ruhe ließen. Es war auch nicht das erste Mal gewesen, dass wir aggressive Hunde vertrieben hatten. Es konnte also nicht an der Außenwelt liegen, sondern nur an uns. Die gleiche Aggressivität, die wir im Außen spürten, spürten wir auch im Inneren. Mein Leben lang hatte ich stets versucht, jede Form der Wut, des Zorns und der Aggressivität zu unterdrücken. In letzter Zeit jedoch hatte ich begonnen, auch diese Gefühle zuzulassen. Vor allem seit Paulina in unser Leben getreten war, wurde vieles in mir, aber auch in Heiko aufgerüttelt, das zuvor vergraben gewesen war. All die alte Wut, die seit unserer Kindheitstage in unseren Knochen, Muskeln, ja in jeder Faser unserer Körper steckte, schien nun allmählich aufzutauen und an die Oberfläche zu kommen. Früher war es fast unmöglich, mich wütend zu machen, heute reichte schon eine Kleinigkeit, um mich zum Überkochen zu bringen. Es war, als wollten all die unterdrückten Gefühle nun aus mir heraus um endlich wieder eine echte Harmonie erzeugen zu können. Auch in Heiko wurde viel ausgelöst und angestoßen und wir beide spürten, dass wir ein großes Aggressionspotential in uns trugen. Dies war auch der Grund gewesen, warum sich Heiko beim Kontakt mit dem Angreifer so sehr hatte zurücknehmen müssen. Hätte er seinem Zorn nachgegeben, dann hätte auch er keine Grenze mehr erkannt. Er spürte deutlich, dass er nicht garantieren konnte, dass er vor ernsthaften Verletzungen zurückschrecken würde, wenn er die Furie in sich erst einmal befreit hätte.

So war die Aggression im Außen also nichts weiter als ein Spiegel der Aggression in unserem Inneren. Das, was wir aussendeten, bekamen wir auch zurück. Wie sollte es anders sein? So spürten wir auch in uns selbst, dass wir auf gedanklicher Ebene oft nicht sicher waren, welche Grenzen wir setzen, überschreiten, akzeptieren oder ignorieren wollten. Die Welt selbst war Grenzenlos und doch schien es einen Sinn zu geben, gewisse Grenzen zu setzen und auch auf ihrer Einhaltung zu beharren. Alle Grenzen einzureißen war kaum ein Weg ins Paradies, jedenfalls nicht, wenn man es auf die Weise machte, die wir hier gerade vor Augen geführt bekamen. Das Aggressionspotential in uns, führte nicht selten dazu, dass wir bereits bei kleinen Auslösern wie einem nervigen Hund, terrorisierenden Kindern, unfreundlichen Pfarrern oder lauten Autos Mord- und Gewaltfantasien bekamen, für die es keine Grenzen zu geben schien. Nun hatten wir durch diese unwillkürlich in uns aufsteigenden Gedanken, offenbar einen Spiegel in unser Leben gezogen, der uns genau das vor Augen führte, was wir uns im Geiste ausmalten. Er war ein Mensch, der bei einem geringen, an sich vollkommen banalen Auslöser explodierte und über jede Grenze ging. War es wirklich das was wir wollten? War dies der Weg, der zum Paradies führte? Wohl kaum. Aber gleichzeitig konnte es auch nicht die Lösung sein, alles hinzunehmen und zu akzeptieren, dass einen jeder bis in den Tod nervte. Wo also war der goldene Mittelweg? Wo lag die Lösung, durch die man die Balance zwischen Selbstschutz und Selbstliebe auf der einen und Frieden und Akzeptanz auf der anderen Seite erreichte?

Diese Fragen waren wohl ein weiterer Grund, warum wir die Situation in unser Leben gezogen hatte. Wie in allem lag auch hierin eine wichtige Lehre, durch die man das Leben besser verstehen konnte. Und sie kam zu einer Zeit, in der wir sie verstehen konnten.

