Tag 976: Zelten impossible

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Tag 976: Zelten impossible

Tag 976: Zelten impossible

20.08.2016

Um halb neun hatten wir uns mit dem Pfarrer verabredet, der uns nun wieder zurück zu unseren Wagen fahren sollte. Als er um zehn vor neun noch immer nicht aufgetaucht war, begann Heiko langsam zu vermuten, dass er uns einfach vergessen hatte. Er hatte von Anfang an das Gefühl gehabt, dass die Idee, sich auf den Hotel-Deal einzulassen nur mäßig sinnvoll war. Doch vergessen hatte uns der Pfarrer nicht. Er hatte lediglich vergessen zu erwähnen, dass er um 8:00 Uhr eine Messe halten musste und daher unmöglich um 8:30 bei uns sein konnte. Warum er uns diese Information vorenthalten hatte, wussten wir nicht. Es wirkte fast, als wäre es ihm peinlich gewesen, von vornherein zu sagen, dass er die von uns vorgeschlagene Zeit nicht einhalten konnte. Stattdessen sagte er zu, in dem wissen, dass er uns warten lassen musste. Auf diese Weise sorgte er natürlich gleich für eine etwas gereizte Stimmung. Hätte er einfach am Vortag die Wahrheit gesagt, hätten wir uns darauf eingestellt und noch eine halbe Stunde länger geschlafen. Spannend war, dass ich mich in dieser Verhaltensweise des Pfarrers auch selbst wiederfand und nun noch einmal spüren durfte, wie störend diese diplomatische Inkonkretheit war.

Die Nacht war nicht die angenehmste gewesen, denn unser Hotel stand wie erwähnt direkt an deer Hauptstraße und weder die Wände noch die Fenster boten einen angemessenen Lärmschutz. So waren wir in der Früh beide noch etwas verschlafen unterwegs. Die Sonne setzte jedoch alles daran, uns wieder zum Leben zu erwecken. Es was nun nicht mehr so heiß, wie in Rumänien oder Moldawien, aber dafür war die Luftfeuchtigkeit um einiges höher. Dadurch entstandt eine drückende Hitze, die beim Wandern sogar noch härter war, als die trockene aber heißere Zeit im Hochsommer.
Landschaftlich zeigte sich die Slowakei auch heute wieder von allen Seiten gleichzeitig. Es war wohl das ambivalenteste Land, das wir überhaupt bereist hatten. Auf der einen Seite war es so idyllisch wie man es sich nur vorstellen konnte und auf der anderen Seite war es dann wieder so grauslich, dass man es nicht glauben mochte. Verglichen mit der Ukraine oder Bulgarien gab es hier nur sehr wenig Verkehr. Dafür waren die Straßenbeläge aber so laut, dass jedes Auto zehn Mal so unangenehm war, wie in den Nachbarländern. Etwa die hälfte der Wanderung befanden wir uns auf leeren Straßen mitten in dem saftig grünen Hügelland. Die andere Hälfte kamen wir auf größere Straßen oder durch Ortschaften und Siedlungen. Obwohl die Orte oft aussahen, als wären es nette kleine Bergdörfer, konnte man sich hier ein Leben nicht vortellen, weil einfach alles Lärmte. Zwischenzeitig hatten wir den Eindruck, dass es irgendwo ein Michpult für Störgeräusche gab, an dem ein DJ saß und den perfekten Lärm-Mix für uns zusammenstellte. Kaum gaben die Autos ruhe, finden die Hunde an. Wenn diese ausgeblendet wurden, gab es sofort den Switch zu den Grillen, zum Freischneider, zur Kettensäge oder zum Mähdrescher. Langsam war es so übertrieben, dass wir nicht mehr an Zufälle glauben konnten. Die Welt musste einfach eine Illusion sein, die durch unsere eigenen Glaubensmuster erschaffen wurde. Anders machte es eifachen keinen Sinn, dass sich Menschen selbst freifillig so etwas antaten.

Gegen 13:00 Uhr machten wir uns das erste Mal auf die Suche nach einem Schlafplatz. Von diesem Moment an folgte ein Ablehnungsmarathon, der bis um 19:00 Uhr anhielt. Insgesamt fragten wir 11 verschiedene Menschen in 5 verschiedenen Orten. Davon waren 7 Pfarrer, zwei waren Mitarbeiter in sozialen Einrichtungen, die vielleicht Altenheime waren, vielleicht aber auch nicht, und 2 waren Hotelbesitzer. Die evangelischen Pfarrer waren generell nicht anzutreffen, die griechisch-katholischen befanden sich auf einer Hochzeit und die katholischen lehnten uns alle it scheinheiligen Gründen ab. Einer drückte uns 5€ in die Hand und meinte, wir sollen uns ein Hotelzimmer buchen. Die fünf Euro waren ja nett, die Aussage dahinter allerdings weniger. Langsam freuten wir uns immer mehr auf Deutschland und Österreich. Wer hätte jemals gedacht, dass wir einmal die Deutschen neben den Franzosen zu den Topfavoriten der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft in Europa zählen würden. Doch genau so war es. Und wie um das noch einmal zu bestätigen, trafen wir heute ein junges Mädchen aus Eichstädt, das hier mit seinen Eltern Urlaub machte. Zwischen der Art, mit der sie uns ansprach und der mit der uns die einheimischen Kinder oft hinterherriefen, lagen Welten. Bei ihr hatte man sofort das Gefühl etwas freundliches erwidern zu wollen. Sonst hatten wir nur immer dne Impuls, so schnell wie möglich weiter zu kommen.

Um kurz vor 19:00 Uhr hatten wir wieder einmal rund 40km zurückgelegt. Von hier aus waren es nun nur noch knappe 10km bis zur polnischen Grenze. Morgen würden wir die Slowakei also wieder verlassen und wir waren ehrlich gesagt nicht traurig deswegen. In diesem Land hatten wir nun wirklich alles erfahren, von der überschwänglichen Gastfreundschaft mit Vollverpflegung auf der ungarischen Seite, bis hin zu Pfarrern, die einem nicht einmal mehr die Tür vor der Nase öffneten, einen durch die Scheibe hindurch alles genau erklären ließen und einen dann zum Teufel schickten. Es war also eine seltsame Mischung aus Ungarn und Ukarine, denn selbst das Zelten war hier fast wieder eine Unmöglichkeit. Nach 40km und 11 Ablehnungen in Bezug auf einen leeren Raum oder eine Garage, schlugen wir unser Zelt oberhalb einer kleinen Ortschaft auf einer Wiese hinter dem Friedhof auf.

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Spruch des Tages: Es muss doch hier irgendwo einen Zeltplatz geben!

Höhenmeter: 380 m
Tagesetappe: 21 km
Gesamtstrecke: 17.713,27 km
Wetter: überwiegend sonnig und warm
Etappenziel: Hostel, Rudzica, Polen

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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