Sowohl Heiko als auch ich hatten uns an den letzten Tagen wieder intensiver mit dem Thema der bedingungslosen Liebe beschäftigt. In der Theorie klingt es wunderschön und absolut einleuchtend. Alles besteht letztlich aus Liebe. Alles ist ein Teil von Gott und somit auch nichts weiter als ein Aspekt eines gemeinsamen, allumfassenden großen Ganzen. Was immer passiert, dient der Liebesausdehnung und der Vergrößerung eines Zustandes, den wir als Paradies bezeichnen können. Es gibt kein gut oder schlecht, kein richtig oder falsch, sondern nur das eine, göttliche Sein, das alles umfasst, was in diesem Universum und wahrscheinlich auch in allen anderen passiert. Unsere wichtigste Aufgabe, um uns selbst das Paradies zu erschaffen ist es also, uns wieder an unser göttliches Sein zu erinnern und zu erkennen, dass wir, genau wie auch alles andere aus Liebe bestehen. Bedingungslos und objektfrei zu lieben, bedeutet also nichts weiter als sich frei zu machen von der Idee, dass es liebenswerte und hassenswerte Dinge gibt und anzuerkennen, dass man alles gleichermaßen Lieben kann. Nicht weil man die Dinge mag, sondern weil man die Liebe selbst liebt.

Wenn man in einem geschützten Raum am Computer sitzt, dann schreiben sich diese Dinge recht leicht. „Auch ein Vergewaltiger und ein Mörder sind nichts weiter als Liebe und ihre Taten dienen der Liebesausdehnung ebenso wie die eines guten Samariters.“

Doch wenn man in die entsprechenden Situationen gerät, sieht die Sache wieder anders aus. Es fällt einem nun einmal leichter, einen Wald voller ruhiger, sanfter Bäume, voller Blüten und Kräuter mit all den Vögeln, Eichhörnchen und Siebenschläfern zu lieben, als einen aufgeblasenen Schlägertypen, der einem den Weg versperrt um seinen Lebensfrust an einem auszulassen. Doch genau in diesen Moment kommt es auf unsere Entscheidung an. Wie kann ich trotz dieses Angriffes in Liebe bleiben?

Heiko erzählte mir später von einer Geschichte, die er noch am selben Tag zufällig in einem Buch gelesen hatte. Es war das Buch einer Frau, die sich die Fähigkeit des Aurensehens erhalten hatte. Als Kinder besitzen wir alle diese Fähigkeit, doch sobald wir uns den Zweifeln und Ängsten der Erwachsenen anschließen verschwindet sie und wir können nur noch den physischen Körper der Wesen um uns herum sehen, nicht aber den feinstofflichen. Wenigen Menschen gelingt es jedoch, sich diese Fähigkeit auch im alter zu erhalten. Wenn man sie besitzt, kann man recht spannende Sachen damit anstellen. Man kann Krankheiten, Stimmungsmuster, Ängste, Blockaden und allerlei andere Dinge bei Menschen und Tieren direkt an der Aura ablesen und ihnen so bei der Heilung helfen. Man kann aber auch mit der Energie herumspielen und einen anderen beispielsweise an seiner Aura umschupsen oder ihn lenken und manipulieren. Die Fähigkeit ist jedoch eine Seelenfähigkeit, die sich nicht mit Egowünschen verträgt. Nutzt man sie also um anderen zu schaden, kann es sehr leicht passieren, dass man sie verliert, oder dass man auf einem anderen Weg ein deutliches, meist schmerzhaftes Zeichen bekommt, dass dies nicht der richtige Einsatz der Fähigkeit war.

Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Wut ist der Weg zur dunklen Seite…

Höhenmeter: 630 m

Tagesetappe: 23 km

Gesamtstrecke: 13.519,27 km

Wetter: kalt aber sonnig

Etappenziel: Kommunionsraum, 84026 Postiglione, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Bewertungen:

 
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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